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Stuttgart Lockerungen in Baden-Württemberg: Ist die Orientierung am Inzidenzwert überholt?

Seit mehreren Tagen steigt die Corona-Inzidenz wieder leicht. Manche Politiker und Unternehmer wollen trotzdem weiter lockern. Sie verweisen darauf, dass die Inzidenz als Kennziffer nicht mehr geeignet sei. Das sieht Gesundheitsminister Lucha auf Dauer ähnlich.

Seit Monaten schon warten Millionen von Menschen in Baden-Württemberg gebannt Tag für Tag auf die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz. Für Hotelbetreiber, Gastronomen und Schausteller ist die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche ebenso relevant wie für Eltern und Bürgermeister, Lehrer und Clubbesitzer. Denn von der Inzidenz hängt bislang ab, ob Corona-Lockerungen eingeführt oder ob die Zügel bei den Auflagen wieder angezogen werden.

Eine Frau füllt vor einer Apotheke ein Formular für einen Covid-19-Test aus. Das RKI meldet 745 Neuinfektionen sowie eine Sieben-Tage-Inzidenz von 6,0.
Eine Frau füllt vor einer Apotheke ein Formular für einen Covid-19-Test aus. | Bild: Oliver Berg/dpa

Dieses Primat der Infektionsmarke weicht zunehmend auf, weil sich immer mehr Menschen impfen lassen. Auch Gesundheitsminister Manne Lucha will sich mittelfristig davon lösen, dass Lockerungen und Beschränkungen allein die Inzidenz zur Grundlage haben. Der Grünen-Politiker baut auf die Relevanz anderer Daten.

Impfquote und Krankenhaus-Auslastung

Die Sieben-Tage-Inzidenz könne auf Dauer nicht mehr der einzige ausschlaggebende Wert für Auflagen und Lockerungen sein, sagte Lucha am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Der Blick auf die Gesamtsituation sei künftig umso wichtiger, wenn es um die Beschränkung von Freiheitsrechten gehe. Stark ins Gewicht fallen müssten auch die Impfquote sowie die Auslastung der Krankenhäuser und die Krankheitsverläufe.

Zwei leere Biergläse stehen auf einem Tisch.
Zwei leere Biergläser stehen auf einem Tisch. | Bild: Nicolas Maeterlinck/BELGA/dpa/Archiv

Lucha begrüßte die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Krankenhäuser zu einer detaillierteren Dokumentation der Daten zu den stationär behandelten Corona-Patienten zu verpflichten. "Je mehr Daten wir haben über den Schweregrad von Verläufen, Vorerkrankungen und Sterblichkeit, umso besser können wir die Gesamtlage bewerten", sagte Lucha. Neben der Belegung von Intensivstationen müssen laut Gesundheitsministerium künftig alle Krankenhauseinweisungen wegen Corona übermittelt werden, zuzüglich Alter, Art der Behandlung und Impfstatus der Patienten.

Manfred Lucha spricht bei einer Pressekonferenz.
Manfred Lucha spricht bei einer Pressekonferenz. | Bild: Christoph Schmidt/dpa/Archivbild

In Großbritannien zum Beispiel liege die Inzidenz vergleichsweise sehr hoch bei mehr als 300 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen, argumentierte Lucha. Allerdings sei die sogenannte Letalitätsrate - also das Verhältnis der Anzahl der Covid 19-Todesfälle zur Anzahl neuer Infektionen - bei lediglich 2,5 Prozent. "Sie ist damit ähnlich niedrig wie in Deutschland, wo die Sieben-Tages-Inzidenz bei nur 6,4 liegt", sagte Lucha.

Das Bundesgesundheitsministerium hatte am Wochenende bekanntgegeben, dass die Kliniken künftig mehr Details zu Covid-19-Fällen melden sollen. Die Informationen zu Klinikaufenthalten sollen stärker in die Bewertung der Pandemielage einbezogen werden.

DKG findet Meldepflicht wenig hilfreich

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) sieht diese Pläne allerdings kritisch. Die Inzidenz der hospitalisierten Fälle sei ein wichtiger Indikator, hieß es zwar in einer Mitteilung. Eine Meldepflicht der Hospitalisierungen einzuführen, sei aber wenig hilfreich, weil die wichtigsten Punkte bereits an die Gesundheitsämter gemeldet würden, hieß es weiter.

Man stehe für einen konstruktiven Austausch bereit, um die notwendigen Meldedaten zu erheben. Doppelmeldungen und damit einhergehende bürokratische Mehrbelastungen ohne Erkenntnisgewinn sind aber zu vermeiden."

Laut einer Studie werden viele Covid-19-Patienten im Krankenhaus mit Antibiotika behandelt, ohne dass eine bakterielle Co-Infektion bestätigt wurde.
Covid-19-Patientenauf einer Intensivstation | Bild: Jefferson Bernardes/AP/dpa

Kliniken und Klinikärzte seien über das Infektionsschutzgesetz bereits jetzt dazu verpflichtet, Krankheitsverdacht, Erkrankung oder Tod in Bezug auf Covid-19 zu melden. Hinzu kämen weitere Angaben etwa über Zeitpunkt oder Zeitraum der Infektion und auch zum Impfstatus. "Warum diese Meldepflichten nun noch einmal in einer Verordnung verankert werden müssen, erschließt sich nicht", kritisierte die DKG.

Die Sieben-Tage-Inzidenz gibt die Zahl der Ansteckungen pro 100.000 Einwohner in diesem Zeitraum an und ist Grundlage für viele Corona-Maßnahmen, etwa für die zuletzt ausgelaufene Bundesnotbremse. Der Wert gilt unter Experten weiterhin als Anzeiger dafür, wie sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet.

Die bundesweite Corona-Notbremse hat auch Auswirkungen auf den stationären Einzelhandel.
Die bundesweite Corona-Notbremse hatte Auswirkungen auf den gesamten Alltag. | Bild: Angelika Warmuth/dpa

Viele Fachleute sind sich aber darin einig, dass mit zunehmendem Impfschutz in der Bevölkerung die Inzidenz in einem anderen Verhältnis zu schweren Verläufen steht als noch vor einigen Monaten.

In Baden-Württemberg war der Inzidenz-Wert nach wochenlangem Sinkflug zuletzt an mehreren Tagen hintereinander wieder leicht gestiegen und hatte am Sonntag die Marke von 6,4 erreicht.

 

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