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Karlsruhe Neue Bodenbeläge auf dem Marktplatz und warum diese Frauen damit nicht einverstanden sind

Mit dem Bau der Kombilösung soll und wird sich das Stadtbild in Karlsruhe völlig verändern. Nicht nur, dass die Bahnen in den Tunneln unter der Erde verschwinden. Auch die Optik der Innenstadt bekommt ein Facelift. Der neue Bodenbelag mag zwar gut aussehen, doch für sehbehinderte Menschen ist er nur bedingt geeignet.

Noch sieht die Kaiserstraße mehr oder weniger so aus, wie die Karlsruher es schon seit Jahren gewohnt sind. Auch der Marktplatz, der gerade unter einer neuen, provisorischen Oberfläche verschwunden ist, wird bald nicht mehr langweilig grau aussehen. Ein neuer Bodenbelag soll nach Ende der Bauarbeiten verlegt werden. Seit gut einem Jahr liegt an der Ecke zur Kreuzstraße dieser Musterbelag. Doch Ulrike Wernert, Beate von Malottki und Elke Wagner sind damit nicht einverstanden.

Behindertengerechter Bodenbelag in der Innenstadt
Beate von Malottki, Ulrike Wernert und Elke Wagner (v.l.) vom Beirat für Menschen mit Behinderung. | Bild: Anya Barros

Für die drei Frauen bietet der ausgesuchte Belag "zu wenig Kontrast". Malottki und Wagner sitzen im Behindertenbeirat der Stadt Karlsruhe. Außerdem sind sie blind beziehungsweise stark sehbehindert. Für Sehbehinderte sei der neue Belag in der Innenstadt allerdings nur bedingt geeignet.

Es gibt zwar eine taktile Leitlinie, aber die bietet keinen visuellen Kontrast. "Die Fläche ist für Menschen mit einer Sehbehinderung nicht barrierefrei nutzbar, es ist keine visuelle Orientierung möglich", klagen die Vertreter des Beirates. Heißt konkret: Für sehbehinderte, die noch ein Restsehvermögen haben, sieht die Leitlinie an der Musterfläche aus wie ein grauer Einheitsbrei. 

Bodenbelag Kaiserstraße 4
Bild: Eric Dewald

Schwarze oder weiße Linie stört Ästhetik

Doch warum ist schon diese Musterfläche so falsch geplant? "Wir wissen nicht, ob das Architekturbüro das schlichtweg nicht wusste", sagen Wernert, von Malottki und Wagner bei einem vor-Ort-Termin mit ka-news. Denn kontrastreiche Leitlinien sind nicht zwingend vorgeschrieben, sondern nur eine Empfehlung. Doch für sehbehinderte Menschen sind sie eine große Hilfe. Daher haben die drei Frauen in den letzten Wochen und Monaten ordentlich Lobby-Arbeit betrieben, dass die Stadt kontrastreiche Leitlinien verlegen lässt - was aus ästhetischen Gründen wohl nicht vorgesehen war, wie man an der Musterfläche erkennen konnte.

Jedoch ist die Leitlinie wichtig für sehbehinderte Menschen, nicht nur um sich zu orientieren. "Ich weiß ja, an den taktilen Leitlinien bin ich sicher, wenn ich ihnen folge, denn da sollte mir nichts im Weg stehen", beschreibt Elke Wagner die Funktion. 

Die Überzeugungsarbeit zahlt sich aus

Der Vorschlag des Beirats für Menschen mit Behinderung war daher, das taktile Blindenleitsystem in einen dunklen Stein einzufräsen. "Der böte dann gegenüber dem geplanten hellen Belag in der Kaiserstraße und auf dem Marktplatz einen ausreichenden Kontrast", so der Beirat gegenüber ka-news. "Auch der Ästhetik würde eine solche Lösung nicht im Wege stehen!" Dieser Vorschlag wurde nun auch im zuständigen Planungsausschuss, der noch im Juni tagte, beschlossen. 

Behindertengerechter Bodenbelag in der Innenstadt
Mit dem Blindenstock über die taktile Leitlinie. Die Rillen sind in den Stein gefräst, das erleichtert die Orientierung. | Bild: Anya Barros

Der Erfolg ist Elke Wagner, Beate von Malottki und Ulrike Wernert ein großer Schritt in die richtige Richtung. "Wir stoßen mit unserer Arbeit nicht immer auf taube Ohren, aber das war ein jahrelanger Streitpunkt", erklärt Ulrike Wernert, Behindertenbeauftragte der Stadt. "Das war jetzt ein schönes Gefühl, dass es jetzt geklappt hat!"

Ab Sommer 2019 wird zunächst der Marktplatz seine neue Gestalt annehmen, rund 7 Millionen Euro wird der neue Bodenbelag kosten. "Wir werden das natürlich im Auge behalten und am Ball bleiben", sagt Beate von Malottki abschließend. 

