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Karlsruhe Wo Blut dran klebt - Kolumbiens Kohle für Karlsruhe

Die EnBW, Energie Baden-Württemberg AG, bezieht 30 Prozent ihrer Steinkohle aus Kolumbien. Doch am kolumbianischen Exportschlager klebt Blut. Darüber informierte am Freitag Abend der Menschenrechtler Mauricio Meza Blanco bei der Podiumsdiskussion "Kohle aus Kolumbien für Karlsruhe", zu der die Karlsruher Grünen und der BUND eingeladen hatte.

Jochen Oesterlink, der bei der EnBW Trading GmbH für den Einkauf von Kohle und CO2-Zertifikaten verantwortlich ist, bedankte sich für die informative Veranstaltung. Sie diene dem Dialog aller Beteiligten. Vor zwei Jahren habe die EnBW begonnen, die "gesamte Wertschöpfungskette von der Kohle bis zur Verstromung" zu analysieren. Seitdem achte man auch "beim Kohleeinkauf verstärkt auf Nachhaltigkeitsaspekte", so Oesterlink.

Seine Statements nahmen viele der etwa 100 Besucher am Abend als enttäuschende Zurückhaltung auf. In Publikumsfragen wurde scharf kritisiert, dass bei der Planung des neuen Kohlekraftwerks im Rheinhafen, RDK 8, keineswegs das Herkunftsproblem der Steinkohle thematisiert worden sei. "Wir wurden mit unseren Fragen damals abgewimmelt", so eine Besucherin.

Was geht uns Kolumbien an?

"Auch Sie in Karlsruhe können einen Beitrag leisten, wenn Sie auf Steinkohle aus Kolumbien verzichten", appellierte indes Mauricio Meza Blanco, der sich innerhalb der Nicht-Regierungs-Organisation "Compromiso" [span. das Versprechen] für die Umweltrechte seines Landes und die Menschrechte einsetzt. "Kolumbien ist ein schönes Land, aber es wird zerstört. Im Zusammenhang mit Kohleabbau sind in Kolumbien Menschen vertrieben und ermordert worden." Weil die Regierung unter Juan Manuel Santos die Situation nicht transparent kommuniziere, seien belastbare Zahlen nur schwer zu bekommen.

Von 280.000 Binnenflüchtlingen allein im Jahr 2010 geht die kolumbianische Migrationsexpertin Laura Pinzón aus, die derzeit an der Fachhochschule Karlsruhe studiert. In Kolumbien wird Steinkohle weitgehend übertage abgebaut. Kohlestaub bedeckt ganze Landschaften, Flüsse versiegen. Atembeschwerden und Lungenerkrankungen häufen sich. "Es geht um riesige Vorkommen. Das Abbaugebiet El Cerrejón entspricht etwa einem Dreieck zwischen Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe", so der Journalist Kai Laufen, der für den SWR vor Ort recherchierte. Die Realität stimme kaum mit dem geschönten Bild überein, das die drei großen Grabungsunternehmen El Cerrejón (CO), Glencore (CH) und Drummond (USA) ihren Kunden aus Europa vermittelten.

Um neue Gebiete des Übertagebaus zu erschließen, wurden in Kolumbien in den vergangen Jahren mehrere tausend Menschen umgesiedelt - sowohl freiwillig als auch unter Zwang. Paramilitärs schüchtern die Bevölkerung ein. Konflikte mit Gegnern und kolumbianischen Guerillas werden häufig gewaltsam ausgetragen. Juristische Prozesse über Korruptionsfälle legten offen, dass Entführungen und gezielte Morde häufig eingesetzte Mittel sind, um Gegner des ungezügelten massiven Kohleabbaus auszuschalten. In Europa nimmt die Steinkohleförderung seit Jahren ab. Deutschland will sie 2018 vollständig eingestellt haben. Energiekonzerne nutzen nun den globalisierten Markt, um möglichst günstig Steinkohle zur Befeuerung ihrer Kohlekraftwerke einzukaufen. Kolumbiens Regierung hat deshalb 2006 seine "Bergbaustrategie" beschlossen und will 2019 wichtigster Rohstofflieferant in Südamerika werden. 

"Man lässt Investoren ins Land mit allen typischen Erscheinungsformen eines Entwicklungslandes", so Kai Laufen. Auch Mauricio Meza Blanco bestätigte, dass Korruption auf der Tagesordnung stehe: "Obwohl unsere Wirtschaft wächst, verkommt die Infrastruktur." Hierbei ist aber die Steinkohle nur eine von vielen Ursachen, zu denen auch die Agrarmonokultur der Ölpalme sowie der Kokainanbau und Drogenhandel zählt. 46 Prozent der Kolumbianer leben in Armut.

Welche Kohle kommt im Rheinhafen an?

Die einfache Frage, wieviel kolumbianische Kohle denn nun in Karlsruhe verheizt werde, lässt sich einfach beantworten: Die EnBW weiß es nicht. Obwohl Jochen Oesterlink anführte, dass man sich sehr um die Analyse der Wertschöpfungskette bemühe, konnte er hierzu keine Angaben machen. 2010 bezog die EnBW mit etwa einer Million Tonnen etwa 30 Prozent ihres Steinkohlebedarfs aus Kolumbien. Wie sich diese Menge auf die acht Kraftwerke in Baden-Württemberg verteilte, wird nicht ermittelt. Der Konzern kauft in den "ARA-Häfen" ein, dem internationalen Steinkohlemarkt Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen. "Sofern die Kohle nicht aus Deutschland stammt, decken wir dort unseren Bedarf", so Oesterlink. Auf dem ARA-Markt wird Steinkohle aus aller Welt und einem Großteil aus Russland umgesetzt. Es sind jährlich 160 Millionen Tonnen, etwa drei Millionen davon bezieht die EnBW. Sie kauft dort lediglich "Heizwerte" ein.

