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Karlsruhe Sozialer Brennpunkt Werderplatz soll bald keiner mehr sein: Was bewirken die neuen Maßnahmen?

Alkoholverbot am Werderplatz
Bild: Anya Barros

Straftaten in Verbindung mit Alkohol, dreckige Klos, herumliegendes Drogenbesteck, Lärmstörung und kaum Aufenthaltsqualität - die Liste der Probleme am "Brennpunkt" Werderplatz ist lang. Doch sie soll bald der Vergangenheit angehören: Seit 1. April gilt auf dem Platz in der Karlsruher Südstadt von 11 bis 20 Uhr Alkoholverbot. Suchtkranken soll in entsprechenden Räumen geholfen werden. Das Signal ist klar: Die Stadt verbannt Alkohol- und Drogenabhängige vom öffentlichen Platz. Bedeutet das aus dem Augen aus dem Sinn oder sind diese Maßnahmen wirklich eine gute Lösung?

 Der Karlsruher Werderplatz  ist ein zentraler Brennpunkt in der Fächerstadt. Damit der Platz nicht nur für Anwohner und Gewerbetreibende, sondern auch für externe Besucher wieder lebenswert wird, ist die Stadt nun aktiv geworden.

Die aktuellen Maßnahmen haben eine lange Vorlaufzeit: Bereits 2017 wandten sich Anwohner und Händler hilfesuchend an die Stadt Karlsruhe - und wurden erhört. Eine städtische Arbeitsgruppe wurde eingerichtet und Maßnahmen erarbeitet. Diese werden seitdem kontinuierlich umgesetzt.

Der Werderplatz in Karlsruhe ist ein Brennpunkt in der Südstadt. | Bild: Thomas Riedel

Seit September ist der "Alkoholakzeptierende Aufenthaltsraum"(A3) geöffnet, im Herbst soll der Drogenkonsumraum im "get in" nachfolgen. Seit 1. April ist nun auch das Alkoholverbot auf dem Platz in Kraft getreten. Mit diesen Maßnahmen will man wieder "geordnete Verhältnisse" herstellen, wie es Oberbürgermeister Frank Mentrup auf der vergangenen Gemeinderatssitzung Ende Februar ausdrückte.

Erste Ergebnisse sind positiv

Von Montag bis Samstag zwischen 11 und 20 Uhr ist das Trinken auf dem Werderplatz nun also strikt verboten - vorerst bis zum 31. Oktober. Erste Ergebnisse: "Bisher stieß das Verbot auf Akzeptanz", heißt es aus dem Ordnungsamt am ersten Tag des Alkoholverbots. Anwohner hätten sich positiv geäußert, angesprochene Personen mit alkoholischen Getränken hätten den Platz direkt verlassen. Dabei wurde noch kein Bußgeld verhängt. "Das ist auch nicht unser oberstes Ziel!" 

Alkoholverbot am Werderplatz
Bild: Anya Barros

Nach einer Woche fällt das Fazit der Verantwortlichen weiterhin positiv aus. "Der Kommunale Ordnungsdienst kontrolliert aktuell drei Mal am Tag den Platz", so Björn Weiße, Leiter des Ordnungsamtes, auf Nachfrage von ka-news, "auch während der Zeit des Alkoholverbotes". Und weiter: "Wir haben die Personen, die um 11 Uhr mit einer Flasche auf dem Werderplatz waren, angesprochen und es blieb sehr friedlich. Einige haben sich sogar entschuldigt, als sie 'erwischt' wurden!" 

Alkohol in der Öffentlichkeit
(Symbolbild) | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Tagsüber waren seitens des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD) keine Störungen zu verzeichnen, auch am Abend, also nach 20 Uhr nicht. "Die Kollegen überprüfen, ob es am Alkoholverbot liegt, dass am Werderplatz wenig los ist", so Weiße weiter. "Daher kontrollieren wir nun auch andere bekannte Plätze, aber in den ersten Tagen des Alkoholverbotes ist keine Verlagerung erkennbar!" 

