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Berlin Gesund oder ungesund: Lebensmittel sollen ein verpflichtendes Siegel erhalten

Grün, gelb, orange oder rot - der "Nutri-Score" soll zum verpflichtenden Lebensmittelsiegel werden und "Dickmacher" entlarven. Das Siegel auf Pizza, Käse, Schokolade und Co. soll das gesunde Einkaufen erleichtern. Dafür bereitet die Politik gerade den Weg. Was zeigt das Logo den Kunden und welche Lebensmittelmarken stellen sich bei der transparenten Kennzeichnung ihrer Produkte quer?

Eine gesunde und ausgewogene Ernährung fällt vielen Verbrauchern schwer. Orientierungshilfe soll da das neue Logo Nutri-Score für verpackte Lebensmittel bieten. Es zeigt auf einen Blick eine Art Nährwertbilanz mit Zucker, Fett und Salz an.

Der sogenannte «Nutri-Score» soll Hilfe beim Lebensmitteleinkauf sein.
Der sogenannte «Nutri-Score» soll Hilfe beim Lebensmitteleinkauf sein. | Bild: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Nutri-Score bezieht neben dem Gehalt an Zucker, Fett und Salz auch empfehlenswerte Bestandteile wie Ballaststoffe und bestimmte Proteine in eine Gesamtbewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an - auf einer fünfstufigen Skala von "A" auf dunkelgrünem Feld für die günstigste Bilanz über ein gelbes "C"bis zum roten "E" für die ungünstigste. Das zutreffende Feld wird hervorgehoben. Das Logo auf der Vorderseite der Packung soll die EU-weit verpflichtende Nährwerttabelle ergänzen.

Erste Hersteller sind vorgeprescht und drucken das farbige Siegel auf Joghurts oder Tiefkühlkost. Doch insgesamt haben Produkte mit der neuen Kennzeichnung im Handel noch immer eher Seltenheitswert. Dabei hat die Bundesregierung schon im Herbst die Weichen für eine baldige Einführung auf freiwilliger Basis gestellt. Verbraucherschützer machen Druck für eine Verwendung auf möglichst breiter Front.

Nutri-Score nur auf wenigen Lebensmitteln zu finden

Die Verbraucherzentrale Hamburg fand bei einer Marktstudie im Mai im Handel gut 1.000 Produkte mit dem Nutri-Score - vor allem in Angaben im Internet, aber auch direkt auf den Packungen. Tendenz steigend, lautete das Fazit. Doch es sei "ein Tropfen auf den heißen Stein". Schließlich hat ein durchschnittlicher Supermarkt heutzutage mehr als 10.000 Artikel im Angebot. Gerade bei eher nicht so gesunden Lebensmitteln suche man das Label ohnehin meist vergebens, monierten die Verbraucherschützer.

Welchen Produkte sind mit dem Nutri-Score gekennzeichnet?

Auffällig ist: Vorreiter bei der Einführung in Deutschland sind derzeit vor allem internationale Lebensmittelkonzerne. Bei Danone tragen mittlerweile mehr als 95 Prozent des Milch-Frischesortiments und bei pflanzenbasierten Alternativen das Nutri-Score-Logo, wie das Unternehmen mitteilte. Die Bewertungen reichten vom besten A bis zum eher schlechten D für Schokopuddings mit Sahne. Auch die letzten restlichen Produkte sollen noch in diesem Jahr gekennzeichnet werden.

Der sogenannte «Nutri-Score» auf einer Packung Joghurt.
Der sogenannte «Nutri-Score» auf einer Packung Joghurt. | Bild: Christophe Gateau

Beim Nahrungsmittelriesen Nestlé haben inzwischen 99 Produkte von Tiefkühlpizzen bis zu Suppen das Logo. Das gesamte Sortiment soll bis Ende 2021 gekennzeichnet sein. Beim Tiefkühlhersteller Iglo sind es aktuell rund 60 Produkte mit dem Nutri-Score auf der Packung, bis Anfang nächsten Jahres sollen es alle 140 sein.

