82  

Karlsruhe Zu hohe Preise, wenig Fahrgäste: Matthias Lieb will, dass sich der Karlsruher Nahverkehr dem Stuttgarter Vorbild anpasst

Ab dem 9. Dezember wird Bus- und Bahnfahren in Karlsruhe erneut teurer. Das ärgert auch die Kunden des KVV: Die Fahrgastzahlen gehen eher zurück. Doch der Landesverband des Verkehrsclubs Deutschland, der Regionalverband des Fahrgastverbandes Pro Bahn und auch der KVV wollen sich nun dafür einsetzen, dem unattraktiven Nahverkehr wieder neuen Aufschwung zu geben.

Verspätungen, Fahrtausfälle, Personalmangel und steigende Fahrpreise - Der Service des Karlsruher Verkehrsverbunds (KVV) genießt in der jüngeren Vergangenheit unter den Karlsruher Bus- und Bahnfahrern nicht gerade den besten Ruf. Vor allem die erneute Erhöhung der Fahrkartenpreise um rund 2,7 Prozent, die der KVV für den 9. Dezember angekündigt hat, stieß auf vielseitige Kritik.

Warum wird Bus- und Bahnfahren immer teurer?

"Die Tarifanpassung ist notwendig, um das Defizit, das aus der Erbringung der Verkehre entsteht, zu dämpfen", erklärt Michael Krauth, Pressesprecher des KVV, die Erhöhung auf Nachfrage von ka-news. Rund 350 Millionen Euro koste der Verkehr im Verbundgebiet demnach pro Jahr. Wesentliche Punkte für die hohen Kosten seien die gestiegenen Personalgehälter, der barrierefreie Ausbau der Haltestellen sowie die Modernisierung des Fuhrparks.

Um 33 Prozent sind die Preise der Einzelfahrscheine im Gebiet des KVV in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, die Monatskarten sind sogar um 43 Prozent teurer geworden. Nur der Verkehrsverbund Rottweil kann diesen Wert mit 45 Prozent noch toppen. Das zeigen Erhebungen des Verkehrsclubs Deutschland (VCD).

 

Doch Krauth verteidigt die Monatskarte: So habe der Verbund seinen Kunden bereits bei der Einführung "eine sehr günstige Monatskarte mit vielen attraktiven Sonderkonditionen" anbieten können. "Dieses hohe Niveau galt es in den vergangenen Jahren zu halten und zu finanzieren", rechtfertigt er die Preiserhöhung.

Die Preise steigen, die Fahrgastzahlen stagnieren

Dass die Fahrpreiserhöhungen auch an den Fahrgästen des KVV nicht spurlos vorübergehen, beweist eine Statistik des VCD: Zwischen 2007 und 2017 konnte der KVV einen Fahrgastzuwachs von nur knapp einem Prozent verzeichnen. Woran liegt das genau?

Preissteigerung ÖPNV
Während der Preis weiter steigt, kann der KVV bei den Fahrgastzahlen seit Jahren kaum Zuwachs verzeichnen. | Bild: VCD Baden-Württemberg

Laut Matthias Lieb, Landesvorsitzender des VCD, ist die große Abweichung aber nicht nur der Fahrpreisentwicklung, sondern auch dem seit Jahren vorherrschende Personalmangel sowie den daraus resultierenden Fahrplaneinschränkungen geschuldet. Hinzu kommt die Baustellensituation in Karlsruhe, die durch den Bau der Kombilösung entsteht.

Matthias Lieb
Matthias Lieb, Vorsitzender des Landesverbands Baden-Württemberg des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). | Bild: VCD Baden-Württemberg

Daher liegt - sowohl für Matthias Lieb als auch für Michael Krauth - die Behebung des Fahrgastmangels vor allem in der Inbetriebnahme des neuen Stadtbahnnetzes. "Viele Baustellen, die derzeit an der einen oder anderen Stelle noch den Verkehrsfluss hemmen, gehören dann der Vergangenheit an", meint der Sprecher des Karlsruher Verkehrsverbunds. "Wir rechnen also mit einer weiter wachsenden Attraktivität des Nahverkehrsangebots im KVV-Gebiet."

Kombilösung, Ettlinger Tor
Bild: Paul Needham

Öffentlicher Verkehr nach Stuttgarter Vorbild

Damit dieses Ziel auch wirklich erreicht werden kann, empfiehlt der VCD, dem Beispiel der Tarifreform der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu folgen. Der Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) führt ab April 2019 seine insgesamt 52 Tarifzonen zu fünf Ringzonen zusammen - das soll den öffentlichen Verkehr nicht nur einfacher, sondern vor allem günstiger machen. Das Land unterstützt das Vorhaben in den nächsten Jahren mit jährlich bis zu 42 Millionen Euro. 

