Browserpush
18  

Karlsruhe Er schuf den "Nackten Mann" - Emil Sutor: Bildhauer-Legende und Nazi-Mitläufer aus Karlsruhe

In der Nachkriegszeit wurde Karlsruhes Bildhauer Emil Sutor unter anderem für seine Skulptur der "Nackte Mann" vor dem Wildparkstadion und die beiden Plastiken der mythologischen Figuren Hebe und Diana im Schlosspark bekannt. Jedoch vor genau 80 Jahren Ende Juni 1941, arbeitete Sutor an einer monumentalen Plastik, genannt "Der Pionier", die in Karlsruhe ausgestellt werden sollte. Aber in wessen Auftrag er arbeitete oder was aus dieser Kolossalskulptur geworden ist, bleibt ein Geheimnis. Ein Blick auf das Leben eines bekannten Bildhauers aus Karlsruhe.

Nach einer Ausstellung beim Badischen Kunstverein Ende Juni 1943 tauchte "Der Pionier" nie wieder auf und heute weiß niemand mehr etwas von seiner Existenz. Zu groß, um versteckt zu werden, scheint die heroische nackte Figur im griechischen Stil entweder im Krieg bombardiert oder absichtlich zerstört worden zu sein.

Geboren in Offenburg

Geboren wird Sutor 1888 in Offenburg, wo er in jungen Jahren eine Ausbildung zum Holzbildhauer macht. Weiterbildungen und Mitarbeit in Leipzig, Dresden, München, Stuttgart und Paris folgen. Zwischen 1907 und 1909 studiert er beim Bildhauer Hermann Volz in Karlsruhe und leistet Dienst im Ersten Weltkrieg an der Westfront und in Rumänien.

"Der Pionier": Die verschwundene Skulptur von Emil Sutor
"Der Pionier": Die verschwundene Skulptur von Emil Sutor | Bild: Badische Presse 28.06.1941

Ab 1921 wird Sutor freischaffender Bildhauer in Karlsruhe und wirkt zwischen 1925 und 1936 auch mit der Majolika zusammen. In seiner mehr als 50-jährigen Karriere als Bildhauer arbeitet Sutor in drei verschiedenen Epochen Deutschlands: Der Weimarer Republik, den Nationalsozialisten und der Bundesrepublik Deutschland. Er ist gut im Geschäft und kommt, anders als viele andere Künstler der Zeit seinen Auftraggebern sehr entgegen.

In den 1920er- und 1930er-Jahren erledigt er eine Fülle von Aufträgen für Kirchen mit Kreuzigungen, Maria- und Heiligenfiguren in Deutschland und in der Schweiz. In der Christkönigskirche in Rüppurr gestaltet er alle vollplastischen Figuren. Und sogar auf der Weltausstellung in Chicago 1933 stellt er ein Kruzifix aus.

Sutor - "Mitläufer" der Nazis

1933 ist auch das Jahr der Machtergreifung und die Nationalsozialisten wollen Kriegerdenkmäler für den Ersten Weltkrieg weiter errichten beziehungsweise bestehende Trauergedenkstätten mit Helden- und Militärdenkmälern ersetzen. Immer wieder werden Denkmal-Wettbewerbe ausgeschrieben und Sutor bewirbt sich dafür. Für den Wettbewerb in Wiesloch bekommt er den 1. Preis, für das geplante Denkmal in Oberkirch bekommt er den 2. und im Bretten den 3. Platz.

Emil Sutor errichtet 1937 auch ein erwähnenswertes Denkmal in Forbach, das seinen Stil in dieser Zeit reflektiert. Ab 1933 nutzt das NS-Regime die Kriegerdenkmäler als Propagandainstrument, indem sie die westlichen Mächte vor einer Umkehrung des Versailler Vertrags warnen. Eine Militäraktion ist jetzt unvermeidbar und die Denkmäler nehmen einen direkten bedrohlichen Charakter an.

