Karlsruhe Angriffe auf Mehrfamilienhaus nach Hissen der Reichsflagge in Oberreut: "Wir haben Angst, vor die Tür zu gehen!"

Glasscherben, eine mit roter Farbe beschmierte Hausfassade und Parolen an den Wänden: Die Bewohner eines Mehrfamilienhauses in Karlsruhe-Oberreut leben derzeit in Angst. Weil einer der Anwohner eine schwarz-weiß-rote Fahne des Deutschen Kaiserreichs - auch als Reichsflagge bekannt - über seiner Wohnung gehisst hatte, haben Unbekannte in den vergangenen Nächten mehrmals vor dem Haus ihr Unwesen getrieben - auf Kosten der Bewohner. Jetzt sprechen die Betroffenen.

Reste der roten Farbe sind noch immer an der Fassade und auf dem Boden zu erkennen, als ka-news.de sich am Dienstag zusammen mit den Bewohnern des Hauses vor Ort ein Bild von den Angriffen der vergangenen zwei Nächte macht. Unbekannte haben das Haus in der Nacht von Sonntag auf Montag mit in Flaschen gefüllter roter Farbe beworfen - teilweise bis auf einen Balkon im zweiten Stockwerk hinauf.

Unbekannte schmieren Parolen an die Hauswand

In der Nacht auf Dienstag folgten an die Wand und Haustür geschriebene Parolen wie "Antifa Area" oder "Hier wohnt ein Fascho". Auslöser für die Schmierereien: Eine sogenannte Reichsflagge, die zuvor über dem Balkon eines Bewohners des Mehrfamilienhauses geweht hatte. Ein ka-news.de-Leser hatte die Redaktion am vergangenen Freitag auf die Fahne aufmerksam gemacht.

Bild: privat

Der Grund für die Aufregung: Von 1933 bis 1935 gilt sie als Nationalflagge des Deutschen Reichs zusätzlich zur Hakenkreuzflagge. Dabei beginnt der Ursprung der Flagge mit der Farbkombination schwarz-weiß-rot schon lange vor dem NS-Regime: Ab 1867 ist sie Flagge des Norddeutschen Bundes, von 1892 bis 1919 Nationalflagge des Deutschen Kaiserreichs.

Kaiserreich-Flagge ist nicht verboten

Viele Menschen verbinden sie heute aber dennoch vor allem mit der rechten Szene. Der Grund: Verboten ist die Fahne nicht, das regelt der Verfassungsschutz. Sie wird dadurch beispielsweise oftmals von Neonazis auf Protestmärschen getragen - eine Tatsache, die nun wohl auch die Unbekannten in Oberreut zum Anlass für ihre Taten genommen haben.

Vor dem Zug der Neonazi-Demonstration anlässlich des 31. Todestages von Rudolf Heß kniet ein Mann mit einer Fisur, die bei Neonazis üblich ist.
Die schwarz-weiß-rote Flagge ist in Deutschland erlaubt. Das nutzen Anhänger des Nationalsozialismus für Protestmärsche aus. | Bild: dpa

Eine Malerfirma ist am Dienstagnachmittag noch dabei, die letzten Spuren der Schmierereien zu beseitigen. Für die Kosten der Reinigung müssen die Bewohner des Hauses selbst aufkommen, wie hoch sie sein werden, steht noch nicht fest. 

"Wir fühlen uns allein gelassen"

Zwei Anzeigen gegen Unbekannt haben sie zudem bei der Polizei erstattet. Wie die Polizei auf Nachfrage von ka-news.de bestätigt, dauern die Ermittlungen aktuell noch an. Sollte der oder die Verantwortlichen gefasst werden, droht ihm oder ihnen eine Anzeige wegen Sachbeschädigung, das kann eine Geld- oder Freiheitsstrafe nach sich ziehen. 

Bild: privat

Doch auch wenn das geschieht und auch wenn auf den Wänden nichts mehr an die Taten erinnert - die Furcht vor weiteren Angriffen bleibt bei den Mietern zurück. "Die Bewohner haben Angst vor die Tür zu gehen, hier leben ältere und junge Menschen und auch Kinder unter einem Dach!", sagt eine Anwohnerin im Gespräch mit ka-news.de vor Ort. "Keiner kann uns sagen, wie man mit dieser Situation nun umgehen soll. Wir fühlen uns allein gelassen."