Nutri-Score soll zur Pflicht werden

Zurückhaltender ist Dr. Oetker, bekannt für Pizza, Backprodukte und Dessertpulver. Der Konzern unterstützt nach eigener Aussage die Einführung des Logos und prüft Konzepte zur Umsetzung. Voraussetzung sei aber nicht nur die Verabschiedung der Regelungen in Deutschland, "sondern auch ein Rechtsrahmen oder zumindest eine Akzeptanz in anderen EU-Ländern".

Die Verbraucherorganisation Foodwatch sieht auch die Bundesregierung am Zug. Denn freiwillig würden manche Hersteller Nutri-Score nicht nutzen. "Doch nur wenn die Ampel auf allen Produkten zu sehen ist, können Verbraucherinnen und Verbraucher auch immer die gesündere Wahl treffen", sagt Foodwatch-Expertin Luise Molling.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner informiert nach dem Treffen mit Branchen- und Verbandsvertretern die Presse.
Bundesernährungsministerin Julia Klöckner. | Bild: Federico Gambarini/dpa

Ministerin Klöckner müsse daher die deutsche EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um sich für einen verpflichtenden Nutri-Score in Europa stark zu machen. Als Ziel hat das auch die EU-Kommission ausgerufen. Klöckner kündigte an, sich für Fortschritte bei einem europäischen Rahmen einzusetzen.

Deutsche Supermärkte agieren zurückhaltend

Eher vorsichtig agieren zurzeit auch noch die großen deutschen Handelsketten bei ihren Eigenmarken. Beim Großflächen-Discounter Kaufland ist Nutri-Score bislang nur auf den Verpackungen zweier Produktlinien zu finden: der Bio-Eigenmarke und der Eigenmarke für vegane und vegetarische Produkte. Der zur Rewe-Gruppe gehörende Discounter Penny beginnt gerade damit, Nutri-Score bei Artikeln seiner Bio-Eigenmarke einzuführen. Auch in Rewe-Supermärkten sollen im Laufe des Jahres erste Eigenmarken damit zu finden sein.

Eine Leuchtreklame weist auf einen Edeka-Markt hin.
Eine Leuchtreklame weist auf einen Edeka-Markt hin. | Bild: Federico Gambarini/dpa/Archivibild

Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka wollte sich "aus Wettbewerbsgründen" nicht zu konkreten Planungen äußern. Zunächst müssten die rechtlichen Rahmenbedingungen definiert werden, betonte man - und verwies auf die ausstehende Verordnung. Auch Aldi und Lidl erklärten, sie würden Nutri-Score einführen, sobald ein verbindlicher Rechtsrahmen dafür da sei.

Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg hält so viel Vorsicht für überflüssig: "Aus unserer Sicht dürften da keine Probleme mehr auftauchen. Wer das will, der könnte das jetzt schon machen." Damit Nuri-Score wirklich Wirkung erziele, müsse er flächendeckend genutzt werden. "Wenn das nur einzelne Anbieter und vielleicht nur bei ausgesuchten Produkten nutzen, macht das keinen Sinn."

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  •   ramius
    (209 Beiträge)

    10.07.2020 12:56 Uhr
    überflüssig
    Komplett überflüssiger Schmarrn dieser NutriScore.

    1. Nur 5 Abstufungen. Also ob man so Produkte vernünftig kategorisieren könnte. Es bräuchte mind. 10 Abstufungen.
    2. Wenn man alle Nährwerte in einem einzigen Score zusammenführt, was soll das rauskommen? Murks.

    Die meisten Produkte werden doch nach der Einführung des Scores so geändert werden, dass diese im grünen Nutriscore-Bereich landen werden. Aber ich glaube nicht, dass diese dann gesünder sind.
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  •   Freigeist1
    (1308 Beiträge)

    09.07.2020 23:17 Uhr
    "Verpflichtender Nutri-Score" ist
    überfällig. Andere Länder machen damit gute Erfahrungen. Genau wie mit einer Zuckersteuer. Nur glaube ich nicht, dass Frau Klöckner irgendetwas in dieser Richtung zu Stande bring(t)/en will.
    Das ist reine Rethorik-Politik.
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  •   Route66
    (2545 Beiträge)

