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Karlsruhe "Rhein-Kontrolle" von Menschenhand oder notwendige Maßnahme? Der Hochwasserschutz am Rhein bei Karlsruhe polarisiert

Die einen wollen einen Polder und bekommen ihn nicht, die anderen bekommen ihn, aber wollen ihn nicht. Hochwasserschutz am Rhein ist rund um Karlsruhe kein leichtes Unterfangen.

1982 wurde im so genannten Integrierten Rheinprogramm (IRP) festgeschrieben, das am Oberrhein 13 Hochwasserrückhalteräume geschaffen werden sollen, um natürliche Überflutungsflächen zurückzugewinnen, diese für den Hochwasserschutz zu aktivieren und um naturnahe Auen zu entwickeln.

Altrhein bei Dettenheim
Altrhein bei Dettenheim | Bild: Heike Schwitalla

Drei dieser Maßnahmen befinden Landkreis Karlsruhe: Der Polder Rheinschanzinsel zwischen Philippsburg und Oberhausen-Rheinhausen, der seit 2015 in Betrieb ist und ein Rückhaltevolumen von 6,2 Millionen Kubikmetern hat, der in einem frühen Planungsstadium befindliche Rückhalteraum Elisabethenwört bei Dettenheim, mit einem Rückhaltevolumen von 11,9 Millionen Kubikmetern und der Polder Bellenkopf/Rappenwört, der auf den Gemarkungen Karlsruhe, Rheinstetten und Au am Rhein liegt und ein Rückhaltevolumen von etwa 14 Millionen Kubikmetern bieten soll.

Es wird Jahrzehnte dauern, bis der Hochwasserschutz komplett ist

Beide noch in der Planung befindlichen Maßnahmen stehen in der Kritik. Obwohl sich alle Beteiligten einig sind, dass Hochwasserschutz sinnvoll und notwendig ist, scheint man darüber, wie dieser auszusehen hat, keinen Konsens zu finden. Sind es beim Projekt Bellenkopf/Rappenwört vor allem die massiven Eingriffe in die Umwelt, die temporäre Flutung des beliebten Ausflugsziels Fermasee und eine rund vier Meter hohe stählerne Spundwand, die das Karlsruher Rheinstrandbad während der als notwendig erachteten ökologischen Flutungen schützen soll, so fordern die Bürger und Kommunalpolitiker in Dettenheim unbedingt einen Polder, statt einer Dammrückverlegung, die die Insel Elisabethenwört in ein natürliches Überflutungsgebiet verwandeln würde.

"Phantom-Mauer" Rappenwört
Einen solchen Umfang soll die Spundwand bei Rappenwört haben. Die "Phantom-Mauer" wurde 2016 von Kritikern erbaut. | Bild: Pauline Roßbach

Polder oder Dammrückverlegung - daran scheiden sich die Geister

Ein Polder geht – nach Ansicht vieler Experten – immer einher mit so genannten ökologischen Flutungen, die immer dann zum Einsatz kommen, wenn der Rückhalteraum nicht auf natürliche Weise geflutet wird. "Der Einsatz von Hochwasserrückhalteräumen zum Schutz der Unterlieger wird statistisch nur etwa alle zehn Jahre oder seltener erforderlich. Finden in den Jahren dazwischen keine Flutungen statt, kann sich die für Auen und deren Lebensgemeinschaften charakteristische dynamische Stabilität nicht einstellen. Dies wird erst durch die regelmäßig in Abhängigkeit vom natürlichen Abflussgeschehen im Rhein durchzuführenden Ökologischen Flutungen gewährleistet", schreibt das Regierungspräsidium dazu.

Kritiker fühlen sich nicht ernst genommen

Einmal sind es zu große, einmal zu wenig wirksame Eingriffe in die Natur, die die Bürger beunruhigen – Kritiker gibt es immer, aber in Sachen Hochwasserschutz scheinen die Fronten besonders verhärtet und die Meinungsäußerungen besonders emotional. So gab es unlängst bei einer Bürgerinformationsveranstaltung zum Rückhalteraum Elisabethenwört in Rußheim sogar einen "Gelbwestenprotest" der Polder-Befürwortet, die sich vom Regierungspräsidium und vom Land nicht ernst genommen fühlen.

