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Widerstand in Karlsruhe

Trotz alledem
Eine wichtige Möglichkeit, Widerstand zu leisten, bestand in der Verbreitung illegaler Druckschriften. Die Karlsruher KPD stellte sich am raschesten auf die notwendig werdende konspirative Tätigkeit ein. Dazu gehörten soweit wie möglich reduzierte Kontakte untereinander bei gleichzeitig klaren Organisationsstrukturen. Hierzu diente die strikte Organisation in kleinen Dreiergruppen. Ende März 1933 brachte die KPD die ersten Exempare der "Trotz alledem Rote Fahne" heraus, anfangs in 100 bis 150 Abzügen, später 300.
Der Name lehnt sich an ein Gedicht von Ferdinand Freiligrath an, "Trotz alledem!", dessen zweite Fassung er 1848 im Zusammenhang mit der deutschen Revolution schrieb. Auch Karl Liebknecht ließ sich 1919 zu einem Artikel mit dieser Überschrift inspirieren. Später schrieben Wolf Biermann und Hannes Wader Lieder mit der wiederkehrenden Formel "trotz alledem".

... warte um 9 Uhr vor dem Haus

Die "Trotz alledem Rote Fahne" wurde jeweils inkognito an einen Verteiler übergeben. Ein Prozessbeteiligter schilderte den Vorgang: Er habe bei der Heimkehr die Nachricht vorgefunden, dass er um 9 Uhr vor dem Haus warten solle. Dort seien ihm durch einen Unbekannten 20 Exemplare zur Verteilung übergeben worden.Schon Anfang 1933 kam es zu ersten Verhaftungen. Im Mai und Juni 1933 fanden Prozesse vor dem Amtsgericht Karlsruhe statt, in denen Gefängnissstrafen festgesetzt wurden.

Kreidekreis

Eine führende Rolle nahm Gustav Kappler ein. Vor 1933 war er Leiter der Revolutionären Gewerkschaftsopposition, nach 1945 Gewerkschaftssekretär der IG Chemie in Karlsruhe. Kappler wurde im Januar 1934 verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Für einen der "geistigen Leiter" und Verfasser der Druckschrift hielt die Gestapo den Karlsruher Studenten der Technischen Hochschule Herbert Paltschick. Dieser stellte Wachsmatrizen her und versteckte sie im Hardtwald. Dort holte sie der Künstler Artur Graf. Ein Kreidekreis auf einer Bank zeigte ihm an, dass etwas abzuholen war. Graf zeichnete dann ein Kreuz in diesen Kreis, wenn er die Aufgabe erledigt hatte.Die Gestapo glaubte mehrfach, die Widerstandszellen endgültig zerschlagen zu haben. Anfang 1933 und ebenso Anfang 1934 wurden die Hersteller großenteils verhaftet.

Aus dem Ausland

Infolgedessen wurde die Herstellung von verschiedenen Druckschriften in das Ausland verlagert, insbesondere in das Elsaß. Von Straßburg aus schmuggelten Kommunisten aus Daxlanden Druckschriften ein. Dazu gehörte der junge August Dosenbach. Im Herbst 1933 erhielt er eine Warnung und war deshalb in der Nacht vom 20. vom 21. Oktober 1933 ohne Flugblätter unterwegs. Die Gestapo lauerte ihm auf und erschoß ihn in Karlsruhe-Knielingen, angeblich "auf der Flucht". Eine Todesanzeige für ihn erschien in der "Trotz alledem Rote Fahne". August Dosenbach ist neben Reinhold Frank und Ludwig Marum eine der drei Personen, denen bereits 1946 zur Ehrung eine Straße gewidmet wurde.

Linkenheimer Gruppe

Nach der Verhaftung der Karlsruher Hersteller der "Trotz alledem: Rote Fahne" wurde damit Mitte 1934 eine Linkenheimer Kommunistengruppe beauftragt. Maßgeblich tätig war dort Gustav Ritz. Er stellte die Matrizen her und fertigte Abzüge. die dann nach Karlsruhe gebracht wurden. Ritz war der Sohn des örtlichen Bürgermeisters, der der NSDAP angehörte. In der elterlichen Wohnung entwendete er nazistisches Propaganda-Material und vernichtete es. Sein Vater geriet selbst in Verdacht und deckte dennoch seinen Sohn. Die Gruppe wurde 1935 enttarnt und verhaftet. Gustav Ritz, Vater von fünf Kindern, verbrachte 4 Jahre in Haft und im Konzentrationslager in Dachau.Die "Trotz alledem Rote Fahne" erschien von März bis November 1933 und wieder 1934. Von 1934 sind jedoch keine Exemplare mehr erhalten.

