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Stuttgart/Karlsruhe Stuttgart 21: Warum Karlsruher in Stuttgart demonstrieren

"Stuttgart 21" ist in aller Munde: die Protestwelle gegen das Großprojekt in der Landeshauptstadt schwappt ins Land hinaus - auch nach Baden. Es hat wohl auch mit der Flaute an substanziellen Nachrichten am Ende des Sommerlochs zu tun. Aber das allein wäre zu kurz gegriffen. Der milliardenschwere Bahnhofsumbau trifft in eine Zeit, in der Investmentbanker einer Volkswirtschaft riesige Probleme bescherten - und in der gleichzeitig die Bevölkerung durch Sparpakete der Regierung "Maß halten" soll.

An diesem Freitagabend, der  vierten oder fünften "Freitagsgroßdemo", drei Tage vor der 42. "Montagsdemo" sammeln sich wieder tausende vor Stuttgarts Hauptbahnhof. Mehr als 65.000 sollen es am Ende, nach Angaben der Veranstalter, gewesen sein. Mehr jedenfalls als die Freitage davor, sind es allemal. In der großen Halle des 1922 eröffneten Stuttgarter Kopfbahnhofs sieht man überall Menschen mit Buttons, mit T-Shirts, mit Aufklebern: "Oben bleiben", heißt es da etwa. "Rote Karte für Stuttgart 21", ist anderswo zu lesen. Eine Demonstrantin hebt ein Plakat hoch: "Protest aus Villingen". Gegner aus Mühlacker und Maulbronn geben sich zu erkennen.

Biblische Zitate - wie bei der Kombilösung

Auch aus Freiburg und Karlsruhe sind Demonstranten angereist. Der schwäbelnde Bahnbedienstete im Zug, der heimkehrt nach Stuttgart, lästert leise vernehmlich dazu. Man sieht an diesem Abend das Karlsruher Vorstandsmitglied des VCD, des alternativen Verkehrsclubs, Philipp Horn. Auch Felix Schmidt-Eisenlohr, der Initiator des "Schwabenstreichs", der lärmenden Aktion gegen Stuttgart 21 auf dem Karlsruher Marktplatz ist mit einer Gruppe von Sympathisanten angereist. Aus Karlsruhe kam auch der Grünen Stadtrat Johannes Honné in die Landeshauptstadt, am Freitag seien drei Gruppen mit insgesamt mindestens elf Leuten aus Karlsruhe dabei gewesen, wird berichtet.

Am Bauzaun, "einer Art Klagemauer" vor dem Nordflügel des Bahnhofs, der zum Sinnbild des Protests und des Widerstands gegen das gigantische Projekt - mit der Untertunnelung einer ganzen Innenstadt, der Schaffung einer 400 Meter langen und 100 Meter breiten unterirdischen Betonplattform in zwölf Meter Tiefe, auf der später einmal acht Gleistrassen verlaufen sollen - bricht sich der ganze Zorn seinen Bann. "Oh Herr vergib ihnen, denn sie wissen was sie tun". Das biblisch klingende Zitat hatte in Karlsruhe auch schon mal ein Oberbürgermeister - mit exakt gegenläufiger Intonation - im Munde, als 1996 ein Bürgerentscheid in Sachen "U-Strab" scheiterte.

"Baden unterstützt Schwaben"

"Baden unterstützt die Schwaben - wir protestieren mit", steht an anderer Stelle auf einem weißen Laken. Es sind hunderte, ja tausende, unterschiedlicher Bekundungen des Unmuts: Emotion pur. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster fühlt  sich an diesem Samstag "ungerecht behandelt", weil sich die besagte Emotion vor allem gegen ihn richte - so bekundet er in der führenden Tageszeitung der Landeshauptstadt. Am gleichen Tag widmet sich die Süddeutsche Zeitung im "Streiflicht" auf der Titelseite der abgewandelten Version von Schillers Text-Odé "Freude schöner Götterfunken", die auf eine Melodie  von Ludwig van Beethoven gesungen wird. In Stuttgarts Schlossgarten gibt es einen neuen Text darauf: "Freunde schöner Kopfbahnhöfe - lasst uns Kopf an Köpfchen stehn", heißt es da.

