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Karlsruhe Mit 30 durch Karlsruhe: Tempo-Limit soll die Nächte ruhiger machen

Nachts sind die Straßen oft frei, da kann auch die zulässige Geschwindigkeitsbegrenzung ausgenutzt werden. Um die Lärmbelastung für die Anwohner in den Nachtstunden aber zu senken, bringen die Karlsruher Grünen ein flächendeckendes Tempolimit ins Gespräch. Ähnliche Ideen gibt es auch in Freiburg, wo man schon einen Schritt weiter ist. Doch auch hier kämpfen die Verantwortlichen noch mit den rechtlichen Rahmenbedingungen.

Bei geöffnetem Fenster eine tatsächlich ruhige Nachtruhe zu verbringen, ist für die Anwohner an vielbefahrenen Straßen schwierig. Mit einem Vorstoß im Gemeinderat wollen die Grünen in Karlsruhe genau diesen Menschen nun zur Seite stehen. Sie fordern eine Beschränkung auf Tempo 30 in der Nacht.

Mit einer Formel wollen die Stadträte die Rathausspitze überzeugen: "Weniger + langsamer + gleichmäßiger = leiser". Gesenkt werden soll laut den Grünen die Geschwindigkeit zwischen 22 und 6 Uhr auf Straßen mit freiem Verkehrsfluss und geringem Lkw-Anteil. Bei einer Absenkung der Geschwindigkeit von 50 auf 30 Stundenkilometer sinke der Lärmpegel immerhin um knapp drei Dezibel. Mit rund 60 und 80 Dezibel wird die Lautstärke eines vorbeifahrenden Autos angegeben.

20 Stundenkilometer langsamer - halbe Lärmbelastung

"Die Verlängerung der Fahrzeit beträgt auf den in der Regel kurzen innerstädtischen Strecken nur wenige Minuten. Dagegen sinkt die Lärmbelastung, die logarithmisch abnimmt und quasi halbiert wird", sagt Istvan Pinter, Verkehrspolitiker der Grünen. Stadträtin Verena Anlauf nennt in einer Pressemeldung weitere Aspekte neben dem Hauptziel, dem Schutz der Gesundheit: "Eine ähnlich wirksame Lärmreduzierung durch technische Maßnahmen ist extrem teuer. Zudem wird die Schwere der nächtlichen Unfälle durch die Absenkung der Fahrgeschwindigkeit abnehmen."

Eine Halbierung der Lärmbelastung hat auch die in Karlsruhe ansässige Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) in einer Studie festgestellt. So sinke der Lärmpegel zwar nur um wenige Dezibel, doch im menschlichen Ohr werde eine Reduzierung von Tempo 50 auf Tempo 30 als Halbierung des Verkehrslärms wahrgenommen.

Südtangente Lärmmessung Dezibel
(Symbolbild) | Bild: (cob)

Straßen mit wenigen Häusern sollen ausgenommen sein

Konkret schwebt den Grünen vor, das Tempolimit auf sämtlichen Straßen im Stadtgebiet anzuwenden. Das sei die einfachste und wirksamste Lösung, was die Planung, Durchführung und Überwachung angehe. Nur begründete Ausnahmen in einzelnen nicht oder spärlich bewohnten Durchfahrtsstraßen sollen gelten.

Ganz neu ist die Idee nicht: Erst im April wurde ein ähnlicher Vorschlag im Freiburger Gemeinderat vorgebracht. Auf diesen beziehen sich auch die Karlsruher Grünen. Autos, Busse und Bahnen: Alle sollen dort auf den Hauptverkehrsstraßen nur noch 30 Stundenkilometer schnell fahren. Dort, wo auch unter Tags ein Tempolimit besteht, wie beispielsweise vor Schulen oder Krankenhäusern, soll ein ganztägiges Tempo 30 gelten. Die Stadträte im Südbadischen haben diesem Verkehrsmodell im April einstimmig zugestimmt. 

