21  

Karlsruhe Schienen-Fiasko in Karlsruhe: Fugenguss-Experte sieht Materialfehler als Ursache

Es kam plötzlich und unerwartet - unter Einfluss der Karlsruher Sommerwärme weichen die Füllungen zwischen den Schienen und dem Asphalt in vielen Teilen der Innenstadt auf. Das Resultat: Der komplette Bahnverkehr in der Innenstadt wird stillgelegt. Ein Albtraum für Pendler und sonstige Bahnreisende. Aber woran kann diese klebrige Angelegenheit gelegen haben? Während die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) und die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) zur Ursache noch schweigen und sich auf die laufenden Untersuchungen berufen, hat ka-news.de auf eigene Faust geforscht und Experten aus der Schienenbau-Branche dazu befragt.

Das war selbst für Karlsruhe außergewöhnlich: Aufgrund von weich gewordenem Fugenmaterial fällt der gesamte Bahnbetrieb in der Fächerstadt aus. Mit einem Notbetriebskonzept und dem Einsatz von Schienenersatzverkehr-Bussen (SEV), versuchten AVG und VBK zu retten, was noch zu retten war. 

Kurzum: Bis zum gestrigen Donnerstagmorgen lief der Stadtbahnverkehr auf Sparflamme. Die Reinigungsarbeiten, bei denen das Füllmaterial an den betroffenen Stellen abgetragen wird, werden derweil Stück für Stück fortgesetzt. Parallel läuft die Ursachenforschung weiter. Aber welche Ursachen kommen überhaupt in Frage und wer ist dafür verantwortlich?

Wohl mehrere Firmen daran beteiligt

Ex-Bürgermeister und Vorgänger von Daniel Fluhrer, Michael Obert, hat in einem vorangegangenen Gespräch drei Möglichkeiten für das Schienen-Debakel in Betracht gezogen: Materialfehler, Ausschreibungsfehler oder eine fehlerhafte Verbauung des Fugenmaterials. Dem stimmen auch diejenigen zu, die es eigentlich wissen müssten: Ingenieure und Geschäftsführer jener Firmen, die derartige Schienennetze verlegen. Doch dazu später mehr.

Allerdings gibt es in diesem ganzen Szenario ein Problem: Eine einzige Firma kann wohl kaum alleine die Verantwortung für das Karlsruher Schienen-Fiasko übernehmen. Der Grund: Da die Schäden an verschiedenen Orten in Karlsruhe aufgetreten sind, ist auch die Chance hoch, dass hier verschiedene Unternehmen ihre Finger im Spiel hatten.

Die weiche Fugenmasse als "Häufchen" neben der Schiene | Bild: Thomas Riedel

Zumindest behauptet das ein Straßenbauunternehmen aus dem Karlsruher Landkreis, das in der Vergangenheit auch Schienen-Aufträge für die Stadt Karlsruhe ausführte. "Ich glaube nicht, dass es an irgendeiner Firma speziell gelegen hat. Karlsruhe ist in verschiedene Teilabschnitte gegliedert. Das betrifft dann gleich mehrere Firmen und da sind dann wiederum verschiedene Gewerke zugange. Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle", heißt es gegenüber ka-news.de.

Auf die Nachfrage, ob das eigene Unternehmen dazugehöre, antwortet der Geschäftsführer lediglich: "Wir haben da eine Nachfrage bekommen, aber ich möchte mich dazu noch enthalten." 

Zwischen Schienen und Asphalt: Eine "kritische Schnittstelle"

Warum das Bitumengemisch allerdings geschmolzen ist, kann uns an anderer Stelle genauer erklärt werden: Gerald Helleisz ist Bereichsleiter im Gleisbau in Satteldorf-Nürnberg bei der Leonhard Weiss GmbH. "Dass es zu Verschmutzungen kommen kann, ist im Trambahnverkehr generell ein Problem, besonders was den Übergang zwischen Asphalt und den Schienen angeht. Das wird auch in Zukunft ein Problem bleiben", erklärt er gegenüber ka-news.de.

Denn dieser Übergang sei, so Helleisz, eine "kritische Schnittstelle" bei welcher es kein "Allgemeinrezept" in der Zusammensetzung des Fugenmaterials gebe. 

Gerald Helleisz, Bereichsleiter Gleisbau in Satteldorf-Nürnberg bei der Leonhard Weiss GmbH & Co. KG.
Gerald Helleisz, Bereichsleiter Gleisbau in Satteldorf-Nürnberg bei der Leonhard Weiss GmbH & Co. KG. | Bild: Leonhard-Weiss Bauunternehmung

Hinzu kämen viele Einflussfaktoren wie Temperaturunterschiede, Verkehrsauslastung oder ob das Gleis vielleicht ungünstig liegt, die bei der Verfugung berücksichtigt werden müssen.

