Karlsruhe Kurt Kramer: Glockensachverständiger

Sie nennen ihn ehrfurchtsvoll den "Glockenpapst" oder liebevoll "Monsieur Bimbam". Der Karlsruher Kurt Kramer ist Glockensachverständiger und zählt weltweit zu den führenden Experten auf diesem Gebiet. Seit vielen Jahren setzt er sich international für die Bewahrung von Glocken als einem wichtigen Kulturgut ein und forscht weltweit nach künstlerischen Darstellungen der Klangkörper in der Bildenden und Gestaltenden Kunst, in der Musik und der Literatur. Von den Ehrentiteln, die ihm die Fachwelt und die Medien verpasst haben, gefällt Kramer die Bezeichnung "Monsieur Bimbam" besser als "Glockenpapst". Es gibt da nämlich einen Unterschied zwischen ihm und seinem heiligen Kollegen in Rom. "Ich bin fehlbar", gesteht er schmunzelnd ein.

Kurt Kramer wurde 1943 in Karlsruhe geboren und studierte dort Architektur und Musik. Danach war er einige Zeit als Architekt tätig, wurde jedoch schon bald gefragt, ob er sich nicht um Glocken kümmern wolle. Seit diesem Zeitpunkt gab es für ihn kein Halten mehr. "Ich war vom ersten Tag an fasziniert", erzählt er mit strahlenden Augen. Die Badische Landesbibliothek entwickelte sich fortan zu seinem zweiten Zuhause, hier holte er sich alles, was das Sortiment zum Thema Glocken hergab. Mittlerweile ist Kramer Glockensachverständiger des Erzbistums Freiburg und damit für die mehr als 6.000 Glocken der Erzdiözese zuständig. Die berühmteste unter ihnen ist die "Hosanna" des Freiburger Münsters aus dem Jahr 1258. Diese zählt Kramer zu seinen Lieblingsglocken, zusammen mit der Erfurter "Gloriosa" und "Emanuelle" in der Kathedrale Notre Dame in Paris.

Als Kramer vor vielen Jahren seine Faszination für die läutenden Klangkörper fand, war das Interesse an diesem Thema eher gering. "Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Menschen zurecht mit anderen Dingen Sorgen", meint er. Die ersten Vorträge, die er hielt, wurden denn auch nur von zehn bis zwölf Leuten besucht. Heute sieht die Sache aber ganz anders aus. "Die Lage hat sich verbessert", freut sich der Experte. Mittlerweile begrüßt er bei seinen Veranstaltungen zahlreiche Gäste, die aus allen Gesellschaftsschichten kommen. Kinder und Jugendliche sind ihm dabei sehr wichtig. "Das sind die Ansprechpartner für die Zukunft", sagt Kramer, der auch immer wieder Schulen aufsucht.

Ganz besonders liegt ihm deshalb sein Buch "Von Glocken den Kindern erzählt" am Herzen, ein Werk, das, wie der Titel schon deutlich macht, für die Kleinen gedacht ist und ihnen die Entstehung der zum Teil riesigen Klangkörper verdeutlicht. Kramers neuestes Buch "Die Glocke" richtet sich dagegen an ein älteres Publikum und liefert einen kulturgeschichtlichen Überblick zum Thema. Auf zahlreichen Reisen entstanden außerdem CDs mit den Klängen der berühmtesten Glocken Europas. Seit vielen Jahren sammelt der Sachverständige Glockentöne auf Ton- und Bildträgern. Für seine Leidenschaft scheint ihm kein Weg zu weit oder zu anstrengend - so reiste er in der Vergangenheit auch "mit Stasibegleitung durch die DDR", erzählt er.

Nicht nur die Glocken selbst interessieren Kramer, sondern alles, was in irgendeiner Form mit ihnen zu tun hat. Egal ob Bildende und Gestaltende Kunst, Literatur oder Musik - das Thema Glocken lässt sich von vielen Seiten behandeln. Auf Kramers Computer finden sich deshalb zahlreiche Musikstücke von Künstlern wie Pink Floyd, Lionel Hampton, Edith Piaf, Bob Dylan oder Vertretern der Klassik, die alle bereits dem läutenden Instrument huldigten. Dabei engt der Sachverständige seinen Blick nicht ein. "Für mich ist der ganze Künstler interessant. Ich muss sein Werk kennen, um die Verbindung mit den Glocken richtig einordnen zu können", erklärt er. So hat Kramer zum Beispiel auch "I'm Not There", den neuen Film über die Folk- und Rockmusiklegende Bob Dylan, im Kino gesehen. Den Film "La Vie En Rose" über Edith Piaf konnte er dagegen noch nicht in Augenschein nehmen. "Ich hatte leider zu viel zu tun", bedauert er. Die Arbeit als Glockensachverständiger ist nun einmal zeitaufwändig.

