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Karlsruhe Zu Besuch bei der Bahnhofsmission in Karlsruhe: "Der Bahnhof ist ein Magnet für die Menschen, deren Leben aus der Spur geraten ist"

Ein Bahnhof ist ein hektischer Ort: Leute fahren von ihren Liebsten weg oder werden von ihnen am Bahnsteig in Empfang genommen, Menschen eilen durch die Bahnhofshalle - vor allem jetzt in der Weihnachtszeit. Zwischen all dem Trubel gibt es am Karlsruher Hauptbahnhof einen besonderen Ort - manchmal ein Ort der Stille, aber mitunter auch voller Leben: die Bahnhofsmission.

Wenn die Bahnhofshalle in den Gang zu den Gleisen übergeht, findet sich gleich rechts das Gleis 101, die Treppe führt nach oben zu den Zügen - und zur Bahnhofsmission. Mit der großen Holzskulptur vor dem Eingang ist die Anlaufstelle nicht zu übersehen.

Kaum geklingelt, steht man schon bei Susanne Daferner und ihrem Team im Warmen. Seit 1902 gibt es die Bahnhofsmission in der Fächerstadt - und sie wird rege genutzt. An 365 Tagen im Jahr sind die drei hauptamtlichen und knapp 40 ehrenamtlichen Mitarbeiter im Dienst. 

Susanne Daferner ist die Leiterin der Bahnhofsmission Karlsruhe. | Bild: Carmele | TMC-Fotografie

Denken viele bei der Bahnhofsmission an Begleitung auf Reisen oder durch den Bahnhof, gerade für ältere Menschen oder Frauen, die mit Kinderwagen unterwegs sind, so hat sich das Einsatzgebiet stark verändert.

"Wir haben uns im Laufe der Jahre zu einer Sozialstation am Bahnhof entwickelt, denn die Leute wissen, hier gibt es Menschen, die für andere Menschen in Not da sind", erklärt Susanne Daferner, Leiterin der Bahnhofsmission Karlsruhe, gegenüber ka-news.de. Nur noch etwa 20 Prozent der Einsätze im Jahr machen die Begleitung für Reisende aus, weiß Daferner. 

Alltag? Gibt es nicht

Kein Tag an Gleis 101 gleicht dem anderen, einen Alltag oder einen typischen Arbeitstag kennen die Mitarbeiter nicht. "Wenn wir zum Dienst kommen, wissen wir nie, ob es ein ruhiger oder anstrengender Tag wird, wir können uns auf nichts einstellen und müssen immer flexibel reagieren. Manchmal kommen innerhalb von drei Minuten drei Notfälle rein und an manchen Tagen ist es ganz ruhig", sagt Daferner.

Interessant sei auch das Spektrum der Menschen, die die Bahnhofsmission aufsuchen. "Das reicht vom Obdachlosen, der noch nie einen Job hatte, bis zum Professor, der Hilfe beim Umsteigen braucht, weil er blind ist!" 

Ein Gast in der Bahnhofsmission. | Bild: Carmele | TMC-Fotografie

In die Bahnhofsmission kommt "alles", so Daferner weiter. "Wir sind ein niedrigschwelliges Angebot, sodass wir eigentlich jedem, der klingelt, die Tür öffnen. Es darf jeder kommen, der möchte - und das wird auch genutzt!"

Vor allem Menschen, die in anderen Sozialeinrichtungen schon Hausverbot haben, kommen gerne. "Wir sind die letzte Station, bei der sie hoffen, dass sie doch noch etwas bekommen", erklärt die Leiterin der Einrichtung im Gespräch mit ka-news.de.

Bild: Carmele | TMC-Fotografie

Es sei ihr "tägliches Brot zu warten, ob jemand kommt oder nicht. Wenn kein Gast zur Bahnhofsmission kommt, dann gehen die ehrenamtlichen Mitarbeiter raus auf den Bahnhof und schauen, welche Hilfe sie geben können. "Viele Menschen sind sehr dankbar für das, was wir tun, das kommt nicht nur von den Reisenden, sondern auch von den Menschen, die uns täglich hier besuchen!"

"Vor allem das Schicksal obdachloser Frauen berührt uns"

In den letzten acht Jahren, seit Susanne Daferner als Leiterin bei der Bahnhofsmission arbeitet, hat sie viele Geschichten erlebt. Sie weiß: Freud und Leid liegen hier nah beieinander. "Es gibt so viele Schicksale, dass man die gar nicht alle im Kopf behalten kann, sonst würde einem der Kopf platzen.

Aber gerade die Geschichten von obdachlosen Frauen gehen uns immer alle sehr nahe, wenn sie Ende 70 sind und nicht wissen, wo sie nachts schlafen sollen, nicht wissen, wo sie duschen können - und uns als ihre Anlaufstation sehen", berichtet Daferner im Gespräch mit ka-news.de. 

"Der Bahnhof ist ein Sammelpunkt, hier geht das Leben ab"

Viele Besucher seien aber auch sehr beratungsresistent, dabei wollen die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Bahnhofsmission nur helfen. "Erst vor ein paar Tagen hatten wir den Fall, dass einem die Unterkunft, die wir organisiert haben, nicht 'gefallen' hat - und dann stehen sie wieder hier. Der Bahnhof ist ein Magnet für die Menschen, deren Leben aus der Spur geraten ist!", sagt Daferner. "Das ist wie ein Sammelpunkt hier, denn hier geht das Leben ab, da ist man dabei, hier passiert etwas!" 

