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Steinbach geht nach Mannheim

Was wird am Institut für Geschichte gegeben? Trauerspiel oder Posse? (Foto: ka-news)
Ein Bericht von Stefan Jehle

Karlsruhe - Angeblich, so werfen ihm Kollegen vor, treibe ihn vor allem "die Gier nach Publizität". Wenn das stimmen sollte, dann hat er erst jüngst ein Maximum an öffentlicher Aufmerksamkeit erreicht. Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, stand mit seiner Stellungnahme zum neuen Stauffenberg-Film "Valkyrie" und dezidierter Meinungsäußerung zur (Fehl-)Besetzung der Hauptrolle mit Hollywood-Star Tom Cruise in allen großen deutschen Blättern. "Zu Hause" in Karlsruhe jedoch geriet zuletzt manches aus den Fugen.

Steinbach, ausgewiesener Fachmann für Neuere Geschichte, ist nicht nur seit 2001 Leiter des kleinen aber feinen Instituts für Geschichte an der Universität Karlsruhe, er hat auch von seinem Vorgänger die Forschungsstelle "Widerstand im Südwesten" übernommen. Schon zuvor, und bis heute, war und ist Steinbach wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte deutscher Widerstand im Bendlerblock in Berlin. Dieses Thema beschäftigt ihn wohl in erster Linie, etwa der Gedenktag 20. Juli, just am heutigen Freitag. Es ist anzunehmen, dass der Gelehrte heute in der Hauptstadt weilt. "Der Historiker Peter Steinbach ist ein vielbeschäftigter Mann", hieß es noch im Februar im Feuilleton der "FAZ". Und doch überrascht es, dass der lange Zeit in Passau und an der FU Berlin Lehrende in Kürze Karlsruhe wieder verlassen will.

Es brodelt seit Monaten

Professor Peter Steinbach - getrieben von Gier nach Öffentlichkeit? (Foto: pr)
Seine letzte Vorlesung am Seminar in Karlsruhe vergangene Woche wirkte da wie ein Paukenschlag. Steinbach, einer der gegenwärtig wohl profiliertesten Historiker überhaupt, verlasse die Fridericiana, älteste Technische Hochschule Deutschlands, und wechsle mit seinem Lehrstuhl an die Universität Mannheim, bestätigte jetzt das Rektorat der Universität. Die Forschungsstelle Widerstand, die er zu einer mit reiner Thematik "Nationalsozialismus" umfunktionierte, und die einst Markenzeichen der Karlsruher Geschichtswissenschaft war, "nehme der Historiker gleich mit", hieß es.

Seit Monaten schon brodelt es heftig hinter den Kulissen des Instituts für Geschichte an der Uni Karlsruhe, einem von sechs Kleinst-Instituten an der gerade mal gut 1.200 Studierende zählenden Fakultät für Geisteswissenschaften: und gleichzeitig deren ältester Ursprung (seit 1860!), die Fakultät selbst existiert erst seit den 60er Jahren. Steinbachs Wechsel setze "den Schlusspunkt unter den schon länger schwelenden Konflikt", heißt es. Steinbach habe, so ließ er selbst verlauten, "keine Möglichkeit mehr gesehen, das Konzept einer modernen Geschichtswissenschaft zu betreiben". Sein rigoroser Umgang mit der Fakultät, mit den Gremien ließ zuweilen aufhorchen.

"Bürgerkriegsähnliche Verwerfungen" am Institut

Der Rektor der erst vor Jahreswechsel zur Elite-Uni gekürten Fridericiana, Horst Hippler, selbst einst Ordinarius für Physikalische Chemie, sieht in dem Weggang nun vor allem eine Chance: er zeigt sich überzeugt, dass sich die Hochschule auf gutem Weg befinde, "um die Geisteswissenschaften neu aufzustellen". Deren Bestand war jedoch bereits mehrfach gefährdet und stand vor Jahren gänzlich zur Disposition. Besagte Forschungsstelle wurde in den letzten zwei bis drei Jahren zudem nahezu platt gemacht, so Kritiker: auf jeden Fall von ursprünglichen Zielen zweckentfremdet.

