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Karlsruhe Von der Utopie zum Alptraum - was aus dem städtischen Großprojekt "Nordtangente" geworden ist

Seit die Karlsruher Nordtangente in den Gedanken der Stadtplaner und Verkehrslenker entstanden ist, war sie mehr oder minder umstritten, mittlerweile wohl ganz vom Tisch - zugunsten des grünen Leitbildes der Stadt. Was aber die wenigsten wissen, bereits in den 1920er Jahren gab es Planungen und Zeichnungen für eine nördliche Umgehung von Karlsruhe durch den Hardtwald.

Damals noch relativ beschaulich, um den neu entstandenen und noch entstehenden Verkehr zu leiten. Die Nordtangente, wie man sie heute kennt: Einst geplant als "neue europäische Ost-West-Achse" – einmal quer durch das Landschaftsschutzgebiet "Hardtwald", um die Karlsruher Innenstadt verkehrlich zu entlasten – so bringen es die Kritiker der Trasse seit vielen Jahren auf den Punkt.

Der geplante Verlauf

Die komplette Trasse sollte ursprünglich südlich der Stadtteile Hagsfeld, Waldstadt und Neureut verlaufen und nördlich- daher der Name Nordtangente - des Stadtzentrums den Hardtwald durchqueren. Mit den Autobahnen A5 und A8, einer ausgebauten B10 und einer zweiten Rheinbrücke sollte so eine Großverkehr-taugliche neue Ost-West-Achse von europäischer Bedeutung entstehen, die den internationalen Verkehrsknoten rund um die Fächerstadt massiv entlasten und entzerren sollte.

Verkehrsgutachten von Prof. M.E.Feuchtinger zur Entlastung der Karlsruher Innenstadt.
Verkehrslinienplan mit Einzeichnung einer Nordtangente und einer Südtangente aus dem Jahr 1959. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe A6/37/1/31

Soweit die Utopie, wie man sie Ende der 1970er Jahre zu Ende plante. Auf den Stadtplänen zwischen 1960 und 1990 wurde die Trasse bereits voller Optimismus immer wieder als "geplant" eingezeichnet. Der Gemeinderat beschloss Ende Oktober 1979 die Nordtangente mit dem so genannten "Hardtwald-Durchstich", schon damals wurden dagegen rund 38.000 Unterschriften gesammelt, ein Bürgerbegehren wurde jedoch - unter großem Erstaunen der Öffentlichkeit und Kritik der Tagenten-Gegner" nicht zugelassen.

Unterschriftenaktion der Aktion "Bürgerentscheid Nordtangente"
Angehörige der Gruppe mit den Initiatoren Arno Stengel (rechts) und Kurt Bickel (3.v.r.) im Karlsruher Rathaus bei Übergabe der Unterschriften Aktion "Bürgerentscheid Nordtangente". 5. Dezember 1979) | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe A38/196/4/15

1980 hob ein neuer Gemeinderat dennoch zunächst die Entscheidung aufgrund der massiven Bürgerproteste auf, die Durchschneidung des Hardtwaldes wurde umgangen, eine so genannte "Hängebauchlösung" über die Theodor-Heuss-Allee, den Adenauerring und die Linkenheimer Landstraße beschlossen, mit dem Bau wurde jedoch nie begonnen. Lediglich ein erster Abschnitt der Utopie "Nordtangente" konnte in den 1990er Jahre realisiert werden: Vom Elfmorgenbruch im Westen bis Grötzinger Straße im Osten mit dem neuen Autobahnabschnitt Karlsruhe-Nord.

Nach Jahrzehnten wird das Projekt gekippt

In den 2000ern scheint nun endgültig das Aus für die einst ambitionierten Planungen gekommen: Das Landesverkehrsministerium hatte die Nordtangente nicht mehr für den Bundesverkehrswegeplan 2015 angemeldet. In der Anmeldeliste enthalten ist nur die geplante zweite Rheinbrücke mit Anbindung an die B36. Dementsprechend war die Nordtangente auch im 2016 beschlossenen Bundesverkehrswegeplan 2030 nicht mehr enthalten – ganz im Gegensatz zur zweiten Rheinbrücke mit Anbindung an die B36.

