9  

Karlsruhe "Liebes Bildung wir retten Dir!" - Studentenproteste weiten sich aus

Für die Verbesserung des Bildungssystems gingen am Dienstagvormittag Studenten und Schüler auf die Straße. Geschätzte 1.000 Demonstranten zogen vom Marktplatz über den Kronenplatz bis zum Stephansplatz. Höhepunkt des Protests ist bisher die Besetzung von zwei Hörsälen am KIT. Zu weitere Protesten kam es am heutigen "International students Day" unter anderem noch in Freiburg und in Ulm.

In Anbindung an die Proteste im restlichen Südwesten Deutschlands, gingen jetzt auch Karlsruher Betroffene demonstrieren. Doch bei der geplanten Demonstration blieb es nicht. Seit dem frühen Nachmittag wird der Carl Friedrich Benz- und der dazugehörige Gottlieb Daimler-Hörsaal der Universität Karlsruhe besetzt. Rund 300 Studierende wollen so ihre Solidarität mit den übrigen Studentenprotesten im Land verdeutlichen. Darüber hinaus nutzen die Studierenden die Räume nun um Arbeitsgruppen zu bilden, ihre Forderungen zu formulieren und die Organisation der Proteste zu regeln.

Forderungen der Demonstranten

Unter lauten Parolen wie "Ohne Bildung werd' ich Terrorist!" oder auch "Bildung für alle und zwar umsonst!" marschierten heute Schüler und Studenten durch Karlsruhe. Deutlich mehr als erwartet beteiligten sich an dem Demonstrations-Zug. "Circa 500 Demonstranten waren angekündigt," so der Einsatzleiter der Polizei Fritz Rüffel. Nach polizeilichen Zählungen zogen aber knapp 1.000 durch die Karlsruher Innenstadt.

Forderungen an die Politik gibt es viele: Die Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaft mit politischem Mandat, die Abschaffung der Bildungsgebühren vor allem der Studiengebühren, eine Neugestaltung des Bachelor- und Mastersystems sowie die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems sind einige davon.

Schüler und Studenten gemeinsam gegen das Bildungssystem

"Ich bin vor allem für die korrekte Umsetzung der Bologna-Reform", so der 21-jährige Noah Fleischer. Die 1999 beschlossenen Maßnahmen sollten das Studium europaweit vereinheitlichen. Größere Mobilität zwischen den Hochschulen innerhalb der EU sollten so gefördert und international vergleichbare Abschlüsse geschaffen werden. Aber das Gegenteil ist nach Auffassung des Studenten des Wirtschaftsingeneurwesens passiert. Zwar wurden die Bachelor- und Masterabschlüsse eingeführt, jedoch gleichzeitig so individuelle Studiengänge geschaffen, dass ein Hochschulwechsel oftmals nicht möglich ist. So wurde nach Fleischer "eine coole Idee, leider schlecht umgesetzt".

Besonders die Beschränkung der Masterstudienplätze ärgert die Pädagogik-Studentin Marie-Luise Miczka. Nur ungefähr ein Drittel der Bachelorstudenten habe überhaupt eine Chance, den weiterführenden Masterstudiengang zu absolvieren, so Miczka. Die Schülerin Verena Markus (19) hingegen setzt sich vor allem gegen die Studiengebühren und für kleinere Klassen ein. Dafür werde sie auch zukünftig, wenn nötig, die Schule schwänzen. Ihre Forderung: "Die Politiker müssen langsam mal wach werden!".

Auch Politiker melden sich zu Wort

Die Landtagsabgeordnete der Grünen, Renate Rastetter, kennt aus ihrer Studienzeit die Verfasste Studierendenschaft und beurteilt diese als "ganz wichtiges belebendes Instrument", das "unbedingt wieder hergestellt werden muss". Auch die Einstufung in Gymnasium, Realschule und Hauptschule nach der vierten Klasse interpretiert sie als "soziale Auslese". Viel zu früh werden die Kinder laut Rastetter nach ihrer Leistung beurteilt. Vor allem Migrantenkinder würden dadurch benachteiligt. Sie fordert "individuelle Förderung für alle".

