Karlsruhe Seelsorger im Karlsruher Gefängnis: "Gottesdienste geben Mut zum Weiterleben"

Das Gefängnis ist eine Welt für sich - darin sind sich Karl-Heinz Dümmig und Michael Drescher einig. Die beiden Geistlichen sind Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Karlsruhe. Gemeinsam betreuen sie einige der derzeit rund 130 Gefangenen. Worum es bei ihrer täglichen Arbeit geht, welche Rolle der Glaube an Gott im Gefängnis spielt und wie ein Gottesdienst "hinter Gittern" aussieht, erzählen sie im Interview mit ka-news.

Herr Dümmig, Herr Drescher, Sie sind Gefängnis-Seelsorger der evangelischen beziehungsweise katholischen Kirche in Karlsruhe. Wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen?

Dümmig: Vor 24 Jahren suchte ich nach meiner 13-jährigen Gemeindearbeit ein weiteres Arbeitsfeld mit halbem Deputat in Ergänzung zu meiner Tätigkeit als Krankenhaus-Seelsorger. An den damaligen Dekan, Herr Paulus Stein, fragte ich nach einer ergänzenden Stelle in der Seelsorge mit halbem Deputat. Er legte mir die Seelsorge in der Justizvollzugsanstalt Karlsruhe sehr nahe. Ursprünglich wollte ich nur kurz in der Gefängnisseelsorge arbeiten, aber die Arbeit ist mir sehr ans Herz gewachsen und daraus sind nun 24 Jahre geworden.

Drescher: Ich war schon in unterschiedlichen Bereichen tätig: In der Gemeindearbeit, an Beratungsstellen als Psychologischer Berater und Mediator, im Bereich Fundraising und in der Krankenhausseelsorge. Ins Gefängnis kam ich durch einen Kollegen, meinen Vorgänger an der JVA Karlsruhe. Er bat mich vor vielen Jahren, für ihn die Urlaubsvertretung zu übernehmen. Das machte mir sehr viel Freude und ich hatte das Gefühl, dass ich da gut hinpasse. Als die Kirchenleitung und das Justizministerium das dann auch so sahen und mein Kollege seinen Arbeitsbereich wechseln wollte, war ich sozusagen der natürliche Nachfolger.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Dümmig: Ein großer Teil des Arbeitsalltages ist für Gespräche mit den Gefangenen und Bediensteten reserviert. Kontakte über Telefon mit den Angehörigen der Untersuchungshäftlingen macht einen weiteren, nicht unerheblichen Teil aus. Gefangene, ihre Angehörigen und Freunde sind durch die Haft des Betroffenen unter großem psychischem und seelischem Druck.

Lebens-,Glaubens- und Sinnfragen treiben die Gefangenen und ihre Angehörigen um. In den Gesprächen mit den Gefangenen steht zunächst Stabilisierung und Krisenbewältigung im Vordergrund. Später geht es um Themen wie Perspektiven, Beziehungsklärung und -erhaltung. Müde und manchmal auch ein wenig kraftlos, aber doch zufrieden und froh gehe ich abends nach Hause.

Drescher: Mein Kollege Karl-Heinz Dümmig hat den Arbeitsalltag mit den Gefangenen und ihren Familien treffend beschrieben. Darüber hinaus wird mir der Kontakt zu den Vollzugsbeamten immer wichtiger. Das Gefängnis ist eine Welt für sich und wir machen hier nur dann gute Arbeit, wenn alle Dienste zusammenarbeiten. So gehören zum Beispiel auch Fortbildungen für die Mitarbeiter und die Begleitung Ehrenamtlicher zu meinen Aufgaben.

Worin sehen Sie ihre Hauptaufgabe?

Drescher: Es ist schwierig für mich, eine Aufgabe besonders hervorzuheben. Aber vielleicht ist es die Suizidprophylaxe. In den ersten Tagen nach einer Erstinhaftierung besteht ein erhöhtes Suizidrisiko. Wenn ich dann für die Inhaftierten als Ansprechpartner zur Verfügung stehe, ist das für einige wie ein Anker, wenn alles andere in ihrem Leben ins Wanken gerät oder zusammenzubrechen droht.

Dümmig: Wichtigste Aufgaben sind die Gespräche mit den Gefangenen und Angehörigen und die Gottesdienste. Leitlinie ist die Begleitung der Betroffenen in ihrer belastenden und konfliktreichen Haftzeit. Die Gottesdienste geben Ausrichtung und Mut, zum Weiterleben.

Gottesdienst in der Justizvollzugsanstalt Karlsruhe mit den beiden Gefängnisseelsorgern Michael Drescher (r.) und Karl-Heinz Dümmig.