Kramers Lieblingsgedicht über Glocken ist Erich Kästners "Wenn Im Turm Die Glocken Läuten". Und wie sieht es mit dem unverwüstlichen Klassiker "Die Glocke" von Friedrich Schiller aus? "Niemand soll dieses Gedicht auswendig lernen müssen, damit hatte ich in der Schule selbst meine liebe Not", grinst Kramer. "Mir gefällt, dass Schiller darin Zeitgeschichte behandelt und einen tiefen Einblick in seine Gefühlswelt gewährt, nicht das Gedicht an sich." Und was macht er als weit gereister Mann mit einer abwechslungsreichen Arbeit am liebsten? "Am liebsten bin ich in den Türmen bei den Glocken", sagt er. Ganz nah dran an seiner großen Leidenschaft.

Beschreiben Sie sich mit drei Worten:
Ruhig, gelassen, kreativ.

Was ist Ihre größte Stärke?
Ausdauer.

Was ist Ihre größte Schwäche?
Ungeduld.

Was war als Kind oder Jugendlicher Ihr Traumberuf? Haben Sie damals jemals daran gedacht, das zu werden, was Sie heute sind?
Bäcker, ich bewunderte meinen Opa, er war Bäcker. Meinen jetzigen Beruf konnte ich mir nicht vorstellen. Glocken hingen irgendwie weit weg, obwohl ich sie als Ministrant läuten durfte.

Was würden Sie im Leben gerne noch erreichen?
Wenn ich an meine Kindheit und Jugend zurückdenke, habe ich mehr erreicht, als ich damals zu hoffen wagte. Alles was jetzt noch kommt, ist willkommene Zugabe.

Was nervt Ihre/n Partner/in am meisten an Ihnen?
Ungeduld.

Auf welchen Gegenstand möchten Sie im Leben nicht verzichten?
Auf die Stereoanlage, weil ich Musik jeder Art zu jeder Zeit gerne höre.

Wen würden Sie gerne auf den Mond schießen?
Weiß ich nicht. Ich weiß nur, wer mich gerne auf den Mond schießen würde.

Welcher Mensch beeindruckt Sie?
Martin Luther King, der Name spricht für sich.

Welche Musik (Interpret und Titel) und welcher Film haben Sie am meisten beeindruckt?
Bei der klassischen Musik sind es Händel und Mozart, in der Unterhaltungsmusik vor allem Bob Dylan und seine Chimes of Freedom. Von den Filmen hat mich "Der englische Patient" am meisten beeindruckt.

Welches Buch haben Sie als letztes gelesen?
Jesus von Nazareth von Papst Benedikt XVI.

Sie werden als Tier geboren. Als welches?
Rotkehlchen.

Sie tauschen einen Tag mit einer Person des anderen Geschlechts - wer wäre das?
Mit wem ich tauschen wollte, weiß ich nicht. Aber die Welt für einen Tag mit anderen Augen sehen, wäre sicher für uns Männer hilfreich.

Was finden Sie an Karlsruhe reizvoll?
Karlsruhe hat einen einmaligen historischen Stadtgrundriss und eine Kulturlandschaft, die im Verhältnis zur Größe der Stadt ihresgleichen in Europa sucht.

Was würden Sie an Karlsruhe ändern, wenn Sie Oberbürgermeister/in wären?
Ich würde aus Karlsruhe - auch nach außen noch mehr sichtbar - eine bedeutende Kulturstadt Europas machen. Die Voraussetzungen sind in Fülle da. Vielleicht wissen es nur noch zu wenige.

Welches sind die markantesten Karlsruher / deutschen Köpfe?
Carl Friedrich Nebenius, er hat im Jahre 1818 maßgeblich an der badischen Verfassung mitgearbeitet, der liberalsten Verfassung Deutschlands. Der von den Nazis ermordete Reinhold Frank und Toni Menzinger.

Sie leben in einem anderen Land. Welcher Grund könnte Sie dazu bewegen beziehungsweise davon abhalten, nach Deutschland einzuwandern?
Ich liebe mein Heimatland. Nur von der Côte d'Azur würde ich vielleicht nicht hier her ziehen.

Es geht um das Glück der Republik. Welche Person, Gruppierung oder Idee sollte mehr Einfluss gewinnen?
Christlich liberal geprägte Menschen mit viel Sinn für Kunst und Kultur.

Wie und wo möchten Sie sterben?
Wie am Anfang meines Lebens so auch am Ende. In Würde im Kreise meiner Familie.

Kommen Sie in den Himmel oder in die Hölle?
Kardinal Newman stellte einmal fest: "Wenn ich einmal in den Himmel komme, werde ich mich darüber wundern, wen ich dort alles antreffen werde. Aber vermutlich noch viel mehr", so ergänzte er, "wen ich dort nicht antreffe." Als gläubiger Mensch hoffe ich auf den Himmel.

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