Peter Steinbach bekomme derweil den "goldenen Handschlag", Hauptsache, man werde ihn los, sagen Beobachter. Der "Kuhhandel", wie ihn manche auch nennen, dürfte am kommenden Montag auch Thema in universitären Gremien sein: zu Beginn kommender Woche tagt der Senat. Am Institut für Geschichte, so wissen Insider, herrschen "bürgerkriegsähnliche Verwerfungen". An deutlichen Worten mangelt es nicht: da "stinke wohl einiges zum Himmel". Der zum April emeritierte langjährige Ordinarius für Soziologie, obwohl nur mittelbar betroffen, glaubt auch die Ursachen zu kennen. Bernhard Schäfers, einst für kurze Zeit Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, spricht in einem Offenen Brief von "unglaublichen Diskriminierungen", sein ursprünglicher Einsatz für die Berufung Steinbachs sei "der größte Fehler seiner 36-jährigen Laufbahn als Hochschullehrer". Über Jahre habe Steinbach, so Schäfers, "außerhalb jeder Rechtlichkeit die Gremien der Forschungsstelle zerstört", und zudem "die vorzügliche Publikationstätigkeit der Forschungsstelle über den Konstanzer Universitätsverlag einfach beendet".

Vakante Professur - Geld spielt keine Rolle

Die Rauswurf des früheren Geschäftsführers der Forschungsstelle Widerstand im Südwesten durch Steinbach, August vergangenen Jahres, war dann wohl der letzte Stein des Anstoßes. Der Karlsruher SPD-Landtagsabgeordnete Johannes Stober begehrt nun von Wissenschaftsminister Peter Frankenberg die Begründung dafür zu erfahren. Seit 2005 halten auch Ehemalige des Instituts die Ministerialbürokratie auf Trab. Es habe rege Briefwechsel gegeben, bestätigte eine Sprecherin des Ministers, spricht von einer "emotional geführten Debatte". Für den in Köln lebenden früheren Institutsleiter Rudolf Lill etwa wirkt es schlicht unbegreiflich, "dass die 1992 gegründete Forschungsstelle in nur fünf Jahren demoliert werden konnte". Kollege Steinbach wirft er gar eine "ganz auf Berlin konzentrierte Interessenlage" vor.

Geld scheint für die Fridericiana in Karlsruhe derweil keine Rolle zu spielen. Die Professur mitsamt Forschungsstelle Widerstand, die nun mit abwandern soll nach Mannheim, werde bis zur Emeritierung Steinbachs von der Uni Karlsruhe bezahlt, ließ Rektor Horst Hippler bereits Anfang der Woche wissen. Bis zur Emeritierung sind es noch mindestens fünf bis acht Jahre - gleichzeitig schafft die Uni eine neue Stelle in Karlsruhe, in Kürze soll ein Berufungsverfahren für die Institutsleiterstelle anlaufen. Im Wintersemester 2003/2004 hatten in Karlsruhe gerade mal 236 Studierende in den Hauptfachstudien Neuere, Neueste und Technikgeschichte B.A. und M.A. studiert, ergaben Recherchen von ka-news. Seither sei, nicht zuletzt als Reaktion auf die krisenhafte Entwicklung am Institut für Geschichte, diese Zahl "drastisch gesunken", sagte gestern ein Mitarbeiter der Fakultät auf Anfrage.

Ein "unrühmliches Kapitel der Universitätsgeschichte"

Doch auch im Ministerium in Stuttgart ist man - wie im Rektorat - ob der Situation nicht Bange: "Im Rahmen der Exzellenzinitiative hat die Universität Karlsruhe eine Profilschärfung im Bereich "Impact on Society" vorgesehen. Die Universität Karlsruhe beabsichtigt, die Geisteswissenschaften im Sinne der Interdisziplinarität neu aufzustellen und möchte dies mit einem personellen Neuanfang verbinden", so eine Sprecherin. Peter Steinbach war bislang nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. "Wir wussten nicht, wie wir mit der Anfrage verfahren sollen", bestätigte seine Sekretärin den Eingang des Faxes aus Karlsruhe - die renommierte "FAZ" ließ er derweil nicht lange warten. Ein Professorenkollege der Fakultät für Bauingenieurswesen, der sich seit Jahren schon mit Kleinkriegen an seinem eigenen Institut herum schlägt, hält sich zu den Vorgängen am Institut für Geschichte eher knapp und bedeckt: "Ein besonders unrühmliches Kapitel der Karlsruher Universitätsgeschichte..."

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