Das heißt: Wann das Material ausgetauscht werden müsste, könne pauschal gar nicht gesagt werden. "Es ist klar, dass solche Fugengüsse länger halten, wenn sie nicht direkt der Sonne ausgesetzt sind wie zum Beispiel auf der Kaiserallee. Die Schienen werden dann ja auch nochmal heißer. Da können auch 'nur' 30 Grad problematisch werden", sagt Helleisz. 

Gründe für das "Schienen-Fiasko"

Etwas kritischer sieht das jedoch der Geschäftsführer der HET Elastomertechnik GmbH aus Wiesbaden, Jean-Pierre Frottier. Er wird uns von Helleisz selbst als Experte im Bereich "Vergussmaterial zwischen Schienen und Asphalt" mit rund 30-jähriger Berufserfahrung weiterempfohlen. "In Deutschland unterliegt das Fugenmaterial strengen Qualitätskritierien und einer Norm, da dürften ein paar Tage 30 Grad eigentlich nichts ausrichten", sagt er.

Der Bahnverkehr litt sehr unter den Gleisschäden | Bild: Thomas Riedel

Wie der ehemalige Bürgermeister Michael Obert, sieht auch Frottier mehrere Anhaltspunkte, die für das Szenario verantwortlich sein könnten. Dabei müsse man jedoch vorab wissen, dass 90 Prozent aller Fugenmassen auf Bitumenbasis hergestellt werden, die je nach Zusammensetzung in ihrer Elastizität variieren können. Denn: Bitumenmischungen haben den Vorteil, dass sie billiger sind, aber den Nachteil, dass sie nicht lange halten.

Jean-Pierre Frottier, Geschäftsführer und  Diplom-Ingenieur bei der HET Elastomertechnik GmbH in Wiesbaden
Jean-Pierre Frottier, Geschäftsführer und Diplom-Ingenieur bei der HET Elastomertechnik GmbH in Wiesbaden | Bild: Privat

Laut Frottier könnte dem Schienen-Fiasko ein Qualitätsversagen zugrunde liegen. Ausgelöst durch eine falsche beziehungsweise nicht geeignete chemische Zusammensetzung des Materials, das nicht korrekt auf die Umgebung abgestimmt wurde. Frottier hält diesen Punkt sogar am wahrscheinlichsten, nachdem ihm die Bilder der verschmutzten Schienen und Räder vorgelegt wurden. Dafür spreche, dass das Problem nicht punktuell, sondern großflächig aufgetreten sei.

Das geschmolzene Vergussmaterial überzieht die Räder der Bahn und verklebt Bremsen, Speichen und Kabel.
Das geschmolzene Vergussmaterial überzieht die Räder der Bahn und verklebt Bremsen, Speichen und Kabel. | Bild: Lars Notararigo

Der Fehler könnte jedoch auch in den Dimensionen und in der Verarbeitung des Fugengusses liegen. Das heißt: Wenn zu viel davon in die Lücke zwischen Schiene und Asphalt gefüllt wird, kann es dazu führen, dass Autoräder oder Bahnräder die Masse abreißen und mitschleifen. "In der Regel wird das Material zirka fünf Millimeter unter dem Schienenkopf vergossen, um die Lücke gegen Wasser abzudichten. Wenn das Material bis zum Kopf oben hin vollgegossen wird, dann quilt die Masse umso mehr auf. Weil je mehr Masse, desto mehr Erwärmung."

Was wäre die Alternative?

Hinsichtlich der stark befahrenen Straßen in Karlsruhe rät der Experte unter Vorbehalt dazu, die Lücken nicht mehr mit Bitumen, sondern gegebenenfalls mit einer Masse aus Elastomeren aufzufüllen. Die halten deutlich länger und können größeren Belastungen wie Sonneneinstrahlung und dichtem Verkehr auf längere Zeit standhalten. Nachteil: Verlegung und Auffrischung sind deutlich aufwendiger und teurer, als Mischungen mit Bitumen.

Gleisschäden wegen Hitze in Karlsruhe | Bild: Thomas Riedel

"Es sollte aber in diesem Zusammenhang erinnert werden, dass bitumenhaltige Schienenvergussmassen seit fast 100 Jahren in Deutschland eingesetzt werden. Natürlich sind die Anforderungen an diese Massen über die Jahre gestiegen und die diesbezüglichen Erfahrungen sind im Großen und Ganzen sehr gut", so Frottier im Gespräch mit ka-news.de. "Man sollte nicht generell auf Schienenvergussmassen auf Kunststoffbasis (Polyurethan oder Polysulfid) verweisen, aber bei denen wäre dieses Problem nicht aufgetreten."

 

Der Artikel wurde nachträglich bearbeitet.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (21)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   Schillerlocke
    (579 Beiträge)

    26.06.2021 16:34 Uhr
    Ich als Klimaexperte sage
    das war der Klimasommer. Es fängt an und der verwöhnte Deutsche schwelgt noch immer in seinem auf Kosten der Kinder erwirtschafteten Wohlstand.

