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Stuttgart "Sprachpolizei" nervt: Kretschmann gegen Vorschriften für Gendersprache

"Schluss mit dem Gender-Unfug", fordert der Verein Deutsche Sprache. "Lehrer*innen", "Schüler_innen", "Radfahrende": solche Formen verhunzten das Deutsche. Zeugt der Protest von einem reaktionären Weltbild? Auch ein prominenter Grüner sieht die Gendersprache kritisch.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will sich den Mund nicht von "Sprachpolizisten" verbieten lassen. Auch wenn viele Behörden, Hochschulen und Organisationen längst verbindliche Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache entwickelt haben: Den Trend zu sprachlicher und politischer Korrektheit beobachtet der Regierungschef mit großer Skepsis - und er warnt vor einem "Tugendterror" im Umgang mit der Geschichte.

Niemanden verletzen

"Natürlich müssen wir darauf achten, dass wir in unserer Sprache niemanden verletzen, und Sprache formt unser Denken ein Stück weit", sagte Kretschmann der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. "Aber jeder soll noch so reden können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Von diesem ganzen überspannten Sprachgehabe halte ich nichts."

Der Grünen-Politiker räumte ein, dass es ihm nicht leichtfalle, stets auch die weibliche Form zu nennen, wenn er etwa von Zuschauern und Zuschauerinnen spreche oder von Polizisten und Polizistinnen. "Mit der Verwechslung von Genus und Sexus kann ich gar nichts anfangen, beuge mich aber zu einem gewissen Grad diesem Trend."

Leitfäden empfehlen geschlechtergerechte Sprache

Genus bezeichnet das grammatische Geschlecht, Sexus das biologische. Viele Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache empfehlen, grammatisch männliche Formen wie "Lehrer" nur noch für auch biologisch männliche Lehrer zu verwenden.

Unbeugsam zeigt sich Kretschmann im Umgang mit historischen Vorbildern. An seiner Lieblingsphilosophin hält er fest, obwohl sie unter Rassismusverdacht geraten ist. "Hannah Arendt war das nackte Gegenteil einer Rassistin", betonte er. "Die Verschiedenheit von Menschen ist sozusagen das Grundlagenprogramm ihrer politischen Philosophie. Ob sie da jetzt irgendwelche Vorurteile hatte, die man zu ihrer Zeit über Afrikaner hatte, ist eine ganz andere Frage."

Wollen sich Unternehmen diskriminierungsfrei aufstellen, spielen auch die räumliche Gestaltung von Umkleiden und Toiletten eine Rolle.
Wollen sich Unternehmen diskriminierungsfrei aufstellen, spielen auch die räumliche Gestaltung von Umkleiden und Toiletten eine Rolle. | Bild: Peter Steffen/dpa/dpa-tmn

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz im Mai in den USA hat die Rassismusdebatte auch das Werk von Hannah Arendt (1906-1975) erfasst. Denn die Publizistin behauptete, dass Afroamerikaner selbst mitschuldig seien am Rassismus.

Kretschmann warnte vor einem Sturm gegen Denkmäler: "Ich bin ein ganz strikter Gegner von diesem Jakobinismus. Wir können die Geschichte nicht rückwärts bereinigen." Selbst der große Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) sei zum Beispiel in seinem Frauenbild zu sehr ein Kind seiner Zeit gewesen. "Das sollten wir diesen großen Geistern nicht zum Vorwurf machen. Das finde ich unsinnig und arrogant. Wir wissen seit der Französischen Revolution, wohin der Tugendterror führt - zu nichts Gutem."

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Kommentare (39)
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  •   patrickkk
    (1630 Beiträge)

    03.08.2020 17:18 Uhr
    ...
    Dann soll er mal an die KA-News Redaktion schreiben.