Bild: Gottesdienst in der Justizvollzugsanstalt Karlsruhe mit den beiden Gefängnisseelsorgern Michael Drescher und Karl-Heinz Dümmig. (Quelle: privat)

Welche Rolle spielt der Glaube an Gott in einem Gefängnis?

Dümmig: Der Glaube an Gott spielt oft nur implizit eine Rolle. Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der eigenen Schuld und deren Vergebung durch die Opfer der Tat und durch Gott stehen immer im Raum. Ich versuche, die Gefangenen nicht auf ihr Delikt zu reduzieren. Diese Erfahrung öffnet oft die Herzen und ermöglicht eine Auseinandersetzung mit der Tat. Die Zusage von Gott, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes geboren ist und seine Würde geschenkt wurde, hilft den Tätern, sich mit sich selbst und ihrem Glauben zu beschäftigen.

Drescher: Eine Inhaftierung ist eine echte Grenzsituation, so wie der Umgang mit Schuld oder der Umgang mit dem Tod. In Grenzsituationen brechen die grundsätzlichen Fragen des Lebens auf. Da kommen der Zweifel oder der Glaube an Gott ins Spiel. Ein Gefangener hat kürzlich zu mir gesagt: "Ich musste erst ins Gefängnis kommen, um so tiefgehende Gespräche zu führen."

Äußerlich sichtbar ist das religiöse Interesse am freiwilligen Gottesdienstbesuch. Ein Viertel bis ein Drittel der Inhaftierten im Karlsruher Gefängnis kommen regelmäßig sonntags zum Gottesdienst. Ich kenne keine Gemeinde mit so einer Gottesdienstbeteiligung, außer vielleicht den Vatikan (lacht).

Warum suchen Häftlinge das Gespräch mit Ihnen?

Dümmig: In der Anfangszeit der Haft ist die Belastung am größten. Fast gänzlich abgeschnitten von der Außenwelt, treiben die Gefangenen sowie die Angehörigen viele Fragen um. Suizidgedanken und Sinnfragen werden gestellt - und negativ beantwortet. Die Perspektiven scheinen sich aufgelöst zu haben. In dieser Phase suchen Gefangene Gesprächsmöglichkeiten, insbesondere bei uns Seelsorgern. Von uns erhoffen sie sich Antworten auf ihre Fragen und Probleme. Das Zeugnisverweigerungsrecht bietet für das seelsorgerliche Gespräch einen besonderen Schutzraum, der für die Gefangenen und deren Vertrauen sehr wichtig ist.

Drescher: Die Motive, den Kontakt mit mir zu suchen, sind vielfältig. Der eine braucht Tabak, der andere Kaffee und der dritte will testen, ob ich ihm seine Version des Tathergangs abnehme. Wenn noch nicht mal ich sie ihm glaube, dann sieht er keine großen Chancen, dass sie ihm der Richter glauben wird und fängt an, sie zu korrigieren. In Karlsruhe sitzen hauptsächlich Untersuchungshäftlinge, die die Verhandlung noch vor sich haben. Manchmal entsteht aus so einer Situation ein gutes Gespräch zum Thema Wahrheit und Lüge. Sehr viele Männer in der JVA Karlsruhe suchen aber das Gespräch, weil sie verzweifelt sind und einen Gesprächspartner brauchen, mit dem zusammen sie ihr Leben wieder etwas ordnen können.

Viele Menschen, die eine Haftstrafe verbüßen, haben eine gute Menschenkenntnis entwickelt. Sie merken in der Regel schnell, wer ihnen gegenüber sitzt. Wie gehen Sie an die Häftlinge heran, wie nähern Sie sich Ihnen an?

Drescher: Ich gehe zunächst mal "absichtslos" auf die Gefangenen zu. Wenn ich einen missionarischen Auftrag verfolgen würde oder die Häftlinge zu besseren Menschen machen wollte, dann hätte ich gleich verloren. Viele bringen Heim- oder Therapieerfahrung mit und merken sofort, wenn sie jemand erziehen will. Sie spüren die Absicht und sind verstimmt. Ich frage sie, was sie im Moment machen würden, wenn sie nicht im Gefängnis wären. Dann erzählen sie aus ihrem Leben.

Dümmig: Gefangene und Bedienstete nehmen sehr sensibel wahr, wenn es anderen Gefangenen nicht gut geht. In der Regel werden sie dann an die Seelsorger verwiesen oder sie selbst geben eine Information mit dem Einverständnis der betroffenen Gefangenen an die Seelsorger weiter. Ich begegne den Gefangenen, wie anderen Menschen auch, höflich, achtsam, akzeptierend, freundlich und spreche sie mit "Sie" an. Ich höre zu und lasse sie reden. Ich lasse sie spüren, dass sie Mensch sind. Ich versuche glaubwürdig zu sein und Vertrauen zu ermöglichen.

