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Karlsruhe Todesstreifen interaktiv: Streit um Mauerschützen-Computerspiel

Flüchtlinge versuchen den Todesstreifen zu überqueren. Bewaffnete Grenzsoldaten sollen das verhindern. Das ist der Inhalt des bereits im September angekündigten 3D-Rollen-Spiels "1378 km", das der Karlsruher Medienkunst-Student Jens Stober entwickelt hat. Gegner und Befürworter tauschten sich bei einer Podiumsdiskussion am Freitagabend über Sinn und Zweck des Spiels aus.

NachdemJens Stober und seine Professoren "1378 km" im Herbst geladenen Pressevertretern vorgestellt hatten, war es am Freitag Abend die erste Präsentation für die Öffentlichkeit. Jedoch hatte das Spiel in den vergangenen Wochen weit über Deutschland hinaus hohe Wellen geschlagen. Und das überwiegend im negativen Sinne. Medien, Politiker und Verbände für die Opfer des DDR-Regimes hatten sich zu Wort gemeldet und lautstark gegen das Spiel protestiert, "ohne es zu kennen und jemals gespielt zu haben", wie Stober betonte.

"Egoshooter" goes "Serious Game"

Auslöser war eine Schlagzeile in der Bild-Zeitung im September gewesen, die das Spiel als "widerwärtig" bezeichnet hatte. Dabei sei die Bild-Zeitung nicht beim erwähnten Pressetermin anwesend gewesen, erklärte der Medienkunst-Student zu Beginn der Veranstaltung.

Gegen Kritik aus verschiedenen Medien verteidigte der Karlsruher sich und sein Projekt vor der Diskussion. Er warf den Autoren der negativen Schlagzeilen "schlecht ausgeführte journalistische Tätigkeit" vor. Das Spiel sei kein Egoshooter, indem es nur darum gehe, auf Menschen zu schießen. Technisch basiere es auf dem First-Person-Shooter "Half-Life 2: Deathmatch". Das oberste Prinzip des Spiels heiße allerdings "Wer schießt verliert!" und sei somit die "komplette Umkehrung eines Egoshooters".

Stober ordnet seine Entwicklung in die Kategorie "serious games" ein. Das "ernsthafte Spiel" soll den Spieler also nicht ausschließlich unterhalten. Vielmehr gehe es darum, Information und Bildung zu vermitteln, indem der Spieler selbst agiert und das Wissen direkt anwendet. Dadurch versuchten diese Spiele, "die Lücke zwischen Bildung und Anwendung von Wissen zu schließen", so der Spielautor.

Auf diese Weise will Stober "besonders der jungen Generation" diesen Teil der deutschen Geschichte näherbringen. Da das Spiel allerdings erst ab 18 Jahren freigegeben ist, werden sich die Jüngeren bei der Geschichtslektion wohl weiterhin auf ihren Geschichtslehrer verlassen müssen.

"Vom Saulus zum Paulus"

Um das Spiel seriös bewerten zu können, sollte es jeder erstmal ausprobieren, rät der Medienkunst-Student. Und das ist auch nötig, da es weit komplizierter ist, als nur virtuelle Feinde "abzuknallen". Der Grenzsoldat habe zwar eindeutig die Aufgabe, Republikflüchtlinge zu stellen, soll diese aber eher verhaften als erschießen. Dafür erhält oder verliert er Punkte, je nachdem, wie er sich verhält. Erschießt ein Soldat einen Flüchtling, wird im ein virtueller Prozess gemacht und er verliert Punkte.

Auf diese Art fuktioniere der herkömmliche Belohnungseffekt, den Egoshooter und andere Spiele normalerweise beim Spieler auslösen nicht mehr, stellte Professor Heiner Mühlmann fest. Mit dem Gerichtsprozess soll eine Leuterung verbunden sein, gemäß dem Prinzip "vom Saulus zum Paulus", die die moralische Botschaft "Mißtraue dir selbst" beinhalte.

Mit 15 über den Todesstreifen

Solche kulturphilosophischen Ausführungen beeindrucken die Spielgegner nur wenig. "Ich habe selbst die Grenze überschritten", bemerkte ein Mann mit grauen Haaren und ostdeutschem Akzent. "Das Spiel ist schlichtweg Quatsch." Unterstützung erhielt er von Rainer Wagner, Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände kommunstischer Gewaltherrschaft (UOKG). Er sprach von "solchem Zeug" und warf der HfG einen fehlenden Dialog mit den Opfern zu dem sensiblen Thema vor. Das Spiel sei "so in dieser Art derart verletztend und abstoßend".

Wagner, der selbst mit 15 Jahren das erste Mal versucht hatte, den Todesstreifen zu überwinden, bedauerte, dass die Hochschule auf seinen schriftlichen Versuch zur Kontaktaufnahme lediglich mit einem "arroganten Brief" reagiert und damit die Gefühle der Opfer verletzt habe. Zudem bezweifelt er, dass ein Spiel das richtige Medium sei, um dieses Kapitel darzustellen und aufzuarbeiten.