Aber: "Im KVV-Gebiet fehlt aktuell die Unterstützung der politischen Gremien für eine Preissenkung, bei der die Stadt- und Landkreise die Kosten als Aufgabenträger übernehmen", kritisiert Matthias Lieb. Er fordert den KVV daher auf, auf benachbarte Verbünde wie Pforzheim, Freudenstadt und die Ortenau zuzugehen, um "gemeinsam einen großen, leistungsfähigen Verkehrsverbund" zu gestalten.

Symbolbilder Bahn in Karlsruhe
(Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Auch KVV-Sprecher Michael Krauth sieht in der Stuttgarter Lösung grundsätzlich eine denkbare Option - "sofern geklärt ist, wer die entsprechenden Kosten trägt", sagt gegenüber ka-news. Neben der Unterstützung durch das Land empfiehlt der VCD-Landesvorsitzende Lieb deshalb auch Finanzierungsformen wie eine Citymaut oder eine Nahverkehrssteuer.

Kostenlose Netzkarten und mehr Fahrkomfort?

Konkrete Vorschläge zur Steigerung der Attraktivität des KVV-Verkehrs kommen auch vonseiten des  Regionalverbandes des Fahrgastverbandes Pro Bahn. So fordert er beispielsweise die Einführung einer dauerhaften Werbekampagne sowie Tarifmaßnahmen wie die Ausgabe einer kostenlosen dreitägigen Netzkarte für alle Gäste der Fächerstadt. "Auch Fahrten zu Veranstaltungen sollten grundsätzlich im Eintrittspreis enthalten sein", erklärt der Regionalverband in einer Pressemeldung.

Darüber hinaus will er Investitionen in die Netzgestaltung und -erweiterung, aber auch in den Fahrkomfort durchsetzen. Das bedeutet: Bahnen sollen nach Meinung des Pro Bahn-Verbandes freie Fahrt vor anderen Verkehrsteilnehmern erhalten und Baustellen künftig so geplant werden, dass sie so wenig Sperrungen wie möglich nach sich ziehen.

KVV kündigt große Tarifreform an

Wie wird sich der öffentliche Nahverkehr in Karlsruhe also in Zukunft gestalten? Auf Nachfrage von ka-news versichert KVV-Pressesprecher Michael Krauth, dass der Verbundtarif regelmäßig auf mögliche Änderungen hin überprüft wird. Zudem sei angedacht, in den kommenden Jahren eine große Tarifstrukturreform durchzuführen.

Fahrkartenautomat des KVV
(Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Aber: "In welcher Form der Tarif im Zuge dessen letztendlich einfacher oder günstiger gestaltet werden könnte, hängt vom politischen Willen der Städte und Landkreise als Gesellschafter ab", so Krauth. Ob sich Karlsruher Bus- und Bahnfahrer bald über günstigere Fahrkarten freuen können, bleibt also auch weiterhin offen.

Mehr zum Thema

Und jährlich grüßt die Fahrpreis-Erhöhung - und der Ticketpreis deckt nur einen Teil der Kosten ab!

KVV erhöht erneut seine Preise: Fahrkarten ab 9. Dezember mindestens zehn Cent teurer

Personalnotstand bei der AVG: Jetzt spricht Geschäftsführer Alexander Pischon

Verkehrsclub fordert: Der Nahverkehr im Südwesten muss günstiger werden

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (82)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   KA300
    (69 Beiträge)

    06.11.2018 16:43 Uhr
    kostenloses WLAN/WIFI
    wann kommt denn endlich bei diesen Preisen kostenloses WLAN in die Bahnen, damit alle Fahrgäste dies nutzen können? Wäre auch eine Möglichkeit, wieder die Menschen für den KVV zu begeistern.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   teflon
    (2563 Beiträge)

    18.10.2018 16:21 Uhr
    Der KVV ist schon
    Länge über seinem Zenit hinweg und muss wieder auf ein gesundes Mittelmaß zwischen Abdeckung & Reichweite, Pünktlichkeit und Preis zurückgefahren werden. Manchmal ist weniger einfach mehr...wenn es frei nach Merkel "weiter so"heißt, werden die Sinkraten der Fahrgastzahlen bald noch viel heftiger nach unten zeigen. Das Ganze ist völlig aus dem Ruder gelaufen und der unnütze Tunnel wird mit seiner jährlichen Kostenbelastung dem Stadtsäckel ordentlich Probleme bereiten. Aber ich bin gespannt, ob WischiWaschi Mentrup nochmals antritt oder ob einer anderen armen Sau 20 Jahre KVV Misswirtschaft auf die Füsse Fällen werden.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Svantovit
    (19 Beiträge)

