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Karlsruhe Nicht nur Grippewelle: Das steckt hinter den Bahn-Ausfällen

Die Fahrgäste der Karlsruher Bahnen haben es momentan nicht leicht: Viele Züge bleiben stehen, weil Fahrer fehlen. In einer ersten Meldung sprechen die Verantwortlichen von einer Grippewelle, aber es steckt noch mehr dahinter.

Wer in diesen Tagen an einem Bahnsteig in Karlsruhe steht, hat besonders gute Chancen, dass er etwas länger warten muss. Ende Februar hat die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) in einer Pressemeldung angekündigt, dass im kompletten März einzelne Verbindungen ausfallen. Der angeführte Grund: eine grassierende Grippewelle. Neben den "planmäßig" entfallenen Fahrten, gibt es Tag für Tag noch weitere Verbindungen die entfallen, weil schlicht Fahrpersonal fehlt.

Doch hinter den Ausfällen steckt mehr als nur eine Krankheitswelle, sagt ein Fahrer der AVG im Telefonat mit ka-news. Die Fahrer seien die Leidtragenden, welche Fehlentscheidungen der Geschäftsführung "an vorderster Front" austragen müssen. Er sieht es als bewusste Täuschung an, dass die Fahrtausfälle ausschließlich auf die Grippewelle geschoben werden.

Symbolbilder Bahn in Karlsruhe
(Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Überstunden häufen sich an

Neben der Grippe gebe es noch ein zweiten Virus im Konzern, der den Namen "Überstunden" trägt. Viele AVG-Fahrer hätten so viele davon angehäuft, dass sie schon vor dem am 31. März endenden Geschäftsjahr ihre Jahresarbeitzeit erfüllt haben und sogar noch eine Schippe drauf gelegt hätten.

So erzählt der Fahrer, dass er oft weit mehr als die rund 486 pro Schicht vorgesehenen Minuten am Steuer sitzt. Er habe nach eigenen Angaben mittlerweile alleine über 30.000 Minuten mehr auf seinem Arbeitszeitkonto. Ausgehend von einem normalen Arbeitstag, hätte er demnach Anspruch auf etwa 61 freie Tage.

Dass es bei der AVG eine angespannte Personalsituation gibt, bestätigt auch Lutz Dächert. Er ist der Bezirksvorstand Süd-West der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und damit für die AVG zuständig. Auch deshalb hat die GDL ein Schreiben veröffentlicht, in der Fahrer, welche der Gewerkschaft angehören, über die Möglichkeit des Überstundenabbaus hingewiesen werden. Diese ist im entsprechenden Tarifvertrag verankert und sieht vor, dass sobald mehr als 100 Stunden über der zu leistenden Jahresarbeitszeit aufgelaufen sind, die Fahrer Zuhause bleiben können.

Krankheit ist der Hauptgrund

Wie viele Fahrer diese Regelung in Anspruch genommen haben, kann Dächert nicht sagen. Sie müssen sich nicht bei der GDL melden. Aber er geht nicht davon aus, dass diese Fahrer Ursache für den erheblichen Fehlbestand sind: "Meines Wissens fehlen aktuell bei der AVG rund 60 Fahrer krankheitsbedingt", so Dächert.

Eine Zahl, die auch Michael Krauth, Pressesprecher der AVG, in etwa bestätigt: Derzeit seien in etwa ein Sechstel der 350 Triebfahrzeugführer erkrankt. Zudem fehlen ohnehin weitere 30 Fahrer, um eine ausgeglichene Personaldecke zu haben. Und zuletzt bestätigt Krauth aber auch Auswirkungen durch den von der GDL geforderten Überstundenabbau der Fahrer.

"Diese drei Gründe in der Summe sind Grund für die Fahrtausfälle", so Krauth weiter. Aber auch die AVG wisse nicht ganz genau, welche Fahrer sich auf ihre tariflichen Regelungen berufen. Das Unternehmen würde keine Statistik über die Gewerkschaftszugehörigkeit führen, "das dürfen wir auch gar nicht", so Krauth.

