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Karlsruhe Notarzt berichtet: "Bei jedem zweiten Einsatz kämpfen wir mit Respektlosigkeit!"

Zugeparkte Rettungswege, Hasstiraden im Internet, Gewalt gegen Helfer: Verroht unsere heutige Gesellschaft immer mehr? Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, hat ka-news.de in einer dreiteiligen Serie mit Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei gesprochen. Denn: Diejenigen, die tagtäglich auf Einsätzen in der Öffentlichkeit unterwegs sind, bekommen die Entwicklung besonders zu spüren. Wir haben gefragt: Haben Sie in ihrem Berufsalltag mit zunehmender Respektlosigkeit zu kämpfen?

Bei ihrem Job zählt oft jede Minute: Die Mitarbeiter des Rettungsdienstes sind rund um die Uhr im Einsatz, um bei medizinischen Notfällen schnell Hilfe leisten zu können.

Doch anstelle von Dankbarkeit bekommen die Angestellten oftmals mangelnde Wertschätzung zu spüren. "Mit Respektlosigkeit haben wir aus meiner Erfahrung fast bei jedem zweiten Einsatz zu kämpfen", sagt Christoph Nießner, Vorsitzender des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Karlsruhe und leitender Notarzt in Karlsruhe.

Vorsitzender ASB und ärztlicher Leiter der ViDia-Kliniken
Vorsitzender ASB und Leitender Notarzt in Karlsruhe. | Bild: privat

Wo respektloses Verhalten beginnt, ist  - zumindest zum Teil - subjektiv. "Natürlich ist hierbei die Frage, wo man die Grenze zieht", so Nießner weiter. "Meines Erachtens ist bereits das Duzen des Personals ein Ausdruck von Respektlosigkeit." Alle seiner Mitarbeiter würden allerdings unterstreichen, dass ihrer täglichen Arbeit immer weniger Anerkennung beigemessen wird.

"Wer wirklich um sein Leben bangt, ist um jede Hilfe dankbar"

Die Rufnummer des Rettungsdienstes, 112, ist für akute und möglicherweise lebensbedrohliche Notlagen reserviert. Doch immer häufiger werden die drei Ziffern aus mehr oder weniger belanglosen Gründen gewählt. 

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Wer sich in einer Notlage befindet, kann auf den Rettungsdienst setzen. (Symbolbild) | Bild: pixabay.com@PixelHeini

In rund 80 Prozent der Fälle rücke der Rettungsdienst zu nicht-akuten Fällen aus. "Es kommt auch vor, dass uns Personen mit gepackten Koffern empfangen und den Rettungsdienst als Kurier ins Krankenhaus verstehen", sagt der Vorsitzende des ASB Karlsruhe. "Diejenigen, die uns aufgrund von Bagatellen  rufen, sind auch die, die uns häufig mit weniger Respekt gegenübertreten. Denn wer wirklich um sein Leben bangt, ist um jede Hilfe dankbar."

Einfahrten sind zugeparkt, Rettungswege versperrt

Auch mit verbalen Beleidigungen müssen sich die Sanitäter auseinandersetzen. Meist sei dabei Alkohol im Spiel. Körperliche Angriffe auf die "Rettungsdienstler" zählen stattdessen - zum Glück - eher zu den Raritäten. 

Ein weiteres Problemfeld ist der Straßenverkehr. Ob fehlende Rettungsgassen auf der Autobahn oder Berichte über schaulustige Autofahrer, die Folgeunfälle verursachen: Immer wieder sind Vorfälle wie diese Thema in der öffentlichen Diskussion.

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Fehlende Rettungsgasse auf der A5 bei Bruchsal. | Bild: Florian Kaute

"Das weitaus größere Problem stellt noch vor dem fließenden Verkehr allerdings der ruhende Verkehr da, wenn Einfahrten zugeparkt oder Wege versperrt sind", sagt Christoph Nießner im Gespräch mit ka-news.de

Nachbarschaftshilfe nimmt ab - Rettungsdienst springt ein

Was sind die Gründe für diese sozial-gesellschaftliche Entwicklung? "Ich persönlich denke, es geht mit einer Entpersonalisierung der Gesellschaft einher", so die Einschätzung Nießners. Die Verantwortung für Missstände werde zunehmend bei der Allgemeinheit gesucht, während Prinzipien der Eigenhilfe oder der Nachbarschaftshilfe seltener werden. 

