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Philippsburg "Tschüss, Wolkenmacher!": So haben Schaulustige die Sprengung der Kühltürme in Philippsburg erlebt

Über vierzig Jahre lang waren sie das inoffizielle Wahrzeichen der Region - seit Donnerstagvormittag sind die Kühltürme des AKW Philippsburg Geschichte. Innerhalb weniger Sekunden wurden sie in einer Sprengung dem Erdboden gleich gemacht - ein Spektakel, dass sich viele Bürger trotz vorheriger Geheimhaltung des Spreng-Zeitpunktes und der Corona-Kontaktsperre nicht entgehen ließen. ka-news.de hat mit den Menschen vor Ort über den Fall der symbolträchtigen Landmarken gesprochen.

Nach über 40 Jahren Betrieb wurden die symbolträchtigen - für manche Menschen lieb gewonnenen - Kühltürme des AKW Philippsburg am Donnerstag, 14. Mai, unter Ausschluss der Öffentlichkeit gesprengt. Wegen der Corona-Krise hat der Kraftwerksbetreiber EnBW den genauen Zeitpunkt des Schauspiels, das voraussichtlich Zehntausende von Zuschauern angezogen hätte, geheim gehalten und das Gelände rund um die Rheinschanzinsel zuvor großräumig abgesperrt.

Ein letzter Blick auf "Max und Moritz"

"Wir haben Jahrzehnte mit dem Kraftwerk vor unserer Haustüre gelebt, und jetzt gönnt man uns nicht einmal dieses Spektakel", hat eine enttäuschte Besuchergruppe aus der Region wenige Tage vor der Sprengung der beiden Kühltürme in Philippsburg verkündet.

Bild: Hans-Joachim Of

Innerhalb weniger Sekunden war dann das - bereits wochenlang in der Region diskutierte - monumentale Ereignis auch schon wieder vorbei. Ein akustisches Signal hat den Zeitpunkt der Sprengung - genau 6.05 Uhr am Morgen - markiert, Donnergrollen und Staubwolke folgten. Dann war Ruhe.

Trotz der frühen - und eigentlich geheimen - Uhrzeit gibt es zahlreiche Menschen, die das Spektakel aus der Ferne beobachten und ihre Eindrücke im Netz kundtun. Die Meinungen schwanken dabei zwischen Nostalgie und Feierstimmung. Bereits Tage zuvor waren zahlreiche Hobbyfotografen und "Kühlturmgucker" nach Philippsburg aufgebrochen, um "ein letztes Mal" ein Bild oder Selfie zu schießen oder einfach einen Blick auf die Zwillinge - junge Besucher nannten sie sogar "Max und Moritz" - zu werfen.

Zahlreiche Fototouristen vor Ort

"Ein bisschen traurig bin ich schon", sagt Tanja Schweikert aus Waghäusel via Facebook. Für die begeisterte Motorradfahrerin waren die 152 Meter hohen Türme bei den Touren immer wieder Orientierungspunkte aus der Ferne. "Tschüss Wolkenmacher, nun liegst du in Schutt und Asche und wir finden nicht mehr nach Hause", meint sie lachend.

Klara Albrecht aus Philippsburg hat von ihren "Lieblingen" im Laufe der Jahre über 1.000 Bilder geknipst und ist natürlich auch bei der Abschiedstour als Fototouristin vor Ort - auch wenn ihr ein Schnappschuss bei der Explosion nicht vergönnt war.

Volker Konrad war zwei Tage zuvor sogar an seinem Geburtstag mit dem Motorroller aus dem rund 25 Minuten entfernten Östringen angereist - "für ein Abschiedsbild", wie er ka-news.de erzählt. Der 58-Jährige, der bei der Stadt beschäftigt ist, findet die Sprengung selbst überflüssig und bedauerlich. "Die Energiewende wurde bei uns viel zu schnell und ohne Not angegangen".

Bild: EnBW

"Ein wirtschaftliches Verbrechen"

Karsten Kraus aus Plankstadt arbeitet beim dm-Verteilerzentrum in Waghäusel und will den Moment "kurz vor Ultimo" mit seinem Handy festhalten. "Ich sah die Türme jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit, nun fehlen sie im Erscheinungsbild Philippsburgs". Man hätte das Kraftwerk noch länger betreiben können, denn nun komme der Atomstrom aus Frankreich, argumentiert er.

Bild: Hans-Joachim Of

Karl-Heinz Killian aus Philippsburg ist sogar richtig wütend, nachdem er am Mittwoch mit dem Fahrrad noch eine "letzte Kühlturmrunde" gedreht hat. Der gelernte Industriekaufmann ist nach eigenem Bekunden ein strikter Gegner des Abriss-Spektakels sowie des Atomausstiegs während der Amtszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Ein wirtschaftliches Verbrechen", so sein Kommentar.

"Die Türme werden mir fehlen"

Während einige wenige Menschen vor Ort oder in den sozialen Medien "Mir egal" oder "Gut so" posten, ist Sabine Schreier, Malerin aus Leidenschaft, traurig über das Verschwinden der Kolosse aus Stahlbeton: "Seit meiner Kindheit gehörten sie zum Landschaftsbild und ich genoss den weiten Blick in die Rheinebene. Zu jeder Tages- und Jahreszeit, in jedem Licht. Die Türme werden mir fehlen."

