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Karlsruhe Online-Zugriff auf Raritäten: Wie in Baden alte Bücher im Netz landen

Wer die "Handschrift C" des Nibelungenlieds genauer unter die Lupe nehmen möchte, hatte dazu bisher nur die Gelegenheit, wenn die Badische Landesbibliothek (BLB) ihre Schätze bei Ausstellungen präsentierte. An das Original zu kommen, ist nach wie vor schwer. Doch seit dem 1. Dezember 2010 betreibt die BLB das Internetportal "Digitale Sammlungen", über das jeder Bücherwurm die Werke digital einsehen kann. ka-news hat sich zeigen lassen, wie die kostbaren Bücher in der virtuellen Schatzkammer landen.

Die Digitalisierungswerkstatt im Untergeschoss der Badischen Landesbibliothek wirkt wie ein Büro: Modern und zwecksmäßig. Alte Bücher findet ein Besucher nicht - bis auf eine Reihe alter Karlsruher Telefonbücher, aufgereiht auf einem Regal. Computerbildschirme prägen das Bild. Ungewöhnlich sind nur die beiden schwarzen Geräte in einer dunklen Ecke des Raumes.

An einem der beiden großen Flachbettscanner ist Beate Ehlig mit einem Schriftstück aus zwei DinA4-Seiten zugange. Für solche Stücke ist der Scanner bestens geeignet: "Für Dinge, die nicht sehr umfangreich sind, wie Briefe, die man flach auflegen und Bücher, die man zu 180 Grad aufschlagen kann ist der Scanner geeignet", weiß Ehlig. Sie legt das Schriftstück auf die Scan-Fläche und richtet seine Position entsprechend eines Rasters aus, das sie am Bildschirm neben dem Gerät sieht. Anschließend fixiert sie das Blatt mit der Glasplatte des Scanners, der das Blatt als Bild erfasst und digitalisiert.

Doch was passiert mit Büchern, die Beate Ehlig wegen des Alters und der Beschaffenheit nicht 180 Grad aufschlagen kann? "Dafür haben wir den 'Grazer Buchtisch'", antwortet Ludger Syré, Leiter der Digitalisierungswerkstatt, die es seit September 2010 gibt. Dieser besteht aus einer rechtwinkligen Auflage, die mit samtähnlichem Stoff verkleidet ist. Darauf legt die gelernte Fotolaborantin ein Buch aus dem 14. Jahrhundert, das sie mit dieser Scanmethode der Öffentlichkeit zugänglich macht: "Das kann jeder einsehen, der einen Rechner hat."

Im Computer entstehen die Schriftstücke von neuem

Auf dem Tisch kann Ehlig das Buch zu 90 Grad aufschlagen: "Das schont das Buch, den Einband und die Seiten am besten.“ Eine Spiegelreflexkamera fotografiert die aufgeschlagene Seite von oben und schickt die Bilddaten zu einem Rechner, an dem sie das Bild sofort nachbearbeiten kann. Ein so genannter Saugarm saugt - ähnlich einem Staubsauger - die aufgeschlagene Seite am Rand fest. LED-Lampen leuchten die Seite aus und verhindern Schatten auf dem digitalen Bild. Außerdem sorgen sie dafür, dass die Wärme einer herkömmlichen Lichtquelle das mehrere 100 Jahre alte Material nicht erhitzt oder schädigt.

Rund 25 dieser Buchtische gibt es in Deutschland in mehr oder weniger unterschiedlichen Ausführungen. Auf dem Karlsruher Buchtisch kann Beate Ehling allerdings nur Werke von einer Größe bis DinA2 abbilden. Zuerst fotografiert sie die Rectoseiten (Vorderseiten), dann die Verso-Seiten (Rückseiten) der betagten Kostbarkeiten.

Holger Kösel verarbeitet die aufgenommenen Bilder mit Spezialsoftware weiter. Der Bibliothekar schneidet die digitalen Fotografien zu und setzt die einzelnen Aufnahmen, dem Ursprungswerk entsprechend, in eine chronologische Abfolge. Anschließend erfasst er so genannte Meta-Daten, mit denen er die Bildabfolge versieht. "Da ist bibliothekarisches Fachwissen gefragt“, das er als ausgebildeter Bibliothekar natürlich mitbringt. Die Daten stellt er so zusammen, das der Benutzer später per Mausklick auf einzelne Kapitel und Seiten im digitalisierten Buch zugreifen oder besonders schöne Abbildungen bestaunen kann.

