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Literatur von hier IV

Achim Stößer
(Foto: pr)
Es gibt gute Science-Fiction Literatur aus Karlsruhe. Glauben Sie nicht? Achim Stößer beweist das Gegenteil. Der 1963 in Durmersheim geborene Schriftsteller verbindet wissenschaftlich-technische Visionen mit ethischem Denken und Handeln. Oder besser gesagt mit deren für ihn logischen Konsequenzen: Atheismus, Veganismus und Pazifismus. Für letztere Überzeugung kämpfte er vor Gericht gegen die Bundesrepublik. Als überzeugter Pazifist konnte er nämlich unmöglich zum Wehrdienst antreten, doch die Kriegsdienstverweigerung wurde ihm aberkannt. In seinem ganz und gar nicht untypischen Fall akzeptierte der Staat nur Religions-, nicht aber Gewissensbegründungen zur Verweigerung. Nach dem juristischen Sieg trat er während dem Informatikstudium in Karlsruhe zur "milderen Bestrafung", dem Zivildienst, an.

Dieses Erlebnis war auch der Stoff, aus dem seine erste Geschichte - "Aufarbeitungsprosa", um es in seinen Worten auszudrücken, entstand. Zum Glück blieb es nicht nur bei einer Geschichte, Stößer blickt seitdem auf zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften zurück. 1995 konnte er mit "Trug", erschienen bei der Fragmente-Reihe der Literarischen Gesellschaft, seine erste Einzelpublikation vorweisen. Dem folgten zwei Jahre später die Erzählungen "Virulente Wirklichkeiten" im dot-Verlag. Darüber hinaus leistet Stößer Aufklärungsarbeit, so unter anderem mit der Tierrechtsorganisation "Maqi" und diversen Abhandlungen und Websites zum Thema Atheismus und Antispeziesismus.

Erdpech, von Achim Stößer

Niklas kam zu sich mit einem äußerst merkwürdigen Gefühl. Was tat er hier? Wie war er hierher gekommen? Er verließ die Halle, ohne genau zu wissen, warum. Das Licht der Sommersonne blendete ihn. Als er sich umwandte, sah er den Eingang eines großen, würfelförmigen Gebäudes, dessen plumpes Äußeres raffiniert durch Glasfronten aufgebrochen war. ZKM, las er, Zentrum für Kunst- und Medientechnologie. Neben dem Eingang verkündeten Plakate: MultiMediale 2005. Er wusste, dass er die Medienkunstausstellung besucht hatte - doch seltsam, er konnte sich an kein einziges Exponat erinnern.

Irgendetwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung. Es war mehr als nur ein unbestimmtes Gefühl: Wie ein Traumtänzer ging er über einen Kiesweg inmitten üppiger Pflanzen. Überall zwischen den Häusern wuchs dichtes Grün, keine Spur von Asphaltstraßen, und auch die Architektur war verändert, ihre zum Teil beinahe organisch wirkenden Strukturen und auch scharfkantige geometrische Körper verschmolzen harmonisch mit der Vegetation, so wie die einzelnen Medusen einer Staatsqualle sich ineinander fügen.

An der Seite des Wegs stand eine schwarze Säule - ein öffentliches Terminal offenbar. Er trat darauf zu und rief ein Taxi. Hartnäckig bat das Terminal ihn, seinen Bestimmungsort anzugeben, um einen möglichst sparsamen Transport mehrerer Passagiere gewährleisten zu können, doch er wusste nicht, wohin er wollte. Nach einer Minute kam ein Taxi, ein ungewöhnliches Gefährt, wie es Niklas schien, das rad- und fahrerlos etwa eine Handbreit über den Pflanzen schwebte. Es war klein, bot nur Platz für eine Person. Die Solarzellen auf dem Dach mussten außerordentlich leistungsfähig sein, da sie ausreichten, es in der Luft zu halten, auch wenn ihrer Fläche noch einmal die gleiche durch eine Art Biberschwanz am Heck hinzugefügt wurde.

"Guten Tag, mein Herr. Wohin möchten Sie?" fragte das Taxi, als Niklas einstieg, da das Terminal ihm kein Ziel angegeben hatte. Immerhin war es in der Lage, Niklas' Geschlecht zu erkennen, was auf ein ausgereiftes Programm schließen ließ, dessen Fahrkünsten er sich bedenkenlos anvertrauen konnte.

"Einfach geradeaus", sagte er, nachdem er eingestiegen war. Das Taxi schwankte leicht, wie ein schweres Ruderboot.

"Aber wenn Sie mir die Adresse nennen", insistierte das Taxi, als es losgefahren war, "kann ich den optimalen Weg berechnen."

