Baden-Baden/Karlsruhe Nach dem "Spätzlesender"

Identifikationspunkte des SWR: der einstige Intendant Peter Voß (li.) und Schwaben-Kommissar Bienzle (re.). In der Mitte: Karlsruhes Polizeichefin Gerecke (Foto: ka-news)
Der Rundfunk startete seinen Siegeszug in den 20er Jahren, in den 50er Jahren entstand das Fernsehen. Doch bei den "Öffentlich-rechtlichen" hatte der zweite Weltkrieg in den ehemaligen Landesteilen Württemberg-Baden, Südwürttemberg-Hohenzollern und Südbaden höchst eigenwillige Senderstrukturen hinterlassen. Von Baden-Baden aus sendete jahrzehntelang der Südwestfunk (SWF), in Stuttgart wurde das Programm des Süddeutschen Rundfunks (SDR) gestaltet, den manche auch "Spätzlesender" nannten. Am Wochenende wurde der zum 30. August 1998 aus SWF und SDR neu fusionierte Südwestrundfunk (SWR) zehn Jahre alt.

Gefeiert wird nicht offiziell, dafür wird jede Menge gesendet - mit einer eigens gestalteten "Programmwoche". Zehn Jahre ist es jetzt her, dass die Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU) und Kurt Beck (SPD) aus Baden-Württemberg und dem benachbarten Rheinland-Pfalz einen neuen Staatsvertrag für den länderübergreifenden Sender besiegelten. Das war zum 1. Januar 1998 - am 30. August desselben Jahres ging der neue SWR auf Sendung. Noch heute erinnern sich viele der Beteiligten spontan und lebhaft an die mühsame Geburt des SWR. Kein Wunder: Vor allem beim Süddeutschen Rundfunk war mehr oder weniger offen gegen den selbstherrlich wirkenden Führungsstil des alten SWF- und neuen SWR-Intendanten Peter Voß protestiert worden.

Machtbewußter Gründungsintendant mit "Rambo-Mentalität"

Im blauen Haus an der Kriegsstraße in Karlsruhe sendete einst der SDR - heute ist es Standort des SWR (Foto: SWR)
Der machtbewußte Hanseate, der als CDU-Mitglied einst beim ZDF in Mainz Karriere gemacht hatte, war der Motor der Fusion. "Baden-Krake" haben sie ihn in Stuttgart genannt und als "badischen Großkotz" beschimpft, der den SDR mit "Rambo-Mentalität" übernehmen wolle. Der einstige SDR sendete zwischen Karlsruhe und Ulm, geographisch gesehen entlang der Autobahn A 8.

Diese Fusion war anders als andere zuvor. Hier hatte am Ende der badische Landesteil eindeutig Vorteile gewonnen, der Sendestandort Baden-Baden wurde gestärkt. An der Oos sitzen Filmproduktionsfirmen, hier sitzen die Intendanten für Hörfunk und Fernsehen. Stuttgart und Mainz mussten mit Landessendedirektionen Vorlieb nehmen. Der Intendant des Senders insgesamt sitzt formal in Stuttgart, doch er ist - war es zu Zeiten von Voß allemal - vor allem viel unterwegs. Seit Mai vergangenen Jahres ist Peter Boudgoust neuer Chef des SWR.

Am Programm scheiden sich die Geister: viele Kochshows

Peter Boudgoust, SWR-Intendant seit Mai 2007 (Foto: pr)
Der SWR sei mehr als die Summe seiner Vorgänger, mehr als SDR und SWF, ließ er jetzt zum Monatswechsel wissen. Boudgoust: "Weil wir bei den Infrastruktur- und Verwaltungskosten sparen, können wir noch mehr und noch besser aus der Region und für die Region berichten. Und auch in der ARD hat der SWR als zweitgrößter Sender an Bedeutung gewonnen." Ob die Fusion sich aber wirklich gelohnt habe, dafür gebe es einen klaren Gradmesser: die Qualität des Programms. Deshalb werde das zehnjährige Jubiläum der Fusion ganz bewusst nicht mit Feiern und Festlichkeiten, sondern mit dem begangen, was den Sender legitimiere: mit einer Programmwoche, in der herausragende Programmereignisse der vergangenen zehn Jahre noch einmal präsentiert werden.