Die Gitarrenmusik, die schon vor dem gigantisch großen Protestzug, der sich zwei Stunden lang durch die Innenstadt ziehen wird, am Nordausgang des Hauptbahnhofs erklingt, erinnert an Protestkundgebungen früherer Jahre. Etwa vor dem einstigen Atomwaffenlager Mutlangen bei Schwäbisch Gmünd - oder an die 108 Kilometer lange Menschenkette, die vor 25 Jahren einst von Stuttgart nach Neu-Ulm führte: aus Protest gegen die Stationierung von Pershing-Raketen. Man fühlt sich auch an diesem Freitag in Stuttgart zeitweilig in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück versetzt. So als würden sich viele der Friedensaktivisten von einst an ihre damalige "Pflicht zum zivilen Ungehorsam" erinnern.

Stuttgart ist nicht Afghanistan

Da passt auch die Fahne inmitten der Bäume im Stuttgarter Schlossgarten ins Bild, die an die schwäbisch-badische "Bundschuh-Bewegung" erinnert, jenen Bauernaufstand der Jahre 1493 bis 1517, der sich bis nach Untergrombach (Kraichgau) und an den Oberrhein in Lehen bei Freiburg erstreckte: und als eine der Ursachen für die späteren Bauernkriege galt. Abstrus allerdings wird es, als eine grüne Kommunalpolitikerin den geplanten Abriss der Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs mit der Sprengung von Buddha-Statuen durch die Taliban in Afghanistan 2001 vergleicht: dieser Gedankensprung passt nun wirklich nicht. Da kommt dann der Verdacht parteipolitischer Instrumentalisierung auf. Die Landtagswahl ist ja schließlich nicht mehr fern.

So bunt das Völkchen im Schlossgarten, das sich später im langen Lindwurm über die großen Durchgangsstraßen, die Friedrichsstraße (vorbei am Bankenviertel), die "Planie" beim Schlossplatz und die Adenauerstraße (vorbei am streng abgeriegelten Landtag - und dem Staatstheater daneben) zieht, so unterschiedlich dessen Alter und Herkunft, sein mag: die Emotion, die in der Anballung des Protests steckt, ist nur teilweise verständlich.

Aufgabe der Politik ist es, eine angemessene Antwort zu finden.

Da gehe es schon lange nicht mehr nur um den Bahnhof, sagt einer, der sich nach der Abschlusskundgebung aus dem jahrhundertealten Schlossgarten, in dem auch rund 280 großwachsende Bäume zugunsten "Stuttgart 21" gefällt werden sollen, entfernt. Die Menschen würden sich übergangen fühlen, würden "Mitsprache" bei wichtigen Entscheidungen einfordern wollen - zuletzt wurde eine zur Kommunalwahl zugesagte Bürgerbefragung zu Stuttgart 21 aus taktischen Gründen ausgehebelt. Der kritisch gebliebene Demonstrant trifft den Nagel ziemlich genau auf den Kopf. Nun bringen aufgebrachte Bürger aus Stuttgart, aus Baden, und aus dem ganzen Land ihren gesammelten Unmut ausgerechnet in der eher als behäbig und bieder geltenden schwäbischen Landeshauptstadt zum Ausdruck.

Aufgabe der Politik ist es, eine angemessene Antwort auf diese geballte Form des Protests zu finden. Nicht mehr, und nicht weniger.

 
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Kommentare (34)
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  • unbekannt
    (295 Beiträge)

    01.10.2010 11:21 Uhr
    Berufsdemonstranten
    wer hat Zeit um solche Zeiten zu Demonstrieren?
    Wer arbeitet hat sie nicht!Oder man ist Student oder Lehrer.
    Hier geht es nur um Randale.Welcher normale Mensch geht mit einem Kleinkind auf eine Demo unverantwortlich.
    Man sollte solchen Personen das Sorgerecht nehmen.
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  •   Buergeresel
    (214 Beiträge)