Langsam wurde es lästig. "Geradeaus", wiederholte Niklas schärfer, als es die Höflichkeit zumindest einem Menschen gegenüber geboten hätte. Sofort fühlte er sich unwohl, obwohl es nur eine Maschine war, mit der er sprach, und daher fügte er hinzu: "Ich weiß noch nicht, wohin."

Wohin er auch sah, überall waren die Leerräume zwischen den Häusern voller Pflanzen. Er erkannte zahlreiche Schattengewächse, denen die Nähe der hohen Gebäude nicht schadete: Farne, Eisenhut, Moschusrosen, Funkien, Schneeballbüsche, Wildkirschen und Brombeeren. Selbst Bäume gab es, Ebereschen und silbrigglänzende Rotbuchen vor allem, von denen einige, wenn sie hier gewachsen waren, lange vor Niklas' Geburt gepflanzt worden sein mussten.

Viele Gebäude waren durch Brücken, gläserne Röhren mit rechteckigem Querschnitt, verbunden. Auf den Kieswegen liefen Fußgänger, aber auch Fahrradfahrer waren zu sehen; dank breiter Reifen hatten auch sie auf dem Kies keine Schwierigkeiten. Ein großer Teil der Fahrräder war öffentlich, wie es schien, wenn auch die meisten anderen individuell gestaltet waren.

Von Zeit zu Zeit wies Niklas dem Taxi willkürlich die Richtung, und mit einemmal wusste er wieder, wo er sich befand. Vor sich sah er auf dem Rondellplatz den Obelisken. Er hielt sein Fahrzeug an. Die Straße - falls dieser Begriff noch angebracht war - auf der er sich befand, bildete die mittlere Rippe des Fächers, der den Grundriss der Stadt prägte. Hier gab es nahezu ausschließlich niedrige Pflanzen, so dass er fast freien Blick aufs Schloss im Zentrum des Fächers hatte. Verschiedene Denkmäler irgendwelcher Markgrafen und Großherzöge standen hier, die Grabpyramide des Stadtgründers Carl Wilhelm auf dem Marktplatz, der jetzt eher als Lichtung bezeichnet werden musste, eine Niklas unbekannte Stahlskulptur, die an eine Kreuzung zwischen einem Virus und einer Mondlandefähre erinnerte und schließlich die Markgräfliche Residenz selbst, deren blassgelber Farbton inmitten der Pflanzen nicht mehr ganz so abscheulich wirkte. Er fuhr darauf zu, bog dann an der Kaiserstraße rechts ab. Kaiserstraße! Ein Biotop, das war es. Wo früher Straßenbahnen gefahren waren, wand sich jetzt ein kleiner Bach. Niklas öffnete das Seitenfenster. Die kühle Luft roch würzig, Vögel zwitscherten und pickten an scharlachroten Ebereschenfrüchten, Insekten schwirrten, kleine Nager wieselten durch das Laub. Eine Biene flog an ihm vorbei, ihr Summen war weitaus lauter als das des Taximotors. Enten schwammen im Bach, ein Frosch sprang klatschend vom Ufer ins Wasser, Eichhörnchen huschten Baumstämme hinauf, eine winzige Haselmaus sah ihn aus Knopfaugen an.

Niklas bemerkte, dass die Vegetation sich in vier Stufen gliedern ließ. Auch wenn alles wild und natürlich wirkte, war es doch genau durchdacht. Zuunterst gab es Laub- und Lebermoose, dann folgten großblättrige Krautpflanzen, als nächstes Kletterpflanzen und Büsche und schließlich das Blätterdach der Bäume, das im sommerlichen Licht dunkle Schatten warf. Viele Häuser waren efeubewachsen, Waldreben rankten an Baumstämmen, wanden sich zwischen den Bäumen.

Bisher waren Niklas nur wenige Taxis begegnet, die meisten waren für vier bis zwölf Personen bestimmt und gewöhnlich voll besetzt. Er wies sein Taxi an, schneller zu fahren. Draußen: sattes Grün - den Chlorophyll hortenden Schattenpflanzen zwischen den Bauwerken war ein intensiverer Farbton eigen als etwa sonnenliebenden Gewächsen, doch es gab zahlreiche andere Farbflecken: Funkien in vielen Tönen, Sterndolden mit rosa oder weißen Blütenköpfen, violette Nesselglockenblumen. Geschickt wich das Fahrzeug Menschen, anderen Tieren und Bäumen ebenso aus wie zwei Meter hohen Silberkerzen, nur gelegentlich änderte es kaum merklich die Höhe.