Doch gerade beim Programm scheiden sich die Geister. Die vielen Kochshows, die Volksmusikabende schrecken manchen ab. Kritiker sprechen gar von einer Schrecklein-i-sierung (in Anlehnung an die Moderatorin Sonja Schrecklein) des Programms. Gerhard Manthey, Verdi-Landesfachbereichsleiter Medien, Kunst und Industrie, hat die Fusion von Anfang an mit größter Skepsis begleitet. Sein stärkstes Gegenargument hat heute so viel Bestand wie vor zehn Jahren: "Das Konstrukt des Rundfunkstaatsvertrags für den SWR sucht in Sachen Staatsnähe bundesweit seinesgleichen. Wir halten den Staatsvertrag nach wie vor nicht für verfassungskonform, weil die Gremien des SWR viel zu staatsnah sind. Der Sender wurde schon mit einem Geburtsfehler in die Welt gesetzt", sagte Manthey am Montag gegenüber dem in Konstanz erscheinenden Südkurier.

88 Millionen Euro eingespart und 650 Stellen abgebaut

Auch die so genannten "Synergieeffekte" der Fusion sind umstritten." Der SWR widerspricht dieser Darstellung. Der Sender habe 88 Millionen Euro eingespart und 650 Stellen abgebaut, heißt es. "Das gesparte Geld wurde ins Programm investiert - mit dem Ergebnis, dass der SWR heute mehr regionale Berichterstattung bietet als seine Vorgängeranstalten", stellte ein SWR-Sprecher anlässlich des jetzigen Senderjubiläums klar. Gewerkschafter üben zudem Kritik an der Arbeitsplatzsituation: "Die Festangestellten haben zwar einen sicheren Arbeitsplatz, aber die Belastung ist deutlich höher als vor zehn Jahren. Gleichzeitig zeigen die Hierarchien wenig soziale Kompetenz. Aber das gilt auch für andere ARD-Sender".

SWR versorgt als zweitgrößte ARD-Anstalt 15 Millionen Menschen

Ulrike Folkerts, Tatortkommissarin aus Ludwigshafen, steht für den SWR meist im Raum Karlsruhe am "Set" (Foto: pr)
Der SWR ist die zweitgrößte ARD-Anstalt und versorgt mit den Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ein Sendegebiet, in dem insgesamt knapp 15 Millionen Menschen leben. Darüber hinaus erreicht der SWR die Menschen in ganz Deutschland über die Sendungen, die er zum ARD-Gemeinschafts- programm Das Erste - das sind momentan 18 Prozent - sowie zu den Gemeinschaftsprogrammen 3sat, ARTE, PHOENIX, KI.KA und ARD Digital beiträgt.

Im Hörfunk verantwortet der SWR jeweils zwei landesbezogene Informations- und Regionalprogramme (SWR1 und SWR4), ein länderübergreifendes Kulturprogramm (SWR2), die Popwelle SWR3, das multimediale Jugendangebot DASDING und das digitale Wortangebot SWR cont.ra.

In der Jubiläumswoche zwischen dem 1. und 9. September gibt es ein Wiedersehen mit besonders erfolgreichen Produktionen, die seit 1998 entstanden sind. Zu den Highlights zählen laut SWR die preisgekrönten Fernsehfilme "Margarete Steiff" mit Heike Makatsch (Bayerischer Fernsehpreis 2006, Bambi 2006), die beiden Dokumentarfilme von Marcus Vetter "Mein Vater, der Türke" (Prix Europa 2006) und "Der Tunnel" (Adolf Grimme Preis 2000, Deutscher Fernsehpreis 2006), sowie der Film "In Sachen Kaminski" (Bayerischer Fernsehpreis 2005). Eine Zeitreise der besonderen Art, die mit dem Adolf Grimme Preis 2003 und dem Goldenen Gong 2003 ausgezeichnet wurde, unternimmt der Sender mit dem "Schwarzwaldhaus 1902".

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