Bild: EnBW

Auch Josef aus dem österreichischen Kärnten, der in Karlsruhe arbeitet, hat den Fotoapparat gezückt, wollte unter der Woche nochmals einen Blick auf die Skyline werfen. "Was ich von der Sprengung halte? Schwachsinn", meinte er gegenüber ka-news.de und schiebt nach: "Deutschland hatte die beste Technologie und die sichersten Kraftwerke. Jetzt macht man sich von ausländischen Energieträgern abgängig."

"Fragen Sie mich nicht, was ich davon halte, sonst bekomme ich Magenschmerzen"

Nachdem wenige Stunden nach der Sprengung das Gelände rund um den Kraftwerkszaun schon wieder zugänglich ist, begutachten zwei Männer aus Ludwigshafen den "Schrotthaufen aus Stahlbeton". "Fragen Sie mich nicht, was ich davon halte, sonst bekomme ich Magenschmerzen", sagt einer der beiden und lässt ebenfalls keinen Zweifel daran, dass er diese Maßnahme nicht gut findet.

Bild: Hans-Joachim Of

Mit dem Blick auf die regionale Wirtschaft kann die Sprengung auch eine Frau aus dem Philippsburger Stadtteil Huttenheim nicht gutheißen: "Erst verschwindet 2007 die Bundeswehr aus Philippsburg, dann der Reifenhersteller Goodyear und jetzt das auch noch das Kraftwerk - gute Nacht!"

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  •   Freigeist1
    (1224 Beiträge)

    18.05.2020 12:36 Uhr
    Habe noch nie
    verstanden, warum Hochspannungsleitungen oder gar Atomkraftwerke "schön" fürs Landschaftsbild sein sollen, aber jedes Windrad "böse - übel - häßlich".
    Komisch: bei mir ist es genau anders herum.
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  •   Weichei
    (699 Beiträge)

    17.05.2020 00:58 Uhr
    Ich bin kein Atomstrom Freund
    Jedoch hoffe ich fuer Euch, dass diese Handlung nicht in Zukunft bereut wird. Weshalb nicht einmotten und in ein paar Jahren wenn alle Zukunftsplaene verwirklicht wurden, dann abreisen.
    Nun nicht weit weg sind ja noch einige dieser Werke. Sie sind zwar in einem wesentlich schlechteren Zustand als Philippsburg war, aber wie gesagt so ist es halt.
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  •   Freigeist1
    (1224 Beiträge)

    17.05.2020 12:29 Uhr
    Ja, Werke in schlechtem Zustand
    sollten dringen aufgerüstet oder abgeschaltet werden. Dafür setzen sich viele Menschen ein, Sie auch? Statt teuer "einmotten" (ein AKW ist kein Bauernschrank; wollen Sie die Mitarbeiter etwa auch "einmotten") sollten wir alle Gelder und Energien in Erneuerbare sowie bessere Energieeffizienz stecken.
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  •   Iglaubsnet
    (775 Beiträge)

    17.05.2020 20:15 Uhr
    Die Kühltürme
    wären auch bei einem vollkommen neuen KKW brauchbar gewesen.
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  •   Freigeist1
    (1224 Beiträge)

    17.05.2020 21:16 Uhr
    S'is aber
    doch keins (mehr) da. Wo solls denn herkommen... zwinkern

    Wenn Sie ein solches Projekt - gegen den Widerstand fast aller Bürger - anstoßen wollen - viel Spaß?
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  •   Freigeist1
    (1224 Beiträge)

    16.05.2020 12:08 Uhr
    Die Super-GAU-Gefahr
    wird mir nicht fehlen. Atomenergie war in Deutschland seit mind. 40 Jahren nie mehrheitsfähig. Die Fans sollten sich bitte bei der Frage nach der Endlager-Standortsuche selbst verwirklichen and dort die Anwohner von den Vorteilen dieser Energieform begeistern zwinkern
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  •   Iglaubsnet
    (775 Beiträge)

    16.05.2020 20:41 Uhr
    Welche
    Supergau Gefahr?
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  •   Freigeist1
    (1224 Beiträge)

    16.05.2020 21:34 Uhr
    Na die, die an allen Standorten
    ausgeblendet wurde und wird, aber an zwei dann doch zur Realität wurde, sind Ihnen die Namen der Katastrophen-Standorte etwa "entfallen" zwinkern

    Stichwort: Unversicherbarkeit von Atomkraftwerken. Warum bitte sollte denn etwas so sicheres von keiner Versicherung versichert werden wollen? Sie sind ja mal gutgläubig...
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  •   jojo
    (709 Beiträge)

    17.05.2020 14:38 Uhr
    Stimmt nicht
    Die sind versichert in Deutschland.
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  •   Freigeist1
    (1224 Beiträge)

    17.05.2020 21:20 Uhr
    So isses in echt:
    https://www.manager-magazin.de/finanzen/versicherungen/a-761954.html
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