Subkultur ade?

Lange werden die Mauern um dieses Bildnis nicht mehr stehen (Foto: ka-news)
Ein Kommentar von Patrick Wurster

"Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren." Danke Bert für diese nicht nur in linken Kreisen und seit gestern vornehmlich dort wieder gern strapazierte Parole. Karlsruhe hat für Amtlichkeit gesorgt und die Vergangenheitsform ist Gegenwart für die Steffianer, welche erst viel, viel zu spät die Zeichen der Zeit erkannt und für ihre Sache wirklich zu kämpfen begonnen haben.

Wobei "Kampf" in einer modernen Mediendemokratie - das sei eingeräumt - nun mal nicht unbedingt etwas mit tätlichen Auseinandersetzungen mit der Polizei oder gar Hausbesetzungen zu tun hat, zu tun haben darf. Die Bewohner der Ex-Steffi haben ihre Behausung verloren (ka-news berichtete) - ein herber Verlust für Karlsruhe; (noch) nüchtern festgestellt.

Mit alldem konform gehen, was da in Stephanien- und Schwarzwaldstraße die vergangenen 16 Jahre vor sich ging, muss man sicherlich nicht - ganz gleich ob tiefschwarz oder Linksaußen. Nur zu gerne schießt der Theoretiker übers Ziel hinaus und der Aktivist tut's ihm ohne Skrupel gleich. Aber bleibt Steffianern wie linken Sympathisanten und sonstigen Befürwortern des alternativen Karlsruher Wohnprojekts doch zugute zu halten, dass Minderheiten nunmal auch mit überzogen konträren (Lebens-)Haltungen zutage treten müssen, wollen sie denn überhaupt wahrgenommen werden.

Ein herber Verlust, der schmerzt

Und wer nun aufschreit, ob dies nun etwa eine Legitimation für sämtliche Gegner unserer schönbeschaulichen Demokratie darstellen solle, hat schlicht noch nichts verstanden. Welche Gefahr terrorisiert uns denn heute noch von links? Die physische Gewalt und die wirkliche Bedrohung eines friedlichen Miteinanders kommt aus dem gegenüberliegenden Lager. Hier muss endlich mit Nachdruck und Steuergeldern politisch angesetzt werden. Dass das, was die notorischen roten Weltverbesserer in gar nicht selten unglaublicher Borniertheit teilweise einfordern, am Ende der Königsweg ebenso nicht sein kann, steht außer Frage; tut aber - liebes Volk, mal Hand aufs Herz - längst keinem mehr wirklich weh.

Dieser Verlust hingegen schmerzt. Die Szene - und nicht nur diese - verliert nach dem Autonomen Zentrum Heidelberg ein weiteres Herzstück, politisch wie kulturell. Aber warum wurde die Suche nach Alternativen nicht früher und mit mehr Vehemenz forciert? Es ist freilich obsolet, dies heute zu fragen; zu fragen, warum erst fünf nach zwölf endlich Bewegung in die Angelegenheit gekommen ist, die Stadt in Person von Sozialbürgermeister Harald Denecken nach den (wohlgemerkt von Steffi-Seiten) abgebrochenen Verhandlungen nicht viel früher wieder konsultiert wurde.

Der Bruch zwischen Haus und Szene - Anfang vom Ende?

Festzuhalten bleibt auch: Nur gemeinsam ist man stark, und wer es sich im eigenen Lager (zumindest zeitweilig) verscherzt, steht ganz schnell auf verlorenem Posten. Mag es noch so hochgradig albern erscheinen, wenn der Verein Selbstbestimmt Leben allzu hehre kulturelle Ansprüche in der Fächerstadt geltend machen möchte, zu feiern verstand man es in der Ex-Steffi fürwahr! Doch immer mehr wurde nur noch mitgefeiert statt selbst zu laden, nur noch mitdemonstriert statt selbst anzumelden. Die größten, finanziell erschwinglichsten und mit subjektivem Verlaub auch besten Partys der vergangenen zwei Jahre wie etwa die "Einheizfeier" (ka-news berichtete) waren meist von der Roten Antifa Karlsruhe (RAK) respektive der ihr nachfolgenden Organisierten Linken (ka-news berichtete) initiiert.

