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Karlsruhe Echter Pride oder PR-Coup - ka-news.de-Leserin will wissen: Wie tolerant sind Karlsruher Institutionen wirklich?

Regenbogen-Flaggen, wohin man sieht: Im Pride-Monat Juni ging eine Welle der Solidarität für Mitglieder der LGBTQIA+-Gemeinde durch das Netz. Doch eine ka-news.de-Leserin befürchtet hinter den vielen Solidaritätsbekundungen nur leere Versprechungen ohne wirklichen Inhalt, sogenanntes "Rainbow-Washing". ka-news.de hat sich an teilnehmende Karlsruher Institutionen gewandt und nachgefragt: Wie solidarisch seid ihr wirklich?

Vor dem Hintergrund eines neuen ungarischen Gesetzes zum Darstellungsverbot von homosexueller Liebe schwappte vor dem deutschen EM-Vorrundenspiel gegen Ungarn am vergangenen Mittwoch eine Welle der Solidarität mit der LGBTQIA+-Gemeinde durch das Land und auch durch Karlsruhe. 

Regenbogen-Farben dominieren das Netz

Vor allem in den sozialen Netzwerken solidarisierten sich viele Karlsruher Institutionen und setzten so ein Zeichen für Toleranz und Vielfalt in der Gesellschaft. So wehte vor dem Karlsruher Rathaus beispielsweise die Regenbogenfahne und der Karlsruher SC verpasste auf Twitter der aktuellen Stadionbaustelle einen virtuellen Regenbogen-Anstrich.

Auch Teil der Solidarisierungswelle: der Karlsruher Verkehrsverbund (KVV). Das Mobilitätsunternehmen aus der Fächerstadt tauchte - wie so viele - sein Unternehmenslogo in Regenbogenfarben und setzte dazu folgenden Tweet ab:

"Und auch wir zeigen Flagge. Zum heutigen Ursprungstag der Pride-Bewegung setzen wir ein Zeichen für #Vielfalt und #Toleranz. Denn wir sind so bunt wie unsere Fahrgäste! #pridemonth #kvvistbunt #lgbtqpride #lgbtq #kvvbewegtalle"

Regenbogenfahne als Marketing-Spin?

So weit, so harmonisch, oder? ka-Reporterin und LGBTQIA+-Mitglied Anna vermutet hinter dem Tweet jedoch nur eine reine PR-Aktion, um das Image eines Unternehmens zu stärken. In einer Mail an die ka-news.de-Redaktion schreibt sie: "Ich, habe die Befürchtung, dass es sich hier um rein um 'Rainbow-Washing' handelt." 

Auf ihre Nachfrage unter dem Tweet, inwiefern das "Flaggezeigen jetzt in konkrete Aktionen umgesetzt wird und vor allem nachhaltig etwas bewirken soll", reagiert der KVV unter anderem mit: "Wir sind nicht hier, um uns zu rechtfertigen."

Viele Stadien in Deutschland erstrahlten parallel zum Spiel gegen Ungarn in München in Regenbogenfarben.
Viele Stadien in Deutschland erstrahlten parallel zum Spiel gegen Ungarn in München in Regenbogenfarben. | Bild: dpa

Für Anna ein Affront. Sie schreibt: "Meiner Meinung nach sollte aber genau die Frage, nämlich wie dauerhaft sich ein Unternehmen für LGBT einsetzt und nicht nur einmal im Jahr, wenn es alle tun, wichtig sein und auch sinnvoll beantwortet werden."

ka-news.de nimmt diese Frage zum Anlass und wendet sich - neben dem KVV - an verschiedene Karlsruher Institutionen, welche sich in den vergangenen Wochen öffentlich mit der queeren Community solidarisierten: Wie weit gehen Vielfalt und Toleranz hier auch im Alltag, abseits des Pride-Monats? 

