Steuergeld für Fürstennippes?

Schloss Salem: einzigartiges badisches Kulturdenkmal (Foto: dpa)
Ein Kommentar von Stefan Jehle

Es war höchst peinlich, als im September 2006 die Pläne des Landes ruchbar wurden, badische Kunstschätze von unschätzbarer historischer Bedeutung auf dem freien Markte zu verscherbeln. Handschriften aus Klosterbeständen der Insel Reichenau, wertvolle Gemälde in Museen, Gegenstände deren Eigentumsrechte letztlich umstritten waren und sind. Nun scheint eine Einigung zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem markgräflichen Haus Baden, das seinen Stammsitz seit 1919 in Salem hat, doch noch zum Greifen nahe.

Ein europaweiter Aufschrei ging im Herbst 2006 durch Medien und Öffentlichkeit, die "FAZ" in Frankfurt und die "Süddeutsche" in München waren ebenso empört wie lokale Karlsruher Medien. Und das völlig zurecht. Hintergrund der angedachten "Verscherbelei" war und ist das hochverschuldete Schloss Salem im Hinterland des Bodensees. Die prekäre Finanzsituation freilich ist auch zwei Jahre später präsent.

Wird das Land bald stolzer Besitzer der Schlossanlage Salem?

Steuergeld für "Fürstennippes"? So titelten am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche diverse Gazetten im Land den nun, zwei Jahre später, neuerlich angedachten Deal des Landes mit dem Haus Baden, der am Ende rund 60 Millionen Euro Ausgaben für das Schloss Salem bedeuten könnte. Der zurzeit als reichstes Bundesland in Deutschland geltende Südweststaat soll also womöglich bald stolzer Besitzer der Schlossanlage in Salem sein. "Salem heißt Frieden", ließ Ministerpräsident Günther H. Oettinger anfangs dieser Woche in einer Pressekonferenz wissen. Darum bitte er. Mit diesen eigentlich ursprünglich als Schlussvers eines Gebetes bekannten Worten beendete Oettinger die, nach Medienberichten, "ausschweifende Präsentation seines Verhandlungsergebnisses mit dem Erbprinzen Bernhard von Baden".

70 Millionen Euro sollten es einst sein, als die "Kunstsachverständigen" der Landesregierung im Jahr 2006 sich drauf und dran machen wollten, den "Fürstennippes" zu verscherbeln. Innenminister Heribert Rech hat dessen mutmaßlichen Wert am Dienstag in einer Veranstaltung in Karlsruhe mit geschätzten 300 bis 400 Millionen Euro beziffert. Ob jemals die 70 Millionen durch private Käufer und Mäzene zusammen gekommen wären, weiß heute niemand, und wusste auch seinerzeit, 2006, niemand zu sagen. Ob 60 Millionen Euro heute für den Kauf der Schlossanlage und in den Eigentumsrechten strittig gebliebene Kunstgegenstände angemessen sind, aber ebensowenig - ebensowenig ist übrigens vorhersehbar, welche Geldsummen auf den Tisch gelegt werden müssten, wenn denn nach jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen vielleicht irgendwann einmal eine Einigung erzielt werden könnte.

Seit 1919 bestehende Rechtsunsicherheit könnte beendet werden

Unstrittig ist: die auf Zisterziensergründer zurückgehende Schlossanlage in Salem, Teil des Bodenseekreises im Bodenseehinterland bei Überlingen ist kunsthistorisch gesehen ein einzigartiges Kulturdenkmal. Mit einem Kauf durch das Land könnte - endlich - die seit 1919 bestehende Rechtsunsicherheit beendet werden. Endlich wäre ein für allemal geklärt, welche Kunstschätze wem gehören, denn Teil des Deals soll eine Verzichtserklärung des Hauses Baden "auf alle Zeiten" sein, irgendwann nochmals weitere Ansprüche zu erheben. Und noch eines wäre sicher: Schloss Salem bliebe in Besitz der öffentlichen Hand, es bestünde nicht die Gefahr, dass doch noch irgendein dubioser Investor - aus Kuwait oder sonstwoher - sich des öffentlichen Kulturgutes am Bodensee bemächtigen würde. Es ist ein - nur scheinbar - teurer Burgfrieden, der hier der Öfffentlichkeit nahe gebracht werden soll, auch haushaltspolitisch schwer zu stemmen. Aber was, bitteschön, wäre die Alternative?

Deshalb: Macht die Salemer Kiste endlich zu, auch wenn es schwer fallen sollte. Schon in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte sich das Land, damals unter Führung des Ministerpräsidenten Erwin Teufel, eher dilettantisch verhalten, als es einen ersten Deal mit dem Haus Baden, das Neue Schloss in Baden-Baden für gerade mal 40 Millionen Mark, samt Inventar, aufzukaufen, ausschlug. Später hatte es, zusammen mit Mäzenen, mehr als 80 Millionen Mark für Kunstgegenstände ausgegeben, die teilweise - unstrittig - längst in Besitz des Landes waren. Das Neue Schloss in Baden-Baden ist dennoch seit Jahren weiterhin dem Verfall preisgegeben. Einzigartige Kulturgüter dieser Art lassen sich nun eben mal nicht mit Renditen beziffern. Man muss sie mögen und erhalten mögen - oder abreißen. Doch das wäre die schlechteste aller Lösungen.

Erbprinz als Angestellter des Landes: das hat Charme

Sich nun, wie einige Kritiker meinen, an einem Teil des neuen Deals der Landesregierung, der da sagt, Bernhard von Baden zum Co-Verwalter des Anwesens zu bestimmen, festbeißen zu müssen, ist nicht hilfreich. Der 1970 in Salem geborene Erbprinz ist studierter Betriebswirt und macht, anders als sein betagter Vater Max Markgraf von Baden, einen durchaus sachkompetenten Eindruck. Man könnte ihm, wie auch in der Privatwirtschaft üblich, einen auf fünf Jahre begrenzten Dienstleistungsvertrag als "Manager" anbieten - der später nur verlängert wird, wenn er sich "bewährt". Das hätte durchaus auch einen gewissen Charme: der Nachfahre aus einst königlichem Haus als "Angestellter des Landes". Besser könnte man eigentlich nicht symbolisieren, dass auch die Zeiten der Monarchie in Baden und in Württemberg - dort, in Schwaben, ging übrigens Privatbesitz der Fürsten schon Anfang des 19.Jahrhunderts an den Staat über - endgültig vorbei sind.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (0)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.