"Ich möchte zeigen, dass Computerspiele erwachsen werden"

"Es handelt sich um ein Mißverständnis", kommentierte Professor Michael Bielicky die hitzige Diskussion am Freitagabend und bot Wagner den Dialog mit den Betroffenen an. An diesem will sich auch Speileautor Jens Stober beteiligen. Er plant, das Spiel nach dem Austausch mit den Opfern weiterzuentwickeln. Mit der Veröffentlichung will der Student allerdings auf keinen Fall warten: "Dieses Spiel ist wichtig für unsere Gesellschaft." Und "es geht mir auch darum, zu zeigen, dass Computerspiele erwachsen werden."

Die Gelegenheit, vor Ort den virtuellen Todesstreifen zu betreten, hatten die Anwesenden am Freitag Abend nicht. Dazu sollen Interessierte in einer weiteren Veranstaltung die Gelegenheit bekommen. Wer bis dahin nicht warten und das Spiel auf dem heimischen Rechner laden möchte, kann dies auf der offiziellen Internetseitewww.1378km.de tun.

Weitere Hintergründe zum Spiel:

Egoshooterspiel "1387 (km)": Öffentliche Präsentation ist abgesagt

Hochschule hält an Mauerschützen-Spiel fest

VDVC: "Mauer-Videospiel '1378(km)' weckt alte Vorurteile"

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Kommentare (28)
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  • unbekannt
    (2476 Beiträge)

    13.12.2010 15:11 Uhr
    Landtagswahl
    Den wähl ich bei der nächsten Wahl....

    aber nur wenn das Wahllokal barrierrefreie Toiletten hat!!
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  •   dramutie
    (1536 Beiträge)

    13.12.2010 12:20 Uhr
    ach je
    und ich hatte schon zu hoffen gewagt, dass die stets maulenden profibetroffenen langsam aussterben (nämlich alle rund um wk-zwo). und nun geht das mit der "sbz" gerade so weiter. die nächste generation der dauernölenden opfer - und ich habe keine chance, die auch noch auszusitzen.
    mist.
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  •   loko
    (1544 Beiträge)

    13.12.2010 03:17 Uhr
    Warum
    Warum wird so ein Wesen drum gemacht.Auch hier werden Gesetzesbrecher gelegentlich erschossen,wie man erst am Freitag in KA sehen konnte.Superjob übrigens von unseren fleißigen Polizisten.
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  • unbekannt
    (148 Beiträge)

    12.12.2010 23:11 Uhr
    hmmm
    wollte eigentlich erst was schreiben nachdem ich das spiel gespielt habe und mir somit auch ne meinung gebildet habe (da sich wohl manche hier vorschnell eine meinung bilden lassen), aber leider stürzt hl2 jedes mal ab nachdem der Startbildschirm kommt. Erster Eindruck somit mehr eine buggy beta version als eine 1.0 und das der Typ überall seinen Namen hinschreiben muss nervt ein wenig.... vllt probier ichs irgendwann einfach nochmal
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  • unbekannt
    (247 Beiträge)

    12.12.2010 20:54 Uhr
    ich kenn das Spiel nicht . . .
    und deshalb kann ich nicht urteilen.
    Aber... der Medienkunst-Student Jens Stober hat sich schon in sehr jungen Jahren einen Namen gemacht. Das wird ihm persönlich für seine Karriere nützen. Ob das sein Ziel war, weiß ich auch nicht.
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  •   garrus
    (727 Beiträge)

    12.12.2010 17:13 Uhr
    der ganze 1378km-Hype...
    ..und alle diesbezüglichen Diskussionen sind doch für die Katz.
    Der Student hat genau gewußt, welche Reaktionen er damit auslösen wird - war genau so kalkuliert.
    Killerspiel-Debatte gekreuzt mit der immer wieder gern in Bezug auf deutsche Geschichte gestellten "darf-man-das?"-Frage - der Junge hat einfach einen todsicheren Weg gefunden um Aufmerksamkeit zu bekommen.
    Das Spiel an sich wird eh keine Zielgruppe finden, der Markt ist zu gesättigt mit guten Spielen, die mit Millionenbudgets von Profis gemacht werden, als das man sich als Spieler mit so ner Studenten-Nummer abgeben könnte.
    Also: dem Jungen vielleicht noch mal kurz den Unterschied zwischen "Tod" und "tot" erklären, und dann wieder: ab auf die Schulbank.
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  • unbekannt
    (6808 Beiträge)

    12.12.2010 16:38 Uhr
    es gibt unterschiedliche Wege
    etwas zu lernen. Wieso nicht über ein Spiel? Für mich klingt das durchaus intelligent gelöst und ich werd mir zum ersten Mal in meinem Leben einen Shooter kaufen.
    IOch glaube, dass der Lerneffekt wesentlich größer ist als im "normalen" Geschichtsunterricht
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  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    12.12.2010 18:27 Uhr
    Und wenn du
    dann im Spiel zum Schiessen gezwungen wirst, was machst du dann so als überzeugter Pazifist? Aufgeben? Oder doch draufhalten?

    Ich mein das jetzt ernst.
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  • unbekannt
    (6808 Beiträge)

    12.12.2010 20:59 Uhr
    ich werd einfach mal spielen
    und wenn mir das zu arg wird, dann schalt ich ab.
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    12.12.2010 16:44 Uhr
    Sorry,
    aber ein 18-jähriger, das Spiel ist ab 18, hat den Geschichtsunterricht in aller Regel bereits hinter sich.
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