Flächendeckendes Tempo 30 entspricht nicht unbedingt der StVO

Doch es ist ein Beschluss mit vielen Fragezeichen. Die Pläne liegen derzeit beim Regierungspräsidium Freiburg, wo sie auf Machbarkeit geprüft werden. Auch das Verkehrsministerium in Stuttgart soll noch ein Wort bei der Entscheidung mitsprechen. Auch sei zu bedenken, dass sich durch die Tempolimits die Umlaufzeiten von Bussen und Bahnen verlängern - was wiederum zu einem Mehrbedarf an Fahrzeugen und damit höheren Kosten führen könnte, so die Stadt in der Beschlussvorlage.

Mit einer stadtweiten Tempo-30-Zone könnte es zudem mit der Vereinbarkeit mit der Straßenverkehrsordnung (StVO) schwierig werden. Dort heißt es: "Die Zonen-Anordnung darf sich weder auf Straßen des überörtlichen Verkehrs (Bundes-, Landes- und Kreisstraßen) noch auf weitere Vorfahrtstraßen erstrecken. Sie darf nur Straßen ohne Lichtzeichen geregelte Kreuzungen oder Einmündungen, Fahrstreifenbegrenzungen, Leitlinien und benutzungspflichtige Radwege umfassen." Besondere Umstände müssten für eine Tempo-30-Zone zwingend erforderlich sein, um von dieser Regelung abweichen zu können.

30er Zone
(Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Stadt würde schon alle Möglichkeiten ausschöpfen

Auch die Karlsruher Stadtverwaltung zeigt Bedenken, was den Antrag der Grünen-Gemeinderatsfraktion angeht. Ein flächendeckendes Tempolimit sei durch die Landesregierung, aber auch durch die StVO nicht vorgesehen. Möglich seien Tempolimits nur dann, wenn eine Lärmpegelüberschreitung vorliege. Das würde auch schon heute geprüft und, sofern Handlungsmöglichkeiten bestehen, auch umgesetzt.

"Insgesamt wird die Verwaltung alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um entsprechende Geschwindigkeitsreduzierungen im Stadtgebiet umzusetzen", heißt es in der Stellungnahme weiter. "Politische Beschlüsse, so wie das aus dem Freiburger Gemeinderat angeführte Beispiel, sind für die Verwaltung nicht bindend."

Karlsruhe als Teststadt für flächendeckendes Tempo 30?

Ganz abgeschrieben hat die Stadt den Vorschlag aber nicht: So werde das Thema "Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit" auf Bundesebene, auch im Deutschen Städtetag, politisch diskutiert. "Als Mitglied des Städtetags hat sich unter anderem Karlsruhe als Versuchsstadt ins Gespräch gebracht."

Und der Vorschlag der Grünen ist damit nicht ganz vom Tisch: Bei der vergangenen Sitzung des Karlsruher Gemeinderats wurde der Vorschlag in den Fachausschuss verwiesen. Das flächendeckende Tempo-30 soll dort geprüft werden, so wie dort auch andere Varianten im Rahmen des Lärmaktionsplan betrachtet werden.

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  •   mikado46
    (172 Beiträge)

    27.06.2018 16:26 Uhr
    Strassenbahn
    Wie laut sind eigentlich die umweltfreundlichen Strassenbahnen ?
    Wie laut ist es, wenn die Räder der Bahnen "Quitschen"?
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  •   tpo
    (2 Beiträge)

    27.06.2018 14:16 Uhr
    dB richtig Verstehen
    Unabhängig jetzt von den ganzen Posts hier mal ein dB Beispiel:
    Ein Rasenmäher bringt 30dB Lärm. Würde man einen gleichen Rasenmäher daneben dazu anmachen würde es 34dB auf dem Messgerät anzeigen. Dieses Beispiel wurde zur Veranschaulichung einmal vorgestellt damit man sich das Messen von dB besser vorstellen kann (für Zweifler im Inet bestimmt noch zu finden).
    Da ist oft bei der Bevölkerung kein Verständnis wenn Umweltverbände oder Anwohner etc. sich wegen 1-2dB aufregen. Aber das können deutliche unterschiede eben sein! Allein von 80 auf 81 dB sind somit gigantische mehr Belastungen.