Die verkauften Getränke jedoch flossen in Form harter Euros ins Haussäckel der Ex-Steffi. Dankbar angenommen. Doch immer seltener wurde diese Art der Solidarität. Es macht sich bei den eingefleischten Anhängern der Ex-Steffi Frust breit, wenn einer der größten Mitstreiter zum Alleinunterhalter wird, wie zum Jahreswechsel 2002 etwa, als die damalige RAK eine Silvester-Demo pro Ex-Steffi (ka-news berichtete) ins Leben ruft und keiner aus dem Haus es für notwendig befindet, Präsenz zu zeigen. Nur ein Beispiel unter vielen, aber für nicht wenige der Bruch zwischen Haus und Szene.

Doch die meisten derer, die zu den Besetzern aus Stephanienstraßenzeiten gehörten, verließen ihr Herzensprojekt ohnehin im Spätsommer 2003. Schon damals war die Situation ähnlich prekär wie in diesem Frühjahr, eine Räumungsklage mit allen zerstörerischen Konsequenzen wahrscheinlich (ka-news berichtete). Man einigte sich wider Erwarten vor dem Landgericht (ka-news berichtete): Verlängerung bis 31. Januar 2006. Und was ist seither passiert? Nicht mehr viel. Oder sagen wir: schlicht zu wenig (ka-news berichtete). Dass so lange fast nichts voranging in Sachen Suche nach einem Ersatzobjekt, spricht Bände.

Ein quietschbunter Sonnenstrahl im Stadtfächer verglimmt

Man genoss zwischen damals und heute - ein wenig zugespitzt formuliert, aber die Wahrheit in Sichtweite - über weite Strecken nur noch das günstige Leben, bekam politisch (und man möge es dem ein oder anderen unterstellen: auch sonst) nicht mehr sonderlich viel auf die Reihe; wenngleich - und auch das muss endlich einmal gesagt werden - bei weitem nicht nur "Assis" und "Zecken", wie so gerne von der ach so liberalen Gesellschaft vorschnell gepöbelt wird, in den teilweise sehr schick hergerichteten Mauern der einstigen Bahnhofskantine lebten und verkehrten (ka-news berichtete). Es ist schon erstaunlich und leider nur allzu typisch (deutsch?), dass gerade jener Schlag Bürger, der noch nie einen Fuß über die Steffi-Schwelle gesetzt hat, am ehesten wettert und heuer am lautesten jubiliert.

Doch dazu besteht keinerlei Anlass. Keine Ex-Steffi - das heißt eine entscheidende Anlaufstelle weniger für politische Gruppen, vorbei mit Volksküche und Infoladen, weniger Konzerte und Partys abseits des Mainstream - ein quietschbunter Sonnenstrahl im Stadtfächer verglimmt. Ohne Not. Der Mythos Time-Park auf dem "Filetstück der Stadt" ist alles andere als eine Frage der Zeit (ka-news berichtete), und doch steht der Abrissbagger schon bereit.

Ob er inmitten der Karlsruher Kulturoase (ka-news berichtete) noch viel Arbeit zu verrichten hat, darf indes bezweifelt werden. Denn die Bausubstanz des Objekts Schwarzwaldstraße 79 ist mehr als bedenklich. Da wurden über die Jahre ungeachtet aller Statik fröhlich Räume erweitert, Zwischenwände eingerissen, dass einem ob so mancher Schieflage bei großen Festivitäten und mehreren 100 Besuchern schon Angst und Bange um Leib und Leben werden konnte.

Die Politik bedauert - und geht zur Tagesordnung über

Doch nur zu allgegenwärtig ist die Vergangenheitsform hinterm Hauptbahnhof. Wer kämpft kann verlieren, aber wer zu spät (in die Gänge) kommt, den bestraft nunmal die Stadtverwaltung, jene Veranwortliche der Wohnungs- und Gebäudewirtschaft, all diejenigen, die sich in allererster Linie um Vermarktungsinteressen für städtische Grundstücke sorgen. Aus den roten und grünen Lagern im Rathaus bleibt der Ex-Steffi wohl nicht mehr als ein kurzes "Bedauern der Entwicklungen" (ka-news berichtete). Die Tagesordnung wird schon bald wieder rufen.

Aber es ist mitnichten der richtige Zeitpunkt für Was-wäre-wenn-Diskussionen und schon gar nicht für neunmalkluge Besserwisserei oder Schuldzuweisungen im Nachhinein. Die Ex-Steffi ist geräumt, und das ist ein herber Verlust: für die Szene, für Karlsruhe, für die Region, für die Menschen. Denn linke Subkultur hat ihre Daseinsberechtigung - in der Kußmaulstraße (ka-news berichtete) oder sonstwo. Daran ändert auch eine amtliche Räumung nichts.

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