Lost Kids Of Burundi

Bei den Dreharbeiten wird das Filmteam oft auf Schritt und Tritt von einheimischen Kindern begleitet
(Foto: Philip Ziser)
Ein Bericht von Oliver Langewitz

Karlsruhe/Bujumbura - Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn man von einem Dutzend kleiner Kinderhände angetatscht wird. "Muzungu, Muzungu!" - "Weißer Mann, weißer Mann!" schreit es immer wieder aus aufgeregten Kinderkehlen. Noch oft werden wir dieses Wort in den kommenden drei Wochen hören. Wir, das sind mein Kameraasisstent Markus Schmiederer und ich, Oliver Langewitz, die nach Burundi gekommen sind, um einen Film über Entwicklungshelfer und ihrer Arbeit mit burundischen Kindern zu drehen: "The Lost Kids Of Burundi".

Der Dokumentarfilm "The Lost Kids Of Burundi" ("Die verlorenen Kinder Burundis") konzentriert sich auf die Arbeit zweier Organisationen: der Fondation Stamm, 1999 von der ehemaligen Krankenschwester Verena Stamm gegründet, und des deutschen Vereins Burundikids (ka-news berichtete).

Gut vorbereitet nach Burundi - in der Theorie

Angeregt durch eine kurze, spontane E-Mail-Korrespondenz zwischen mir und Philipp Ziser, der für die nächsten zwei Jahre in Burundi bei der Fondation Stamm arbeitet und ein Protagonist meines Filmes ist, arbeiteten wir in Folge seit März 2008 die Idee zum Dokumentarfilm weiter aus und immer mehr verdichtete sich die geplante Story mit Fokus auf die Mitarbeiter der Fondation Stamm und Burundikids. Wir wälzten Bücher zu Afrika, recherchierten im Web, sahen uns Filme an, die sich ebenfalls mit unserem Thema beschäftigten. Man kann also sagen, dass wir gut vorbereitet nach Afrika gingen - zumindest gut vorbereitet auf einer theoretischen, einer distanzierten Ebene.

Im Armenviertel Sororezo beschreibt Fondation-Stamm-Mitarbeiter Thierry, der dort den Kindergarten betreut und Alphabetisierungskurse für Erwachsene hält, vor laufender Kamera die problematische Situation (Foto: Philipp Ziser)

Denn Bücher, Filme, Fotos oder Reportagen können die Realität nur mit den begrenzten Mitteln des Mediums einfangen und so sind die persönlichen Erfahrungen vor Ort mit nichts in der Welt einzutauschen. Nach elf Stunden Flug von Frankfurt über Äthiopien und Ruanda landen wir also auf dem kleinen Flughafen von Bujumbura, der Hauptstadt Burundis. Dort werden wir bereits von Philipp Ziser, unserem Protagonisten und in den kommenden drei Wochen wertvoller Führer und Übersetzer, erwartet. Denn die Amtssprache Französisch beherrsche ich nur bedingt, von Kirundi, der Sprache der Einheimischen, ganz zu schweigen.

Eine neue Vorstellung vom Begriff "Armut"

Noch am selben Tag besuchen wir das "Centre Uranderera", in dem Waisenkinder leben. Noch mit unserem europäischen Blick verursacht dieser erste Besuch bei mir ein beklemmendes Gefühl, wenn man sieht, wie die insgesamt 70 Jungen und Mädchen zusammen leben. Zu fünft oder sechst schlafen sie auf engem Raum in kleinen Zimmern, zu essen gibt es überwiegend Bohnen mit Reis oder Maisbrei. In den nächsten drei Wochen wird das "Centre Uranderera" aber unsere Oase werden, ein Idyll, wenn man es mit der Lebenssituation vieler anderer Menschen in Burundi vergleicht, die in den Armenvierteln oder auf dem Land leben.

Oliver Langewitz filmt die Straßenjungs im "Centre Birashoboka"
(Foto: Philipp Ziser)

So gewinnen wir im Laufe unseres Aufenthaltes auch eine neue Vorstellung vom Armutsbegriff. Zählt man in Deutschland schon zu den ärmeren Menschen, wenn man in einer kleinen Wohnung wohnt oder keinen Fernseher besitzt, so muss die Messlatte für die Menschen in Burundi weit heruntergeschraubt werden. Sicherlich ist ein Vergleich einer Industrienation mit einem Entwicklungsland schwierig, zu unterschiedlich sind die gesellschaftlichen Strukturen. Und doch ertappt man sich immer wieder dabei, Vergleiche herzustellen, subjektive zwar, die dafür emotional umso mehr bewegen und sicher auch den eigenen Blick verändern.

