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Karlsruhe Keine genauen Angaben möglich: So sehr leiden die Karlsruher unter den Mängeln des Schienenersatzverkehrs

Seit Dienstagabend fällt ein Großteil des Schienenverkehrs in Karlsruhe aus. Das trifft nicht wenige Karlsruher Pendler und Reisende sehr empfindlich. Welche Probleme mit dem Schienen-Debakel einhergehen, erklärt ein Sprecher des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV) sowie ein enttäuschter Fahrgast, der mit ka-news.de Kontakt aufnahm.

Am Freitagmorgen um 8 Uhr plane der Karlsruher Support-Berater Patrice Wijnands eine Zugreise in die Niederlande. "Ich will eigentlich weder mein Auto noch mein Fahrrad, die zwei Tage, die ich weg bin, am Bahnhof stehen lassen. Also bleibt mir nur der öffentliche Verkehr. Dafür hätte ich die S1/S11 von der Battstraße in Rüppurr zum Hauptbahnhof nehmen müssen. Leider fährt diese Linie momentan nicht", erklärt Wijnands.

Patrice Wijnands war sich lange unsicher ob er seine geplante Reise antreten könne.
Patrice Wijnands war sich lange unsicher ob er seine geplante Reise antreten könne. | Bild: Wijnands

Als Angestellter eines Mobilitäts- und Transportunternehmens in Karlsruhe habe er dabei auch ein gewisses Verständnis für die Probleme, die der Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) momentan mit dem Schienennetz hat.

"Ein Stück weit ist das ganze ja auch höhere Gewalt. Dafür, dass das Schienennetz derzeit nicht funktioniert, mache ich dem KVV auch nur bedingt Vorwürfe. Weit weniger Verständnis habe ich allerdings für das Management des  Schienenersatzverkehrs." 

"Niemand weiß, was 'rechtzeitig' bedeutet"

Diese Mängel im Management, die Wijnands auch dazu bewogen, mit ka-news.de Kontakt aufzunehmen, beziehen sich vor allem auf die wenigen Informationen, die insgesamt nicht zur Verfügung stünden.

Bild: Thomas Riedel

"Ich wollte mich im Kundencenter über den Schienenersatzverkehr schlau machen und mir wurde der Busverkehr empfohlen. Leider gibt es im Internet und auf Aushängen keinerlei Hinweise, wo und in welchem Takt diese Busse fahren", wie er weiterhin ausführt.

Man habe ihm beim Kundenservice lediglich empfohlen, mehr Zeit einzuplanen und sich "rechtzeitig" an der Bahnhaltestelle einzufinden. "Leider konnte mir niemand sagen, was genau 'rechtzeitig' bedeutet. Mir wurde einfach geraten, mich an die Straße zu stellen und darauf zu hoffen, dass mich ein Bus mitnimmt. Da habe ich mich als Fahrgast schon ziemlich alleine gefühlt", sagt Wijnands im Gespräch mit ka-news.de.

"Wir haben nicht genug Busse"

Probleme, wie Patrice Wijnands sie sieht, könnten in den nächsten Tagen  keineswegs vereinzelt auftreten. Im Gegenteil - haben sie laut eines Sprechers des KVV doch "flächendeckende" Ursachen: "Normalerweise müssen die Busse des SEV nur an vereinzelten, defekten Streckenabschnitten eingesetzt werden. Nun jedoch haben wir in ganz Karlsruhe einen flächendeckenden Schienenausfall. Es bleibt uns also kaum eine andere Möglichkeit, als die Busse überall gleichzeitig einzusetzen."

Bild: Thomas Riedel

Natürlich sei dies, wie der Name schon sagt, nur ein Ersatz und könne keineswegs gleichwertig bewertet werden.  Erschwerend hinzu käme, "dass wir nicht genug Busse haben, um die gesamte Fläche des Schienenausfalls zu kompensieren. Zum Teil reichen die Schäden am Schienennetz nämlich bis Pforzheim und Bad Wildbad. Wir können also nur versuchen, aus den Bussen, die wir haben, das Bestmögliche herauszuholen", der Sprecher erklärt. 

Und das sei leichter gesagt als getan, denn "die Situation des Schienenausfalls ändert sich im Stundentakt und wir müssen uns an sie anpassen. Wenn zum Beispiel mehr Fahrgäste an einer Haltestelle stehen, als in einen Bus passen, muss ein zweiter gerufen werden, der damit an anderer Stelle fehlt."

SEV im Stadtkern geregelt und getaktet

Auf diese Weise komme es sehr oft Verzögerungen im Betriebsablauf. Verzögerungen, die sich so weit auftürmen würden, dass ein genauer Fahrplan des SEV momentan unmöglich sei. Zumindest teilweise. Man müsse, laut KVV, zwischen den einzelnen Teilunternehmen der Karlsruher Verkehrsbetriebe unterscheiden.