So hätte die Münchner Allianz Arena zum Spiel Deutschland gegen Ungarn erstrahlen können - wenn nicht die UEFA etwas dagegen hätte.
So hätte die Münchner Allianz Arena zum Spiel Deutschland gegen Ungarn erstrahlen können - wenn nicht die UEFA etwas dagegen hätte. | Bild: Tobias Hase/dpa

KSC "lebt die 'Charta der Vielfalt'"

Der KSC weist in seiner Antwort auf sein Leitbild und auf die "Charta der Vielfalt" hin, die die Anerkennung und Einbeziehung von Vielfalt in Unternehmen vorantreiben soll. "Intern wie extern leben wir beim KSC diese Charta. Beim Karlsruher SC ist jeder willkommen, unabhängig seines Geschlechts, sexueller Orientierung, Alter, Aussehen und Herkunft. Gegen Vorurteile, gegen Diskriminierung und für eine offene und tolerante Unternehmens- und Vereinskultur", so der Verein gegenüber ka-news.de.

Und weiter: "Wir als KSC stehen für eine ganze Region und sind stolz auf das, was uns als Badener ausmacht. Der KSC ist der Heimatverein und wichtiger Integrationspunkt in und für alle Menschen in der Region und in Karlsruhe. Für uns ist Heimat kein Ort, Heimat ist ein Gefühl: Wo mich die Menschen verstehen, wo ich mich nicht verstellen muss, wo Leute sind, die ich mag und die mich mögen, wo wir gemeinsame Ziele verfolgen, da bin ich daheim."

Zusätzlich verweist der Klub auf seine Initiative "KSC tut gut", mit der soziale Projekte unterstützt werden sollen. In Sachen Solidarität arbeite man darüber hinaus eng mit dem Fanprojekt und den Supporters Karlsruhe zusammen. Mit den "Wildparkjunxx" gebe es auch einen schwul-lesbischen KSC-Fanclub. 

Stadtverwaltung beruft sich auf "Karlsruher Selbstverständnis"

Die Stadt Karlsruhe bezieht sich in ihrer Antwort unter anderem auf ihre Aussagen in einer Pressemeldung zum Hissen der Regenbogenfahne vor dem Rathaus. Dort heißt es unter anderem: "Die Regenbogenfahne im Herzen der Stadt steht für das Karlsruher Selbstverständnis: eine offene Gesellschaft und Gleichberechtigung aller Menschen. LSBTTIQ steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer, um - betont noch immer nicht umfassend - verschiedene sexuelle Identitäten und deren Rechte in das allgemeine Bewusstsein zu rücken."

Mit einer Regenbogenfahne stellt Karlsruhe sich an die Seite der LSBTTIQ-Gemeinschaft als Bekenntnis zu Freiheit und Toleranz.
Mit einer Regenbogenfahne stellt Karlsruhe sich an die Seite der LSBTTIQ-Gemeinschaft als Bekenntnis zu Freiheit und Toleranz. | Bild: Stadt Karlsruhe

Konkret wolle die Stadt nun die Kommunikation mit dieser Community verbessern. Deshalb sollen sich - im Zuge eines geplanten Relaunchs des städtischen Internetauftritts - drei Unterseiten explizit an die LSBTTIQ-Gemeinde richten: für Beratung, queeres Leben und weitere Informationen.

Badisches Staatstheater: "Regelmäßige Sichtbarkeit ist der erste Schritt zur Toleranz"

Die Vielfalt des Badischen Staatstheaters hingegen zeige sich - so die Antwort des Karlsruher Theaters gegenüber der ka-news.de-Redaktion - in seiner Belegschaft. "Diese Vielfalt spricht für sich. Zudem ist es uns immer wieder wichtig, uns solidarisch zu zeigen und auf Missstände hinzuweisen. Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der alle die Möglichkeit haben, ihre Träume, ihr Leben selbstbestimmt und frei zu leben. Offenheit und Toleranz gemeinsam mit Werten wie Gleichberechtigung und Freiheit bilden das Fundament für ein gemeinschaftliches Zusammenleben", heißt es darin.