Sutors Kriegerdenkmal in Forbach.
Sutors Kriegerdenkmal in Forbach. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Sutors Forbach-Denkmal drückt das aus – zwei monumentale Soldatenfiguren, die Fahne tragend, beeindruckend an der Straße mit der eingemeißelten Botschaft: "Den Schützern der Heimat zur Ehr."

Sein Denkmal in Donaueschingen jedoch kündigt eine andere Botschaft an, im Sinne der Stellung der Frau in der NS-Ideologie. Die Statue von 1938 ist zwar keine Kriegergedenkstätte, aber "aus dem Werk spricht klar und groß der Stil des Dritten Reichs", wie es in der "Badischen Presse" vom 18. Juni 1939 steht. "Es, versinnbildlicht die Tugenden der deutschen Frau als Hüterin der Unsterblichkeit der Nation."

Himmler kauft bei Sutor

1940 kreiert Sutor eine weitere Plastik von einer sitzenden Mutter mit Kind, die von Reichsführer Heinrich Himmler selbst erworben wird. Sutor ist inzwischen Mitglied in der NSDAP. Richtig anerkannt wird Sutor als Bildhauer 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin.

Sutors Skulptur "Mutter", gekauft von Heinrich Himmler
Sutors Skulptur "Mutter", gekauft von Heinrich Himmler | Bild: Der Führer 25.01.1944

Für seine beiden Reliefgruppen "Eishockeykampf" und "Hürdenläufer" wird er im Olympischen Kunstwettbewerb mit der goldenen Medaille ausgezeichnet. Für diese Auszeichnung wird Sutor im Karlsruher Rathaussaal geehrt und darf sich in das goldene Buch der Stadt eintragen.

Sutor verbringt die meiste Zeit in seinem Atelier und geht nur ungerne raus. Am 28. Juni 1941 berichtet die "Badische Presse", dass Sutor zurzeit an einer Kolossalplastik "Der Pionier" für die Münchener Kunstausstellung arbeitet. Sutor nimmt fast jedes Jahr an dieser, unter der Schirmherrschaft Hitlers stehenden Ausstellung, teil.

Das Kunstwerk soll später in Karlsruhe zur Ausstellung kommen. Die Zeitung druckt ein Foto vom Kunstwerk mit Sutor, der mit einem Fuß auf dem Knie des "Pionier" steht. So sieht man die massiven Dimensionen der Figur. Genau zwei Jahre später, am 28. Juni 1943, berichtet die "Straßburger Neueste Nachrichten", dass Emil Sutors "Pionier" mit seiner "verhalten kraftvoller Bewegung" in der Ausstellung zum 125-jährigen Bestehen des Badischen Kunstvereins vertreten ist.

"Pionier" verschwindet

Dies ist das letzte Mal, dass das monumentale Werk in den Zeitungen oder in der Literatur erscheint. Heute ist es verschwunden. "Es fällt nicht leicht", schreibt die "Badische Presse" im November 1940, "das künstlerische Schaffen Emil Sutors unter einen einheitlichen Nenner zu bringen. Monumentale Bauplastik steht neben dem rein dekorativen Relief."

Sutors Skulptur "Mutter mit Kind."
Sutors Skulptur "Mutter mit Kind." | Bild: Der Führer am Sonntag 13.08.1939

In diesem Sinne macht Sutor nach dem Krieg weiter und passt sich den neuen Umständen nahtlos an, als ob sich die Zeiten nicht geändert hätten. Im Spruchkammerverfahren wird er als "Mitläufer" eingestuft und bekommt eine Strafe von 500 Mark. Nach kurzer Pause kehrt er zu seinen religiösen Kunstwerken zurück – und dadurch, dass so viele Kirchen im Krieg beschädigt wurden, gibt es sehr viel zu tun.

