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Karlsruhe Ruhestand nach über 30 Jahren: Karlsruher Stadtbahnen werden verschrottet

Sie drehten über Jahrzehnte ihre Runden durch die Fächerstadt, brachten Millionen von Menschen von A nach B. Doch in Zeiten, in denen immer mehr Menschen den Öffentlichen Nahverkehr nutzen und Komfort immer wichtiger wird, ist die Zeit für viele veraltete Stadtbahnen abgelaufen. Seit knapp einem Monat werden auf dem Gelände der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) ausgediente und aussortierte Bahnen verschrottet. Darunter sind auch die letzten Fahrzeuge der legendären "Holzklasse"-Bahnen. ka-news war vor Ort und hat eine Stadtbahn auf ihrem letzten Weg begleitet.

Mit einem großen Greifer schnappt sich ein Baggerfahrer Stück für Stück des gelben Blechs der Stadtbahn, die an diesem Vormittag klein gemacht wird. Seit Mitte März läuft die Verschrottung der alten Stadtbahnen auf dem VBK-Betriebsgelände im Karlsruher Westen. Insgesamt 25 Fahrzeuge werden während des Verschrottungsprozesses vernichtet. Darunter waren auch sieben Wagen der "Holzklasse" die vor knapp drei Jahren in Rente gingen.

Nach 56 Betriebsjahren ging die "Holzklasse" im Mai 2015 in den verdienten Ruhestand und beendete damit eine Ära. Viele Karlsruher waren im Laufe der vielen Jahre mit den Bahnen aufgewachsen, die Holzsitze und das nostalgische Fahrgefühl hatten Kultstatus. Einige wenige Fahrzeuge werden noch vom "Treffpunkt Schienennahverkehr Karlsruhe (TSNV) für Sonderfahrten und Museumsanfragen zurückgehalten, der Rest ist verschrottet.

"Holzklasse"Bahn in Karlsruhe
eine Stadtbahn in den 1970er Jahren | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A16/77/7/32

Neue Bahnen bieten mehr Komfort

Doch die alten Bahnen hatten gegenüber Menschen mit eingeschränkter Mobilität entscheidende Nachteile: Sie konnten die Wagen wegen der steilen Stufen gar nicht oder nur mit fremder Hilfe nutzen. Zuletzt waren die Bahnen auf der Linie 5 zwischen dem Karlsruher Rheinhafen im Westen und Rintheim im Osten unterwegs.

Dem Zeitgeist entsprechend setzen die VBK und auch die AVG (Albtal-Verkehrsgesellschaft) sogenannte Niederflurfahrzeuge ein, die barrierefrei zugänglich sind. Insgesamt 75 dieser Fahrzeuge sind bestellt und sollen nach und nach die alten Bahnen ersetzen. 2014 kamen die ersten Fahrzeuge in Karlsruhe an und ergänzen nun, nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der Zulassung, den Karlsruher Schienenverkehr.  

"Tut schon ein wenig weh"

Heiko Steigleder von der VBK überwacht die Verschrottung der Bahnen. "Es tut einem schon ein wenig im Herzen weh, wenn man die Verschrottung sieht und an die vielen Arbeitsstunden denkt, die in den Bahnen stecken." So geht es auch einigen Fahrern, die die Wagons jahrzehntelang durch die Karlsruher Straßen gesteuert haben. Aber das sei eben der Wandel der Zeit, merkt Steigleder an.

Linie 9 Rintheim
Vorgänger der Linie 5 in Rintheim: Holzklasse Linie 9. | Bild: 8/BA Schlesiger A20/105/5/24

Neben sieben "Holzklasse"-Fahrzeugen, die bereits verschrottet sind, wurden und werden in den kommenden Tagen noch 16 alte Stadtbahnen sowie Fahrzeuge mit wirtschaftlichem Totalschaden von der Baggerschaufel auseinander genommen. Unter den Unfallfahrzeugen ist auch die Stadtbahn, die bei dem Lkw-Unfall am Entenfang im Juni vergangenen Jahres in Mitleidenschaft gezogen wurde. 

 

 

Die Bahn an diesem Vormittag stammt aus dem Jahr 1984 und war damit über 30 Jahre im Einsatz, im vergangenen Jahr wurde sie aussortiert. Mit über 1,7 Millionen Kilometern im Laufe der Jahre hat sie rein rechnerisch über 42 mal die Erde umrundet.