Ähnliche Töne schlug auch der Landtagsabgeordnete Johannes Stober von der SPD an. Der Zugang zum Studium in Deutschland hänge noch immer "in ganz erheblichem Maße von der sozialen Herkunft ab". Schuld daran seien unter anderem die offenbar abschreckenden Studiengebühren, das dreigliedrige Schulsystem und die frühe Selektion nach der vierten Klasse. Deshalb empfiehlt der Landtagsabgeordnete: "Schafft endlich die Studiengebühren ab und verbessert wieder das BAföG, damit auch wirklich jeder Studi davon leben kann".

Die Proteste gehen weiter

Wenn die Demonstration "keine Früchte trägt", wird eben "halbjährlich demonstriert", so der Vorsitzende des Unabhängigen Studierendenausschusses (UstA), Sebastian Maisch, am Vormittag. Zwar bemerke man inzwischen erste Reaktionen der Politik auf die Unruhen, aber bisher werde "nur viel geredet". Das müsse sich ändern. Die heutige Demonstration sollte vor allem die Bevölkerung auf die Missstände aufmerksam machen. Dieses Ziel haben offenbar auch die Studenten, die seit dem Nachmittag zwei Säle der Universität Karlsruhe besetzen. Die Pressesprecherin der Hochschule, Elisabeth Zuber-Knost, zeigte sich nach eigenen Angaben bereits vor den Protesten "gesprächsbereit". Generell sei die Kommunikation zwischen Studierenden und der Hochschule immer sehr gut gewesen. Daran werde sich auch nach der heutigen Besetzung nichts ändern.

Doch auch auf bundesweiter Ebene gehen die Proteste weiter. Anlässlich der Kultusministerkonferenz (KMK) am 10. Dezember wollen mehrere Bildungsstreik-Bündnisse sowie Gewerkschaft- und Erwerbsloseninitiativen die Kultusminister an die Missstände im Bildungswesen erinnern. Unter dem Motto "Kultusminister nachsitzen" soll auf diese Weise die bundesweite Bildungsstreik-Bewegung unterstützt werden.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (9)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  • unbekannt
    (7 Beiträge)

    19.11.2009 09:48 Uhr
    falsch verstanden^^
    Nicht "Ohne Bildung werd ich Polizist", sondern "Ohne Bildung werd ich Terrorists".

    Und es ist mittlerweile so, dass die ehemaligen Besatzer zu offiziellen Nutzern der Hörsäle geworden sind.
    Laut Angaben aus den besetzten Hörsälen steht das Rektorat hinter den protestierenden Studenten und wird ihnen die weitere Nutzung ermöglichen, um die Fordungen auszuarbeiten, inhaltlich zu gestalten und weitere Gespräche mit Personen der Hochschulleitung zu führen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (7 Beiträge)

    18.11.2009 22:23 Uhr
    falsch verstanden^^
    Nicht "Ohne Bildung werd ich Polizist", sondern "Ohne Bildung werd ich Terrorists".

    Und es ist mittlerweile so, dass die ehemaligen Besatzer zu offiziellen Nutzern der Hörsäle geworden sind.
    Laut Angaben aus den besetzten Hörsälen steht das Rektorat hinter den protestierenden Studenten und wird ihnen die weitere Nutzung ermöglichen, um die Fordungen auszuarbeiten, inhaltlich zu gestalten und weitere Gespräche mit Personen der Hochschulleitung zu führen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   tok
    (7205 Beiträge)

    17.11.2009 20:12 Uhr
    nicht verwechseln
    Die Anliegen der Studenten sind das eine. Jene, die sich bei so Protesten in den Vordergrund drängen, was ganz anderes. Bei letzteren kann man öfter mal den Eindruck haben, dass sie ihr Studium im allgemeinen und solche Proteste im Besonderen als Verlängerung der Pubertät nutzen.

    Aber die sprechen nur laut und manchmal infantil aus, worunter im Moment tatsächlich viele und die Hochschulen als Ganzes leiden.

    Studenten soll man zum studieren bringen, nicht zum Jobben und auch nicht zum Auswendiglernen und schon garnicht dazu Experten im Auffinden des Weges des geringsten Widerstandes zu werden. Man sollte das Studium auch nicht so verkomplizieren (noch dazu durch Bürokratie statt fachliche Leistungsanforderung), dass anderes Engagement aufgegeben wird. Wenn alle Lebensläufe gleich aussehen und sich nur durch das Studienfach unterscheiden, ist keinem gedient.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (128 Beiträge)

    17.11.2009 20:42 Uhr
    @tok
    Völlige Übereinstimmung. Dass man hier unterscheiden muss ist klar und ich würde mich über eine sachliche Darstellung der Probleme (und deren Lösung) freuen. Das Studieren war noch nie leicht und muss heute nicht noch zusätzlich erschwert werden. Realistische und zeitgerecht erreichbare Studienziele wären ein Anfang.

