Karlsruhe Mordfall "Miko"

"Miko" wurde am 9. Januar erschossen (Foto: ka-news)
Bis zum heutigen Dienstag, 3. Februar, ist es seit dem Trauerzug "zu Ehren von ‚Miko‘" ab dem Messplatz und der Zeremonie im geschlossenen Kreis der Hells Angels auf dem Karlsruher Hauptfriedhof ruhig geworden. Jedenfalls was die amtlichen Ermittlungsergebnisse und Berichterstattung in den Medien und damit auch die geweckte oder befriedigte Sensationslust der Leute angeht. Jetzt gibt es ein neues Rechercheergebnis der Sonderkommission, das eigentlich auf der Hand lag, nun aber belegt ist: Der Todesschütze hatte einen Helfer im Schlepptau (ka-news berichtete). Laut Polizeibericht stand dieser Schmiere.

Hinter den Kulissen des Karlsruher Polizeiapparats wird weiter nach dem Mörder des Rockerbosses, nach den Gründen und damit auch nach dem oder den Auftraggebern der "Hinrichtung im Rotlichtmilieu" gefahndet. Stück für Stück und in Kleinarbeit versuchen die Beamten der Lösung des Falls näher zu kommen.

Seit der Mordtat in der Karlsruher City am 9. Januar gibt es aber auch viele Stammtischdiskussionen und somit unzählige Gerüchte. Sie reichen vom Racheakt in den eigenen Reihen bis hin zum Auftragsmord durch die Russen-Mafia. Wild und undurchsichtig ist der Markt der Spekulationen. Werner Herkert, Chefredakteur von ka-news, versucht ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Er unterhielt sich mit Roger Westermann. Der Leiter der Sonderkommission "Magnet" der Karlsruher Kriminalpolizei hat seine ganz eigene Sicht auf den Fall. Hinter dem Kennwort "Magnet" steht ein Teil des Sprengkörpers, der am 4. Dezember für den Anschlag auf Helmut "Miko" Mikolajek in Bruchsal benutzt wurde. Die Bombe war mit einem Magnet am Unterboden des Autos befestigt.

ka-news: Heute legen Sie einen neuen Aspekt der Ermittlungsarbeit vor. Was ist der aktuellste Stand?
Roger Westermann: Wir haben im Rahmen der Ermittlungen der Sonderkommission "Magnet" das Ergebnis der kriminaltechnischen Auswertung der im Bereich des Tatorts gesicherten Spuren mittlerweile abgeschlossen. So haben wir festgestellt, dass es am 9. Januar während der Tat noch einen Mittäter gab. Der Todesschütze hat den Mord ausgeführt und ein weiterer Mann war vor dem Lokal gestanden und hat ihn abgedeckt. Er hat also quasi Schmiere gestanden.

Nach diesem Mann sucht die Polizei
(Foto: pol)
ka-news: Können Sie konkreter werden?
Westermann: Beide Täter werden weitestgehend gleich beschrieben: zwischen 28 und 30 Jahren alt, 1,80 bis 1,90 Meter groß und schlank. Wobei der Schütze dunkel gekleidet war und der Mann der Schmiere gestanden hat, eine helle Jeansjacke mit Besatz trug.

ka-news: Können Sie unseren Lesern ein Bild Ihrer Sonderkommission liefern? Beschreiben Sie doch bitte die Arbeit, die Zusammensetzung und die Größe des "Magnet"-Teams.
Westermann: Es gehören ihr über 40 Ermittler, die sehr erfahren sind, an. Regelmäßig dabei sind aber nur diejenigen, die auch Erfahrungen bei Mordermittlungen haben. Was hier dazu kommt, ist die Beteiligung der Landespolizeidirektion und des Landeskriminalamts. Hier führten wir die kriminaltechnischen Untersuchungen durch. Das Bundeskriminalamt ist ebenfalls an den Ermittlungen beteiligt.

ka-news: Wie können wir uns die Polizeiarbeit in dem Fall denn genau vorstellen?
Westermann: Wir klären derzeit ganz konkret die persönlichen Kontakte des Opfers ab. Helmut Mikolajek hatte sehr viele Kontakte, die weit in die Hunderte gehen - auch bundesweit. Wir arbeiten diese Kontakte ganz einfach ab, stellen viele Fragen und vergleichen die Ergebnisse mit unseren Erkenntnissen.

ka-news: Es sollen rund 100 Hinweise eingegangen sein. Waren darunter auch hilfreiche oder sind solche zwischenzeitlich aufgetaucht?
Westermann: Wir haben unter 100 Hinweise vorliegen, die aus der Bevölkerung stammen. Einige davon haben uns zum Teil weitergeführt. Es ist aber bislang kein heißer Tipp dabei. Das ist aber auch nicht weiter verwunderlich, weil in der Szene, in der sich das Opfer bewegte, ein "Gesetz des Schweigens" herrscht. Und es gibt in dem Bereich auch keine Zusammenarbeit bei der Aufklärung.