Alkoholverbot am Werderplatz
Bild: Anya Barros

Erkennbar ist allerdings, dass sich die Anwohner freuen, dass sie ihren Werderplatz ein Stück weit zurückbekommen haben. "Wir werden von den Bürgern angesprochen und sie haben sich bedankt, dass es jetzt ruhiger geworden ist", sagt Björn Weiße weiter. 

Sind diese Maßnahmen Lösungen für das Problem "sozialer Brennpunkt" Werderplatz? Kann ein vielschichtiges Problem wirklich so einfach gelöst werden? Was sagen die verantwortlichen Personen dazu, die die Szene kennen? ka-news hat mit dem zuständigen Bürgermeister, der Bürger-Gesellschaft Südstadt, der ansässigen Pfarrerin, sowie Polizei und Sozialarbeitern gesprochen.

"Wir wollen keinen verdrängen"

Von Verdrängung der Szene möchte kein Ansprechpartner reden, mit dem ka-news über die neuen Maßnahmen und aktuelle Situation am Werderplatz spricht. "Die Szene ist da und die bekommt man auch nicht verdrängt, das will ich auch nicht!", sagt Martina Hillesheimer, Vorsitzende der Bürger-Gesellschaft Südstadt.

Alkoholverbot am Werderplatz
Martina Hillesheimer ist Vorsitzende der Bürger-Gesellschaft Südstadt. "Der Werderplatz ist ein schöner Platz, deswegen treffen sich hier die Menschen!" | Bild: Anya Barros

"Das Ziel mit dem Alkoholverbot ist nicht die Vertreibung der Menschen, sondern es geht darum, auf diesem Platz die Sicherheit, die Ordnung und die Lebensqualität der Anwohner oder Besucher wieder herzustellen", erklärt Bürgermeister Albert Käuflein im Gespräch mit ka-news. "Es ist also nicht unsere Absicht, irgendjemanden zu verdrängen!" 

Alkoholverbot am Werderplatz
Björn Weiße, Leiter des Ordnungsamtes und Bürgermeister Albert Käuflein (r.) bei der Vorstellung des Alkoholverbots auf dem Werderplatz. | Bild: Anya Barros

Schließlich handelt es sich beim Werderplatz um einen öffentlichen Platz - für alle. Die Stadtverwaltung könne nicht bestimmen, wer sich dort aufhalte, so Käuflein. Aber: "Straftaten müssen wir nicht akzeptieren", so der Bürgermeister weiter.

Werderplatz ein sicherer Platz? Subjektiv: nein

Fest steht: Der Werderplatz ist ein frequentierter Einsatzort des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD): 2017 führte er dort 839 Einsätze durch, 2018 waren es 750 - und allein in den ersten beiden Monaten 2019 waren es 121 Kontrollen. Von Seiten der Polizei wurden 2018 300 Straftaten auf dem Werderplatz aufgenommen. "Dabei handelt es sich zu einem Drittel hauptsächlich um Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, gefolgt von Diebstählen", so ein Sprecher der Polizei. 

Alkoholverbot am Werderplatz
Der Ordnungsdienst der Stadt Karlsruhe bei einer Ansprache auf dem Werderplatz. | Bild: Anya Barros

Trotz - oder vielleicht auch wegen - der zahlreichen Kontrollen fühlen sich die Karlsruher am Werderplatz nicht sicher, das geht aus dem Bericht zum Sicherheitsempfinden der Bürger hervor. Dabei rangiert der Werderplatz auf Rang 1 der gemiedenen Orte tagsüber und bei Dunkelheit. 21,2 Prozent gaben an, tagsüber das Areal nicht aufzusuchen, 61,3 Prozent meiden den Platz bei Dunkelheit gezielt.