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Aktionsbündnis "Für ein lebenswertes Karlsruhe - ohne Nordtangente", Demonstration, Gegner Nordtangente, Hardtwald | Bild: dab, ka-news, pr

Ende 2017 hat dann auch die Stadt Karlsruhe beim Regionalverband beantragt, die Nordtangenten-Trasse aus dem Regionalplan zu streichen. Konkret sind damit nach dem endgültigen Beschluss künftig nur noch die westlichen Trassenabschnitte, die für den Bau der zweiten Rheinbrücke und deren Anbindung an die B36 nötig sein, im Regionalplan enthalten. Nicht mehr enthalten im Regionalplan sind dann die Freihaltetrasse für eine Parallelbrücke zur aktuellen Rheinbrücke, jene für die Nordtangente-West - zwischen B36 und L605 - und die für den "Hardtwalddurchstich".

Die Zukunft für die Autofahrer im Norden?

Hardtwald
(Symbolbild) | Bild: ka-news

Erst im Mai hat der Planungsausschuss des Regionalverbandes entschieden, eine Empfehlung an die Verbandsversammlung zu geben, man solle bei der Aktualisierung des Regionalplans die Freihaltetrasse für eine Nordtangente größtenteils entfallen lassen. Verbleiben soll lediglich die für eine zweite Rheinbrücke benötigte Querspange zur  B36. Die Verbandsversammlung ist die Instanz, die letztlich über die Fortschreibung entscheiden wird.

Nordtangente
Nordtangente | Bild: Archiv/ka-news

Grün statt Bauraum: Der Planungsausschuss im Regionalverband hat aber auch bereits signalisiert, dass durch eine Herausnahme der Freihaltetrassen aus dem Regionalplan diese Flächen nicht automatisch für Siedlungserweiterungen im großen Stil zur Verfügung stünden. Es seien in erster Linie regionalplanerische Freiraumfestlegungen zu berücksichtigen, darunter so genannte Grünzäsuren, die im aktuellen Regionalplan von den Freihaltetrassen für Verkehrswege überlagert werden. Dies passt dann auch in das räumliche Leitbild der Stadt Karlsruhe, das an dieser Stelle ebenfalls eine durchgehende grüne Verbindung vorsieht.

Verkehrslawine wälzt sich durch Hagsfeld
Nordtangente | Bild: ka-news

Ortsumfahrung statt Nordtangente im Fokus

Eine Ortsumfahrung für Hagsfeld wird im Gegensatz zur Nordtangente wohl umgesetzt: Wie genau die aussehen könnte, steht aber noch in den Sternen: Lärmschutz, Querung einer Bahnstrecke und der exakte Verlauf sind noch nicht klar – derzeit läuft ein Scoping-Verfahren, das der Stadt weitere Erkenntnisse zu diesen Themen bringen soll. Fest steht, Hagsfeld soll verkehrlich entlastet werden, der Technologiepark Karlsruhe möglichst an eine Umfahrung direkt angebunden sein, weiterhin möchte man keine vierspurige Trasse.

Eine Variante zwischen Elfmorgenbruch- und Haid-und-Neu-Straße könnte die wahrscheinlichste Lösung sein – die Bahntrasse könnte mit Hilfe einer Brücke oder einer Unterführung gequert werden. Gemeinhin ist die Brücke zwar preisgünstiger, eine Unterführung wird jedoch bisher mehrheitich bevorzugt, da diese weniger Einfluss auf das Landschaftsbild hätte.

Mehr zum Thema:

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Kommentare (87)
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  •   kampion
    (1243 Beiträge)

    20.07.2018 23:08 Uhr
    Nordtangente ist ein MUSS
    das sehen auch über 70% der ka-news-Leser so!
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  •   Hartz4Bomber
    (134 Beiträge)

    20.07.2018 12:38 Uhr
    Alternative
    zum Straßenverkehr? Der ÖPNV stößt auch an seine Grenzen: Zugausfälle, Fahrermangel, überfüllte, nach Schweiß stinkende Bahnen, vorprogrammiertes Tunnel-Chaos.....