Haltestelle Anzeige Fahrtausfall
"Wegen Personalunterbestands fallen Züge aus" ist auf einer Anzeigentafel an der Haltestelle zu lesen. (Symbolbild) | Bild: Florian Kaute

Jeder freie Fahrer wird angesprochen

Aufgrund der angespannten Lage habe man sich daher für die bewusste Ausdünnung des Fahrplans entschieden. So sollte eine gewisse Planungssicherheit für die Fahrgäste entstehen, so Krauth. Darüber hinaus kommt derzeit täglich ein Gremium zu einer "Krisensitzung" zusammen. Dort werden dann weitere Fahrten beschlossen, die am nächsten Tag entfallen. "Diese Liste veröffentlichen wir dann täglich um 17 Uhr auf unserer Internetseite", sagt Krauth.

Der Entschluss, gleich im ganzen März Verbindungen zu streichen, sei nur aber nicht der Grippewelle geschuldet. "Wir gehen nicht davon aus, dass der Krankenstand im ganzen Monat so hoch ist", so Krauth weiter. Hier sei ein Puffer eingeplant: "Unsere Personal-Dispo ruft ständig alle freien Fahrer an und fragt, ob sie fahren können und wollen." Diese Stunden sollen möglichst zeitnah wieder abgebaut werden.

Problematische Personalsituation im ganzen Land

Personalmangel: Ein Problem, vor dem nicht nur die AVG steht. Wie das Verkehrsministerium im Land jüngst berichtet, seien Vertreter der Bahnbranche aus diesem Grund zu einem runden Tisch zusammen gekommen. "Nicht erst durch die aktuelle Grippewelle, die besonders im Schienenpersonennahverkehr zu fehlenden LokführerInnen und ausfallenden Zügen führte, ist klar: Die Bahnbranche leidet besonders unter dem Fachkräftemangel in Deutschland", heißt es in der entsprechenden Mitteilung.

GDL-Bezirksvorsitzender Dächert bestätigt die Problematik: "Unregelmäßige Arbeitsbeginne, lange Schichten und kaum eine freie Minute, um zur Toilette zu gehen." Daher müsse der Job attraktiver gemacht werden. Daran arbeitet auch die AVG, erklärt Krauth. Neben einem vergleichsweise hohen Einstiegsgehalt von 2.800 bis 3.000 Euro, würden sie als kommunaler Arbeitgeber auch mit Vorteilen der betrieblichen Absicherung locken. "Die AVG ist stabil und zukunftssicher aufgestellt", so Krauth. Dies würde auch die langfristige vertragliche Bindung für viele Strecken belegen.

Weiter soll durch Jobbörsen, Plakate und Imagekampagnen auf die AVG als Arbeitgeber aufmerksam gemacht werden. So solle dann der Personalunterbestand abgebaut werden. "Anfang März haben wieder 12 Azubis ihre Ausbildung begonnen", erklärt Krauth. Dies sei einer von sieben Kursen pro Jahr. Erfahrungsgemäß bestehen nicht alle die Abschlussprüfung, sodass der Unterbestand wohl noch einige Zeit andauern wird.

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Kommentare (41)
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  •   Malerdoerfler
    (4652 Beiträge)

    05.04.2018 09:14 Uhr
    Jetzt kommt auch noch
    ein Streik hinzu.
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  •   Malerdoerfler
    (4652 Beiträge)

    30.03.2018 10:39 Uhr
    Und auch gestern noch!
    Die S5 schien ganz aus dem Fahrplan gestrichen worden zu sein.
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  •   Senfdazu
    (193 Beiträge)

    09.03.2018 06:02 Uhr
    😎
    liegt in den Überstunden und Übermüdungen durch Sonderschichten vielleicht auch die Unfallquote?
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  •   ALFPFIN
    (6317 Beiträge)