Auflösung

Obwohl immer wieder durch Verhaftungen zerschlagen, blieb die konspirative Organisationsstruktur bis 1936 erhalten. Wahrscheinlich gab es darüber hinaus weiterhin Treffen. Sie mündeten jedoch nicht mehr in gemeinschaftlich organisierten Taten, in den vierziger Jahren aber nochmals in verschiedenen Einzelaktionen.Illegale Druckschriften der SPDDie SPD brauchte länger als die KPD, um sich auf eine Tätigkeit im Untergrund einzustellen. In den ersten Monaten nach der Machtergreifung hielt sie noch an der Möglichkeit legalen Widerstandes fest. Im Sommer 1933 begannen Sozialdemokraten, aus dem Elsaß verschiedene Druckschriften einzuschleusen. Im Unterschied zu den Kommunisten bauten sie keine formell festgefügte Organisationstruktur auf. Sie nutzten bestehende Verbindungen aus Kontakten oder Freundschaften, wie sie in Disskussionskreisen oder Vereinen entstanden waren.

Das Netzwerk Friedrich Weicks

Friedrich Weick
(Foto: pr)
Der 28jährige Daxlander Friedrich Weick war einer der führenden Aktivisten der Sozialdemokraten. Er knüpfte Kontakte in die Pfalz, zum Saargebiet und in das Elsaß. In Straßburg beriet er sich mit dem Grenzsekretär der SPD Georg Reinbold. Weick organisierte ein ganzes Netzwerk von Personen, die zahlreiche Druckschriften und Gelder nach Süddeutschland eingeschmuggelten. Er selbst holte aus dem Grenzwald bei Weißemburg verschiedene Zeitungen, darunter war der "Neue Vorwärts", die "Sozialistische Aktion" und das Flugblatt "Revolution gegen Hitler". Aus Deutschland heraus gelangten Informationen nach Prag. Dort befand sich der sozialdemokratische Parteivorstand im Exil, der sich den Tarnamen "SOPADE" zugelegt hatte. Er übermittelte seine Informationen weiter an die freie Welt.

Mit einem Schlag

Dass die Sozialdemokraten nicht wie die Kommunisten ihre Verbindungen in unabhängigen Kleingruppen organisiert hatten, forderte am 25. November 1933 seinen Tribut. Als ein Bote geschnappt wurde, flog mit einem Schlag das ganze Netz auf. Weick wurde verhaftet und erhielt eine Zuchthausstrafe von zwei Jahren und acht Monaten. Während des Krieges wurde er in das Strafbataillon 999 eingezogen und kam wenige Tage vor Kriegsende auf Rhodos ums Leben. Seine Witwe, Hanna Weick, erhielt erst 1961 eine posthume Haftentschädigung und Wiedergutmachung. Das Urteil gegen ihren Mann wurde jedoch aus formalen Gründen nicht aufgehoben.

Unter Folter

Aktivitäten einer anderen Gruppe sind für 1934 bis 1935 bekannt geworden. Sie führte aus Basel die "Sozialistische Aktion" ein. In der Tarnschrift "Die Kunst des Selbstrasierens. Neue Wege der männlichen Kosmetik" versteckte sie das Prager Manifest der SOPADE: "Kampf und Ziel des revolutionären Sozialismus". Einer der Gruppenmitglieder, Emil Kern, war so unvorsichtig, ein Exemplar der "Sozialistischen Aktion" an seiner Arbeitsstelle herum zu zeigen. Am 29. November 1934 wurde er mit seinem achtzehnjährigen Sohn Eugen verhaftet. Die Verbindung zu anderen Gruppenmitglieden verschwiegen sie zunächst hartnäckig. Ein halbes Jahr später wurden der Mannheimer Teil der Gruppe, Albert und Hermann Erny sowie Willy Lange verhaftet. Mit diesen neuen Erkenntnisse gerüstet setzten die Nazis Vater und Sohn Kern der Folter und Androhung der Einlieferung in ein Konzentrationslager aus. Erst jetzt gaben sie die Namen der übrigen Gruppenmitglieder preis. Am 3. Juli 1935 wurden in Karlsruhe auch Hellmuth Stutz, Hermann Walter und Karl Konz verhaftet.Damit war die organisierte Form sozialdemokratischen Widerstands in Karlsruhe zerschlagen. (ruw)

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  •   jakob.saumer
    (1 Beiträge)

    01.04.2016 13:57 Uhr
    sehr hilfreich
    Hallo! Für eine Schularbiet recherchieren wir über Widerstand in Karlsruhe, vor allem auch über die "Linkenheimer Gruppe" und sind dabei auf diesen Artikel gestoßen, der uns sehr weiter hilft. Jedoch bräuchten wir, um die Informationen auch verwenden zu können, Quellenangaben. Wenn es also möglich ist darüber genauere Informationen zu erhalten würde uns das sehr weiterhelfen. Vielen Dank!
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