    Mein Beitrag wurde gelöscht weil ich unseren Quassler "zu Alt" nannte.
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  •   SunCityKA
    (51 Beiträge)

    03.08.2020 10:59 Uhr
    Ein Land ohne Sorgen ...
    .... muss das sein, in dem man/frau sich über Gender*innen-Sterne-Amtsverordnungen Sorgen machen kann. Jede Mitglieder*Innen-Zeitschrift oder Newsletter*In zerhackt die Sprache und vergällt einem das Lesen. Bei mir als beitragszahlendem Mitglied von 3 Institutionen/Vereinen in KA, landen deren genderbesternte Publikationen mittlerweile sofort im Müll - ich mag's einfach so nicht lesen. Damit man ja nichts falsch macht, "doppelmoppel" ich nun alles z. B. "MitgliedernDE*Innen", natürlich mit einem Augenzwinkern zwinkern Man könnte ja auch bei allen Wörtern mit männlichem Artikel umstellen, z. B. "die Flughäfin" oder "das Flughafende" zwinkern
    Im Ernst (oder "in der Ernestine"?): Wie wär's einfach ab und an z. B. "Liebe Kundinnen und Kunden" zu sagen und zu schreiben???? Dann spart man sich dieses dämliche, unnatürliche Sternkonstrukt.
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  •   Weichei
    (738 Beiträge)

    03.08.2020 09:37 Uhr
    Woher kommen eigentlich die Bezeichnungen,
    herrlich und daemlich? Diese Begriffe muessen dringend beseitigt werden.
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  •   jmiles
    (126 Beiträge)

    03.08.2020 14:56 Uhr
    Herkünfter*innen
    herrlich: Eine Ableitungen von hēr, einem alten deutschen Adjektiv mit den Bedeutungen ‚alt‘ und ‚ehrwürdig‘
    dämlich: Aus dem niederdeutschen Verb dämelen „nicht ganz bei Sinnen sein“ aus dem 16. Jahrhundert
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  •   Rundbau-Gespenst
    (11989 Beiträge)

    03.08.2020 10:46 Uhr
    wie sollte Heiko Herrlich
    dann heißen?

    "Heiko Toll" wäre ja auch verfänglich...

    grinsen
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  •   Weichei
    (738 Beiträge)

    03.08.2020 14:50 Uhr
    Keine Ahnung
    Einfach weg mit Herr und mit Kerl ersetzen.
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  •   kritiker_2014
    (502 Beiträge)

    02.08.2020 15:31 Uhr
    "Schluss mit dem Gender-Unfug", fordert der Verein Deutsche Sprache
    Dem kann ich nur voll umfänglich zustimmen.
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  •   Malaika
    (253 Beiträge)

    03.08.2020 08:36 Uhr
    Guter Artikel,
    auch ich habe zugestimmt.
    Aber es gibt ein probates Mittel, diesen Unfug zu ignorieren: Einfach diese Possen nicht mitmachen und sie verschwinden ganz schnell wieder. Wie war das noch? Wir sind das Volk! Und wenn sich einige über diese Neuspreche freuen, dann sollen sie eben.
    Auf die Frage an meine Friseuse, ob sie sich durch diesen Ausdruck diskriminiert fühlt, bekam ich augenrollend zur Antwort, dass ihr das "irgendwo vorbei ginge" ob sie jetzt eine Friseurin oder Friseuse sei, Hauptsache der Kunde ist zufrieden. Geht doch!
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  •   melotronix
    (3212 Beiträge)

    03.08.2020 14:51 Uhr
    wirklich?
    Ich hab gestern nach einer Fritiererin gefragt...da wollte mir doch jemand tatsächlich ne Fritöse verkaufen.
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  •   silberahorn
    (10438 Beiträge)

    03.08.2020 09:26 Uhr
    Der Tonfall
    im Umgang miteinander ist zusätzlich wichtig. Man lese dazu das Buch: Ein N**** darf nicht neben mir sitzen: Eine deutsche Geschichte von David Mayonga

    Leider gibt es tatsächlich Ausgrenzungen die sich auch in Sprache niederschlagen. Früher waren unverheiratete Frauen in der offiziellen Anrede das "Fräulein". "Frollein ein Bier, aber dalli."

    Das extreme korrigieren im Oberlehrerton von oben herabgeht auch schief, weil es Spannungen und Schieflagen zwischen Bürger*innen+drumherum geben kann.

    Ich habe es auch immer so gesehen, dass ich einfach mein Ding mache, egal wie man mich bezeichnet. Hat tatsächlich geholfen! Aber Verletzungen in der Art gab es: "dafür dass sie eine Frau ist, ist sie ganz gut", so wie beim kleinen N**** der im Kindergarten nicht verstand, warum ein anderes Kind nicht will, dass er neben ihm sitzt.
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