Der ÖPNV in Karlsruhe bleibt weiter eingeschränkt. Die Verkehrsbetriebe sind aktuell mit Aufräumarbeiten beschäftigt.
Der ÖPNV in Karlsruhe bleibt weiter eingeschränkt. Die Verkehrsbetriebe sind aktuell mit Aufräumarbeiten beschäftigt. | Bild: Thomas Riedel

"Die Busse der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK), die innerhalb des Stadtkerns zuständig sind, fahren mittlerweile geregelt und getaktet. Auf der VBK Homepage lassen sich die Abfahrtszeiten und Haltestellen auf die Minute genau abrufen. Leider gilt das noch nicht für alle Busse der Albtal Verkehrsgesellschaft (AVG)."

Man arbeite bereits auf Hochtouren daran, diesen Zustand zu ändern, doch momentan könne man noch keine verbindlichen Aussagen treffen, wann auch die AVG-Busse vollständig hochgeladen sein werden, geschweige denn, wann die Bahnschienen wieder einsatzbereit sind. Die S1/S11 die auch Patrice Wijnands für eine Fahrt an den Hauptbahnhof nehmen müsste, fällt ebenfalls in den Zuständigkeitsbereich der AVG.

Die Mobilitätsgarantie der KVV?

Nun bliebe dem Support-Berater noch die Chance, die Mobilitätsgarantie des KVV in Anspruch zu nehmen und sich ein Taxi bezahlen zu lassen. Immerhin hat der kaufmännische Geschäftsführer der Verkehrsgesellschaft, Alexander Pischon davon gesprochen, jene Kosten gegebenenfalls zu übernehmen.

Alexander Pischon, kaufmännischer Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Karlsruhe VBK und des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV).
Alexander Pischon, kaufmännischer Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Karlsruhe VBK und des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV). | Bild: Lars Notararigo

"Als ich beim Kundenservice angerufen habe, wurde mir versprochen, die Taxilösung abzuklären. Allerdings erhielt ich wenig später den Rückruf, dass meine Taxikosten nicht erstattet bekomme", berichtet er.

Auch dies wird vom Sprecher der KVV näher erläutert: "Die Mobilitätsgarantie greift natürlich auch außerhalb von solchen Situationen. Wenn sich ein Fahrgast aufgrund einer 30- beziehungsweise 60-minütigen Verspätung gezwungen sieht, ein Taxi zu nehmen, so ist der KVV auch bereit, die Kosten dafür zu übernehmen. Dazu muss je nach Länge der Verspätung, das jeweilige Formular ausgefüllt werden, auf dem auch weitere Informationen stehen."

Und tatsächlich "wird der KVV, so lange der Schienenverkehr eingeschränkt ist, kulanter mit Anfragen zu einer übernommenen Taxirechnung umgehen." Das bedeute aber nicht, dass man im Vorhinein ein Taxi auf Kosten der Verkehrsgesellschaft nehmen könne.

"So verprellt der KVV seine Kunden"

Erst müsse zumindest versucht werden, einen der SEV-Busse zu nehmen. Wenn dieser auch dreißig Minuten nach dem regulären Bahnverkehr nicht einträfe, könne man ein entsprechendes Formular einreichen."

Eine Maßnahme, die Wijnands jedoch nicht genüge: "Das, gibt mir auch nicht mehr Informationen, als ich vorher hatte. Meinetwegen darf das Notfallmanagement etwas professioneller sein. Auf diese Weise fürchte ich, dass der KVV ihre Kunden verprellt", so seine Einschätzung.

Am späten Donnerstagabend dann aber doch die Erlösung für Wijnands. Der KVV veröffentlichte "endlich auch Schienenersatz-Fahrpläne bis Rüppurr" sodass es ihm gelang, den Hauptbahnhof rechtzeitig zu erreichen, um um Punkt acht Uhr den Zug in Richtung Nordosten zu nehmen.

Dateiname : KVV Mobilitätsgarantie Formular 2 (bei 60 Minuten Verspätung)
Dateigröße : 52.27 KBytes.
Datum : 17.06.2021 17:49
Download : Download Now!
Dateiname : KVV Mobilitätsgarantie Formular 1 (bei 30 Minuten Verspätung)
Dateigröße : 52.27 KBytes.
Datum : 17.06.2021 17:47
Download : Download Now!
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Kommentare (9)
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  •   ElAnduri
    (323 Beiträge)

    25.06.2021 00:32 Uhr
    Mich habe sie schon vor Jahren verprellt...
    Seit einigen Jahren geht die wahrgenommene Zuverlässigkeit bergab - egal, ob das ausgefallene Zugverbindungen aus dem Pfinztal Richtung KA waren oder vor zwei Jahren auch im Berufsverkehr einzelne Bahnverbindungen auf der Tram 1 von Durlach Richtung Stadt.
    Mir als Kunde ist es egal, ob das passiert, weil die Personalplanung katastrophal ist oder wirklich "höhere Gewalt", weil eine Grippewelle durchs Unternehmen geht.