    17.10.2018 19:42 Uhr
    schön, daß
    der VCD-Landesvorsitzende Lieb, Finanzierungsformen wie eine Citymaut oder eine Nahverkehrssteuer empfiehlt um so die Fahrkartenpreise zu senken oder zumindest stabil zu halten. Mit anderen Worten: bei einer Citymaut zahlen alle Autofahrer, bei einer Nahverkehrssteuer zahlen alle Bürger. Demzufolge, wird am Ende der Bevölkerungsteil am meisten drauf zahlen, der auf diese Art der Fortbewegung gerne verzichten kann.
    Manchen gehen die "geistreichen Ideen" nie aus.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   kritiker_2014
    (321 Beiträge)

    16.10.2018 18:51 Uhr
    Die AVG hat eine Beförderungspflicht
    Diese kommt aber die AVG seit langem nicht mehr nach.Regelmäßig fallen Züge aus wegen Personalmangel.
    Und das schon seit vielen Monaten.Die Stadt sollte da endlich mal Konsequenzen ziehen.
    Jede Firma die Verträge nicht einhalten tut muß mit Vertragsstrafen rechnen.
    Warum eigentlich nicht die AVG?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   ramius
    (165 Beiträge)

    16.10.2018 12:14 Uhr
    lächerliche Ausreden
    Die Ausreden mit Personalmangel sind absolut lächerlich. Für das Fahren einer Straßenbahn braucht es keinerlei Straßenbahnführer. Die könnten alle vollautomatisch ohne Straßenbahnfahrer betrieben werden. Die dann frei werdenden Straßenbahnführer könnte man nun als Fahrscheinkontrolleure einsetzen ...
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   kommentar4711
    (1991 Beiträge)

    16.10.2018 12:35 Uhr
    Antwort auf "lächerliche Ausreden"
    Sie können mir sicher spontan mehrere Beispiele von Städten nennen, in denen autonome Straßenbahnen im Regelbetrieb fahren?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   mueck
    (9959 Beiträge)

    16.10.2018 12:49 Uhr
    !
    Lächerlich ist nur sein Beitrag ...
    Außer einer Linie der U-Bahn Nürnberg gibt's in Deutschland nix und auch dort nur unter sehr guten Bedingungen, von autonomer Fahrt in freier Wildbahn sind wir noch weit, weit weg ...
    Hier in KA würde vermutlich sofort der Verkehr zusammenbrechen, weil jeder Automat vorm knapp am Gleis parkenden Auto stehen bleiben würde statt nach Augenmaß vorsichtig dran vorbei zu schleichen ...
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Joerg_Rupp
    (2406 Beiträge)

    16.10.2018 19:02 Uhr
    Na, die langen Überlandstrecken
    ließen sich sicherlich autonom betreiben. Nicht sofort - aber in absehbarer Zeit.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   kommentar4711
    (1991 Beiträge)

    16.10.2018 19:26 Uhr
    Antwort auf "Na, die langen Überlandstrecken" (....Teil 2)
    Kurzum, das Einsparpotential an der Stelle ist nicht grenzenlos und ich glaube so mancher überschätzt es. Das dürfte auch der Grund sein, warum nicht alle U-Bahn Betreiber schon längst alle Linien umgestellt haben, denn da funktioniert das autonom fahren dank isolierter Strecken problemlos. Trotzdem scheint es sich auch dort allenfalls dann zu lohnen, wenn man eh gerade komplett neu baut.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Joerg_Rupp
    (2406 Beiträge)

    17.10.2018 14:38 Uhr
    kurzfristig
    mag das so sein - nur: das Problem Personalbeschaffung fällt fast völlig weg. Und Lohnkosten sind nicht nur die Ausbezahlung des AG-bruttos, sondern eben auch andere Nebenkosten inkl. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall - was immer doppelte (Personal-)Kosten pro Strecke bedeutet. Und natürlich muss auch ein fahrender Roboter/Software gewartet werden, was auch wieder Geld kostet. Dafür brauchen Sie halt nur einen davon pro Bahn.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 3 4 5 6 7 8 9 (9 Seiten)

Schreiben Sie Ihre Meinung
Ein neues Posting hinzufügen
Fett Kursiv Link Zitat
Sie dürfen noch Zeichen schreiben