Reparaturen lohnen sich nicht mehr

Ursprünglich sind die Schienenfahrzeuge bei den VBK auf 25 Betriebsjahre ausgelegt. Dann sind die Fahrzeuge aus betriebswirtschaftlicher Sicht abgeschrieben. Reparaturen und Ähnliches rechnen sich dann in der Regel nicht mehr. Das Fahrzeug, das an diesem Vormittag sein Schicksal ereilt, hatte also eine überdurchschnittlich lange Betriebslaufzeit, erklärt Heiko Steigleder.

Ja nach Größe der Bahnen dauert die Verschrottung der bis zu 40 Tonnen schweren Fahrzeuge ein bis anderthalb Arbeitstage. Die Arbeiten werden von einer externen Firma auf dem Betriebshof der VBK durchgeführt. "Dabei stellen wir die Bahn so wie sie ist hin, also unentkernt", erklärt Heiko Steigleder. Mittels eine Greifzange wird dann zunächst das Dach der Bahn entfernt, die Sitze heraus genommen und der Rahmen der Bahn Stück für Stück zerlegt.

Stück für Stück auseinander genommen

Die einzelnen Materialien wie Metall, Glas, Aluminium und anderer Schrott werden direkt beim Zerlegen der Bahn in unterschiedliche Container sortiert. Stadtbahnen werden nur dann verschrottet, wenn sich die Reparatur wirtschaftlich nicht mehr lohnt oder Ersatzteile aufgrund des Alters schlicht nicht mehr verfügbar sind. Im Regelfall werden die Bahnen in den Werkstätten der VBK und der AVG repariert oder zum Hersteller geschickt.  

Zwar wirkt das Zerteilen der Bahn auf den ersten Blick brachial, erfordert bei genauem Hinsehen aber jede Menge Fingerspitzengefühl. Der Baggerführer muss sein Arbeitsgerät sehr gut kennen, um so genau arbeiten zu können, erläutert Heiko Steigleder.

Einzelne Rohstoffe werden getrennt

Die Container mit den unterschiedlichen Materialien finden nach dem Verschrottungsprozess verschiedene Abnehmer. Das ist auch der Grund, warum die Bahnen nicht in einer Presse landen, da man dort die einzelnen Materialien nicht voneinander trennen könnte. Elf Bahnen wird bis voraussichtlich bis in die erste Maiwoche das gleiche Schicksal ereilen. Dann soll die Verschrottung abgeschlossen sein.

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Kommentare (19)
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  •   Rundbau-Gespenst
    (10710 Beiträge)

    10.04.2018 12:31 Uhr
    @ka-news: die liebe Grammatik!!! "Wägen"
    Ein Wagen bleibt ein Wagen und viele Wagen auch.
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  •   fpfka
    (39 Beiträge)

    10.04.2018 17:42 Uhr
    falsch
    Das hat mit Grammatik nichts zu tun und wird auch durch Wiederholung nicht wahrer, siehe Muecks Anmerkung.

    Der Duden schreibt seit mindestens den 80ern (vermutlich "schon immer") "Plural: die Wagen, süddeutsch, österreichisch: Wägen". Und wo liegt Karlsruhe? Also ist hier "Wägen" der korrekte Plural und eben gerade nicht "Wagen".
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  •   Waterman
    (6154 Beiträge)

    10.04.2018 13:59 Uhr
    Nicht rotieren!
    Wenn der Pass diese Orte zeigt, darf man schon Wägen sagen. Auch Duden erlaubt das.

    Sonst natürlich die Wagen. Und schreiben sollte man es auch so, es könnte ja ein Auswärtiger mitlesen. Ist aber für uns hier kein Beinbruch.

    Hoffentlich platzen jetzt keine Krägen grinsen
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  •   Rundbau-Gespenst
    (10710 Beiträge)

    10.04.2018 12:24 Uhr
    den Artikel gab es vor 1-2 Wochen
    schon mal.

    Sauere Gurkenzeit bei ka-news???
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  •   Waterman
    (6154 Beiträge)

    10.04.2018 10:19 Uhr
    Temeswar
    Früher wurden alte Bahnen nach Temeswar verkauft oder verschenkt.