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Oft rückt der Rettungsdienst zu Fällen aus, die nicht lebensbedrohlich sind. (Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

"Ein weiterer Grund ist, dass auf viele gesellschaftliche Fragen bislang keine Antwort gefunden wurde", sagt Christoph Nießner. Doch welche Auswirkungen hat das auf die Arbeit der Sanitäter?

Verdeutlichen könne dies das Beispiel einer verwahrlosten Person auf der Straße, die im Winter in der Kälte liegt. "Wer die Verantwortung übernimmt, für sie zu sorgen, ist nicht klar. Das Ergebnis: Womöglich wird einfach der Rettungsdienst gerufen."

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  •   tom1966
    (1281 Beiträge)

    26.08.2020 15:12 Uhr
    Was ist denn wichtiger?
    Wenn ich zu einem Unfall komme- egal ob ich privat oder beruflich unterwegs bin- und es ist noch niemand vor Ort, so halte ich an, sichere ab und sehe nach, ob es Verletzte gibt, setze einen Notruf ab und leiste ggfs. Erste Hilfe. Ist schon jemand vor Ort, frage ich ob Hilfe benötigt wird, wenn nicht, fahre ich weiter, um niemanden zu behindern. So habe ich es gelernt.

    Es würde mir nicht im Traum einfallen, anzuhalten mein Handy zu zücken und Bilder oder Videos von der Situation zu machen, die ich dann im Internet posten kann, und mich beschweren, wenn Polizei und Rettungsdienste mir das Bild versperren. Ich habe ja schließlich das Recht, diese Aufnahmen zu machen!
    So ein Verhalten ist die Verrohung, von der hier die Rede ist.
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  •   HerrNilson
    (1700 Beiträge)

    26.08.2020 17:19 Uhr
    So ist es
    Aber leider kennen viele das Wort Respekt nicht mehr und Empathie schon gar nicht.
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  •   Chris23
    (619 Beiträge)

    26.08.2020 09:50 Uhr
    Ich glaub nicht das der Mensch schlimmer wurde
    ... es ist doch immer so das die alten auf die Jungen meckern und die Umgangsformen sich etwas ändern.

    Rettungsgasse: Das ist doch heutzutage deutlich besser, da haben die kampagnen vor 4-5 Jahren doch echt was gebracht. Früher wurde die doch erst versucht zu bilden als man das Blaulicht sehen konnte, heute fährt man ja meist mit Rettungsgasse bei stockenden Verkehr. Sicher nicht perfekt, aber welten in vergleich von vor 10-20 jahren.

    Siezen: Das hat sich wirklich geändert, ich hab das siezen noch gelernt, fühl mich aber ehrlich gesagt mit meinen knapp 40 lenzen immer komisch wenn mich jemand siezt. Das ist für mich eher eine änderung der umgangsform als respektlosigkeit.

    Zugeparkte Wege: Ob das häufger oder weniger häufig vorkommt kann ich nicht beurteilen, kann mir es aber gut vorstellen. Ich denke aber da die anzahl der Autos pro Wohneinheit sich ständig erhöht, die anzahld er Parkplätze aber vermutlich nicht haben die Leute die das nicht scherrt früher was legales gefunden
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  •   Route66
    (2991 Beiträge)

    26.08.2020 14:26 Uhr
    Irrtum
    Vor 10-20 Jahren haben die Leute eine Rettungsgasse gebildet und es ist nicht besser geworden in den letzten Jahren, sondern es wurde gerade im Gegenteil extrem schlimm. Daher wird nun seit letztem Jahr auch immer mehr dafür geworben und die Bußgelder alle paar Monate nach oben gesetzt. Weil die Leute es nicht raffen wollen.
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  •   tom1966
    (1281 Beiträge)

