Karlsruhe Tim überlebt einen Herzinfarkt: "Ich dachte, meine Wirbelsäule brennt"

Zum Überleben eines Herzinfarkts ist eine gut funktionierende Rettungskette mit schneller Versorgung in einem Herzkatheterlabor unerlässlich. Wie erleben Betroffene einen Infarkt? Welche Symptome sind aufgetreten und welche Maßnahmen wurden getroffen? ka-news hat mit Betroffenen gesprochen, den Ablauf der Rettungskette verfolgt und war im Herzkatheterlabor in der St. Vincentiusklinik unterwegs.

Es ist ein dunkler Novembertag, als der heute 61-jährige Wolfgang R. beim Frühstück im Geschäft plötzlich eine nie dagewesene Übelkeit überkommt. Dazu hat er starke Brustschmerzen und Atemnot. In seiner Panik steht er auf und läuft in sein Büro, um alleine zu sein. Im Zimmer sitzt jedoch eine Kollegin, die sofort die lebensgefährliche Situation erkennt und die 112 wählt. Minuten später ist der Notarzt mit einem Rettungsteam vor Ort.

"Bei einem Herzinfarkt versuchen wir dem Patienten als Erstes den Vernichtungsschmerz zu nehmen", sagt Notarzt Christoph Nießner gegenüber ka-news. "Zweitens versuchen wir dem Herzmuskel Sauerstoff anzubieten und die Durchblutung zu gewährleisten", so Nießner weiter. Wolfgang bekommt Medikamente verabreicht, die seine Atemnot und seinen anhaltenden akuten Vernichtungsschmerz lindern. Die Fahrt mit dem Rettungswagen in die Vincentiusklinik Karlsruhe erlebt er bei Bewusstsein.

Die Scham vor dem Notruf kostet Leben

Im Herzkatheterlabor wird er bereits erwartet. Nach der Implantation von drei Stents wird er zur Überwachung auf die Intensivstation verlegt und kann dort zum ersten Mal wieder tief durchatmen. Er fühlt sich jetzt endlich wohl und sicher. Das Herz wird wieder mit ausreichend Blut und somit auch mit Sauerstoff versorgt. Wäre er alleine gewesen, hätte er nicht den Rettungsdienst alarmiert, sagt er. 

(Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Noch immer sterben Menschen, weil sie aus Scham nicht den Notruf, die 112, wählen. Niemandem zur Last fallen zu wollen und das Warten auf Besserung sind fatale Folgen bei einem Herzinfarkt. Das bestätigt auch der Chefarzt der Kardiologischen Abteilung des Vincentiuskrankenhaus Professor Bernd Dieter Gonska im Gespräch mit ka-news. "Herzinfarktpatienten wollen oftmals nicht wahr haben, dass der Infarkt nun sie getroffen hat", weiß Gonska.

 

Herzinfarkt beim Gassigehen: Hund als Lebensretter

Auch der 63-jährige Peter N. wollte trotz eindeutiger Symptome nicht an einen Infarkt glauben. Er ist mit seinem Hund auf einem Feld unterwegs, als er plötzlich Schweißausbrüche bekommt und einen nie dagewesenen Druck auf der Brust verspürt. Es ist sein Hund, der wohl spürt, dass mit Herrchen etwas nicht stimmt und zieht ihn über mehrere Straßenzüge an der Leine nach Hause. Vor dem Haus tobt der Hund solange, bis die Nachbarn und Peters Ehefrau darauf aufmerksam werden. Dann bricht sein Kreislauf zusammen.

Mit dem Notarzt wird er in die Klinik eingeliefert. Diagnose: Hinterwandinfarkt. Auch hier war die schnelle Hilfe und eine gut funktionierende Rettungskette ausschlaggebend. Gefährlich ist jedoch langes Warten und Patienten, die ein koronares Syndrom nicht eindeutig als solches erkennen. Denn der Übergang von einem akuten Koronarsyndrom zu einem Herzinfarkt sind fließend.

Rettungswagen
(Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Nicht nur im Alter: 38-Jähriger erzählt von seinem Herzinfarkt

Auch der damals 38-jährige Tim B. hat einen Hinterwandinfarkt überlebt. Er spürt plötzlich in der Mittagspause einen brennenden Schmerz am Rücken. Doch der Schmerz vergeht schnell. Am Abend beginnt es wieder zu brennen. "Ich habe gedacht, meine komplette Wirbelsäule brennt", erinnert sich Tim B. im Gespräch mit ka-news.

Plötzlich strahlen die Schmerzen auch in Becken und Unterkiefer aus. Tim ist verunsichert, wartet allerdings immer wieder ab, da die Schmerzen vergehen. Nach Tagen ist es seine Ehefrau, die ihn zum Hausarzt schickt. EKG und Troponin-Test sind beide ohne Befund. Seine Hausärztin ist jedoch aufgrund des Ausstrahlens in den Unterkiefer skeptisch und überweist Tim direkt zum Kardiologen. Beim Belastungs-EKG gibt es Unregelmäßigkeiten - im Herzkatheterlabor dann die endgültige Klarheit: kompletter Verschluss der Hinterwandarterie. Tim hatte sehr viel Glück.

Von wegen Grippe

Weitaus dramatischer verlief der Herzinfarkt bei Steffen. Mit 42 Jahren bekommt er plötzlich Kurzatmigkeit beim Laufen und wenn er Treppen steigt. Er denkt erst an einen grippalen Infekt. Am dritten Tag ist er sehr schlapp und müde. In der Nacht schläft er ohne Beschwerden. Am nächsten Morgen bekommt Steffen Schmerzen im linken Arm. Erst jetzt hegt er selbst den Verdacht auf ein Problem mit dem Herzen, da seine Familie mit Herzerkrankungen vorbelastet ist. Statt sofort den Notruf zu wählen, ruft er beim Hausarzt an, setzt sich ins Auto und fährt los. Das Ruhe-EKG ist allerdings ohne Befund. Beim Belastungs-EKG muss Steffen aber nach kurzer Zeit abbrechen, man verabreicht ihm ein Nitro-Spray als er plötzlich zusammenbricht.

Notaufnahme eines Krankenhauses
(Symbolbild) | Bild: Andre Kolm/dpa

Fünf mal wird er vom Notarzt reanimiert, bevor er in der Klinik ankommt. "Ich weiß nur noch, wie man mir das Spray verabreicht hat, danach bin ich erst wieder im Krankenhaus aufgewacht", erzählt Steffen nüchtern. Sein Kammerflimmern unterbricht der Defibrillator. Im Herzkatheterlabor wird ihm ein Stent gesetzt. "Ich hatte damals Glück im Unglück", sagt Steffen rückblickend. Er lebt nun bewusster und genießt das Leben. Steffen hat aufgehört zu rauchen und hält sich an die Vorgaben der Ärzte. Signale des Körpers früher wahrnehmen und im Ernstfall schnell reagieren, für den heute 44-Jährigen nun eine Selbstverständlichkeit.

Herzinfarkt in Karlsruhe Teil 2: ka-news war im Herzkatheterlabor der Vincentiuskliniken bei einem Eingriff vor Ort dabei. Zu dem sprachen wir mit Professor Gonska über die Notfallversorgung in Karlsruhe und den Ablauf im Herzkatheterlabor. Mehr in Teil 2.

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