"Nackter Mann" Statue vor dem Wildparkstadion.
"Nackter Mann" Statue vor dem Wildparkstadion. | Bild: Tim Carmele

Neben seiner Arbeit für Kirchen in ganz Baden-Württemberg schafft er eine Reihe von Werken für kulturelle Zwecke – einer der bekanntesten in Karlsruhe ist eben der "Nackte Mann" im Jahr 1959. Zwischen 1961 und 1963 erstellt er die Brunnenanlage am Albtalbahnhof und 1967, das Jahr der Bundesgartenschau in Karlsruhe, kreiert er die beiden Skulpturen "Hebe" und "Diana" als Ersatz für die fehlenden Skulpturen von Ignaz Lengelacher auf dem Schloßplatz.

1958 modelliert Emil Sutor eine Version des Bambi-Rehs für den deutschen Medienpreis. Das Reh wird in Bronze gegossen und vergoldet. Dies wird sein bekanntestes Werk in der Medienbranche.

Mehr zum Thema
Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

Haben Sie eine Anregung, Fragen zu einem alten Gebäude oder können uns etwas über das frühere Karlsruhe erzählen? Dann schreiben Sie uns per Mail oder per ka-Reporter-Formular. Wir freuen uns auf Ihre Geschichten!

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (18)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   Kiwi
    (577 Beiträge)

    26.06.2021 15:25 Uhr
    Hallo likeka
    Deine Worte sind schon gut ausgewählt- wenn es Dir die Zeit erlaubt gebe einmal in eine Suchleiste „Rheinwiesenlager“ ein.
    Das waren bestimmt auch nicht wenige die aus politischen Gründen erbärmlich gestorben sind, verreckt wäre die bessere Bezeichnung, für die werden keine Stolpersteine verlegt, wenn doch nehme ich alles andere zurück.
    Kurze Anmerkung:
    Mein Vater ist am 3. Januar 1951 abends um 20:45 aus russischer Gefangenschaft mit erfrorenen Beinen nach Hause gekommen. Sie mussten Stück für Stück abgeschnitten werden oder ist amputiert der bessere Ausdruck?
    Er hat diese Zeit keine Rente bekommen weil erfrorene Beine keine Kriegseinwirkungen sind.
    Für die, welche in Russland geblieben sind werden auch keine Steine verlegt.
    Ohne Satire -
    Viele Grüße Kiwi
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   likeka
    (621 Beiträge)

    26.06.2021 16:02 Uhr
    Hallo Kiwi,
    zunächst möchte ich mein Bedauern und Mitgefühl für das Schicksal Ihres Vaters ausdrücken!
    Dass weite Teile der Deutschen Bevölkerung, seien es Zivilisten bei Bombadierungen oder viele "einfache" Soldaten, die an der Front verheizt wurden, ebenfalls extremst unter dem Krieg gelitten haben, ist mir sehr bewusst. Auch in meiner Familie sind Menschen verwundet o. nicht aus dem Krieg heimgekehrt oder wurden aus Ihrer Heimat vertrieben. Jedes einzelne Leid und jeder einzelne Tod ist schrecklich und eines zuviel.
    An Kriegsgräbern und Gefallenendenkmälern wird diesen Menschen gedacht. Unter Ihnen viele "einfache" Soldaten, aber eben auch Täter (die Verbrechen auf dem Gebiet des ehem. SU dürften bekannt sein).
    Das alles ändert aber nichts daran, dass ich es absolut richtig und notwendig finde an die Opfer des industriellen Massenmordes in den KZ durch Stolpersteine zu erinnern. Diese Menschen haben nicht gekämpft, sie wurden von einem Terrorstaat ohne Urteil aus niederen Motiven hingerichtet.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   likeka
    (621 Beiträge)

    26.06.2021 15:13 Uhr
    Interessanter Artikel
    Vielen Dank für den interessanten Artikel, der auch aufzeigt, dass viele Profiteure des NS-Regimes nach 1945 nahtlos an ihren Erfolg anknüpfen konnten. Ob und wie man selbst in dieser Zeit anders gehandelt hätte bleibt die spannende Frage. Klar ist, Sutor stejt sinnbildlich für sehr viele Bürger im NS-Regime. Fakt ist, aber auch, dass es (wenige) Menschen gab, die persönliche Nachteile in Kauf genommen haben und sich eben nicht auf das Regime eingelassen haben.