    Haben die keinen Bedarf mehr?
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  •   ralf
    (3596 Beiträge)

    10.04.2018 12:56 Uhr
    Wartung Schwierig
    Offenbar wurden die übernommenen Karlsruher Wagen in Temeswar wegen der schwierigen Beschaffung von Ersatzteilen zwischen 2007 und 2012 ausgemustert. Man scheint sich dort eher auf die alten Bremer Wagen zu konzentrieren.
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  •   ALFPFIN
    (6317 Beiträge)

    10.04.2018 10:37 Uhr
    Siehe
    https://www.stern.de/politik/ausland/ruemanien--temeswar-bricht-all-die-vorurteile--die-man-ueber-rumaenien-haben-kann-7632940.html
    Temeswar bricht all die Vorurteile, die man über Rumänien haben kann
    In Temeswar sind die Häuser renoviert, die Straßen frisch geteert, es herrscht Vollbeschäftigung. Die rumänische Stadt ist das Gegenteil von dem, wie man sich Rumänien gemeinhin vorstellt. Und die Wirtschaft dort wächst weiter.


    Die wollen unsere alten Bahnen auch nicht nicht mehr, wenn schon dann neue Bahnen,
    aber dann bitte nicht unsere Fehlkäufe. Und überhaupt kauft man sich die neuen Bahnen von den (unseren) EU Steuergeldern selbst. So ändern sich die Zeiten. grinsen
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  •   IchKA
    (619 Beiträge)

    10.04.2018 09:49 Uhr
    "Neue Bahnen bieten Komfort"
    das mag stimmen, aber die neuen Bahnen nerven auch. Deren Motoren sind nicht nur erheblich lauter, sondern sie verursachen dazu ein lautes hohes sägendes Geräusch beim An- und Abfahren. Vorgenommene Modifikation haben hörbar nicht das gebracht was den lärmgeplagten Bürgern seitens der Betreiber versprochen wurde.
    Da werden für viel Geld neue Bahnen gekauft, die sich im Bereich Lärmemission als ganz schlecht herausstellen.
    Ein absoluter Fehlkauf, wenn man sich überlegt, was die Dinger auch schon für andere Probleme verursacht haben.
    Man kann sich wirklich nur wundern über die fachliche Kompetenz der Entscheider diese Bahnen in dieser Stückzahl überhaupt gekauft zu haben. Andere Städte haben moderne Bahnen von anderen Herstellern, die nicht diesen nervtötenden Lärm produzieren. Im Tunnelbetrieb wird das noch gravierender, denn die Haltestellen wirken wie ein lärmintensivierender Resonanzkörper. Ein Karlsruher Unding mal wieder...
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  •   fpfka
    (39 Beiträge)

    10.04.2018 17:49 Uhr
    kein Komfort
    Die neuen Bahnen sind barrierefrei. Damit ist ihr "Komfort" erschöpfend aufgezählt. Sitze, zumal in Fahrtrichtung, hat speziell die neuste Generation wesentlich weniger, weil ja an jeder Tür jetzt Stauräume sind statt nur an den vorderen zweien. Das sind eher Viehtransporter/Gepäckwägen als Personenwägen. Und während beim Holzsitz im Hochsommer ein Abwischen mit dem Taschentuch reicht, hockt man in den neuen Bahnen auf Polster, das schon eine Woche Schweiß aufgesogen hat. (Unbequemen Polstern in der jüngsten Generation obendrein - Nachteile beider Systeme erfolgreich verbunden.) Was bringt mir WLAN, wenn ich stehen muß und keine Chance habe, den Laptop aufzuklappen?
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  •   VielVor
    (102 Beiträge)

    10.04.2018 13:39 Uhr
    Komfort?
    Na ja. Die neuen Bahnen haben schmalere Sitze, und die wenigsten Fahrgäste möchten Körperkontakt mit ihren Sitznachbarn. Die neuen Bahnen haben teilweise Sitzplätze, die im 90 Grad Winkel zur Fahrtrichtung angebracht sind. Ohne separate Haltevorrichtungen. Das wackelt schon arg wenn man dort sitzen muß. Der begehbare Boden der neuen Bahnen ist nicht plan, da kommen gerade ältere Menschen, die unsicher auf den Beinen sind, gerne ins Straucheln. Die neuen Bahnen haben abgerundete "Fensterbretter", auf denen man noch nicht einmal einen Ellbogen aufstützen kann.

    Wenn das Komfort ist, dann ist es Komfort 2.0
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