Oesterlink: "Die dort abgeschlossenen Verträge legen Menge, Qualität, Preis und Lieferzeitpunkt fest. Woher die Kohle stammt, hat uns früher nicht interessiert. Wir wollen zukünftig aber Verträge für Direkteinkäufe abschließen. So können wir die Handelsmargen bei uns halten. Und wir gehen sicher, wo und unter welchen Bedingungen die Kohle abgebaut wurde." Deshalb habe die EnBW auch Studien in Auftrag gegeben, mit welchen Partnern in Kolumbien eine Zusammenarbeit ausbaubar sei. "Wir beziehen Steinkohle lediglich aus den nördlichen Bergbaugebieten Guajira und Cesar. Die großen Minen dort haben ihre eigenen Häfen, was den Logistikaufwand gering und den Preis niedrig hält."

Oesterlink gab zu, dass Preispolitik und Marktregeln vorrangig die Debatte bestimmten. Zur damaligen Diskussion und etwaige ethische Bedenken, als es um den Neubau des Rehinhafenkraftwerks RDK 8 ging, wollte er sich nicht äußern. Oesterlink arbeitet seit zwei Jahren für die EnBW Trade. Seinen Äußerungen zufolge entsteht im Konzern allmählich ein Bewusstsein für die Problematik. Bei den Kolumbienbesuchen im März und Juni 2010 hat auch Jochen Oesterlink die Erfahrung gemacht, dass Kolumbiens Grubenbetreiber sich gerne vorteilhaft präsentieren: "Wir müssen da vorsichtig sein." Die EnBW erkundige sich jedoch auch nach Rekultuvierungsmaßnahmen und lasse sich Kennzahlen zur Arbeitssicherheit vorlegen. Diese prüfenden Fragen fänden allerdings nicht "auf einem zertifizierten Niveau" statt. "Wir sprechen bei unseren Besuchen diese Themen aber sehr wohl an", so Oesterlink.

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  •   silberahorn
    (10952 Beiträge)

    19.06.2011 04:29 Uhr
    OT
    Auf Wiedersehen, obwohl wir uns nie gesehen haben.
    Auch ich werde mich hier lieber wieder verabschieden wollen.

    Ich nehme an, dass zwischen deinen beiden Kommentaren noch ein Beitrag stand, der entfernt werden musste.
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  •   jimmg
    (411 Beiträge)

    18.06.2011 18:46 Uhr
    Der Preis für den Ausstieg wird hoch!
    Poldi1971 hat zu 100% recht!

    weiters Beispiel gefällig:

    "Russland will Öl und Gas aus dem Ewigen Eis" (das dann nach Deutschald exportiert wird)

    http://www.handelsblatt.com/technologie/energie-umwelt/energie-technik/russland-will-oel-und-gas-aus-dem-ewigen-eis/3545160.html
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (1159 Beiträge)

    18.06.2011 21:30 Uhr
    Ein Umstieg
    auf Öl oder Gas ist langfristig keine Alternative, da genauso endlich wie Uran, die Alternative heißt nur erneuerbare Energien und das ist machbar, wenn man die Milliarden nicht in die Kernenergie und deren extrem teure (weil nicht absehbare) Abfallentsorgung steckt (von möglichen Supergaus mal ganz abgesehen). Wer da vorne ist hat das Konzept für die Zukunft und wird damit auch viel Geld verdienen. Ist das so schwer zu kapieren ?
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  •   Poldi1971
    (60 Beiträge)

    18.06.2011 16:24 Uhr
    da ham wirs schon...
    Alle Fakten in diesem Artikel mögen richtig sein, aber: Den Ausstieg aus der Atomkraft gibts nun mal nicht für umme. Was wir auch tun, es werden sich immer Öko-Aktivisten zu Wort melden, die an der jeweiligen Art/Nutzung diverser Energien etwas auszusetzen haben, z.B. Überlandleitungen für Öko-Strom. Da wäre es doch mal interessant aus diesen Reihen konstruktive, finanzierbare und UMSETZBARE Vorschläge zu bekommen. Aber die Bösen sind erstmal immer die großen Energieerzeuger.
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  •   LaCage
    (2158 Beiträge)

    19.06.2011 11:49 Uhr
    wo ist das ökonomische Gesetz, das dies belegt?
    es gibt eine Marktwirtschaft und Wettbewerb.

    Wenn die Preise steigen zeigt dies nur, daß der Wettbewerb nicht funktioniert.

    Wenn die fette dumme Merkel sagt es wird teurer kann sie nur meinen, daß Sie die Rahmenbedingungen nicht entsprechend schaffen wird.

    Ergo wird Energie nicht per se teurer sondern weil Merkel das will.

    Und sie will das, daß sie Steuergeschenke für die nächste Wahl geben kann.

    Mit dem guten Atom hat das gar nüscht zu tun.
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