London Absichtlich mit Corona infiziert: Großbritannien startet "Human-Challenge-Analysen"

In einer "sicheren und kontrollierten" Umgebung testen Forscher in Großbritannien die Auswirkungen des Virus auf gesunde, junge Menschen. Das ist hoch umstritten. Dennoch soll so die Entwicklung von Impfstoffen und die Behandlung von Covid-19 verbessert und beschleunigt werden.

Mithilfe von Tests an Freiwilligen wollen Forscher in Großbritannien das Coronavirus besser verstehen. Dazu wurden gesunde Probanden im Zuge einer Studie mit Corona infiziert, wie das Gesundheitsministerium in London auf Anfrage der dpa mitteilte.

In London werden Freiwillige in einer Studie absichtlich mit dem Coronavirus infiziert.
In London werden Freiwillige in einer Studie absichtlich mit dem Coronavirus infiziert. | Bild: Luciana Guerra/PA Wire/dpa

Nach früheren Angaben der britischen Regierung handelt es sich um die erste Studie weltweit, bei der Menschen gezielt mit Sars-CoV-2 infiziert werden. Sie sollen zunächst die geringste mögliche Dosis an Viren zugeführt bekommen, die für eine Infektion notwendig ist.

Solche Tests kamen bereits bei Grippe und Malaria zum Einsatz

Die sogenannten Human-Challenge-Analysen sind hoch umstritten. Diese Tests kamen in der Vergangenheit zum Beispiel bei der Entwicklung von Grippe- oder Malaria-Impfstoffen zum Einsatz. Allerdings wurde den Probanden dabei - anders als nun bei der britischen Studie - zunächst ein potenzieller Wirkstoff verabreicht.

In Deutschland gelten ähnliche Versuche als unwahrscheinlich. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) lehnt sie als unethisch ab.

Die Probanden würden "in einer sicheren und kontrollierten Umgebung dem Virus ausgesetzt, rund um die Uhr überwacht von Medizinern und Wissenschaftlern", hieß es nun. Bis zu 90 Freiwillige zwischen 18 und 30 Jahren sollten bei den Tests dem Virus ausgesetzt werden.

Die Probanden würden nicht zuvor geimpft, hatte die Regierung bei der Ankündigung der Tests klargestellt. Sie sollen für die Testdauer eine nicht näher genannte Entschädigung erhalten.

Ein medizinischer Mitarbeiter bereitet eine Spritze mit dem in Russland entwickelten Corona-Impfstoff «Sputnik V» vor.
Ein medizinischer Mitarbeiter bereitet eine Spritze mit dem in Russland entwickelten Corona-Impfstoff «Sputnik V» vor. | Bild: Pavel Golovkin/AP/dpa

"Die erste Gruppe von Freiwilligen hat nun am Royal Free Hospital in London mit der Virus-Charakterisierungs-Studie begonnen", sagte die Ministeriumssprecherin. "Das Human-Challenge-Programm wird die Entwicklung von Impfstoffen und Behandlungen gegen Covid-19 verbessern und beschleunigen."

Vorab hatte es geheißen, die Wissenschaftler wollten unter anderem herausfinden, wie das Immunsystem auf das Virus reagiert und wie Infizierte Viruspartikel in die Umgebung abgeben.

Studie ist für Impfstoff-Forschung von großer Bedeutung

Die Studie werde eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von Impfstoffen spielen, hatte die Regierung angekündigt. In Folgestudien könnten Probanden mit einem neuen Wirkstoff geimpft und dann dem Virus ausgesetzt werden.

Eine Person erhält eine Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca.
Eine Person erhält eine Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca. | Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa Pool/dpa/Symbolbild

Dieses Vorgehen bei der Erprobung von Impfstoffen hat den Vorteil, dass die Wirksamkeit vergleichsweise effizient getestet werden kann. Das übliche Verfahren sieht hingegen vor, Zehntausende zu impfen und dann zu schauen, ob sich weniger Menschen auf natürliche Weise infizieren als in einer ungeimpften Kontrollgruppe.

Großbritannien ist eines der am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder Europas. Bisher sind offiziellen Angaben zufolge mehr als 124.000 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Seit knapp drei Monaten läuft eine Massenimpfung.

Bisher ist landesweit mehr als 22,2 Millionen Menschen eine Dosis gespritzt worden. Für den vollen Schutz ist aber eine zweite Impfung nötig. Diese haben bisher etwa 1,1 Millionen Menschen erhalten.

 

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