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Schauplatz Karlsruhe: Der erste Länderspielsieg vor 100 Jahren

Heute vor genau hundert Jahren, am 4. April 1909, feierte die deutsche Nationalelf in Karlsruhe den ersten Länderspielsieg. Schon damals waren Länderspiele große Ereignisse, auch wenn heute vieles am Fußball in der Kaiserzeit skurril anmutet. Kurz vor dem 1:0 über die Schweiz wurden die Spieler in Droschken auf Reklamefahrt durch die Stadt geschickt. Eine weitere Kuriosität: Am gleichen Tag gab’s auch noch das erste Unentschieden. Der DFB hatte parallel eine weitere Elf in Ungarn antreten lassen.

Seine Königliche Hoheit erschien dann doch nicht zum Spiel. Prinz Max von Baden (1867-1929), später der letzte Kanzler des deutschen Kaiserreichs, war eigentlich Schirmherr des Länderspiels Deutschland gegen die Schweiz am 4. April 1909 in Karlsruhe und hatte sein Kommen fest zugesagt. Doch am Tag zuvor hatte er eine Automobilfahrt unternommen – wohl im offenen Wagen. Kurz vor Anpfiff telegrafierte er: Eine Erkältung fessle ihn ans Zimmer. Der Begeisterung für das erst fünfte offizielle Auftreten einer Auswahl des 1900 gegründeten Deutschen Fußballbundes (DFB) tat dies aber keinen Abbruch.

Sittliche Entrüstung beim Anblick nackter Knie

„Zu Fuß, per Rad, mit der Droschke und mit dem Automobil kam das Publikum“, berichtet tags darauf die „Badische Presse“, eine von zehn Zeitungen in der damals rund 125.000 Einwohner zählenden Fächerstadt. Selbst aus der Schweiz reisten Fußballbegeisterte an. Eine sensationelle Kulisse von bis zu 7.000 Zuschauern fand sich im „Stadion an der Telegrafenkaserne“ ein – dem Platz des Karlsruher Fußballvereins (KFV), in dessen Hintergrund sich die imposante Kaserne eines Nachrichtenregiments abzeichnete, als breite sie die Arme über Spieler und Zuschauer aus. Das Gebäude steht noch, aber das Stadion gibt es nicht mehr. Lange rottete es vor sich hin, ehe es 2006 abgerissen wurde.

Etliche der Besucher waren womöglich erst am Spieltag durch eine ungewöhnliche Werbeaktion angelockt worden. „Schon im Sportdress wurden wir durch die Stadt in Pferdedroschken Reklame gefahren“, erinnerte sich Anfang der sechziger Jahre der Pforzheimer Rechtsaußen Hermann Schweickert. „Die meisten Passanten lachten und winkten uns zu. Einige wandten sich aber auch, sittlich entrüstet, ab. Wir erschienen ihnen mit unseren nackten Knien als anstößig.“ Im Stadion versammelte sich dennoch reichlich „vornehmes Publikum“, wozu die „Badische Presse“ vor allem „Vertreter der Staats-, Militär- und Stadtbehörden“ zählte.

Mannschaftsaufstellung nach Entscheidung am „grünen Tisch“

„Der Fußball war bereits hoffähig geworden“, erklärt der Direktor des Karlsruher Stadtarchivs, Ernst-Otto Bräunche. Im wahrsten Sinne des Wortes: Fußball vor dem Ersten Weltkrieg war vor allem eine Angelegenheit von Bürgersöhnen und sonstigen Begüterten. „Fußball war teuer“, sagt Bräunche. „Auch für die Spieler.“ Spielergehälter gab es noch nicht, in der Regel auch keine Prämien und selbst mit den Spesen wurde geknausert. Die Spieler, die ab 15.40 Uhr in schwarzen Trikots mit weißen Ärmeln und einem großen Reichsadler auf der Brust gegen die Schweiz antraten, gehörten sicher nicht alle zu den elf Besten, die in Deutschland zu finden gewesen wären.

Dabei war es wahrlich an der Zeit, endlich mal zu gewinnen. Niederlage um Niederlage hatte die Nationalmannschaft aneinandergereiht, seit beinahe auf den Tag genau vor einem Jahr, am 5. April 1908, mit einem 3:5 in Basel gegen die Schweiz die Ouvertüre zur deutschen Länderspielgeschichte stattgefunden hatte. Nicht, dass man beim DFB nicht gewinnen wollte – aber der gesamte Fußball tickte damals einfach anders. Es gab keinen Nationaltrainer. Die Spielerauswahl erfolgte am „grünen Tisch“, wobei die regionalen Verbände erheblichen Einfluss ausübten und jeweils „ihre“ Spieler durchzudrücken versuchten.