Bild: Lars Notararigo

Weiter erklärt das Staatstheater: "Flaggezeigen ist auch heute noch ungemein wichtig. Wir bekennen uns offen für Diversität, Offenheit und Toleranz. Regelmäßige Sichtbarkeit ist der erste Schritt in Richtung Toleranz. Je deutlicher und häufiger das Zeichen gesetzt wird, desto langfristiger setzt es sich als Gegebenheit in den Köpfen der Menschen fest. Nicht nur das deutsche Team ist bunt! Wir sind es auch."

Bild: Thomas Riedel

AWO bietet Seminare zum Thema Pride an

Auch die Arbeiter-Wohlfahrt (AWO) in Karlsruhe hat im Juni die Regenbogenflagge vor ihrer Geschäftsstelle gehisst. Um darüber hinaus aktiv für die queere Community zu sein, bietet sie über ihre AWO-Akademie Seminare zum Thema Pride an, heißt es auf Nachfrage von ka-news.de.

Außerdem ergänzt die AWO: "In ihrem Grundsatzprogramm verpflichtet sich die Arbeiterwohlfahrt dazu, das Miteinander aller Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung zu fördern. Wir möchten, dass alle Menschen frei und selbstbestimmt ihre Sexualität leben können. Diese Leitlinie ist insbesondere in unserer Kinder- und Jugendarbeit relevant."

Antwort des KVV steht aus

Mit ihrer Frage hat sich die Redaktion auch an den KVV gewandt. Eine Antwort erreichte uns bis Redaktionsschluss nicht. Sollten sie nachgeliefert werden, wird sie im Artikel ergänzt. 

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  •   AhmedDerAufklärer
    (642 Beiträge)

    01.07.2021 21:23 Uhr
    Ich
    denke rechtlich sieht es bei uns für alle Orientierungen gut aus.
    Finanziell ist die Steuersubvention "Ehegattensplitting" für Homo- und Heteroverheiratetete, die keine Kinder haben, ein krasses Unding, das schrittweise behoben werden muss. Die Gekniffenen sind u.a. Alleinerziehende mit Kindern.
    In den Köpfen der Menschen kann man die Gleichstellung schwerlich verordnen. Das wird noch Zeit brauchen.
    Welche Rolle da Firmen oder Institutionen spielen kann man diskutieren, da geht es um Symbole und Marketing. Ist eigentlich nicht überraschend. Wer sich da positioniert, muss sich daran künftig messen lassen, da wird es schon in die richtige Richtung gehen...
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  •   Gast68
    (862 Beiträge)

    02.07.2021 17:56 Uhr
    Kein Ehegattesplitting?
    Dann muss im Umkehrschluss ebenfalls die kostenlose Mitversicherung von Ehegatten und Kindern in der Krankenkasse und Pflegeversicherung, der Anspruch auf Kinderkrankengeld und sonstige Bevorzugungen wie Mutter-Kuren etc. aufhören.
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  •   smuudo
    (286 Beiträge)

    02.07.2021 09:16 Uhr
    Und wofür …
    … gibt‘s die Steuerklasse II für Alleinerziehende, dessen Entlastungsbeitrag wieder erhöht wurde oder noch wird? Hier hat der/die Alleinerziehende ihre steuerlichen Vorteile.
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  •   silberahorn
    (10960 Beiträge)

    02.07.2021 10:11 Uhr
    Die Problematik
    liegt womöglich darin, dass viele Alleinerziehende (wobei ich lieber Alleinverdiener benennen würde, egal wer alles miterzieht) nicht die Karriere machen in der sich so ein Steurvorteil bemerkbar machen kann. Oft sind sie eher in schlechter bezahlten Halbtagsstellen zu finden, in denen sogar kaum Steuern anfallen.