    Jedoch gewinnt man mit diesen "guten Sprüchen" (Zitat) keine Zustimmung sondern wird von der Bevölkerung eher belächelt (oder wenn man scheinbar klatschend vor dem Computer sitzt und Parolen über Leute wiedergibt, welche das eigene Studium bezahlen).

    Es ist wie in vielen Bereichen... wirklich bemühte Studenten werden durch (sanft ausgedrückt) unwillige "Studenten" zusätzlich belastet. Hier sollte endlich eine Unterscheidung stattfinden und nicht nur der Ruf nach Vereinfachung/Geld. Reale Leistung sollte für reale Entlastungen sorgen... und nicht die Berufung auf den Sozialstaat.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   tok
    (7205 Beiträge)

    17.11.2009 20:12 Uhr
    dieser mein Post
    war als Antwort auf gordener gedacht.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (202 Beiträge)

    17.11.2009 18:40 Uhr
    du hast dich...
    ... in der website geirrt, hier ist nicht bild.de, wo "das gesunde Volksempfinden" (gibt es etwas schlimmeres?) seine grenzdebilen platitüden absondern kann.

    ich dachte schon, die studis wollten sich ewig gefallen lassen, für ein zu zahlendes studium durch so genannten "bachelor-studiengänge" gepeitscht und sämtlicher akademischer freiheiten beraubt zu werden. gut gemacht, gute sprüche, weiter machen und die bildungspolitischen reaktionäre, die hochschulen nur als oberschulen zur heranzüchtung stromlinienförmiger kretins für den bedarf der wirtschaft sehen, in die knie zwingen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (128 Beiträge)

    17.11.2009 17:18 Uhr
    "Tri - Tra - Trullala" ????
    Na, vielleicht sollten manche "Studierende" es doch nochmal im Kindergarten versuchen ?

    "Gute Bildung, schönes Leben, sollte es für jeden geben!". Klar, und das am besten geschenkt !!! Bloss nicht verlangen, dass man dafür auch noch was leisten sollte !!! Unsere armen Studenten !!!

    "Ohne Bildung - wird man Polizist!" ? Naja, die haben wenigstens einen Job und liegen der Gesellschaft nicht mit ihrer eigenen Faulheit auf der Tasche.

    Mann, wenn man sich da so ansieht, was heute hier in Deutschland studiert, verwundert es gar nicht, dass dieses Land auf den Abgrund zurast.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (415 Beiträge)

    17.11.2009 16:36 Uhr
    Weitere Parolen
    Weitere Parolen waren:

    Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!

    Ich bin hier und ich schrei rum, bei eurer Bildung bleib ich dumm!

    Jedermann und jedefrau - gemeinsam gegen Bildungsklau!

    Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum - wer nicht zahlt bleibt dumm!

    Elitenbildung ha ha ha - Bildung ist für alle da!

    In der Rüstung seid ihr fix, für die Bildung tut ihr nix!

    Bildungsklau im ganzen Land - unsre Antwort: Widerstand!

    Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen den Sozialabbau im Land!

    Was wir wollen ist nicht vel - Selbstbestimmung ist das Ziel!

    Hu-Hu-Humankapital!

    Lehrernot und Bildungsklau: unsre Antwort heißt Radau!

    Ohne Bildung - wird man Polizist!

    Reiche studieren - Arme krepieren!

    Studiengebühren verschließen Bildungstüren!

    Tri - Tra - Trullala, Bildungs ist für alle da!

    Gute Bildung, schönes Leben, sollte es für jeden geben!

    Für Mitbestimmung kämpfen wir, darum sind wir heute hier!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   tok
    (7205 Beiträge)

    17.11.2009 16:02 Uhr
    hehe
    Eine größere Watsche als der Satz "Ich bin vor allem für die korrekte Umsetzung der Bologna-Reform" aus dem Munde eines 21jährigen Studenten, könnte es für die ausführenden Politiker und Beamten kaum geben.

    Man müsste die Bulmahn immer wieder einstellen, damit sie immer wieder zurücktreten kann. Einmal reicht eigentlich nicht.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.