Ersatzleute gab es keine

Zudem war Deutschland einfach zu groß, um stets die besten Spieler zusammenfassen zu können. Der DFB entschied sich für den 4. April zu einem Doppelkick: Eine Auswahl norddeutscher Vereine spielte in Budapest gegen Ungarn, während in Karlsruhe nur süddeutsche Spieler aufliefen. Die Taktik ging auf. Die Norddeutschen glichen dreimal zum 3:3-Endstand aus.

In Karlsruhe begrüßte Spielführer Josef Glaser vom Freiburger FC seine Kameraden erst am Vormittag des Spiels. Neben dem nicht nur spielintelligenten Kapitän, der ein Jahr später in Philologie promovierte, ruhten die Hoffnungen vor allem auf Flügelstürmer Emil Oberle (Phönix Karlsruhe), Stürmer Otto Löble (Stuttgarter Kickers), Torjäger Fritz Förderer (Karlsruher FV), Außenläufer Karl Burger von der SpVgg Fürth, der die weiteste Anreise hatte, und auf Eugen Kipp, der für die Sportfreunde Stuttgart und später für die Stuttgarter Kickers aktiv war. Der schussgewaltige Stürmer galt vielen als einer der größten deutschen Fußballer seiner Epoche. Alle waren sie per Telegramm nach Karlsruhe beordert worden. Ersatzleute gab es keine.

„In flottem Tempo wogte der Kampf auf und ab“

Um etwa halb Drei betraten als erste die Schweizer das Spielfeld. Mit Warmmachübungen können sich die Fußballpioniere also kaum aufgehalten haben. Bei starkem Wind erkämpften sich die Deutschen ein Übergewicht. „Wir harmonierten recht gut, weil wie uns von den süddeutschen Ligaspielen her kannten“, erzählte Schweickert. Das Spiel selbst wird kaum wie der heutige Fußball ausgesehen haben. „Wie spielten denn unsere Väter?“, hob mal Hennes Weisweiler zu einer Erklärung an. „Der Ball wurde möglichst weit nach vorne geschlagen, um dann hinterher zu rennen und irgendwie zum Torschuss zu kommen.“

Dennoch entwickelte sich ein aufregendes Spiel. „In flottem Tempo wogte der Kampf auf und ab“, kommentierte der Reporter des „Karlsruher Tagblatts“. Sein Kollege von der „Badischen Landeszeitung“ scheint schon für andere Schlachten zu üben. Er beschreibt den Führungstreffer so: „4 Uhr 20 Minuten. Endlich glückte es Kipp in einem hartnäckigen und aufregenden Nahkampf, den Ball durch das feindliche Tor zu treiben.“

Zum Abschluss ein Festbankett mit Sängerwettstreit

Doch der martialische Ton täuscht. Das ganze Treffen war durch ausgesprochene Fairness geprägt. Laut dem Zeitzeugen Schweickert erhielt jeder Schweizer Spieler sogar einen Begleiter zur Seite gestellt, der ihn über seinen deutschen Gegenspieler aufklärte. In der Halbzeit blieben die Spieler auf dem Platz. „Zum Teil redeten wir uns sehr höflich mit ‚Sie’ an“, gab Schweickert weitere kuriose Einblicke.

Nach der Pause versuchten es die Deutschen immer mehr mit Einzelaktionen, ein weiterer Treffer fiel nicht mehr. Deutschland hatte zum ersten Mal ein Länderspiel gewonnen. Zu Ende ging der Tag mit einem Festbankett, bei dem ein Hofopernsänger auftrat. Die Spieler traten noch mal gegeneinander an – in einem Sängerwettstreit: „Die Schweizer jodelten und wir schmetterten unsere Fußballlieder: Unentschieden“, schloss Schweickert seine Schilderungen.

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Kommentare (14)
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  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    06.04.2009 13:02 Uhr
    Danke haenger
    man lernt nie aus. grinsen
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  •   matthy
    (60 Beiträge)

    06.04.2009 11:03 Uhr
    Klasse Bericht! Mehr von der Sorte!
    Da ich schon ueber 10 Jahre aus meiner alten Heimat Karlsruhe (Nordweststadt!) weg bin, habe ich leider nicht mitbekommen. Schade drum! Zu meiner Jugendzeit wurde dort aber noch Fussball gespielt!
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  •   haenger
    (501 Beiträge)