    08.03.2018 14:22 Uhr
    AVG
    Bericht meiner Nachbarin, die am Morgen von Rüppurr stadteinwärts fahren musste, gegen 7 Uhr. Die fahrplanmäßige Bahn ist ausgefallen. Kurz danach fuhren im Abstand von 5 Minuten 2 Eilzüge stadteinwärts, ohne anzuhalten und haben die Wartenden auf der Strecke stehen gelassen. Morgens um 7 Uhr ist Berufsverkehr. Dass die reguläre Bahn ausgefallen ist, war ja sicher bekannt. Dann zwei Eilzüge an den Wartenden vorbeifahren lassen? Sind die zuständigen Fahrdienstleiter nicht in der Lage, da kurzfristig
    umzuplanen und die Fahrer anzuweisen, trotz Eilzug zu halten? Gerade weil Personalmangel herrscht, offenbar kann man aber Eilzüge halb leer durchfahren lassen?
    Da ich diese Strecke seit Jahren fahre, ist die Schilderung meiner Nachbarin mir allzu bekannt.
    Mir fehlen da die Worte.
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  •   Zuglenker
    (59 Beiträge)

    08.03.2018 14:22 Uhr
    Mitarbeiter mal anders betrachtet:
    So rechnen Firmen:

    1 Mitarbeiter kostet mit Lohnnebenkosten ca 40.000 Euro im Jahr und arbeitet 2036 Stunden (abzgl. Urlaub)

    30 Leute würden 1,2 Millionen kosten und 61.080 Stunden Arbeiten im Jahr.

    Bei der AVG fehlen 30 aber der Rest arbeitet die 61 000 Stunden durch Überstunden mit.

    So lacht die AVG über den Gewinn.
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  •   cc91
    (273 Beiträge)

    08.03.2018 10:18 Uhr
    Lustig
    Einen Straßenbahnfahrer als "Fachkraft" zu bezeichnen. Ich habe mir darunter immer jemanden mit langwieriger Ausbildung komplizierter technischer oder handwerklicher Tätigkeiten vorgestellt, der auch regelmäßig Fortbildungen machen muss, um "fachlich" auf der Höhe zu bleiben. Bei aller Verantwortung, die Fahrer haben, so ist das Ausbildungsniveau doch eher überschaubar. Dass scheinbar trotzdem viele durchfallen, sagt vermutlich einiges über die Bewerber aus...
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  •   turboduck2000
    (73 Beiträge)

    08.03.2018 11:39 Uhr
    Wenn man keine Ahnung hat …
    Straßenbahn wird in der Stadt gefahren (z.B. 1, 2, 3 usw...), außerhalb wird Stadtbahn gefahren. Die Ausbildung für die Straßenbahn ist in kleinstem Falle mit der Ausbildung für die Stadtbahn zu vergleichen da hier das Know-how um ein vielfaches Größer sein muss (für Laien ausgedrückt: es muss auch gelernt was der Zugführer auf den DB Strecken und auf den Nebenstrecken zu beachten hat) … aber wenn es ja angeblich so einfach sein soll, dann einfach bewerben und selbst erleben. Der Job an sich ist ein toller Job!
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  •   dipfele
    (4958 Beiträge)

    08.03.2018 17:44 Uhr
    Den grunde nach fast richtig....
    ..... aber "Zugführer" gibt's schon lange keine mehr. Das sind Triebfahrzeugführer !!
    Das Schwierigste bei diesem Beruf ist, wie werden Störungen am Fahrzeug und bei den Signalanlagen gemeistert. Das Geradeausfahren nach Fahrplan macht die wenigsten Probleme.
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  •   bier2
    (843 Beiträge)

    09.03.2018 07:58 Uhr
    Falsch, der Zugführer gibt es noch
    un wird im ICE Zugchef genannt. Der ist aber nicht im Führerstand sondern verantwortlich für den Zug und die aneren Mitarbeiter. Der Lokführer wird heute Triebfahrzeugführer genannt.
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  •   dipfele
    (4958 Beiträge)

    09.03.2018 17:16 Uhr
    Der Begriff war auf....
    ..... Karlsruhe/AVG bezogen. Und da gibt es im Personenverkehr keine Zugführer, genauso wenig wie es "Wagenlenker" oder "Fahrwerke" gibt. Und bei der bahn heissen die Zugführer "Zugchef". Man sieht bei der Falschanwendung von Begriffen, bzw. deren Übertragung vom Strassenverkehr auf den Bahnbetrieb doch, wie mittlerweile auch die Berichterstatter und Kommentator/innen der Bahnterminologie entrückt sind.
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