    06.09.2010 20:11 Uhr
    Kohle?
    Wer macht eigentlich "Kohle" bei dem ganzen Projekt? Ist es nicht so, dass, wie bei vielen anderen Projekten auch, bei S21 ein kleiner Kreis von Vorhabenbetreibern und Befürwortern für sich eine Menge Kohle machen, während die Allgemeinheit entegen den Versprechungen leer ausgeht bzw. nur für die Risiken solcher Projekte zuständig istl. Diese Projekte werden in pseudodemokratischen Verfahren, die die Vorhabenträger einseitig begünstigen an den wirklichen Interessen der Menschen vorbei von unseren Söldnerpolitikern genehmigt. Bei S21 geht es für Schwaben und Badener um mehr Demokratie und damit um eine Politik für die wirklichen Interessen Menschen.
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  •   Sput
    (1023 Beiträge)

    07.09.2010 01:12 Uhr
    !
    Die Entscheider für das Projekt werden persönlich eher wenig davon profitieren. Zumal keiner von denen mehr im Amt sein wird, wenn's denn mal fertig ist. Im Gegenteil, vermutlich werden sie die nächsten Wahlen verlieren. Schon daher würde ich Eigeninteresse da als eher geringe Motivation ansehen.

    Und daß der Fenrich persönlich von der Kombilösung profitiert glaube ich auch nicht.
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  •   coleman0234
    (418 Beiträge)

    06.09.2010 19:07 Uhr
    Alles unfug.....
    Hoffen wir nur, das es eines nachts mal ein Erdbeben in Stuttgart gibt. Und das ganze ding stürzt ein ( s.K. Stadtarchiv).
    Natürlich so das niemandem etwas passiert.
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  •   Sput
    (1023 Beiträge)

    06.09.2010 18:56 Uhr
    Als...
    ... das Projekt geplant wurde, war halt Geld da.

    Nehmt doch endlich mal zur Kenntnis, daß langfristige Projekte (S21 ist seit 15 Jahren in der Planung und wird nochmal mindestens 10 Jahre lang im Bau sein) sich nicht an kurzfristigen wirtschaftlichen Entwicklungen orientieren können. Und auch nicht sollen.

    Zudem muss gerade in schlechten wirtschaftlichen Zeiten investiert werden, um die Wirtschaft nicht noch mehr zu ruinieren.

    Daß die Kapazität von S21 schlechter sein soll als die des derzeitigen Kopfbahnhofes, halte ich nicht für ausgemacht. Es gibt auch genug Gutachten, die belegen, daß 8 Durchgangsgleise mehr leisten als 16 sich kreuzende Sackgassen, und zudem noch flexibler sind. Ich bin sicher, die Zuschußgeber haben das geprüft.

    Und der K21-Plan würde umfangreiche Investitionen erfordern, die nur unwesentlich günstiger kämen als S21. Dafür würde man aber auf die Stadtentwicklungsmöglichkeiten verzichten und hätte nach wie vor den Engpass.
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  •   udoh
    (1727 Beiträge)

    06.09.2010 20:00 Uhr
    Investieren ja,
    aber in Projekte von denen die Bürger auch was zurückbekommen.

    Hier in Karlsruhe werden - wie in Stuttgart Unsummen an Steuergeldern zur Verschlechterung der Situation ausgegeben.
    Mit schönen Prospekten und Fasaden in Hochglanz - aber es gibt WICHTIGERS!
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  •   Sput
    (1023 Beiträge)

    07.09.2010 01:17 Uhr
    Und noch was...
    ... der Gegenvorschlag "K21" der Gegner würde nur geringfügig weniger kosten als S21, dafür aber einen deutlich geringeren Nutzen erzielen. Insbesondere werden natürlich die innerstädtischen Flächen nicht frei; aber auch verkehrlich müssten dann nach wie vor die Züge zweimal um die halbe Stadt herumfahren statt einfach mittendurch.

    Die einzig günstigere Alternative wäre, alles so zu lassen wie es ist. Aber das wollen ja nichtmal die Gegner, weil selbst der Dümmste sieht, daß die aktuelle Situation untragbar ist.