    05.04.2009 07:55 Uhr
    @hetfield
    Auf der Meisterschale sind alle Deutschen Meister seit 1903 eingraviert.
    Und da hätten wir den FC Phönix Karsruhe (1909) und den Karlsruher FV (1910).
    Die sind beide tatsächlich noch drauf.
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  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    05.04.2009 01:39 Uhr
    Dass der KFV
    auf der Meisterschale der Bundesliga steht wage ich jetzt einfach mal zu bezweifeln. Macht aber nix. Während ihr hier euren egoistischen Selbstdarstellungen frönt habt ihr nichtmal bemerkt, dass ihr einen wirklich tollen Artikel gelesen habt (aber wahrscheinlich habt ihr ihn gar nicht gelesen, sondern reflexartig beim Thema Fussball euren Sabber zum Thema Stadion abgesondert). Wenn nur die Hälfte derer die sich hier über die Ruine Wildpark beschweren irgndwann man selber mit angepackt hätte um ihr grossartiges Stadion zu retten. Gut, es wäre dann vielleicht in einem noch desolateren Zustand wie jetzt. grinsen Aber man könnte vielleicht einen Willen erkennen. Aber, Internet sei Dank, beschränkt man sich aufs anonyme Motzen und fordert den Kopf des Trainers und des Managers....
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  •   nixblicker
    (332 Beiträge)

    04.04.2009 21:10 Uhr
    SCHANDE..
    dass man einen Verein wie den KFV so verrecken ließ. Immerhin steht dieser Verein auch heute noch auf der Meisterschale der Bundesliga und hat einen ganz großen Teil Karlsruher Fussballgeschichte mitgeschrieben. Die Schuld tragen nicht nur die Karlsruher Politiker und der OB, sondern auch der BFV und natürlich der DFB...echt armselig war das!!!
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  •   tok
    (7205 Beiträge)

    04.04.2009 17:19 Uhr
    weiter geht's
    Ich aber auch der Meinung, dass das Stadion ans Gleisdreieck oder jedenfalls an einen weniger zentralen Ort gehört. Ein noch größeres Stadion im Wildpark bauen zu wollen, ist als wolle man Windows Vista auf einem 386er laufen lassen. Das wird im Betrieb sehr zäh - oder man muss die ganze Umgebung austauschen. Da würde aber etwas dabei herauskommen, was wirklich keine Mehrheiten haben dürfte.
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  •   tok
    (7205 Beiträge)

    04.04.2009 17:18 Uhr
    @bobber
    Gar so sehr steht die Stadt dann doch nicht still. Wenn man sich anschaut, was außerhalb der Grenzen KAs für KA passiert ist (Projekte, in die die Verwaltung KAs immer involviert war), kommt man mit der Messe Karlsruhe mit der dm-Arena und dem Baden-Airport auf zwei bzw. drei zum Teil wirklich große Projekte. Daneben wurden eine Reihe Stadtteile saniert und mit Kirchfeld-Nord und der Südoststadt gar zwei neue Stadtteile begonnen, bzw. in ihrer Verwendung für Wohnzwecke umgewidmet. Auch wichtige Plätze wurden einige saniert. Postgalerie und ECE-Center sind auch nicht über Nacht vom Himmel gefallen.

    Und ob man sie mag oder nicht, ist die AS KA-Nord ein Projekt, das umgesetzt wurde. Ein weiteres Verkehrsprojekt, der Radwegeplan, ist zwar meiner Ansicht nach noch ein unfertiges Stückwerk. Aber immerhin wurde das begonnen.
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  • unbekannt
    (5411 Beiträge)

    04.04.2009 14:45 Uhr
    ein badener
    leider nein, das KFV Stadion wurde (unglaublicherweise) nicht saniert, sondern ein historisches gelände (hauptsächlich von wem abgerissen? na, klar unserem tollen OB).

    Solch eine historische Stätte hat man zumindest als Fussballmuseum und Begegnungsstätte für "Fussballverrückte" zusammen mit dem DFB erhalten
    müssen; auch das Fussballmagazin "kicker" hätte sich hier
    einbringen müssen, auch der, was viele nicht wissen, wurde in Karlsruhe gegründet.
    Geschweige denn, von den vielen, damaligen Nationalspielern, wie Hirsch & Co. die in Karlsruhe lebten.

    Eine weitere Schande des OB und der Stadt KA.
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  •   bobber
    (2119 Beiträge)

    04.04.2009 14:36 Uhr
    @Karlsruhe und 80er
    ja dann erzähle mal was die OBs nach Klotz für die Bürger gebracht haben. Selbst die BuGa geht noch auf Klotz zurück. Und soviel war zwischenzeitlich nicht mehr.
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  • unbekannt
    (1115 Beiträge)

    04.04.2009 14:17 Uhr
    dann ist die Aufgabe eines OB´s wohl...
    "nicht" das zu tun was die Bürger wollen und stattdessen "das" zu tun was die Bürger nicht wollen...
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