Klasse statt Masse ist Rasse

Von Inge Haberkamm

Der Hund als treuer Freund der Menschen steht auf der Beliebtheitsskala der Haustiere ganz weit oben. Das fördert allerdings auch einen Markt, der oft nicht das Wohl des Tieres, sondern nur die schnell verdiente Mark sieht. Ein Rassehund kostet eine nicht unbedeutende Summe und Massenvermehrer verdienen sich goldene Nasen. Der Begriff "Züchter" ist nicht gesetzlich geschützt und was einen erwartet, der nicht "tierisch" aufpasst, musste ich selbst erfahren.

Vor fast genau einem Jahr ging mein Kindheitstraum in Erfüllung: Unsere Familie vergrößerte sich um ein Haustier - einen Hund. Nachdem die Entscheidung gefällt war, kamen wir ins Grübeln. Ein Hund vom Tierheim? Fiel aus, denn wir wollten einen etwas größeren Hund. Da erschien uns das Aufziehen eines Welpen sinnvoller - wegen unserer schulpflichtigen Kinder, die dann das Knäuel heranwachsen sehen. Nur welche Rasse sollte es dann sein? Wir besorgten uns ein Buch über Hunderassen aus der Bibliothek und da war der Favorit schnell gefunden: ein Golden Retriever sollte es sein.

Per Zufall entdeckten wir ein Inserat in einer Wochenzeitung, in dem Golden Retriever Welpen angeboten wurden - und welch Glück, ganz in der Nähe von Karlsruhe. Nach einem kurzen Telefonat durften wir die Welpen besichtigen. Die Züchterin war sehr nett, ihr Haus war sauber, die Welpen, die mit ihrer Mutter in einem separaten Anbau lebten, waren natürlich total niedlich. Sofort machten wir den Kaufvertrag perfekt und einige Wochen später holten wir unseren Welpen zu uns.

Der Verband des Züchters spielt eine große Rolle

Um nur möglichst alles richtig zu machen, deckte ich mich mit Büchern über Golden Retriever und die Aufzucht und Erziehung dieser Rasse ein. In nahezu jedem Buch war ein kleiner Leitfaden, was bei der Auswahl des Züchters zu beachten sei: Dieser solle Mitglied im FCI (Federation Cynologique Internationale) und dem deutschen Pendant VDH (Verband für das deutsche Hundewesen) sein. Für den Golden Retriever gäbe es darüber hinaus zwei spezielle Verbände: den GRC (Golden Retriever Club) und DRC (Deutscher Retriever Club). Auch wurde auf die Internetseiten dieser Verbände hingewiesen.

Drei Wochen nachdem unser Welpe bei uns eingezogen war, erhielten wir auch endlich die Papiere des Kleinen. Aber, oh Wunder, der vielgepriesene Verband der Züchterin war weder der GRC, noch der DRC, auch der Hinweis auf VDH oder FCI fehlten. Unser Hund wird im IRJGV (Internationaler Rasse-, Jagd- und Gebrauchshundeverband) geführt. Meine Telefonate mit den Zuchtwarten des GRC und DRC ergaben, dass der Begriff des Züchters in keiner Weise geschützt ist. Jeder, dessen Hündin Junge wirft, kann sich theoretisch Züchter nennen. Die Zuchtwarte klärten mich auf, dass diejenigen, denen die Auflagen des VDH und die teils noch strengeren Auflagen des DRC und GRC zuviel seien, sich in den sogenannten "Dissidenzverbänden", wie dem IRJGV sammelten, um ihre Tiere mit "Papieren" verkaufen zu können.

Lug und Trug wird Tür und Tor geöffnet

Ich machte mich mit den Zuchtauflagen des GRC und DRC vertraut und verglich sie mit denen des IRJGV. Kein Wunder, dass sich viele Züchter scheuen, denn die Auflagen sind mannigfaltig - und kosten den Züchter sicher auch eine ganz gehörige Stange Geld. Den Zuchthündinnen und Deckrüden müssen durch unabhängige Gutachter der Verbände die Zuchttauglichkeit bescheinigt werden. Nur in Ausnahmefällen deckt ein Rüde eine Hündin ein zweites Mal, daher gehören Rüde und Hündin äußerst selten dem selben Züchter.

Auch müssen die Welpen von einem Zuchtwart des Verbandes begutachtet werden und die sogenannte "Wurfabnahme" wird schriftlich festgehalten. Neugierig geworden rief ich beim Zuchtbuchamt des IRJGV an. Dort erfuhr ich, dass der Tierarzt unserer Züchterin die Zuchttauglichkeit der Hundemutter bescheinigt und auch die Wurfabnahme der Welpen durchgeführt habe. Für den Vater unseres Welpen sei unsere Züchterin als Halterin eingetragen.

Beim Welpenkauf so richtig reingefallen

Nachdem dann auch noch bei unserem Welpen mit einem halben Jahr eine schwere Hüftdysplasie (HD) - eine vererbbare Krankheit, bei der die Hüfte des Hundes Missbildungen aufweist - festgestellt wurde, machte ich mich auf die Suche nach weiteren Hunden dieser Zucht. Ich fand sieben weitere Golden Retriever im Alter von fünf bis ein Jahr. Alle hatten denselben Vater, vier weitere haben ebenfalls HD. Bei meiner Suche stieß ich auch auf etliche Labrador-Besitzer, deren Hunde ebenfalls aus dieser Zucht stammen. Viele davon hatten gesundheitliche Beschwerden. Zu guter Letzt wurde ich auf eine polizeiliche Aktion aufmerksam, die vor Jahren über 50 kranke Welpen - zum Teil ganze Würfe - dieses Zwingers ausfindig gemacht hatte. Leider wurde damals das Verfahren eingestellt, da der Hauptbelastungszeuge seine Aussage zurückzog. Und da es zu keiner Anklage kam, wurden die Akten vernichtet.

Mittlerweile ist unser Hund operiert, damit er laufen, springen und spielen kann. Seine Züchterin hat einer Kaufpreisminderung zugestimmt - allerdings erst kurz vor dem gerichtlichen Termin. Somit sind zumindest die Operationskosten abgedeckt. Auch der Begriff des "Rassehundes" ist nicht gesetzlich geschützt. Darum werde ich mir den Züchter sehr, sehr genau anschauen, wenn ich mir in ferner Zukunft wieder einen Hund kaufe.

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