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Kommentare (22)
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  •   likeka
    (447 Beiträge)

    09.07.2018 20:14 Uhr
    Zitat von "Auch der Ästhetik würde eine solche Lösung nicht im Wege stehen!"


    Also der Satz ist auch falsch. Natürlich beeinflusst das die Ästhetik (negativ). Das kann man ruhig auch sagen.

    Jedoch sollte es selbstverständlich sein, dass Inklusion und Nutzbarkeit der Stadt für alle vor Ästhetik stehen!

    Das hat der Gemeinderat jetzt ja auch beschlossen.
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  •   karlsruher1955
    (1165 Beiträge)

    09.07.2018 14:37 Uhr
    Mich nicht
    Bei den "Fachkräften" die im Rathaus Entscheidungen treffen wundert mich das nicht.
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  •   ALFPFIN
    (6687 Beiträge)

    09.07.2018 11:41 Uhr
    Ist mir eigentlich unverständlich,
    warum man diese Leitlinien für Sehbehinderte und Blinde nicht in der Planung vorgesehen hatte. Zumindest hätte das bei Vorlage der Entwürfe dem Gemeinderat/OB und dem zuständigen Bauamt auffallen müssen.
    Die Architekten müssten das eigentlich auch wissen, in fast jeder Stadt sind heute solche Leitlinien angelegt.
    Es sind hierzu Verordnungen, Bauordnungen, Gesetze und entsprechende DIN Normen zu beachten.
    Vor Jahren waren diese Leitlinien, nicht nur an den Straßenbahnlinien entlang, sondern auch an anderen Übergängen und natürlich auf dem Marktplatz vor den Bauarbeiten angelegt worden. Und jetzt auf einmal hielt man das nicht mehr für erforderlich, der Ästhetik wegen. Ein bisschen zynisch das Ganze gegenüber den behinderten Menschen.
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  •   dipfele
    (5345 Beiträge)

    09.07.2018 15:38 Uhr
    das Anlegen von Blindenleitstreifen......
    … ist sogar Vorschrift. Von Übel aber ist, dass für die Vergoldung des Marktplatzes und der Kaiserstrasse Ost Landes- Sanierungsmittel in Anspruch genommen werden, die dann in anderen Städten, wo wirklich Sanierungsbedarf ist, fehlen.
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  •   likeka
    (447 Beiträge)

    09.07.2018 19:56 Uhr
    Es besteht Sanierungsbedarf!
    In der östlichen Innenstadt besteht Sanierungsbedarf, v.a. in der östlichen Kaiserstraße.
    Die Aneinanderreihung von Döner- und Handyläden kann ja nicht die Zukunft der Innenstadt sein.
    Seien Sie doch einfach mal froh, dass die Stadtverwaltung clever die Chancen nutzt, um Geld zu sparen.
    Die Bewilligung war ja eine politische Entscheidung des Landes, also wird dort wohl auch Sanierungsbedarf gesehen.
    Sie werden ja der Stadt wohl nicht vorwerfen wollen, sich erfolgreich um Zuschüsse bemüht zu haben?!
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  •   mueck
    (10543 Beiträge)

    09.07.2018 19:11 Uhr
    Besonders gut gelungen
    ... finde ich ja noch immer die hervorstehenden hellen Bänke vor heller Wand freischwebend über hellem Grund in bestimmten Werbebildchen für 2 Etagen tiefer ... Oder den hellen Gleisbereich ebendort ...
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  •   andip
    (9689 Beiträge)

    09.07.2018 12:07 Uhr
    Die Leitlinien
    sind durchaus geplant bzw. vorhanden.
    Aber eben in der falschen Farbe, so dass Sehbehinderte die nicht erkennen können.
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  •   silberahorn
    (9790 Beiträge)

    09.07.2018 13:09 Uhr
    Im Bahnhof
    und auch bei den Straßenbahnhaltestellen sind sie in helleren Tönen als das Umfeld.
    Das Problem liegt darin, dass man Empfehlungen und deren Sinn nicht wahrnimmt. Nur wenn es zwingende Gestze gibt, stehen die Öhrchen stramm.

    Das passiert auch bei Gutachten die sich nicht an die Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertenrecht halten, die das Bundesministerium für Arbeit und Soziale herausgibt. Das Sozialgericht hätte auch weniger Arbeit, wenn man sich an die Anhaltspunkte halten würde.
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  •   likeka
    (447 Beiträge)

    09.07.2018 19:59 Uhr
    Es geht um den Kontrast.
    Deshalb sind helle/weiße Linien am Bahnhof auf dunklem Grund auch vollkommen okay. Findet sich deutschlandweit.
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  •   schmidmi
    (1610 Beiträge)

    09.07.2018 13:03 Uhr
    Eben
    erkläre mal einem Blinden die Farbe grau...
    Schade, dass solche Probleme immer erst hinterher erkannt werden. Trotz Einsatz fachlich geschulten Personals...????
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