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Karlsruhe "Den Feigen tritt jeder Lump": Wie Friedrich Hecker 1848 die Revolution nach Karlsruhe bringen wollte

Vor mehr als 170 Jahren marschierte die Revolution durch Südbaden - angeführt unter anderem vom Freischärler Friedrich Hecker. Dieser ist auch im 21. Jahrhundert noch eine schillernde Figur im Ländle - und das wird auch in Karlsruhe noch an so manchen Ecken deutlich. Denn die Fächerstadt war unter anderem das Ziel des "Heckerzuges" - ein Aufstand mit dem Bestreben, die Ziele der Märzrevolution durchzusetzen, die Monarchie zu stürzen und eine Republik zu errichten.

Dass Friedrich Karl Franz Hecker einmal als badischer Revolutionsführer in die Geschichte eingehen sollte, ahnte wohl noch niemand, als er am 28. September 1811 in Eichtersheim (heute Angelbachtal) im damaligen Großherzogtum Baden geboren wurde. Heute erinnert eine Gedenktafel im ehemaligen Venningenschen Rentamt, Heckers Geburtshaus, an seinen berühmten ehemaligen Bewohner.

Diese Karlsruher Orte erinnern an Friedrich Hecker

In ganz Baden wird inzwischen dem radikaldemokratischen Agitator und populären Redner, der in der Anfangsphase der badischen und deutschen Revolution 1848/49 eine zentrale Rolle spielte, gedacht: Es gibt das Friedrich-Hecker-Gymnasium in Radolfszell und die Friedrich-Hecker-Schule in Sinsheim. In Heidelberg, wo der ausgezeichnete Schüler Hecker an der Universität Jura studierte, ist eine Straße nach ihm benannt, ebenso im Karlsruher Stadtteil Knielingen oder in zahlreichem anderen Städten Badens.

Die Heckerstraße in Karlsruhe-Knielingen.
Die Heckerstraße in Karlsruhe-Knielingen. | Bild: Hans-Joachim Of

In der Fächerstadt erinnern viele Ecken zwar nicht direkt an den Revolutionsführer, aber dafür umso mehr an die badische Revolution: In der Südweststadt beispielsweise liegt die Mathystraße, die Karl Mathy, den Karlsruher Staatsminister und Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49 ehrt.

Bild: Anya Barros

Auch das Schloss, die Stadtbibliothek - früher das Parlament - oder die römisch-katholische, von Friedrich Weinbrenner erbaute St. Stephanskirche im Stadtzentrum haben Bezug zur Badischen Revolution und zu Friedrich Hecker.

"Heckerzug" nach Karlsruhe

Der Grund für diese starke Erinnerungskultur in der Fächerstadt: Hecker hatte nach der Märzrevolution 1848 Karlsruhe als Ausgangspunkt für die Errichtung einer badischen Republik auserkoren. Als guter Redner von seinen radikaldemokratischen, sozialistischen Ideen überzeugt, forderte Hecker, der 1842 als Abgeordneter in die Zweite Badische Kammer in Karlsruhe gewählt worden war, schon 1847 unter dem Eindruck grassierender Hungersnöte und des Missverhältnisses zwischen Kapital und Not eine deutsche Republik und die Demokratie ein.

Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 599

Versammlungen in Offenburg und Karlsruhe hatten im Frühjahr 1848 Hoffnung geschürt, doch die Eingaben am Frankfurter Vorparlament scheiterten. Hauptakt dieses sogenannten "Heckeraufstandes" war schließlich der "Heckerzug" im April 1848: In vier Marschzügen sollten die Revolutionäre in einem Sternmarsch nach Karlsruhe ziehen und die badische Hauptstadt einnehmen, den Großherzog entmachten und von dort aus eine deutsche Republik durchsetzen.

"Wir standen auf und unterlagen"

Doch der Zug scheiterte an der übermächtigen gegnerischen Militärmaschinerie im "Gefecht auf der Scheideck" bei Kandern im Südschwarzwald. Etwa 800 Heckeranhänger standen rund 2.000 hessischen und badischen Soldaten gegenüber.

Bild: Hans-Joachim Of

"Wir standen auf und unterlagen, weil beim Volke der Mut der Tat nicht dem Mut des Wortes gleichkam", so Friedrich Hecker 1848 in Straßburg. Nach der Niederlage war Hecker zunächst nach Muttenz bei Basel geflohen und später ins Elsass weitergezogen, wo ihm die Behörden umgehend mit Ausweisung drohten.

Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 597

Er beschließt, in die USA auszuwandern und setzt am 20. September 1848 - im Alter von 37 Jahren - von Le Havre aus nach New York über, wo ihm bei seiner Ankunft 20.000 Menschen zujubeln. Hecker lässt sich mit seiner Frau auf einer Farm in Illinois nieder, betreibt Viehzucht und - wie bereits sein Vater Joseph vor ihm - Weinbau.

Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 1918

Im Mai 1849 reist Hecker nochmals für kurze Zeit per Schiff nach Europa zurück, doch die Badische Revolutionsarmee, die er unterstützen wollte, wurde schon kurze Zeit nach seiner Ankunft durch den Sieg preußischer Truppen über die Revolutionsarmee am 23. Juli 1849 in Rastatt - blutiger als zuvor - niedergeschlagen.

Hecker kämpft im amerikanischen Bürgerkrieg

Hecker war zu spät gekommen und kehrt Baden nun endgültig den Rücken, fristet das harte Leben eines Bauern in Illinois und erreicht, was kaum einem Akademiker gelingt: Seine Farm in der Prärie floriert. Doch auch in den USA legte er seine Überzeugungen nicht ab. Er zieht als Oberst des "24th Illinois Infantry Regiment" in den amerikanischen Bürgerkrieg und kämpft auch dort für Freiheit und Gerechtigkeit.

Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 602

Einmal noch, im Jahr 1873, besucht er Deutschland. In Mannheim ist die Rheinbrücke vor lauter Menschenvolk nicht zu sehen. Seine Landsleute erzählen stolz von der Einheit. Der promovierte Jurist Hecker, der seine gut gehende Anwaltspraxis in Mannheim verließ, um für die Demokratie zu kämpfen, nahm auch hier kein Blatt vor den Mund und erklärte den Leuten, dass Einheit ohne Demokratie gar nichts bedeute. Am 24. März 1881 stirbt Hecker in Summerfield/USA.

Karlsruher Autor lässt Hecker weiterleben

Doch der politische Mythos um den Revolutionär lebt weiter - unter anderem jetzt auch in einem Buch des in Karlsruhe geborenen und aufgewachsenen Autors und Journalist Frank Winter. Nicht zuletzt deshalb, weil es in seiner Vita viele Gemeinsamkeiten gibt und ihn das spannende Thema "schon seit meiner Kindheit" berührte, "zumal mein eigener Vater auch aus der Region stammt und mein Onkel Johann Winter, 1845 und drei Jahre vor Hecker, ebenfalls nach Illinois/USA emigrierte", erzählt Winter im Gespräch mit ka-news.de.

Buchautor Frank Winter
Buchautor Frank Winter | Bild: Hans-Joachim Of

Um das Leben und Wirken Heckers zu verstehen, hat der Autor viele Monate recherchiert, Archive gesichtet und sogar mit Nachfahren Heckers in St. Louis/Missouri gesprochen. Herausgekommen ist das Buch "Den Feigen tritt jeder Lump". Dieser Satz entstammt einem Dialog, in dem es um Einwanderer und Sklavenhaltung im Amerika des Jahres 1855 geht. Friedrich Hecker soll ausgerufen haben: "Wer sich selbst nicht achtet, der wird verachtet. Den Feigen tritt jeder Lump."

Bild: Hans-Joachim Of
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Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

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  •   Schillerlocke
    (321 Beiträge)

    28.06.2020 20:06 Uhr
    Gab es damals
    auch schon die Antifa? Ich frag für einen Freund.
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  •   FCKSUV
    (422 Beiträge)

    28.06.2020 18:51 Uhr
    "One Man's Terrorist
    is Another Man's Freedom Fighter"

    Also, immer misstrauisch sein, wenn von "Gerechtigkeit" oder "Freiheit" schwadroniert wird. zwinkern
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  •   Iglaubsnet
    (790 Beiträge)

    28.06.2020 21:49 Uhr
    Ja
    so ist es.
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  •   Iglaubsnet
    (790 Beiträge)

    28.06.2020 18:10 Uhr
    Ja
    so ist das mit den Aufwieglern, erst das Volk aufwiegeln und dann die Fliege machen, der Mutige ist dann der Dumme.
    Helden sollte man immer hinterfragen, egal welcher Ausrichtung.
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  •   Waterman
    (6452 Beiträge)

    28.06.2020 16:30 Uhr
    Karl Mathy - Revolutionär?
    Da wäre wohl eher Gustav Struve zu nennen, von dem es ja auch eine Straße in Karlsruhe-Knielingen gibt.

    Hoffentlich ist der Rest besser recherchiert...
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