Sie sehen sich sogar als "Menschen zweiter Klasse", weil Rheinstetten und Karlsruhe einen Polder bekommen, Dettenheim jedoch nicht. Das Regierungspräsidium argumentiert mit wesentlich geringeren Eingriffen in die Natur, den kleineren Auswirkungen für die Bürger und den geringeren Kosten, außerdem benötige man in Elisabethenwört schlicht keinen Polder, um das im IRP vorgegebene Rückhaltevolumen zu erzielen.

Gelbwestenprotest bei der Bürgerinformation zum Hochwasserschutz bei Dettenheim
Gelbwestenprotest bei der Bürgerinformation zum Hochwasserschutz bei Dettenheim | Bild: Heike Schwitalla

Dennoch wollen die Dettenheimer einen Polder - möglichst ganz ohne ökologische Flutungen, da sie finden, diese seien zum Erhalt der Natur bei Elisabethenwört nicht nötig. Sie finden auch den Ist-Zustand der Natur dort erhaltenswert, das Argument zum Erhalt oder der Erweiterung der Auenlandschaften interssiert sie nicht.

Von Menschenhand gesteuerte "Rhein-Kontrolle"?

Die gravierenden Baumaßnahmen und massiven Eingriffe in die Natur, die ein Polder immer mit sich bringt, bemängeln die Kritiker des Projekts Bellenkopf/Rappenwört. Auch die Tatsache, dass ein Polder von Menschenhand – per "Knopfdruck" geöffnet und geschlossen werden kann oder muss, ist in den Augen der Kritiker ein Problem. Technik ist anfällig für Fehler, menschliches Versagen im Ernstfall nicht auszuschließen, außerdem ist die Instandhaltung wesentlich kostspieliger als bei einer Dammrückverlegung und den damit verbundenen natürlich gesteuerten Flutungen.

Eine Dammrückverlegung gibt zudem der Natur die Chance, die am Rhein heimischen Auenlandschaften natürlich zu entwickeln. Dagegen steht der – nach Meinung der Befürworter – der wesentlich wirkungsvollere Hochwasserschutz eines Polders. Sie sagen, dass sich auch die Schnakenplage mit einer Polderlösung besser kontrollieren lasse, er schütze zudem vor möglichen Katastrophen wie chemischen Wasserverunreinigungen, denen man bei einem natürlichen Flutraum schutzlos ausgeliefert wäre. 

Hochwasser am Rhein - Schifffahrt
Hochwasser am Rhein | Bild: Archiv/Wiedmann

Beide Varianten haben also ihre Vor- und Nachteile, am Ende können nur die Experten entscheiden, welche Lösung für welches Projekt die beste ist. Das Vertrauen in deren Meinung ist jedoch gerade bei den Kritikern immer besonders gering. Tatsache ist aber auch, dass jede Art der Verschleppung oder Verzögerungen des Verfahrens dafür sorgt, dass die Region den drohenden Hochwassern ohne adäquaten Schutz ausgeliefert sein wird.

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  •   runsiter
    (11986 Beiträge)

    22.02.2019 16:11 Uhr
    Die debattieren so lange rum,
    bis sie alle abgesoffen sind. Purer Egoismus und Dekadenz von Einzelnen, die sich für den Nabel der Welt halten, und sich einen Orden für gerechtes und gutes Tun an die Brust stecken wollen.
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  •   malerdoerfler
    (5090 Beiträge)

    22.02.2019 13:05 Uhr
    Der Wunsch des Menschen die Natur zu beherrschen....
    ist schon sehr alt.
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  •   andip
    (9495 Beiträge)