    26.08.2020 11:11 Uhr
    Siezen
    Ich halte das Siezen für Ausdruck des Respekts, den man einer Person gegenüber empfindet. Es würde mir im Leben nicht einfallen, einen fermden, offensichtlich erwachsenen Menschen zu duzen, bei Kindern und Jugendlichen oder innerhalb der Berufsgruppe sieht das etwas anders aus.
    Wenn ich von Wildfremden geduzt werde, kann die Antwort schon mal massiv oder beleidigend ausfallen, je nach dem wie unangenehm oder unangemessen das Verhalten des anderen ist.
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  •   UngueltigDannZuLang
    (196 Beiträge)

    25.08.2020 18:21 Uhr
    Man muesste nur erkennen,
    was diese Menschen fuer uns leisten. Und da muss man nicht zwischen Notarzt, Krankenwagen, Feuerwehr oder Polizei unterscheiden. Dann klappt das auch mit dem Respekt.
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  •   jmiles
    (162 Beiträge)

    25.08.2020 15:52 Uhr
    Maßnahmen
    Bei Hasstiraden im Internet: Konsequentes melden eines Beitrages an die Plattform, mit dem Ziel der Löschung bzw. Sperrung des Schreibers. Bei Gewalt gegen Helfer: Warum dürfen Rettungskräfte einen Pöbler oder Störer für die Dauer des Einsatzes nicht mit Kabelbindern oder Handschellen fixieren, z.B. am nächsten Laternenpfahl?
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  •   Holzbiene
    (201 Beiträge)

    25.08.2020 16:29 Uhr
    Frei nach dem Motto…
    Zitat von https://www.ka-news.de/member/jmiles/ Warum dürfen Rettungskräfte einen Pöbler oder Störer für die Dauer des Einsatzes nicht mit Kabelbindern oder Handschellen fixieren, z.B. am nächsten Laternenpfahl?


    …was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein?

    Das Einzige, was du damit erreichst, ist eine Eskalation von verbaler zu körperlicher Gewalt – die Leute vergelten nämlich Respektlosigkeit nicht mit Hochachtung…

    So mies, wie die kleinen Leute in den letzten Jahrzehnten bei der Arbeit, auf den Ämtern etc. behandelt wurden und werden, so mies benehmen sie sich dann selbst. Wer dauernd nur gezeigt bekommt, dass er der letzte Dreck ist, wird sich irgendwann benehmen, wie der letzte Dreck. Der Zustand ist erreicht.
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  •   tom1966
    (1281 Beiträge)

    26.08.2020 11:21 Uhr
    Respektlosigkeit
    Es geht nicht darum, dass auf Ämtern und Behörden von überarbeiteten Mitarbeitern die Regeln des Umgangs mit anderen nicht eingehalten wurden, es geht um Vorfälle, wie den in Stuttgart Ende Juni. Vorfälle dieser Art sind symptomatisch für das, was der Notarzt berichtet.

    In der Regel ist es schon so, wie man in den Wald hineinschreit.... Leider scheint es heute Gruppen von Menschen zu geben, denen jeglicher Respekt vor anderen fehlt - egal ob die anderen nun normale Bürger auf der Straße oder Polizisten oder Rettungskräfte sind. Es wird erst einmal aufbegehrt. Hinzu kommt noch, dass ein spektakuläres Video auf Instagramm oder Facebook eine Menge Follower bringt und das ist ja heute überlebenswichtig. Da ist es egal, ob man einen Einsatz behindert, einen Stau verursacht oder sogar einen Polizisten bei seienr Arbeit angreift.
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  •   jmiles
    (162 Beiträge)

    25.08.2020 20:04 Uhr
    Watt is los?
    Es kann doch nicht sein, dass man Idioten ein Recht einräumt Rettungskräfte zu behindern, nur weil diese Idioten mal ungerecht behandelt wurden?
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