    Ähnlich bei der Kombilösung. Den Status Quo will niemand, die "Alternativen" sind auch nicht zum Nulltarif zu haben, und der Kosten-Nutzen-Vergleich (global gesehen, also inklusive der städtebaulichen Vorteile) fiele schlechter aus.

    Bei beiden Projekten sind in der Planungsphase viele Alternativen geprüft und verworfen worden. Erst nach Baubeginn haben die Gegner plötzlich jeweils eine Wunderalternative, die alles viel besser machen würde. Angeblich.
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  •   mueck
    (10042 Beiträge)

    07.09.2010 15:24 Uhr
    !
    Bzgl. SFS S-Ulm bin ich noch unschlüssig.
    Die jetzige Planung ist auch etwas halbgar ...
    Ausgelegt für nur 1-2 Zugpaare/Stunde und leichte Güterzüge, für die aber kein Bedarf erkennbar ist. Die Wirtschaftlichkeit ist also geschönt ... (Ähnliches passierte wohl auch schon bei M-N, wo Güterverkehr reingerechnet wurde, aber nicht existent ist ...) Dadurch weder richtig für den Personenverkehr optimiert, noch das eigentliche Güterverkehrsproblem der Relation lösend (nachschieben Geislinger Steige).
    Mit den Alternativen habe ich mich aber noch nicht so intensiv beschäftigt. Für den schweren Güterverkehr bietet sich als Alternative aber wohl auch der Ausbau einer Trasse weiter nördlich an (Aalen-Nördlingen oder so), was danach das Optimum für einen Schnellverkehr S-Ulm wäre, müsste ich mich stärker reinlesen ...
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  •   mueck
    (10042 Beiträge)

    07.09.2010 15:19 Uhr
    !
    Zitat von Erst nach Baubeginn haben die Gegner plötzlich jeweils eine Wunderalternative, die alles viel besser machen würde.
    In beiden Fällen gibt es die Alternativen schon ewig und insbesondere bei S21 ist klar, dass rein politische Gründe den Ausschlag gaben.
    Hagen von Ortloff sagte heute in SWR3 sinngemäß, dass S21 anfangs durchaus den Reiz des Sinnvollen gehabt hatte, gerade durch statt Kopfbf und alles quasi geschenkt durchs Verkloppen der Fläche. Nur klappt letzteres mittlerweile nicht mehr und im Laufe der Detailplanung sind immer mehr Haken und Ösen aufgetaucht.
    Jeder normale Mensch würde erkennen, dass er auf den Holzweg ist, und das sein lassen. Politiker können sowas aber offenbar nicht zugeben ...
    Ein anderer Politiker, der die Anfänge mitverfolgt hat, meinte gestern zu mir, dass viele Nachteile erst ins Spiel kamen, als man unbedingt zum Fluchhafen rauf wollte ...
    Am Anfang wollte man wohl direkt von S nach Ulm ...
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  •   mueck
    (10042 Beiträge)

    07.09.2010 15:08 Uhr
    !
    Auf der "europäischen Magistrale" KA/MA-S-M fährt man mit dem jetzigen Hbf nicht 2x um die Stadt. 2x 2km kostet der Weg zum Kopfbf im Vergleich zu einem direkten Durchfahren am Rosenstein. Erst mit S21 und dem steilen Schlenker rauf zum Fluchhafen eiert man ziemlich umwegig durch die Landschaft mit einem Mehrfachen dieser 2x 2 km ... Deswegen bringt S21 alleine ja auch keinen nennenswerten Zeitvorteil. Lediglich von der Gäubahn fährt man um die Stadt, aber da bessert sich mit S21 auch nix, wird m.W.n. sogar schlimmer mit dem Schlenker über den Fluchhafen ...
    Untragbar am jetzigen Zustand ist allenfalls, dass je 4 Strecken durch die Engpässe Prag- und Rosensteintunnel müssen. Von diesen zwei Engstellen abgesehen funktioniert der Kopfbahnhof prächtig. Man hat sich halt in den 80ern beim Bau der SFS MA-S vor den Problemen im Knoten gedrückt wie laut Pro Bahn vor Jahren bei fast allen SFS-Projekten in D. Kein globales Konzept halt im Vergleich zur Schweiz ...
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