Karlsruhe Schüchterner Umbruch

Christian Brugger will die Grüne Jugend in Karlsruhe wieder aufbauen
(Foto: privat)
Neben der PDS-nahen ’solid ist die Grüne Jugend (GJ) wohl die politische Jugendorganisation, die am wenigsten in den Karlsruher Medien präsent ist. Kontrahenten mögen dies als ein Zeichen für mangelhaftes Engagement sehen, dahinter steckt jedoch etwas komplett anderes. 2002 wurde die Grüne Jugend neu gegründet, jedoch flaute die Bewegung ab. Erst vor gut einem Dreiviertel Jahr gelang sie zu neuem Leben, ein Prozess, der noch andauert - und noch nach den passenden Strukturen sucht.

Nichts desto trotz, es geht voran. "Jeden Monat haben wir neue Mitglieder", erklärt Christian Brugger, Sprecher der zur Zeit 20 Köpfe umfassenden Vereinigung. Er könnte auch Vorsitzender genannt werden, eigentlich. "Sprecher kommt bei der Presse immer so rüber wie ein Pressesprecher, was jedoch nicht zutrifft", erklärt der schüchterne Informatikstudent. Aber ist er ein Vorsitzender? Viel mehr zu sagen als andere Mitglieder hat der 22-Jährige auch nicht, diesen Anspruch möchte er auch nicht stellen. Mag auch nur ein Bruchteil seiner Kollegen aus der GJ anderer Meinung sein als er, wendet Brugger prompt ein, nicht für alle sprechen zu können. Und während die meisten Polit-Akteure von der Sucht getrieben sind, in jedes Fotoobjektiv zu grinsen, muss er dazu sogar noch überredet werden. "Ich rede nicht gerne über mich", gesteht Brugger - also ran an die Inhalte.

Kritik an Großprojekten

"Wir sind von den Grünen sehr unabhängig. Zwar werden wir als Teilorganisation geführt, können aber so ziemlich alles machen und sagen, was wir wollen." Dass die Grüne Jugend genau diese Freiheit ausnutzt, dafür ist zumindest der Bundesverband bekannt. So richten sie sich gegen die Musikindustrie mit ihren unübersichtlichen Vermarktungsmethoden, setzen sich für kostenlose Software ein und provozieren diese beiden Geschäftsfelder mit dem Aufruf "Burn it baby". Da überrascht es niemanden, dass die auf Diplomatie getrimmte Bundespartei nicht hinter solchen Aktionen steht. Sieht so etwa auch das Verhältnis zu den Karlsruher Grünen aus? "Wir verstehen uns gut miteinander und sind auch sehr zufrieden mit dem kommunalen Kurs der Grünen, für die Landes- und Bundespartei gilt das nicht unbedingt", offenbart Brugger.

In den inhaltlichen Schwerpunkten gibt es zudem sehr viele Berührungspunkte zwischen Mutterpartei und dem Sprössling. Darunter fällt unter anderem der Erhalt von Umwelt- und Erholungsgebieten oder die Skepsis gegenüber Groß- und Prestigeobjekten. "Es kann natürlich auch gute und nützliche Großprojekte geben, aber in Karlsruhe sehe ich leider keine. Hier wird alles unter dem Vorwand gemacht, Wirtschaftskraft anzuziehen, doch von den hohen Investitionen profitieren mittlerweile weder die Wirtschaft noch die Bürger. Unser Wirtschaftswachstum ist eben begrenzt, durch künstliche Eingriffe können wir daran nichts mehr ändern", kommentiert der 22-Jährige.

"Wer kiffen will, der wird es auch machen"

Der Karlsruher Politik werfen Brugger und die Grüne Jugend ebenfalls ein falsches Verhalten gegenüber der Jugendkultur vor. So führe die Plakatwerbung gegen Graffitis nicht zum Erfolg, da sie lediglich die Angst vieler besorgter Eltern schüre, aber keine Alternativen biete. Spezielle Wände zum Besprühen, wie sie die Junge Union fordert, seien zwar sinnvoller, dürften aber nicht als Patentrezept angesehen werden. Eine pragmatische Lösung für die zahlreichen "Ex-Steffi bleibt" Bemalungen an Fassaden glaubt er auch zu kennen: "Wenn wir sie tatsächlich bleiben lassen, gibt es auch diese Graffiti nicht mehr." Brugger versteht nicht, wovor die Menschen Angst haben. "In der Ex-Steffi muss sich - anders als bei Treffen der Neonazis - niemand fürchten, verschlagen zu werden. Man darf jugendliche Obdachlose oder Punks doch nicht bekämpfen, sondern man muss mit ihnen zusammenarbeiten und ihnen helfen."

Gleichsam fordert Brugger die Legalisierung von Marihuana. Anders als der GJ-Bundesverband kann er die Legalisierung von beispielsweise Ecstasy oder härteren Drogen nicht befürworten. "Nicht alle von uns möchten die Legalisierung von Cannabis. Doch wir sind uns einig, dass die harte Repressionspolitik in Karlsruhe der falsche Weg ist. Wer kiffen will, der wird es auch machen. Es geht schlichtweg darum, dass Kleinkonsumenten nicht mehr in die kriminelle Ecke geschoben werden und nicht mehr in Versuchung kommen, bei Dealern noch härtere Drogen zu erhalten", erklärt der Informatikstudent.

"Ich sehe mich nicht als Politiker"

Doch das Hauptaugenmerk richtet sich bei der Grünen Jugend auf den Jugendgemeinderat. Hierdurch erhofft sich die GJ, genauso wie viele andere Jugendverbände, ein größeres Mitspracherecht für die Jugend. Es geht aber auch um eine Symbolwirkung in Zeiten der Politikverdrossenheit. "Bevor ich hier angefangen habe, dachte ich ebenfalls, nichts verändern zu können. Doch das stimmt nicht und das kann ein Jugendgemeinderat vermitteln." Wie genau eine solche Einrichtung aufgebaut werden soll, möchte Brugger nicht beantworten. Denn erst einmal müssten sich genügend Interessenten finden, die über eine längere Zeit hinweg bereit wären sich zu engagieren. Erst dann könnten sich alle gemeinsam für ein bestimmtes Konzept entscheiden. Zwei Forderungen stellt Brugger jedoch klar: "Parteipolitik darf da keine Rolle spielen und die Jugend braucht eine Möglichkeit der reellen Mitbestimmung in der Stadtpolitik."

Anders als bei den anderen Jugendverbänden, gilt die formelle Mitgliedschaft bei der GJ nur bis zum Alter von 28 Jahren. Das drückt den Altersdurchschnitt gewaltig, sorgt jedoch auch für einen überaus hohen Mitgliederwechsel. "Außerdem sind bei uns gerade viele Abiturienten und Studenten. Bei ihnen ist unklar, ob sie anschließend überhaupt noch in Karlsruhe sind", beschreibt Brugger ein Hauptproblem beim Neuaufbau der Jugendorganisation. Bei so viel Flexibilität und Ungewissheit verwundert es nicht, dass die Grüne Jugend keinen eigenen Kandidaten auf die Wahlliste gebracht hat. Aber was ist mit Brugger persönlich? "Ich sehe mich nicht als Politiker", stellt er klar. Auf die Weise kann er sich wenigstens vor Fotografen schützen.

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