Dabei spielen vor allem aggressive und betrunkene Gruppen eine Rolle: 19,2 Prozent der Befragten gaben an, dass diese ein großes Problem seien. 19,7 Prozent empfanden die Drogenkriminalität rund um den Werderplatz als problematisch.

Alte Szene am Brunnen

Fest steht aber auch: Das Problem mit der Szene am Werderplatz besteht schon lange. "Eigentlich schon immer, es ist eine alte Szene, sich früher immer am Brunnen getroffen hat", sagt Martina Hillesheimer, Vorsitzende der Bürger-Gesellschaft Südstadt, gegenüber ka-news. "Immer wieder sind wechselnde Akteuren mit unterschiedlichen Schweregraden beteiligt!" Deswegen wurde Anfang 2011 ein Verhaltenskodex für den Werderplatz entwickelt. 

Dateiname : Verhaltenskodex Werderplatz 2011
Dateigröße : 37.82 KBytes.
Datum : 02.04.2019 15:04
Download : Download Now!

Dieser besagt, dass die Nutzer des Platzes auf Sauberkeit achten, dass Lärm zu vermeiden ist oder der Werderplatz ein gewaltfreier Ort sein soll. "Für die Einhaltung des Kodex waren die Besucher des Platzes eigenverantwortlich und diese Selbstkontrolle hat auch überwiegend funktioniert", weiß Martina Hillesheimer.

Drogenszene hat drastisch zugenommen: "Es wird öffentlich gedealt und auch gedrückt!" 

Bis zum Sommer 2016 - ab da verschärfte sich die Situation laut Hillesheimer vor Ort zunehmend. Schon vor zwei Jahren gab es eine präsente Drogenszene in der Südstadt, "aber jetzt ist sie richtig offen, es wird öffentlich gedealt und auch gedrückt!" 

Kontaktladen get IN Karlsruhe
Steril verpackte Nadeln im Kontaktladen get IN. | Bild: Anya Barros

Woran liegt das? "Zum einen ist die Gruppengröße angewachsen und die Bevölkerungsgruppen haben sich verändert", so die Vorsitzende der Bürger-Gesellschaft. Hinzu kommt: Einige Substitutionspraxen im Landkreis wurden geschlossen - "deswegen ist jetzt alles am Werderplatz, denn hier hat es noch Praxen!"

"Kann verstehen, dass Familien hier nicht mehr wohnen wollen"

Die direkten Anwohner spüren die negativen Auswirkungen: "Wir machen das schon seit Jahrzehnten mit - da dürfen jetzt auch mal andere ran", sagt Hillesheimer resigniert. Sie befürchtet, dass bald die Anwohner den Werderplatz aufgeben müssten, dass die Südstädter von ihrem Platz verdrängt würden. "Die Gefahr besteht", sagt sie im Gespräch mit ka-news. 

Das bestätigt auch Pfarrerin Lara Pflaumbaum von der benachbarten Johannispfarrei. "Der Platz war zu voll. Zum Schluss war es so, dass der Brunnen abgesperrt wurde und sich die Drogenkonsumenten vor der Kirche die Hose runtergezogen und die Spritze verabreicht haben", sagt Pflaumbaum gegenüber ka-news. "Das ist unmöglich und da kann ich schon verstehen, dass Familien hier nicht mehr wohnen wollen!" 

Alkoholverbot am Werderplatz
Lara Pflaumbaum ist Pfarrerin in der Johannispfarrei direkt am Werderplatz. | Bild: Anya Barros

Nun also städtische Maßnahmen - aber ob sich so das Drogen- und Alkoholproblem der Abhängigen lösen lässt? Oder wird sich das Problem nur verlagern? Führen die Maßnahmen zu einem gesellschaftlichen "aus den Augen - aus dem Sinn"?