Hinter den Mauern des Polizeipräsidiums laufen die Ermittlungen auf Hochtouren (Foto: ka-news)
ka-news: Auf die Zusammenarbeit wollte ich noch eingehen. Doch zuvor dieser Punkt: Es wird von Neugierigen, aber auch von sogenannten Insidern, in nahezu alle Richtungen spekuliert. In welche Richtung gehen Ihre Ermittlungen?
Westermann: Wir ermitteln in vielerlei Richtungen. Helmut Mikolajek hatte sehr, sehr viele Kontakte - wie ich eben schon andeutete. Er hatte sehr, sehr viele Freunde und auch einige Feinde und genau das versuchen wir entsprechend zu sortieren, um uns die mögliche Motivlage zu erschließen.

ka-news: Stimmt es, dass unter den Tipps auch ein Foto eines Mannes ist, welches dem Phantombild sehr nahe kommt? Es wurde via E-Mail an die Polizei geschickt und uns erreichte die Kopie dieser Sendung.
Westermann: Mir ist von dem Bild nichts bekannt. Wenn Sie aber so ein Foto haben, ist das für uns natürlich sehr interessant.

ka-news: Wir werden den Kontakt herstellen. Zum nächsten Punkt: Was haben Sie und Ihre Kollegen eigentlich für ein Verhältnis zu den Hells Angels?
Westermann: Wir arbeiten diese Leute genauso ab, weil sie Kontakte mit dem Opfer hatten, wie viele andere.

Blumen für den Hells Angel vor seinem Geschäft "Mystic Tattoo" (Foto: ka-news)
ka-news: "Miko" lehnte ja nach dem Bombenfund unter seinem Wagen vor seiner Wohnung in Bruchsal die Zusammenarbeit, genauer gesagt den Schutz der Polizei ab. Er hätte sonst ja auch sein Gesicht gegenüber den Hells Angels verloren und seine Geschäfte auch nicht unbeobachtet weiterführen können. Nun verlor er sein Leben. Besteht inzwischen eine Kooperation zwischen der Polizei und den Rockern? Nennen wir’s mal "Amtshilfe und Gesprächsbereitschaft".
Westermann: Nein, nichts von beidem. Er war Mitglied dieser Gruppe, aber das ist kein Bereich, der zentral für uns ist. In der Szene, da beziehe ich das Rotlichtmilieu mit ein, ist ganz klar ein "Gesetz des Schweigens" - wie ich schon sagte - da. Man arbeitet nicht mit der Polizei zusammen. Probleme werden intern geregelt und das schlägt sich auch in einer Zusammenarbeit, die es nicht gibt, nieder.

ka-news: Ist der Fall "Miko", oder wie Sie ihn auch nennen, für Sie und Ihr Team ein besonderer Fall?
Westermann: Ich nenne den Fall "Sonderkommission Magnet". Es ist ein Mordfall und er hat damit immer eine herausragende Bedeutung. Die Begleitumstände, die damit einher gegangen sind, wie der Trauermarsch, der Trauerkorso und die Trauerfeier, sind sicher ein herausragender Aspekt. Helmut Mikolajek war zudem eine Person, die eine gewisse Bedeutung in der Szene hatte. Aber damit nicht mehr und nicht weniger.

ka-news: Können Sie und Ihre Kollegen emotionslos die Mosaiksteine zusammentragen? Immerhin war "Miko" kein unbeschriebenes Blatt, um es mal unverfänglich zu formulieren.
Westermann: Das ist unsere Aufgabe - wir gehen an die Sache professionell und emotionslos ran. Nur so können wir auch kriminalistisch unser Denken einsetzen und die Puzzlearbeit auch machen. Natürlich lässt einen ein Mordfall nicht unberührt. Das merke ich in erster Linie an der Motivation innerhalb meiner Sonderkommission, die auch an der Lösung des Falls in hohem Maße interessiert ist. Das ist keine Frage.

ka-news: Dann komme ich zu mancher Lesermeinung, die sich bei uns in den Foren wiedergefunden hat. Was sagen Sie den Leuten, die eine Sonderkommission wegen des Mords als "Steuerverschwendung" oder ansonsten kritisieren?
Westermann: Helmut Mikolajek ist Opfer. Opfer eines Mordes geworden. Und die Polizei ist von Amtswegen - das ist gesetzlich so festgelegt, Gott sei Dank - verpflichtet, Straftaten aufzuklären. Wir setzen die Mittel ein, die erforderlich sind, um diese Straftat aufzuklären. Und eine Sonderkommission wird bei einem Mord regelmäßig eingesetzt. Ich kann die Polarität der Leser einerseits verstehen. Andererseits ist es aber so: Wir haben einen Rechtsstaat und in dessen Rahmen muss die Polizei agieren.

Die Trauerfeier für "Miko" verlief ruhig (Foto: ka-news)
ka-news: Mal ein Blick noch auf die Trauerfeier. Rund 2.000 Hells Angels, ein Motorradkorso, die letzte Ehre hinter einer Absperrung. Für viele Karlsruher war das ein Spektakel und der "Ausnahmezustand". Welche Rolle spielte an dem Tag die Polizei?
Westermann: Die Polizei war dafür da - und so haben wir uns auch verstanden - die Sicherheit und Ordnung und den reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Wir standen dabei letztendlich in Kontakt zu den Veranstaltern. Wir haben Absprachen getroffen und die haben sie eingehalten, so dass es dann so reibungslos wie es passierte, auch gemacht werden konnte.

ka-news: Wie rechnen Sie persönlich die Chancen ein, den Fall - auch mit Blick auf die Hintermänner - zu lösen?
Westermann: Also, ich habe ein sehr hochmotiviertes Team zur Verfügung. Diese Motivation hält nun seit über drei Wochen nachhaltig an. Ich bin zuversichtlich, dass wir diesen Fall auch lösen werden. Natürlich kann niemand erwarten, dass das in den nächsten zwei oder drei Wochen der Fall ist. Wir haben uns darauf eingerichtet, die Ermittlungen mit Hochdruck längere Zeit durchzuführen bis wir zu den entsprechenden Ergebnissen kommen. Aber ich bin zuversichtlich.

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