Karlsruhe "Die eigentlichen Leidtragenden der Krise": Wie Menschen mit seelischer Vorerkrankung durch den Lockdown kamen

Für Menschen mit seelischer Vorerkrankung konnten sich die Corona-Krise und auch der Lockdown als fatal erweisen. Das weiß keiner besser als das Diakonische Hilfswerk Karlsruhe, dessen Tagesstätte für psychisch Belastete nach dem Lockdown wieder öffnen darf. Wie es ihrer Seelsorgeeinrichtung während und nach dem Lockdown erging, berichten die jeweiligen Vertreter im Gespräch mit ka-news.de.

Klub Pinguin nennt sich die Tagesstätte. Ein Projekt, das direkt dem Diakonischen Werk Karlsruhe unterstellt ist und das als Achse des Zentrums für seelische Gesundheit dient. Von morgens bis abends sei der Klub eine sichere Zone für Menschen mit chronischer psychischer Erkrankung, in der ihnen auch dann Unterstützung geboten würde, wenn sie sich nicht in unmittelbarer Behandlung befänden.

Der Club Pinguin  (Stephanienstraße 16), eine Tagesstätte zur Sozialisierung und Therapie für Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen.
Der Club Pinguin (Stephanienstraße 16), eine Tagesstätte zur Sozialisierung und Therapie für Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen. | Bild: Diakonisches Werk Karlsruhe

"Wichtig ist uns vor allem, Menschen mit psychischen Erkrankungen sozial einzugliedern", sagt Christine Ender, die Co-Leiterin des Zentrums für seelische Gesundheit. "Wir fördern Treffen mit anderen psychisch vorbelasteten Mitbürgern, führen Gruppenaktivitäten durch, oder stellen unseren Klubmitgliedern beratendes Fachpersonal zur Verfügung. Es ist die Aufgabe des Clubs ihnen Struktur und Gemeinschaft zu geben."

"Die eigentlichen Leidtragenden der Corona-Krise"

Unterstützungen wie diese stellten sich für die Klubbesucher als vital heraus, wie Martin Bauer, eines seiner langjährigen Mitglieder bestätigt: "Viele Menschen fühlen sich im Club heimisch und haben ihren gesamten Freundeskreis dort", so seine Worte.

Christine Ender, Michael Bauer und Michael Freyer (v.l.)
Christine Ender, Martin Bauer und Michael Freyer (v.l.) | Bild: Diakonisches Werk Karlsruhe

"Die Menschen, für die wir da sind, sind die eigentlichen Leidtragenden der Corona-Krise", sagt Christine Ender. Mit dem Aufkommen des Virus seien die Hauptziele des Klubs von Struktur und Gemeinschaft massiv erschwert worden. "Zu Beginn der Krise mussten wir die Diakonie und den Klub ganz schließen." Hierdurch verloren viele Mitglieder ihren einzigen sozialen Anknüpfungspunkt wodurch sich ihr seelischer Zustand teils massiv verschlechtert habe.

"Die Leute sollen sich untereinander treffen können"

"Aus diesem Grund haben wir versucht, die Einzelberatung so gut es geht aufrecht zu erhalten. Sowohl durch intensiven Telefonkontakt als auch durch Videochats, wann immer es möglich war", sagt Ender. Auch Michael Freyer, ebenfalls Co-Leiter des Zentrums für seelische Gesundheit, sehe darin eine hohe Priorität.

Michael Freyer, Co-Leiter des Zentrums für seelische Gesundheit Karlsruhe.
Michael Freyer, Co-Leiter des Zentrums für seelische Gesundheit Karlsruhe. | Bild: Diakonisches Werk Karlsruhe

"Vor Corona war der Klub Pinguin ein niedrigschwelliger Treffpunkt, was bedeutet, dass jeder so lange bleiben darf, wie er möchte. Das war zu Zeiten des Lockdowns natürlich nicht möglich. Gleichzeitig konnten wir den Klub natürlich nicht ganz schließen, da viele seiner Besucher auf ihn angewiesen sind. Wir haben neben den Videochats also auch mit Voranmeldungen für die Klubbesucher gearbeitet und versucht unter unseren Stammgästen Kontakt herzustellen."

"Das Störfeuer der Querdenker"

Trotz dieses Ersatzangebotes sei unter den Besuchern eine gewisse Zurückhaltung bezüglich des Klubs zu spüren gewesen. "Viele unserer Besucher waren sehr verunsichert, verängstigt oder auch verwirrt durch die ständig geänderten Verordnungen", so Freyer. "Manche unserer Gäste hatten eine regelrechte Panik vor der Krankheit."

Erschwerend hinzu käme dabei das "Störfeuer von Querdenkern und Corona-Leugnern" hinzu, was den Umgang mit dem Virus und der Impfung noch verkomplizieren würde. "Trotzdem haben wir ein mobiles Impfteam innerhalb des Clubs und auch eine relativ hohe Impfquote", wie der Co-Leiter erklärt.

Das Trauma des Lockdowns

Doch nicht nur das Virus selbst führe innerhalb der Krise zu immer größeren seelischen Spannungen. Auch der Lockdown und die damit verbundene Einsamkeit und Isolation seien "der Grund, dass einige unserer Besucher überhaupt erst in psychiatrische Behandlung mussten", so Freyer. 

"Eine nicht zu unterschätzende Anzahl unserer Gäste hat aus dem ersten und zweiten Lockdown ein Trauma erfahren." Ein Trauma gegen das nun innerhalb des wiedereröffneten Clubs Pinguin angegangen werden müsse. "Seit April haben wir wieder regulär geöffnet", so Freyer. "Auch an den Wochenenden, was uns bis dahin untersagt war."

"Wir empfinden uns im Club als ganz normale Menschen"

Und diese Chance nähmen nicht wenige Hilfsbedürftige Menschen dankbar an. Eine Einschätzung, mit der auch Martin Bauer als langjähriges Clubmitglied konform gehe: "Es ist sehr angenehm, auch samstags und sonntags in den Club zu dürfen, schließlich kennt eine Krankheit kein Wochenende. Und es wird für viele nur schlimmer, wenn sie mit ihren Ängsten und Nöten den Montag abwarten müssen."

Martin besucht den Club Pinguin regelmäßig seit zweieinhalb Jahren.
Martin Bauer besucht den Club Pinguin regelmäßig seit fünf Jahren. | Bild: Anya Barros

Zirka 90 Personen seien jedes Wochenende innerhalb des Clubs Pinguin zu verzeichnen, sowohl aus der Stadt Karlsruhe als auch aus dem Landkreis und dessen näherem Umfeld. Eine Zusammenkunft, die Linderung und Heilung bringe, wie Bauer erklärt: "Im Club können wir diese Ängste, Sorgen und Krankheiten vergessen und Teil einer Gemeinschaft sein - wir empfinden uns dort als ganz normale Menschen."

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