    Mann, natürlich war das ein Materialfehler was denn sonst? Sowas gab es seit Jahrzehnten nicht in diesem Ausmaß. Und richtig warm war es auch noch nicht.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   müllermeier
    (119 Beiträge)

    26.06.2021 10:14 Uhr
    Aussergewöhnlich sind nur die Begründungen
    und weil mehrere Firmen (angeblich) beteiligt sind wird sich auch kein Schuldiger finden können. Und im Stadtrat ist auch keiner dran schuld. Ergebnis: Die nächste Begründung Fahrkarten teurer zu machen vorprogrammiert. Übrigens: am Freitag nachmittag war in der Siemensallee ein 6-Mann-Trupp mit einer Schubkarre und mindesten 2 Handys auf den Gleisen beschäftigt....
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   BMWFahrer
    (761 Beiträge)

    26.06.2021 18:09 Uhr
    War auch einer dabei,
    der sich auf die Schaufel lehnt?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Reger
    (676 Beiträge)

    26.06.2021 11:10 Uhr
    Da geht was
    Bei so geballter Kompetenz wird's bald ein Ergebnis geben. 😉
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   myopinions
    (1256 Beiträge)

    26.06.2021 09:59 Uhr
    ..................wie so oft
    lag vermutlich auch hier -bei der Auswahl der ausführenden Unternehmen- der Fokus auf "BILLIG" und nicht auf "PREISWERT".
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Reger
    (676 Beiträge)

    25.06.2021 23:45 Uhr
    Keiner weiß nichts genaues.
    Offensichtlich ist man noch ratlos.
    Mal so gefragt, was ist an den schadhaften Stellen anders gemacht worden, als im restlichen Streckennetz? So müsste man weiterkommen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   mueck
    (12301 Beiträge)

    26.06.2021 10:55 Uhr
    !
    Momentan fehlen allen Experten, denen aus dem Artikel wie auch "denen" aus den Kommentarspalten hier und anderswo die genauen Daten über betroffene Stellen, beteiligte Unternehmen, Zeitpunkte der Arbeiten etc., von daher kann es nur Raterei sein.
    Nach den bisher bekannt gewordenen Stellen scheinen es solche zu sein, wo erst nach der letzten Hitze Arbeiten stattfanden als Neubau (Verläng. K-Nord), Umbau (Halte Klinikum etc.) oder Sanierung (BÜ Zündhütle? etc.) o.ä.
    Daher wäre eher auf Materialfehler zu tippen. Ob falsch definiert, falsch bestellt, falsch geliefert, falsch angerührt, ... hängt von unbekannten Faktoren ab (wenn mehrere Firmen: wird bspw. Material trotzdem von den VBK gestellt oder genau vorgeschrieben, was wo gekauft werden soll oder bestellen eh alle beim selben?) Verarbeitungsfehler wären möglich, aber eher unwahrscheinlich, wenn es Stellen zu unterschied. Zeiten waren, weil wetterabhängig, oder von untersch. Firmen.

    Angeblich aber ja selbes Zeugs wie immer schon...
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   silberahorn
    (10956 Beiträge)

    26.06.2021 04:29 Uhr
    Möglicherweise
    wurde ein Fugenmaterial (Fuge = schmaler Zwischenraum zwischen verschiedenen Bauteilen) auf zu großem Zwischenraum benutzt.
    Wenn man z.B. zwischen Fliesen einen Abstand von 7 cm gut findet, dann muss man dafür auch ein Material nehmen, das für diese Dimension geeignet ist. Das ist dann in der Bezeichnung eher kein Fugenmaterial mehr.

    Im Haushalt kennt man das bei Mehl und Wasser und wie man z.B. dickeren Pizzateig oder den Boden eines dünnen Fladens macht. Mit oder ohne Hefe macht auch etwas aus. Flammkuchen wird mit Öl, Mehl Wasser gemacht und muss dünn ausgerollt werden. Pizzateig wird mit Wasser, Mehl und Hefe gemacht und muss aufgehen bevor er gebacken wird.

    Übertragen auf Schienennetze könnte es so sein, dass es weniger Probleme gibt, wenn der Abstand zwischen Schiene und Straßenbelag gering ist.
    Dann braucht es (übertragen gesagt) keine Hefe als Bindemittel und die Art des Mehls (Klebereiweiß) ist auch ein Kriterium. Billig oder teuer ist nicht entscheidend.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Reger
    (676 Beiträge)

    26.06.2021 11:13 Uhr
    Bäcker
    Vielleicht weiß ein Bäckermeister weiter. 👍
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   BMWFahrer
    (761 Beiträge)

    27.06.2021 09:28 Uhr
    Oder die Bäckereifachverkäuferin
    ...
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 3 (3 Seiten)

Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.