Nicht alle Bücher können digitalisiert werden

Den "besonderen Wert der Digitalisierung" sieht Ludger Syré gerade in der sorgfältigen Verarbeitung der Meta-Daten: "Da wollen wir schon Qualität bieten." Damit reiht sich die Karlsruher Bibliothek in einer Reihe ein mit Heidelberg und Freiburg, die ihre alten Schätze bereits vor Jahren digital veröffentlicht haben. Ein Drittel der Digitalisierungsarbeit nimmt das Scannen in Anspruch. Mit dem "Grazer Buchtisch" ist das wesentlich aufwändiger, als mit einem herkömmlichen Gerät. Der Großteil der Arbeit besteht darin, die Bilder zu bearbeiten, die Daten für das Dokument zusammenzustellen und diese mit den Daten zu versehen.

Trotz aller Technik sind der Digitalisierung Grenzen gesetzt: "Es gibt Bücher, die kann man nicht machen", weiß Syré. "Die entziehen sich wegen ihrer Beschaffenheit der Digitalisierung." Dazu gehören solche, deren Blätter aus Pergament bestehen und zu empfindlich sind, als das man sie unbeschadet dem Prozess aussetzen könnte. Deshalb digitalisieren die Mitarbeiter der Werkstatt alles selbst: "Wir haben uns die Geräte angeschafft, weil wir die Bücher nicht aus der Hand geben“, erklärt Syr.

Welche Bücher den Weg ins Internet finden, entscheiden die Mitarbeiter der Restaurierungswerkstatt. Zwischen den beiden Werkstätten besteht eine enge Zusammenarbeit. So konnten die beiden Restauratorinnen Magdalena Liedtke und Michaela Komlósy ein Wörtchen bei der Anschaffung des "Grazer Buchtisches" mitreden. Schließlich wissen sie genau, welche Strapazen sie einem Buch zumuten können.

"Die Aura des Buches wird das Digitalisat nicht haben"

Obwohl die digitalisierten Bücher auf der ganzen Welt zugänglich sind und lediglich ein Link zur entsprechenden Seite als Zugang genügt: "Das Original ist das Wichtigste“, ist sich Ute Obhof, Leiterin der Abteilung Sammlungen sicher. "Wenn jemand über ein bestimmtes Werk forscht, kommt er am Originalwerk nicht vorbei. Da will er dann auch das Original in die Hand nehmen." Und sie fügt hinzu: "Um Buchstruktur, Papierlagen und Wasserzeichen untersuchen zu können, braucht man das Original."

Trotzdem befürchten Magdalena Liedtke und Michaela Komlósy, dass die Digitalisierung auch technische Grenzen hat und die Werke nicht unbedingt für die Ewigkeit erhalten kann: "Bei einem Film, mit denen Bücher früher technisch aufgenommen wurden, reicht eine Lupe und man kann es lesen", erklärt Komlósy. "Zum Lesen des Digitalisats bedarf es spezieller Lesesysteme. Die funktionieren meist nur für eine bestimmte Zeit. Dann werden neue Systeme entwickelt, für die die Digitalisate dann zu alt sind.“

Ein Buch aus Papier, Leder und Stoff wird das Digitalisat allerdings niemals ersetzen können, darin sind sich Ute Obhof und ihre Mitarbeiterinnen einig: "Die Aura des Buches wird das Digitalisat nicht haben."

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Kommentare (2)
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  •   yokohama
    (3367 Beiträge)

    13.03.2011 19:04 Uhr
    Papier ist am beständigsten..
    Ob Digitalisierung ein Buch für die Ewigkeit erhält, ist fraglich. Jahrhunderte alte Bücher in Papierform sind noch heute erhalten, während 20 Jahre alte Datenträger oder Dateien schon heute nicht mehr gelesen werden können. Und ständiges Umkopieren und Anpassen an die neueste Soft- und Hardware ist umständlich und führt sicher irgendwann zum Datenverlust.
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  •   fritzi
    (933 Beiträge)

    13.03.2011 13:38 Uhr
    der Nachwelt erhalten
    auch wenn ein Digitalisat niemals die Aura eines alten Buches aus Leder, Papier und Stoff hatvwird der Inhalt der Nachwelt erhalten und kann nicht mehr verloren gehen wie beim Hauseinsturz von Köln. Es sollten deswegen alle wichtigen Werke digitalisiert werden.
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