    Aber mein Argument ist hier eher noch ein anderes. Wann werden in Karlsruhe mal die Prollautos kontrolliert? Ich wohne auch an einer viel befahrenen Straße, und Nachts hört man diese Kisten mit röhrenden Auspuff schon Kilometerweit. Da bringt 30 herzlich wenig wenn diese … mit Zwischengas und hochgedrehten Motor durchfahren. Da sollte man eher mal ansetzen.
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  •   Prof.Baerlapp
    (674 Beiträge)

    27.06.2018 09:37 Uhr
    Studie der LUBW
    Das klingt aber eher subjektiv. Zwar sinken die gemessenen Dezibelwerte nur wenig, aber es würde von den Menschen als Halbierung des Lärms wahrgenommen.

    Wer hat denn diese Wahrnehmung gemacht? War das eine Umfrage unter den Parteimitgliedern der Grünen...?

    Man könnte wirklich meinen, hier wird versucht, ein jahrzehntealtes politisches Ziel der Grünen mittels einer Vermischung von wissenschaftlichen Fakten und Fakes durchzudrücken.
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  •   schmidmi
    (1863 Beiträge)

    27.06.2018 13:30 Uhr
    Die Wahrnehmung
    funktioniert in dem Fall über die Ohren, wie denn sonst.
    Sie brauchen nicht immer gleich alles in Frage zu stellen, nur weil es Ihnen nicht passt. Lesen bildet!
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  •   stoersender
    (1309 Beiträge)

    27.06.2018 15:09 Uhr
    Die Ohren
    eines schwerhörigen 80-Jährigen oder die eines fitten 20-Jährigen...? Und schon wird's subjektiv... grinsen
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  •   schmidmi
    (1863 Beiträge)

    27.06.2018 15:43 Uhr
    Doppelt so laut
    ist doppelt so laut. Wir reden ja über Faktoren, nicht über absolute Werte. Natürlich wird es den 80 jährigen wohlmöglich weniger stören grinsen
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  •   schmidmi
    (1863 Beiträge)

    27.06.2018 13:22 Uhr
    Es sinken die Dezibelwerte nur wenig
    Werter Herr Prof. ???
    Das liegt nun mal im Wesen dieser Maßeinheit, dass schon kleine Änderungen eine große Wirkung bedeuten.
    Sie sollten sich lieber mal mit den physikalischen Fakten auseinandersetzen und einlesen, als hier immer nur Ihre Abneigung gegen grünes Gedankengut kundzutun.
    Bitte!
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  •   Gaul
    (308 Beiträge)

    27.06.2018 12:36 Uhr
    Dezibel
    Die Dezibelskala ist nicht linear, wie z.B. Meter sondern logarithmisch. Das doppelte von 50 m sind 100 m und das ist tatsächlich die doppelte Entfernung. Bei Dezibel sieht das ganz anders aus. Beispiel:
    Vogelgezwitscher 40 dB
    Stuabsauger 75 dB
    Raketenstart 150 dB
    Die Werte verdoppeln sich (etwa), nicht aber die wahrgenommene Lautstärke. Einen Staubsauger empfinden wir nicht als doppelt so laut wie Vogelgezwitscher, und einen Raketenstart auch nicht als doppelt so laut wie einen Staubsauger. In der Dezibelskala ist der Wert aber jeweils doppelt so hoch.
    Das beudetet, dass eben auch eine Verringerung der dB-Werte um wenige Punkte gleich als sehr viel weniger laut wahrgenommen wird.
    Da wir es gewohnt sind in linearen Skalen zu denken, klingt eine Verringerung von z.B. 80 auf 60 dB erst mal nach gar nicht so viel. Auf dieser Internetseite sind ein paar gute Beispiele, also von 60 auf 80 dB z.B. Fernseher zu Rasenmäher. Schon deutlich.
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  •   schmidmi
    (1863 Beiträge)

    27.06.2018 13:29 Uhr
    Ich glaube
    diese Erklärung wollen die meisten hier nicht wirklich hören. Wie sollte man sonst noch rumstänkern grinsen
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  •   Prof.Baerlapp
    (674 Beiträge)

    27.06.2018 13:10 Uhr
    Trotzdem bleibt
    eine "Wahrnehmung" immer subjektiv. Es kommt darauf an, wer etwas wie wahrnimmt. Daher darf man solche Aussagen hinterfragen.
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