Sachbeschädigung, obwohl die Flagge nicht mehr weht

Dass die beiden Angriffe die letzten gewesen sein werden, davon gehen alle Anwesenden nicht aus - obwohl die Fahne bereits am Sonntagabend eingezogen worden ist. "Es gab auch schon Drohungen im Netz", so die Anwohnerin weiter. Dass die gesamte Hausgemeinschaft nun augenscheinlich als Faschisten abgestempelt wird, macht sie fassungslos. Auch deshalb, weil im Haus selbst als auch in der direkten Nachbarschaft Menschen aller Nationen zusammenwohnen. 

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"Uns entsteht dadurch ein riesengroßer Schaden. Wir sind hier noch nie als rechtsradikal aufgefallen, leben alle im friedlichen Miteinander und distanzieren uns strikt von einer rechtsradikalen Haltung", sagt sie. Dass die schwarz-weiß-roten Fahne überhaupt mit einer rechten Gesinnung in Verbindung gebracht werden könnte, sei zudem vielen Bewohnern gar nicht bewusst gewesen.

"Ich habe die Fahne nur aus Protest gegen die Politik gehisst"

"Es hat sich in den vergangenen Wochen, in denen die Fahne hier hing, auch niemand beschwert", sagt auch der Besitzer der Flagge im Gespräch mit ka-news.de. Von einem rechtsradikalen Hintergrund hinter der Aktion will er sich entschieden distanzieren. "Ich war selbst 20 Jahre lang mit einer Ausländerin verheiratet. Ich habe die Fahne nur als Protest gehisst, weil ich mit der aktuellen Lage der Politik in Deutschland nicht zufrieden bin."

Dass das Hissen einer offiziell erlaubten Fahne solche Wellen schlagen könnte, damit habe er nicht gerechnet. "Das rechtfertigt dennoch die nächtlichen Sachbeschädigungen definitiv nicht. Es tut mir Leid, dass die Bewohner im Haus nun Angst haben", sagt er. Noch einmal möchte er die Fahne in Zukunft nicht hissen. 

Polizei verurteilt Selbstjustiz

"Das war bestimmt nicht der richtige Weg", sagt auch eine Bewohnerin des Mehrparteienhauses. "Aber es war einfach nur ein Missverständnis, das wir jetzt aufklären wollen." Damit die Anwohner sich künftig sicherer fühlen können, will das Polizeirevier Südweststadt "geeignete Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Straftaten" durchführen, wie die Polizei auf Nachfrage von ka-news.de mitteilt. "Das beinhaltet auch eine verstärkte Bestreifung des Stadtteils."

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Den Akt der Selbstjustiz der noch unbekannten Täter verurteilt die Polizei dabei scharf: "Wir weisen entschieden darauf hin, dass es von Rechts wegen keine Rechtfertigung für Handlungen in Selbstjustiz gibt. Die Verfolgung und Ahndung von Straftaten obliegt ausschließlich den dazu gesetzlich beauftragten Stellen", heißt es dazu.

"Gewalt ist keine Lösung"

"Das beinhaltet auch die Feststellung, ob ein Sachverhalt überhaupt als strafbare Handlung zu bewerten ist. In diesem Fall kommt erschwerend hinzu, dass von dem entstandenen Schaden und durch die Taten auch Unbeteiligte betroffen sind."

Dass gerade diese Unbeteiligten künftig in Frieden gelassen werden, das wünschen sich auch die betroffenen Hausbewohner in Oberreut. "Wir wünschen uns weniger aggressive Menschen. Gewalt ist keine Lösung und jeder muss sich bewusst sein, dass so etwas jeden jederzeit selbst treffen könnte", mahnt eine der Anwohnerinnen. "Wir müssen wieder lernen, miteinander zu leben - sodass jeder hier nachts wieder ruhig schlafen kann."

 

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