Bild: Carmele | TMC-Fotografie

Kurz vor Weihnachten haben Susanne Daferner und ihr Team einen großen Wunsch: "Ich würde mir wünschen, dass man diese Menschen wahr nimmt, denn jeder sieht Menschen, von denen man weiß, dass sie Hilfe bräuchten - aber fast jeder geht vorbei. Aber diese Menschen sind da und sie sind oftmals unsichtbar. Vor allem, wenn sie obdachlos sind, will das keiner mehr wahrnehmen, denn man müsste sich ja damit auseinandersetzen. Und das möchte keiner", sagt die Leiterin der Bahnhofsmission.

"Ich wünsche mir also, dass diese Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, ein bisschen mehr wahrgenommen werden!" Zumindest einen kleinen Teil tragen Susanne Daferner und die ehrenamtlichen Mitarbeiter schon dazu bei, dass Menschen in Not zur Kenntnis genommen werden - und Hilfe bekommen. 

ka-news.de-Hintergrund

Seit 1902 gibt es die Bahnhofsmission in Karlsruhe bereits. Seit 2011 ist Susanne Daferner Leiterin der Einrichtung. Drei hauptamtliche Mitarbeiter zählt das Team, dazu kommen etwa 40 ehrenamtliche Helfer. Die Bahnhofsmission an Gleis 101 ist täglich von 8 bis 19 Uhr geöffnet, auch an Weihnachten, Ostern und anderen Feiertagen. 

Finanziert wird das Angebot durch den Träger In Via, seit 2018 ist auch wieder die Diakonie dabei. Weitere Zuschussgeber sind die Erzdiözese Freiburg, das Regierungspräsidium Karlsruhe oder das Landratsamt Karlsruhe. Die Beträge fallen unterschiedlich hoch aus. Ansonsten lebt die Bahnhofsmission Karlsruhe von Spenden aus der Bevölkerung. 

Stand Ende November 2019 hatte die Bahnhofsmission in der Fächerstadt 23.645 Kontakte. Davon waren 18.407 Kontakte, die sich in den Räumlichkeiten aufgehalten haben, entweder um einen Kaffee zu trinken, gehört zu werden oder einfach so vorbeizukommen. Diese Zahlen halten sich mit 2018 in etwa die Waage.

An Beratungen haben die Mitarbeiter etwa 10.300 bisher behandelt, davon waren 463 Krisen, bei denen sofort reagiert wurde - die Dunkelziffer dürfte höher liegen. "Nicht alle Mitarbeiter würden ihre Fälle als Krise einordnen", so Leiterin Susanne Daferner. Die Zahlen bei der Hilfestellung im Reiseverkehr lag Ende November bei 6.470 Kontakten, das Angebot spielt mittlerweile aber eine untergeordnete Rolle. 
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  •   Suedweschter
    (481 Beiträge)

    24.12.2019 00:37 Uhr
    Große Klasse!
    Aber doch nur ein Pflaster. Vor allem in dem Fall der Obdachlosigkeit, denn die müsste wirklich nicht sein, wenn die Stadt das passende Angebot hätte, eben auch für Menschen, die sich keinen Reglen unterordnen können und wollen.
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (87 Beiträge)

    23.12.2019 21:07 Uhr
    Menschenbild
    "In die Bahnhofsmission kommt "alles", so Daferner weiter."

    "Alles"? Es handelt sich hier um Menschen mit Würde. Man sollte sie nicht so abfällig bezeichnen.
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  •   silberahorn
    (11039 Beiträge)

    24.12.2019 04:28 Uhr
    Eher Nebensache,
    wie Helfer sich im Laufe der Zeit dann ausdrücken. Aber trotzdem nicht verkehrt, dass man auch darauf hinweist.
    Manchmal kann man den Eindruck bekommen, dass sich Hilfsmaßnahmen schon gegenseitig abgeschliffen haben und nur noch um die Wortwahl gestritten wird. Eine Bahnfofsmission kann nur kurz lindern.

    Meine Buchempfehlung für die Tage zwischen den Tagen:
    Sascha Buzmann: Schockgefroren. Lübbe, Köln 2012, ISBN 978-3-431-03864-4
    Zumal dieses Jahr vor Weihnachten ein Junge im Schrank gefunden wurde, der vor Jahren aus einer Jugendeinrichtung in NRW verschwunden war.

    Sehr interessant ist, was der Kinderpsychiater mit Sascha Buzmann machte (Rohrschachtest). Bei Kinderfachleuten klemmt es auch bei einigen und das nicht zu knapp. Und dabei ist es egal, dass sie gelernt haben wenigstens nicht "alles" zu schreiben, mitunter aber "alles" in einen Topf werfen und sich selbst als Würdenträger feiern lassen.
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  •   Route66
    (2991 Beiträge)

    23.12.2019 22:25 Uhr
    Finde ich nicht
    Das ist sicherlich so gemeint, dass Menschen aus allen Schichten hinkommen und Hilfe brauchen, so wie es auch im Text steht. Hochachtung vor den ganzen Ehrenamtlichen, die sich um Menschen in Not kümmern.
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