Andere Plätze rücken in den Fokus

Möglicherweise suchen die Szenebesucher andere Plätze auf. "Sicherlich werden die schon bekannten Bereiche wie der Bahnhofsplatz, Festplatz, Kronenplatz oder auch der Friedrichsplatz wieder verstärkt in den Fokus der Szene rücken", heißt es aus dem Ordnungsamt auf Nachfrage von ka-news. "Gemeinsam mit der Polizei werden wir diesen zu erwartenden Verdrängungseffekt beobachten und, falls erforderlich, geeignete Maßnahmen ergreifen!"

Alkohol am Werderplatz
Dieses Schild wurde an der Johanniskirche am Karlsruher Werderplatz angebracht. | Bild: Ramona Holdenried

Allein gelassen sollen die Menschen nicht werden. So ist das Maßnahmenpaket der Stadt ausgelegt: Neben klarem Verbot, werden alternative Angebote geschaffen. So sieht es auch die Bürgergesellschaft-Vorsitzende Hillesheimer: "Es gibt ja eine Anlaufstelle, deswegen werden die Menschen hier nicht einfach nur vertrieben."

Angebote der Sozialarbeiter werden angenommen

Eine Anlaufstelle, der Alkoholakzeptierende Aufenthaltsraum "A3" in der Schützenstraße ist laut Anita Beneta, Sozialarbeiterin, ein voller Erfolg. "Nach den bisherigen Beobachtungen hat sich das Problem nicht verlagert. Im Gegenteil, es konnte gezielt angegangen werden", sagt sie gegenüber ka-news. "Unsere Erwartung ist, dass die weiteren Maßnahmen in die gleiche Richtung gehen!"

Ähnlich sieht es auch Manfred Kirchner von der AWO Karlsruhe, die den Kontaktladen get in betreut und an den der Drogenkonsumraum angeschlossen werden soll. "Ob sich das Problem komplett lösen lässt, ist schwer zu sagen, aber alle Maßnahmen, die nun getroffen wurden führen mit Sicherheit zu einer Entlastung und Entzerrung am Werderplatz", sagt Kirchner, Geschäftsbereichsleiter Wohnen, Arbeiten und Sucht. 

Eröffnung Alkohol Akzeptierender Aufenthaltsraum
Bild: Melissa Betsch

Das sich was tut, wünschen sich auch Pfarrerin Lara Pflaumbaum und Martina Hillesheimer. Denn: Der Werderplatz ein schöner Platz. "Mit dem Indianerbrunnen und den alten Kastanien - einfach schön hier!", sagt Hillesheimer. Damit das Areal mitten in der Südstadt wieder attraktiver wird, nun eben das Alkoholverbot und ab Herbst auch der Drogenkonsumraum.

"Wir ertüchtigen den Brunnen, die Toilette wird neu gemacht, die Beleuchtung geändert und so soll der Platz aufgewertet werden", sagt Albert Käuflein im Gespräch mit ka-news. "Ich bin daher zuversichtlich, dass wir hier durch das Alkoholverbot eine Verbesserung erreichen!"

ka-news Hintergrund


Der Werderplatz ist ein beliebter Treffpunkt in der Alkohol- und Drogenszene. Der Platz ist deswegen so populär, weil es hier einen Supermarkt gibt, einen Brunnen zum Kühlen der Getränke, schattenspendende Bäume im Sommer und mehrere Substitutionspraxen für Drogenkonsumenten. So zumindest die Einschätzung der Stadt. 

Das Alkoholverbot auf dem Werderplatz wurde Ende 2018 vom Gemeinderat beschlossen. Das war lange nicht möglich, denn dafür brauchte es die Änderung des Polizeigesetzes. Das Alkoholverbot gilt vom 1. April bis 31. Oktober, immer von Montag bis Samstag zwischen 11 und 20 Uhr. Wenn Besucher des Platzes wiederholt Alkohol konsumieren, müssen sie mit Bußgeldern zwischen 50 und 5.000 Euro rechnen. 

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