    Wobei das damals, als ich noch betroffen war so ausgefallen ist, dass der Vater, der nur Unterhalt ans Kind zahlt mit seinen 0,5 Kind auf der Steuerkarte gut gefahren ist. Und das, obwohl er gar nicht an der Erziehung oder gar an Arbeit die Kinder machen können, teilnehmen wollte.
    Als Alleinerziehend haben sich drolligerweise auch gut finanzierte und verheiratetet Arztgattinen bezeichnet, weil der Gatte selten zuahuse war. Schon deswegen ist mir die Diskussion um Steuervorteile, egal ob durch Ehegattensplitting oder 0,5 (halbe) Kinder auf der Steuerkarte etwas zu theoretisch und eigentlich unsinnig. Geld ist das kleinste Problem dabei.
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  •   smuudo
    (286 Beiträge)

    02.07.2021 10:27 Uhr
    Richtig!
    Letztendlich gibt es Möglichkeiten für alle, sich entsprechend steuerlich aufzustellen. Ich sehe keine krasse Vor- oder Nachteile. Ich musste trotz Ehegattensplitting und Kinderfreibeträge für 3 trotzdem einiges nachzahlen. 🤷🏼‍♂️ Es darf auf jeden Fall nicht an der Steuerschraube nach unten gedreht werden. Wenn dann muss man das untere Niveau auf das obere anpassen.
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  •   AhmedDerAufklärer
    (642 Beiträge)

    02.07.2021 12:44 Uhr
    Hier
    sind einige Infos warum das Ehegattensplitting ungerecht ist:
    Der ehemalige Verfassungsrichters Kirchhof meint: "Allerdings setzt das Steuerrecht damit Anreize für eine bestimmte Lebensform, obwohl es eher neutral sein sollte."
    Quelle:
    https://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/2.3094/ehegattensplitting-und-das-soll-gerecht-sein-14043606.html
    - - -
    Focus: So ungerecht ist die staatliche Förderung:
    https://www.focus.de/finanzen/steuern/mehr-geld-von-wegen-60-jahre-ehegattensplitting-so-ungerecht-ist-die-staatliche-foerderung_id_9259277.html
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  •   silberahorn
    (10960 Beiträge)

    02.07.2021 15:16 Uhr
    Frauen
    wird " der Anreiz zum Arbeiten genommen", steht in einem der verlinkten Artikel. Da reibe ich mir die Augen und frage mich wer so etwas schreibt im Jahr 2021. Das erinnert mich an die Arzthelferin, die über eine Kollegin sagte: "die muss bald nimme schaffe, die kriegt en Kind und hoiratet."
    Das ist jene Geringschätzung von Erziehungsarbeit oder Hausfrauenarbeit, die, weil sie nicht mit Stundenlohn verbunden ist, nicht als Arbeit gilt. Steuerlich lässt sich so ein Gedankengang ohnehin nicht regeln.
    Eheleute und Unverheiratete sollten steuerlich gleichgestellt werden. Dazu ein Ausgleich für die Zeiten, in denen sich jemand beruflich nicht so weiterentwickeln kann, wie es ohne Kind möglich gewesen wäre. Wenn Frauen ungern eingestellt werden, weil sie schwanger werden könnten und Ausfallzeiten entstehen, dann sind Firmen, die so handeln müssen, ziemlich auf Kante gestrickt. Und das in einem reichen Land. Minijobs wurden einst auch für "Hausfrauen" als Zuverdienst erfunden.
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  •   AhmedDerAufklärer
    (642 Beiträge)

    02.07.2021 16:25 Uhr
    Da
    sind wir 100%ig der gleichen Meinung:
    "Eheleute und Unverheiratete sollten steuerlich gleichgestellt werden"
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  •   mikado46
    (248 Beiträge)

    02.07.2021 00:19 Uhr
    Solange....
    ....die Beamten, Jahr für Jahr, ungestraft Milliarden im zweistellingen Betrag verschwenden, weiss ich nicht,
    warum an der Steuerschraube weiter gedreht werden soll.
    Siehe jährlichen Bericht des Bundesrechnungshofes.
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  •   AhmedDerAufklärer
    (642 Beiträge)

    02.07.2021 12:47 Uhr
    Mit
    diesem "Argument" kann man so ziemlich alles begründen, bis hin zur Steuerhinterziehung.
    Mißstände müssen analysiert und abgestellt werden, aber bitte nicht indem man andere Mißstände schafft oder gutheißt oder damit rechtfertigt.
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