    22.02.2019 15:41 Uhr
    Aber fast alles
    was sich der Mensch dazu ausgedacht hat, ging oder wird irgendwann nach hinten los.
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  •   runsiter
    (11986 Beiträge)

    22.02.2019 16:28 Uhr
    Das halte ich für falsch.
    Der Mensch hat entdeckt, dass das Leben und Überleben kompliziert ist. Und ergreift entsprechende Maßnahmen. Hinterher besser zu wissen ist albern. Anstatt Rumnörgeln wären praktikable und pragmatische Lösungen hilfreich.
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  •   nichtsalsverdrus
    (1 Beiträge)

    22.02.2019 12:47 Uhr
    Ökologische Flutungen
    Die Beschreibung ökologischen Flutungen, kämen immer dann zum Einsatz, wenn der Rückhalteraum nicht auf natürliche Weise geflutet wird ist missverständlich. Sie dienen – gerade im Polder Bellenkopf/Rappenwört - der natürlichen Anbindung des Rückhalteraums an die Rheindynamik, d. h. an die Wasserstände im Rhein. Sie finden deshalb ungesteuert auf natürliche Weise statt (eine Steuerung erfolgt nur für den seltenen Retentionsfall bei Extremhochwasser). Ohne sie wäre in dem Raum die Entwicklung einer naturnahen Auenlandschaft schlicht unmöglich. Letzteres ist aber neben dem Hochwasserschutz eindeutiges Ziel der Planung. Innerhalb der letzten 200 Jahre gingen ca. 98 % der natürlichen Auen am Oberrhein verloren. Die Wiederherstellung zumindest eines kleinen Teils dieser seltenen und einzigartigen Biotope findet sich als Zielvorgabe in zahlreichen internationalen und nationalen Verträgen und Gesetzen. Die Planung läuft seit mehr als 20 Jahren, als BW noch fest in CDU Hand war.
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  •   VielVorNixDahinter
    (204 Beiträge)

    22.02.2019 07:42 Uhr
    Begradigung rückgängig machen
    Dämme abreißen, dem Rhein seinen Naturlauf zurück geben (Tschüss, Roppenheim), Anrainer umsiedeln (für Eidechsen und Juchtenkäfer werden doch auch Millionen ausgegeben), den Fluss als Transportweg stilllegen, Iffezheim sprengen, Lachs mit der handgeschnitzten Harpune fangen, back to Stone Age forever…

    Mann, ist der Stoff gut … zwinkern
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  •   Prof.Baerlapp
    (637 Beiträge)

    21.02.2019 19:57 Uhr
    Falsch!
    "Die anderen wollen ihn nicht" bezüglich Bellenkopf/Rappenwört stimmt in dieser Form nicht. Die Rheinstettener sind sehr wohl bereit, einen Beitrag zum Hochwasserschutz zu leisten, letztlich auch schon im eigenen Interesse. Aber eine Mehrheit möchte dies in einer Form, wie sie der Wasserbauexperte Dr. Treiber entwickelt hat. Dies würde die Eingriffe in die Natur mindern.

    Letztlich will aber das RP (man darf annehmen, auf Weisung des grünen Umweltministeriums) eine Mega-Variante mit ökologischen Flutungen unbedingt durchsetzen. Hier geht es (leider wieder mal) vorrangig um grüne Ideologie statt um Sachargumente.

    Jegliche Verzögerung durch Klagen haben sich die Hardliner in Stuttgart und im RP Karlsruhe selbst zuzuschreiben.
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  •   Freigeist1
    (686 Beiträge)

    21.02.2019 21:48 Uhr
    Seit wann ist denn massive
    Auwaldabholzung bitte "Grün"? Habe den Eindruck, dass da alt eingesessene Beamte in den Behörden ihren "alten Stiefel" bestehend aus Mega-Baumaßnahmen und Leidenschaft für totale Steuerung der Natur aus Menschenhand durchziehen wollen. Die gleichen, die früher Bach-Kanalisierungen allenthalben hip fanden und durchgezogen haben. Stop it!
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