Armut, Krankheit, Hunger, mangelnde Bildung

Wir treffen das erste Mal auf Verena Stamm, die im Film ebenfalls eine Protagonistenrolle einnehmen wird. Sie ist eine elegante Dame, sehr modebewusst und mit einer sehr ausgewählten Ausdrucksweise ausgestattet. Sie lebt mit ihrem Mann Benoît seit 1962 in Burundi, hat also selbst erlebt, wie die Gewalt zwischen den Menschen, gerade zwischen den beiden Ethnien der Hutu und Tutsi, eskalierte und zu den schrecklichsten Greueltaten führte, auch noch im neuen Jahrtausend. "Die Moral der Menschen hier hat sich durch die Kriege sehr verändert!" Dieser Satz, von Verena Stamm sehr abgeklärt ausgesprochen, wie sie dies während des Drehs noch bei vielen weiteren ihrer Erzählungen tun wird, hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Er verdeutlicht, dass viele der Probleme in Burundi erst durch den Krieg entstanden sind und sich dies auch auf die Moral der Menschen ausgewirkt hat.

Das Kameraequipment übt gerade auf die jüngeren Burunder eine große Faszination aus. So eine Kamera kriegen sie auch nicht jeden Tag zu sehen (Foto: Philipp Ziser)

Umso bedeutungsvoller erscheint da die Arbeit von Menschen, die den zentralen Problemen des Landes, Armut, Krankheit, Hunger und mangelnde Bildung entgegenzuwirken versuchen. Als sich uns die Vielfalt der unterschiedlichen Projekte erschließt, die von der Fondation Stamm und den Burundikids gestemmt werden, wird unser Respekt gegenüber der Arbeit der Entwicklungshelfer vor Ort, allen voran Verena Stamm, immer größer. Denn es ist schon erstaunlich und bemerkenswert, was mit den geringen Mitteln, die zur Verfügung stehen, alles gestemmt werden kann. Gleichermaßen voll ist unser Drehplan für die drei Wochen, um möglichst viele Einblicke in die Projekte und Arbeit der Entwicklungshelfer zu erhalten.

"Ich werde die Herzlichkeit, Offenheit und Nähe vermissen"

Der sieht dann in etwa so aus: Morgens Waisenhaus "Centre Uranderea", mittags "Straßenkinderheim "Centre Birashoboka" - Drummers of Burundi", nachmittags: "Interview Andreas Kirchhoff von der UNHCR". So drehen wir in den 21 Drehtagen insgesamt 24 Stunden Filmmaterial ab, aus denen am Ende ein zirka 80- bis 90-minütiger Film entstehen soll. Hinzu kommen dann noch weitere Aufnahmen in Deutschland, zum Beispiel ein Interview mit der entwicklungspolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion im baden-württembergischen Landtag, Dr. Gisela Splett, die sich sehr für die bestehende Freundschaft zwischen Burundi und Baden-Württemberg einsetzt (ka-news berichtete) und Ende Juli 2008 selbst für eine knappe Woche nach Burundi ging, um sich vor Ort ein Bild von der Situation zu machen.

Der Fokus des Dokumentarfilms liegt auf den Kindern Burundis, die überwiegend in ärmlichen Verhältnissen leben (Foto: Philipp Ziser)

Oder die Mutter von Philipp, Anne Ziser, die eine "Arbeitsgruppe Burundi" in Karlsruhe mitgegründet hat und nun auf verschiedenen Veranstaltungen für Spenden wirbt und in ihrem Optikergeschäft in Eggenstein Produkte aus Burundi, so auch die in den Kinderheimen hergestellten Fußbälle, Körbe und Schmuck verkauft. Als wir dann nach den drei Wochen Burundi den Flieger nach Deutschland besteigen, reise ich etwas wehmütig ab, denn was ich in Deutschland vermissen werde, sind die Herzlichkeit, Offenheit und Nähe, die die Menschen in Burundi verströmen und weshalb man sich dort sofort gut integriert fühlt. Aber vielleicht reicht es ja einfach, dieses Gefühl mitzutragen und den Menschen in Deutschland zu vermitteln, dass es neben Karriere und Konsum auch noch andere Dinge gibt. Dinge, die mit Geld nicht zu kaufen sind.

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