    Als ich dann zu Unrecht zu 60 EUR Schwarzfahrerstrafe verdonnert wurde, war das Band endgültig zerschnitten. Bin seitdem nur noch sehr selten Bahn gefahren und eher auf Stadtflitzer von Stadtmobil (kostet oft nicht mehr als eine Einzelfahrkarte) und Fahrräder ausgewichen - seit März habe ich wieder ein eigenes mit guter Lichtanlage und meide diese gelben Strombüchsen wie Gift.

    Die können mich mal. Service und Qualität der Verbindung verschlechtern, aber immer fleißig die Preise erhöhen.
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  •   Genervt_KA
    (80 Beiträge)

    21.06.2021 08:17 Uhr
    Konsequenzen?
    Wer wird zurücktreten müssen? Da müssen Köpfe rollen und Exempel statuiert werden.

    So leicht sollte der VBK/KVB/KVV nicht davonkommen.

    Aber ERST beim Aufräumen helfen !
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  •   fpfka
    (66 Beiträge)

    19.06.2021 00:44 Uhr
    ernsthaft?
    Sein einziges "Problem" ist, daß er die Kosten für das Fahrradparkhaus scheut? (Und von Rüppur nicht zum Hbf laufen kann?) Da dürften die allermeisten ÖPNV-Nutzer der Region grade echtere Probleme haben.
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  •   melotronix
    (3561 Beiträge)

    18.06.2021 20:07 Uhr
    bei jeder Notfallsituation...
    ..ein Armutszeugnis für VBK und KVV. Wann wird da mal endlich etwas dagegen getan? Zumindest kann man doch ein funktionierendes Notfallmanagement erwarten. Erbärmlich!
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  •   ALFPFIN
    (7846 Beiträge)

    18.06.2021 19:14 Uhr
    Heute morgen gegen 10 Uhr
    an der Haltestelle Tulpenstraße standen zwei ältere Leute, die vom Krankenhaus kamen und mich fragten, ob da eine Bahn noch kommt.
    Habe dann angerufen bei der AVG, keine Verbindung. Beim KVV wurde mir folgende Antwort gegeben, auch etwas unwillig im Ton, die Leute sollen sich halt an die Herrenalberstraße stellen,
    ja, wo Antwort: Zitat "ha ja, man sieht ja, wenn der Bus heranfährt"
    meine Antwort, man muss aber schon wissen, an welcher Stelle der Bus hält,
    aufgelegt.
    Habe den beiden älteren Herrschaften, auf ihre Bitte hin, ein Taxi gerufen.
    Sie haben mich noch gefragt, ist das immer so bei euch, ja meinte ich, immer öfter.
    Fahre seit vielen Jahren mit dem ÖPNV in Karlsruhe, kann also schon aus einer gewissen Erfahrung sprechen.
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  •   Rundbau-Gespenst
    (13035 Beiträge)

    18.06.2021 18:35 Uhr
    "Angestellter eines Mobilitäts- und Transportunternehmens"
    früher sagte man "Eisenbahner" dazu.
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  •   Motorhead
    (942 Beiträge)

    18.06.2021 19:55 Uhr
    Zu diesen Zeiten
    lief das aber noch, mein Vater war Eisenbahner und stolz drauf 😉
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  •   Schattenherr
    (17 Beiträge)

    18.06.2021 18:34 Uhr
    Katastrophal einfach katastrophal
    Heute im Radio sagte man das morgen noch immer keine Bahn fahren auf der Homepage vom KVV findet man auch keine genauen Informationen wie man fahren kann nur wo die Busse lang fahren wenn sie fahren. Wenn ich aber in die KVV App schaue wird mir eine Verbindung über die Kaiserstraße mit der Bahn angezeigt. Schlussendlich die Informationsquellen die alle drei verschiedene Auskünfte geben die ist für mich nicht von gleichbleibend guter Qualität beim KVV
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  •   jojo
    (877 Beiträge)

    18.06.2021 18:26 Uhr
    Gutes Krisenmanagement
    sieht anders aus. Mega peinlich für den einstigen Vorzeigebetrieb KVV. Aber es ist eben wie bei jeder Krise. Vollmundigen Erklärungen und Ankündigungen folgt meist nix als heiße Luft. Glückwunsch KVV, so ruiniert man sich das Image perfekt und blamiert sich so gut man kann.
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