Widerstand in Karlsruhe

"Die badische Kirche als solche hat ebenso wenig wie die 25 übrigen deutschen Landeskirchen Widerstand geleistet!", stellt Bilfried Hagelstein in seinem Buch "Leben und Tod im braunen Käfig" klar. Die Kirche als Orientierungspol und Ort der Meinungsbildung konnte und wollte keine Widerstandsbewegung gegen Staat und Partei sein. Widerstand regte sich in Baden in den unteren Reihen, in den oberen stellte sich beispielsweise der Freiburger Erzbischof Gröber bereits ein Vierteljahr nach der Machtergreifung Hitlers "restlos hinter die neue Regierung." Die Erklärung stieß auf breite Zustimmung und wurde euphorisch von einer großen Öffentlichkeit verfolgt: am 10. Oktober 1933 in Karlsruhe!

In den Reihen der badischen Priester und Pfarrer gab es einige, die sich dem Titelzitat des Apostel Paulus in diesem Fall nur bedingt verpflichtet fühlten und ihrem Verständnis von Christentum, von Mitmenschlichkeit und Nächsten- und Feindesliebe nicht zuwiderhandeln konnten. Einige Beispiele sollen zeigen, was es bedeutete, als Geistlicher, teilweise ohne Unterstützung der Organisation, die für sich beansprucht, für alle Menschen dazu sein, sich dem nicht mit dem Gewissen zu Vereinbarenden entgegen zu stellen.

Die Pforzheimer Region scheint hierbei eine Hochburg der Widersetzlichkeit zu sein. Zu nennen sei Kaplan Emil Kiesel, der auch für polnische Gefangene predigte. Als er gegenüber einem HJ-Führers tätlich wurde, bedeutete für ihn das am 14. Dezember 1940 die Einlieferung ins Konzentrationslager Dachau.Kaplan Kurt Habich leistet in der Jugend Überzeugungsarbeit gegen den Nationalsozialismus. Als der Geistliche den Machthabern trotz Überwachung zu gefährlich wurde, musste auch er 1942 den Weg nach Dachau antreten. Die Kirchen standen dem Nationalsozialismus anfangs nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Die enge Verbindung von Thron und Altar war in der evangelischen Kirche als Prägung aus dem Kaiserreich präsent. Viele evangelische Christen schlossen sich unter der Bezeichnung "Deutsche Christen" den Nationalsozialisten an. Die "Bekennende Kirche" entwickelte sich als Opposition zu den von der NSDAP unterstützten "Deutschen Christen". Widerspruch gegen das autoritäre System beschränkte sich aber zumeist auf Einzelpersonen.

Heinz Kappes (Foto: pr)
Besonders bekannt ist der Brötzinger Pfarrer Heinz Kappes. Das Mitglied der "Religiösen Sozialisten" wurde auf Grund weitblickender misslieber Äußerungen gegen das Regime bereits im August 1933 verhaftet. Er wurde wegen der Parteinahme für die ersten Opfer des Terrors verurteilt und aus dem Dienst entlassen. Es folgte die Ausweisung aus Baden. Martin Heinrich Kappes wurde am 30. November 1893 im badischen Fahrenbach geboren. Er studierte Theologie und Orientalistik in Tübingen, Berlin und Heidelberg. Ab 1919 war er in Brötzingen Vikar, ab 1920 in Mannheim. Von 1922 bis 1933 war er Leiter der kirchlich-karitativen Arbeit in Karlsruhe. Außerdem engagierte er sich in der Jugendarbeit. Ab 1926 war er sieben Jahre Mitglied der Badischen Landessynode. Er trat in die SPD ein und war von 1930 bis 1933 Stadtrat in Karlsruhe. 1933 wurde Kappes nach Büchenbronn bei Pforzheim strafversetzt. Nach seiner Verhaftung musste er zehn Tage im Gefängnis verbringen. Nach seiner Auswanderung nach Palästina 1935 arbeitete er dort als Deutschlehrer. 1947 verließ er das Land in Richtung USA. Im Juli 1948 kehrte er über die Niederlande nach Karlsruhe zurück. Hier arbeitete er bis 1951 als Religionslehre und Seelsorger und war bis zu seinem Tod 1988 in Stuttgart in den vielfältigsten Bereichen tätig.

"Ein Feind des Nationalsozialismus" Ein durchaus positives Bild des Nationalsozialismus hatte anfänglich der Pforzheimer Pfarrer Karl Heinrich Dürr. Bei der Machtergreifung Hitlers sah er die Möglichkeit zur Konstituierung eines christlichen Obrigkeitsstaates. Grund, sich dennoch gegen den Nationalsozialismus zu positionieren, war die Rassenpolitik und Eingriffe des Staates in den Bereich der Kirche. Dürr wurde 1892 in Pforzheim geboren und trat dort auch 1925 nach dem Theologie- und Philosophiestudium sein erstes Pfarramt an. Er schloss sich den "Jungpositiven" an, zu deren konservativem Programm die Missionstätigkeit und, im Geiste einer Luther-Renaissance, das Bibelstudium und die Gemeinschaftspflege gehörte. Als einziger Teilnehmer Badens, nahm er 1934 am Ulmer Bekenntnistag teil und fuhr auch zur Bekenntnissynode nach Barmen.

Er wurde Stellvertreter der Bekennenden Kirche Badens und setzte sich immer wieder mit regimekonformen Kircheninstitutionen, etwa dem badischen Landesbischof Kühlewein, oder dem Karlsruher Kirchenrat, auseinander. 1935 wechselte er nach Freiburg. Dort war er Mitglied des Freiburger Kreises, der sich für die Bekennende Kirche einsetzte und die Frage nach dem Verhältnis von Staat und Kirche diskutierte. Dürr stand unter ständiger Überwachung. Jedoch blieb es bei Hausdurchsuchungen, Verhören und Beschlagnahmungen. Im Rahmen seiner Tätigkeit beim Freiburger Kreis stand er auch in Kontakt mit den führenden Persönlichkeiten des badischen Widerstandes. Der in einer Gestapoakte als "Feind des Nationalsozialismus" titulierte Dürr starb 1976 in Freudenstadt. (svs)

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