    Was glauben die Bionade-Biedermeier wie die vegane Fairtrade-Ware in die Biomärkte kommt? Richtig, mit LKWs. grinsen
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  •   schmidmi
    (1056 Beiträge)

    20.07.2018 16:29 Uhr
    Aber nicht mit den LKWs
    die in langen Schlangen den ganzen Tag an KA vorbeifahren!
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  •   Freigeist1
    (573 Beiträge)

    20.07.2018 15:43 Uhr
    Ja, das stimmt, die Gelder sind viel zu lange
    in die falsche Richtung geflossen, in den Straßenverkehr. Die Folge: Chaos, Stress, Hektik, Stau, Atemluftkrise, Isolationismus, Blechhalden in vielen Strassen, Lärm, Ternd zum Übergewicht, etc. Nee, nee, das ist wirklich nicht die Zukunft. Vorbild, das es zeigt dass und wie es geht: die Schweiz.
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  •   cc91
    (262 Beiträge)

    20.07.2018 10:57 Uhr
    Es hat ja lange gedauert
    bis der Nordtangenten-Unfug endlich vom Tisch war. Hoffentlich erleidet die 2. Rheinbrücke bald dasselbe Schicksal. Interessant übrigens, dass die JU gegen die Tangente war - ob von denen heute noch jemand so vernünftig ist?
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  •   Freigeist1
    (573 Beiträge)

    19.07.2018 23:26 Uhr
    (viel zu) lange wurde uns die Auto-total-Denke als
    alternativlos verkauft. Die Relationen gerade zu rücken, dazu musste man schon Freigeist sein. Heute -da gebe ich Dir recht- hat sich der Zeitgeist in Richtung eines anderen Verkehrsverhaltens gedreht und Freigeist und Mainstream nähern sich an. Außer bei meist älteren Herren im Politikbetrieb. Als Fußgänger und Radfahrer hat man aber immer noch mit vielen überholten Reglementierungen pro Autoverkehr zu kämpfen (Grüne-Welle-Ampelschaltungen für Autos; Zick-Zack Parcours für Radler; ungerechte Verteilung des öffentlichen Raums (Blechhalden am Straßenrand), etc. Diese Reglementierungen müssen natürlich abgebaut werden.
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  •   kscgrufti
    (3548 Beiträge)

    20.07.2018 10:38 Uhr
    Also
    einen größeren Käse wie Grüne-Welle-Schaltung für Autos in KA hab ich noch nie gehört. Die gesamten Ampelschaltungen in KA sind rein nur auf den ÖPNV ausgerichtet.
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  •   glaubnetalles
    (48 Beiträge)

    20.07.2018 10:15 Uhr
    Alternativlos
    war bisher nur die Verweigerung bestimmter Gruppierungen!
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  •   Bimbo
    (132 Beiträge)

    19.07.2018 22:44 Uhr
    Gelackmaiert sind Bürger
    Insbesonder Vereppelt und am meisten Leiden Hagsfelder Bürger....
    Da es unter dennen auch etliche Grünen Wähler sind tun sie mir herzlich wenig leid!
    Wer nicht hören und Hirn einschalten möchte muss es eben selbst auf der Haut spüren!
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  •   Gaensebluemchen
    (464 Beiträge)

    19.07.2018 16:47 Uhr
    Großraümiger denken!
    Zur Zeit der Ur-Idee gab es z.B. noch keine Waldstadt, trotzdem hielt man lange stur an der Linie fest, diesen Stadtteil dann quasi abzuschneiden.
    Es bräuchte eine Strecke etwa zwischen der A5 bei Weingarten und Leopoldshafen, dort eine neue Brücke in die Pfalz. Man würde das Forschungszentrum anbinden und könnte weite Teile über Äcker führen, in respektvollem Abstand zu Wohnbereichen.
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