Eine Gefängnisstrafe belastet meist auch die Angehörigen des Häftlings. Wie wichtig ist der Kontakt zu diesen für Sie?

Drescher: Der Seelsorger ist nicht nur eine wichtige Hilfe, damit der Gefangene im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben seine sozialen Bindungen aufrecht erhalten kann, sondern er ist für die Angehörigen oft der einzige Gesprächspartner. Wo sollten sie sonst darüber sprechen, dass der Vater oder Ehemann im Knast sitzt? Kindergarten, Schule oder Freundeskreis - sie alle sind dazu selten geeignet.

Dümmig: Der Seelsorger kann sich auf das Zeugnisverweigerungsrecht berufen. Infos über ihn gelangen nicht in andere Hände. Der Gefangene bekommt Infos über mich schnell und zuverlässig. Dies führt zu einer großen seelischen und psychischen Entlastung, sowohl des Gefangenen als auch seiner Angehörigen und Freunde. Die Angehörigen und Freunde sind in der Regel noch nie mit der Justiz und dem Gefängnis konfrontiert worden, was zu einer großen Verunsicherung der Familie und den Freunden führt. Seelische und konkrete Hilfestellung nehmen sie dankbar an. Das hilft ihnen, mit der Krisensituation besser umzugehen.

Gibt es etwas, was den Häftlingen in ihrer Zeit im Gefängnis besonders fehlt?

Drescher: So banal es klingt, aber es ist so: die Freiheit. Als ich vor über 15 Jahren in der JVA Karlsruhe die erste Urlaubsvertretung machte, fragte ich einen Gefangenen, was er sich am meisten wünsche. Er sagte zu mir: einen Tag der offenen Tür.

Dümmig: Am meisten fehlt den Gefangenen die Familie. Die Kontakte sind auf ein solches Minimum reduziert, dass Partnerschaft sehr schwer weitergelebt werden kann. Die Partnerschaft befindet sich in einer großen Krise und hat dadurch einen erheblich größeren Bedarf an Kommunikation.

Ein Zweites fehlt den Gefangenen besonders: Sicherheit. Die ganze Lebenssituation hat sich verändert. Arbeitsstelle, Partnerschaft, Freunde, Vorstellung des eigenen Lebenskonzepts, Ende der Inhaftierung, Perspektive für das Leben nach der Inhaftierung - nichts ist mehr sicher.

Was unterscheidet einen Gottesdienst hinter Gittern von einem "normalen"?

Drescher: Mir ist es wichtig, dass der Gottesdienst nicht zu wortlastig ist. Die Musik ist wichtig. Rituale sind wichtig. Im Gottesdienst haben die Gefangenen die Möglichkeit, für die Menschen, die sie lieben, zu beten und eine Kerze anzuzünden. Beim Anzünden der Kerzen macht nur ganz selten einer nicht mit. Meistens ist es dann ein Neuling, der noch unsicher ist.

Auch die Kunst, die Bildsprache ist mir wichtig. Wir gestalten die Kapelle im Gefängnis jedes Jahr neu mit einem anderen Künstler. Im vergangenen Jahr hing ein Zyklus der Rastatter Malerin Christel Holl über das Glaubensbekenntnis in der Kapelle. Die Inhaftierten waren an den Dialogpredigten über die Bilder beteiligt. Durch die Bilder konnten auch die Gefangenen, die wenig deutsch sprechen, dem Gottesdienst folgen.

Dümmig: Gefangene brauchen viel mehr Ausrichtung und Halt für ihre Lebenssituation. Fragen nach dem Sinn des Lebens stellen sich viel stärker und direkter, sie suchen nach konkreten Antworten. Glauben kommt mehr in den Blick. mit ihm lässt sich das Leben in der Krise besser aushalten und bewältigen, Glaube gibt mehr Antworten auf die Fragen des Lebens.

Deshalb empfinde ich auch den Gottesdienst sehr viel direkter. Die Menschen kennen mich und prüfen meine Glaubwürdigkeit. Worte der Bibel wirken unmittelbarer und konkreter in das Leben der Insassen hinein. Die "Gemeinde" ist ein bunter Haufen von unterschiedlichen Religionen, Konfessionen und Kulturen, die alle gestärkt aus dem Gottesdienst gehen wollen.

Die Fragen stellte Karsten Schäfer.

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