    Das einzig Verwirrende finde ich die Kommentare unter diesem Artikel. Wie einige anscheinend nicht mit einem differenzierten Bild und unangenehmen Fakten umgehen können.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   silberahorn
    (10962 Beiträge)

    26.06.2021 16:55 Uhr
    Es wird lange schon
    nicht wirklich richtig aufgearbeitet. Ich weiß seit mehr als 30 Jahren, dass Rolf Mengele, der Sohn des Naziarztes (Zwillingsforschung) seinen Nachnamen in Jenckel änderte. Ob durch Heirat oder durch die Möglichkeit zwei Buchstaben in belasteten Namen ändern und austauschen zu dürfen ist mir nicht bekannt. Erzählt wurde mir das damals so, dass man beim Standesamt Namensänderungen beantragen darf, wenn gute Gründe dafür sprechen.
    Ich kann verstehen, dass einige Familien es gar nicht gern sehen, wenn ihr Name in Zusammenhang mit möglichen Bereicherungen in der NS-Zeit auftaucht. Einige Enkel wissen wirklich nicht, woher das Familienvermögen tatsächlich stammte. Und es soll auch Täter gegeben haben, die nach dem Krieg locker nach Bundesversorgungsgesetz gute Auszahlungen bekamen, während wirklich arme kriegsgeschädigte Soldaten und deren Witwen auf Behörden an die Wand liefen. Auch ein kaum erwähnter Fakt.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Rundbau-Gespenst
    (12814 Beiträge)

    26.06.2021 10:48 Uhr
    hätte er sein Schaffen einstellen
    oder emigrieren sollen?

    Vielleicht steckt ein Rest des "Pioniers" im "nackten Mann"?

    Es darf wie immer gemutmaßt und gescholten werden...
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Kiwi
    (577 Beiträge)

    26.06.2021 10:57 Uhr
    Hallo Rundbau-Gespenst
    Warum um Himmelswillen hat er keine Raketen und anderes gebastelt?
    Es wäre heute noch der "Mann"
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Rundbau-Gespenst
    (12814 Beiträge)

    26.06.2021 12:14 Uhr
    falsche Branche -
    wenn man bedenkt, dass ihm die Amis ansonsten womöglich ein Denkmal errichtet hätten?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Kiwi
    (577 Beiträge)

    26.06.2021 12:57 Uhr
    Vielen Dank
    +++ Das Posting verstößt gegen unsere AGB und wurde daher von der Redaktion gesperrt +++
  •   likeka
    (621 Beiträge)

    26.06.2021 15:21 Uhr
    Georg Elser
    Falls Sie mit dem "feigen Bombenleger" Georg Elser meinen sollten, der ein leuchtendes Bespiel für Anstand, Gewissen, Aufrichtigkeit und Opferbereitschaft war, sollten Sie sich schämen!
    Einen aufrichtigen Menschen so zu verunglimpfen, ist hochgradig unanständig.
    Auch im Wissen, wie seine Familie und Teile des Dorfes unter Kollektivstrafen und Ausgrenzung bis weit in die Zeit der Bundesrepublik hinein gelitten haben.
    Georg Elser ist deshalb für Sie so unangenehm, weil er zeigt, dass eben auch der "kleine" Handwerker vom Dorf wissen konnte, um was für einen Tyrannen es sich bei Hitler handelte. Elser zeigt, dass jeder Bürger hätte handeln können, dass es eben eine bewusste Entscheidung war, diesem Unrechtsregime treu zu dienen, wie es zum Beispiel auch Sutor tat.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Kiwi
    (577 Beiträge)

    26.06.2021 15:33 Uhr
    Hallo likeka
    Bis soeben wusste ich nichts von dem Georg Elsner - musste zuerst guggeln.
    Meine Gedanken gingen in eine andere Richtung.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 (2 Seiten)

Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.