    10.07.2020 08:10 Uhr
    Nötig wäre es
    schon lange. Die Menschen werden immer fetter und ziehen sich immer mehr Allergien zu. Jugendliche mit Diabetes und Herzkreislauferkrankungen bis hin zum Herzinfarkt sind schon seit vielen Jahren keine Seltenheit mehr. Wir brauchen kein zweites Amerika.
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  •   maehdrescher
    (1444 Beiträge)

    10.07.2020 09:41 Uhr
    Und wegen einem bunten Bildchen
    auf der Verpackung kaufen die Menschen gesündere Lebensmittel? Es darf gelacht werden.
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  •   Avatar
    (831 Beiträge)

    10.07.2020 12:23 Uhr
    Also
    Virologe, Klimaexperte und nun auch Ernährungsexperte? Wie machst Du das nur Mähdrescher?
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  •   107
    (504 Beiträge)

    09.07.2020 19:49 Uhr
    Wohl dem, der Zeit hat darüber nachzudenken.
    Andere gehen sang- und klanglos zugrunde mangels Wasser und Brot.
    In Afrika fressen Heuschreckenschwärme die künftige Ernte restlos weg, und und und.
    NUTRI-SCORE klingt nach reinstem Zynismus, Frau Klöckner.
    "Fällt Ihnen nichts wirklichkeitsbezogeneres ein ?"

    Es ist halt alles nur eine Frage der Wahrnehmung.
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  •   Beiertheimer
    (1134 Beiträge)

    09.07.2020 14:52 Uhr
    Eine europäische Lösung
    bedeutet soviel wie: Wir haben es probiert aber leider ist sich Europa nicht einig geworden. Fazit: Heute schon absehbar das es eine Todgeburt wird.
    Frau Klöckner sollte sich lieber auf eine deutsche Lösung konzentrieren aber da wird wegen Lobbyarbeit eh nichts draus.
    Also machen wir es wie bisher: Lesen auf der Verpackung hilft und wenn man seine Produkte gefunden hat dauert der Einkauf auch nicht mehr länger. Ab und an dann einfach mal wieder auf die Zusammensetzung achten und gut ist.
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  •   Kemp
    (11 Beiträge)

    09.07.2020 12:48 Uhr
    Beim Einkaufen.....
    ..gesunden Menschenverstand mit dabei haben (man ist nun mal gewissermaßen was man isst...), sich optimaler Weise grundlegende Fakten über Nährinhaltsstoffe mal angelesen haben plus bisschen Selbstdisziplin plus das nötige Quäntchen Leichtigkeit = macht unabhängig vor Bevormundung und Überregulierung bzw. Überkennzeichnung....oder?
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  •   Zackenbarsch
    (250 Beiträge)

    09.07.2020 12:23 Uhr
    Typisch Nannystaat!
    Alles muss geregelt werden, überall der erhobene Zeigefinger was "gut" und was "böse" ist. Es ist langsam nicht mehr auszuhalten in diesem Land.

    Liebe Frau Klöckner, überlassen Sie es doch bitte den Bürgern selbst, was sie essen wollen. Dass das Frischgemüse vom Markt gesünder ist als die Fertigpizza wissen wir auch ohne staatliche Kennzeichnung.
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  •   ALFPFIN
    (7271 Beiträge)

    09.07.2020 16:23 Uhr
    Frischgemüse vom Markt
    ist nicht immer gesünder, es hängt davon ab, wieviel Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt wurden. Selbst im Bio Anbau müssen Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, das sind nicht immer nur natürliche Mittel.
    Siehe Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit Dienststelle Braunschweig Diese Liste ist elektronisch abrufbar unter:
    www.bvl.bund.de/infopsm
    Nutri-Score soll zur Pflicht werden
    Das ist alles schön und gut, man kann ja schon lange nachlesen, was in den verpackten Lebensmitteln enthalten ist.
    Da gibt es die, die gesundheitlich darauf achten müssen, ansonsten kann man noch so viele Angaben verpflichtend einführen, wenn der Verbraucher eben einen (zu) fetten Käse essen oder ein stark gesüßtes Lebensmittel kaufen will (als Beispiel), dann kauft er dies. Dann ist ihm der Nutri Score egal.
    Sicher kann man einige Verbraucher beeinflussen, das ist gut so,
    die meisten wollen aber selbst bestimmen, wie sie sich ernähren.
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