Niklas fühlte sich wie ein Schlafwandler, der in einem bizarren, surrealistischen Land erwacht ist. Eine Sekunde lang wurde ihm blau vor Augen, dann sah er wieder die Stadt, doch völlig unbeweglich, wie ein Standbild - ein Lidschlag, dann schien die Halluzination vorüber. Nirgendwo gab es Verkehrsschilder, Werbeplakate, Neonreklame oder schreiende Aufschriften an den in Weiß und Braun gehaltenen Häusern. Maschinen, die wie tellergroße, spiegelnde Krabben aussahen, eilten zwischen den Pflanzen hin und her.

Am Berliner Platz mündete der Bach in einen kleinen See, auf dem Wasservögel schwammen, die sich in der leicht gekräuselten Oberfläche zitternd spiegelten, Enten hauptsächlich, aber Niklas entdeckte auch einige Schwäne. Die Tiere ließen sich durch das Taxi, das übers Wasser glitt, nicht im mindesten stören.

Wenige hundert Meter weiter sah Niklas etwas, das er wiedererkannte: ein Kino, das Atlantik, mit einem Filmtitel, wie er ihn erwartet hatte - Gier. Doch dann stutzte er, hieß das Taxi langsamer fahren. Er betrachtete die Plakate und bemerkte, dass es sich um einen fast hundert Jahre alten Stummfilm handelte, den er früher einmal auf Video gesehen hatte - mit doppelter Geschwindigkeit abgespielt, denn die Zwischentexte waren albern gesprochen, wobei natürlich der schreckliche deutsche Akzent der "Mommer" fehlte. Auch bei dieser Geschwindigkeit ging nichts außer der musikalischen Untermalung verloren, Handlung und Schrifttafeln liefen langsam genug ab, und er hatte sich gefragt, ob die Menschen der Jahrhundertwende wirklich so langsam wahrgenommen oder gedacht hatten.

Er fuhr weiter. Das Durlacher Tor, ursprünglich wirklich ein Stadttor, dann zur Straßenbahnhaltestelle degradiert, hatte sich in eine Blumenwiese verwandelt, hier und da aufgelockert durch einen Buchenhain - doch kurz dahinter, mitten auf der Durlacher Allee, begann ein weißer Nebel, wie eine Wand fast, doch ohne jeden Schatten, nur einige Zweige von Büschen und Bäumen ragten hinein.

"Anhalten!" rief Niklas, und das Fahrzeug stand still. "Was ist das?" fragte er.

Das Taxi antwortete: "Hier ist die Simulation zu Ende." Wieder wurde alles blau, eine konturlose, einheitliche Fläche. Niklas spürte, wie jemand ihm den Helm abnahm, was ihn irritierte, da er sich bis zu diesem Augenblick nicht klar darüber gewesen war, dass er einen Helm trug. Er saß auch nicht in einem Taxi, sondern lag auf einer bequem gepolsterten Bahre. Fünf weitere gab es, auf denen ebenfalls Menschen ruhten, bewegungslos, den Kopf in verkabelten Helmen.

Niklas setzte sich auf, und ihm wurde bewusst, wo er sich befand. Etwas abseits erkannte er Ralf Bühler, in ein Gespräch vertieft - sie nickten sich kurz grüßend zu. Ralf war Maler, doch seit Jahren der Medienkunst verschrieben. 1991 hatte er Weinbrenners Traum verwirklicht, eine architektonische Phantasie über die Stadt Karlsruhe - wenn auch nur als Computeranimation.

Niklas verließ das ZKM, trat endgültig von der künstlichen Realität zurück in die Wirklichkeit, nur zwei schweißfeuchte Druckstellen an seinen Schläfen blieben. Dicht an dicht standen die Autos in der Straße, und er wartete auf dem Bürgersteig, bis die Fußgängerampel auf Grün umsprang. Dann zwängte er sich zwischen zwei Wagen durch, deren Stoßstangen sich fast berührten. Er spürte die warmen Auspuffgase an den Beinen.

Kernige Marlboro-Cowboys jagten in Hubschraubern Pferde um die Werbefläche einer öffentlichen Toilette. Putz bröckelte von schmutzigen Hausfassaden. Außer einem staubigen Löwenzahn, der aus einer Bordsteinritze drängte, waren die einzigen Pflanzen, die Niklas sah, der Indische Hanf auf einem Plakat der CMA, das für die deutschen Cannabisbauern warb. Benzindämpfe und Abgase füllten die Straßenschlucht, Niklas atmete tief durch. Hier kannte er sich aus - endlich war er wieder zu Hause, in vertrauter Umgebung. Als er in sein Auto stieg, brach ihm in der treibhausheißen Luft darin der Schweiß aus. Er steckte die Magnetkarte ins Zündschloss, schaltete die Klimaanlage ein und wartete, bis das Lenkrad soweit abgekühlt war, dass er es anfassen konnte. Dann reihte er sich mit brüllendem Motor in den Stau ein.

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