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Karlsruhe Migrationsberatung in Karlsruhe: "Gehe ich zurück in meine Heimat, sterbe ich"

Allein im November 2011 wurden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 4.825 Asylerstanträge gestellt. Die Zahl der Asylbewerber stieg im Vergleich zum Vormonat um 719 Personen (17,5 Prozent) und im Vergleich zum Vorjahr um 226 Personen (4,9 Prozent), diese aktuellen Zahlen gab das Bundesinnenministerium unlängst bekannt. Hinter jedem einzelnen dieser Anträge steht ein individuelles Schicksal. Lebensgeschichten, mit denen auch Petra Mols und ihre Mitarbeiter vom Ökumenischen Migrationszentrum in Karlsruhe immer wieder konfrontiert werden.

2011 feierte das Ökumenische Migrationszentrum in der Karlsruher Stephanienstraße sein 25-jähriges Bestehen, seit 1996 berät die Diplomsozialpädagogin Petra Mols dort zuerst hauptsächlich Spätaussiedler und seit 2006 auch Flüchtlinge und Migranten.

Ihre Aufgabe ist es, Klienten in aufenthalts- und asylrechtlichen Problemen zu unterstützen, Integration zu fördern und die Familienzusammenführung zu begleiten. Zu den Hilfesuchenden gehören Asylbewerber und Flüchtlinge ebenso wie Personen in laufenden Verfahren, geduldete Bewerber und deren Familien.

Einzelschicksale, die bewegen

"2011 hatten wir 80 Kunden, von denen die meisten zwischen 30 und 50 mal hier waren, manche aber auch weit über 100 mal. Daran kann man schon ablesen, dass die Langwierigkeit und Ungewissheit der jeweiligen Verfahren eigentlich oftmals das größte Problem ist", erklärt Petra Mols. "Die steigende Zahl an Asylanträgen aber auch Personalengpässe bei den Bundesbehörden sorgen für immer längere Warte- und Bearbeitungszeiten, in denen unsere Kunden keine Arbeitserlaubnis bekommen und überhaupt in recht unsicheren Verhältnissen leben". Das finanzielle sei dabei kaum ein Problem, von denen, die Arbeiten dürfen sind die meisten in Arbeit, rund 19 Prozent haben keine Arbeitserlaubnis. Der Großteil der Hilfesuchenden käme aus dem Irak und aus afrikanischen Ländern, führt Mols weiter aus.

Es sind die Einzelschicksale, die berühren und zeigen, wie langsam und umständlich die behördlichen Mühlen manchmal mahlen. Drei dieser Lebensgeschichten hat Petra Mols am vergangenen Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie alle wollen, müssen anonym bleiben, um ihre laufenden Verfahren nicht zu gefährden.

Da ist beispielsweise G. aus Eritrea, der seit 2002 als Flüchtling anerkannt in Deutschland ist und seit acht Jahren regelmäßig arbeitet. 2010 heiratete er eine Frau aus Eritrea, die als Flüchtling in Uganda lebt und seither darauf wartet, zu ihm nach Deutschland einreisen zu dürfen. Die beiden kennen sich schon seit ihrer Jugend, beide litten unter den Kriegswirren in ihrem Heimatland. G. war Soldat und musste vor dem politischen Regime fliehen. Obwohl beide alle notwendigen Dokumente vorlegen konnten, scheitert die Einreise der Frau bisher an den langen Bearbeitungszeiten in der Ausländerbehörde.

"Für jedes Dokument muss man mindesten drei, manchmal sogar sechs Monate Bearbeitungsfrist rechnen, wenn dann eine Übersetzung oder ein Stempel fehlt, kann man sich vorstellen, wie langwierig das Ganze wird", erklärt Mols. G. geht seit vielen Jahren einer regelmäßigen Arbeit nach, schickt derzeit monatlich Geld nach Uganda, um seine Frau dort zu unterstützen. Da er aber viele Jahre lang nur befristetet Zeitverträge hatte, wurde diese Arbeit nicht von der Ausländerbehörde anerkannt. Nun hat er sich einen neuen Job gesucht und hofft, dass die Behörde diesen als Lebensunterhaltssicherung anerkennt und seine Frau bald zu ihm einreisen lässt.

Krankheit und Einsamkeit fernab der Heimat

M. kam 1998 aus dem Irak nach Deutschland, er war zuerst geduldet, erhielt dann aufgrund der neuen Bleiberechtsregelung 2009 eine Aufenthaltserlaubnis, da auch er selbst für seinen Lebensunterhalt sorgte. Seit September 2011 wird diese aber nicht mehr verlängert, da er aufgrund einer schweren Erkrankung und mehrerer Herzinfarkte nicht mehr voll arbeiten kann.

M. bringt sein Schicksal auf den Punkt: "Gehe ich zurück in meine Heimat, sterbe ich, weil meine medizinische Versorgung nicht mehr gewährleistet ist. Hier in Karlsruhe bin ich ganz allein, kann ohne nachbarschaftliche Hilfe nicht für mich alleine sorgen." Mit einer erneuten Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis wäre ihm geholfen. So lange sein Status nicht geklärt ist, kann er Karlsruhe nicht verlassen, mit der Aufenthaltserlaubnis aber könnte er zu seinen Verwandten nach Heidelberg ziehen, die M. dann bei sich zu hause pflegen würden.

Positive Beispiele machen Hoffnung

Positiv verlaufen ist die Migration bei dem 17-jährigen A. aus Afghanistan. Er flüchtete mit seiner Familie als 16-Jähriger vor den Taliban, die ihm in seiner Heimat sogar den Schulbesuch verwehrten. Über Russland schickte ihn seine Familie nach Deutschland, wo er seit September 2011 als anerkannter politischer Flüchtling lebt, zuerst in einer Wohngruppe, jetzt betreut durch einen Vormund in einer eigenen Wohnung. A. Hat große Ziele. Er besucht derzeit die Hauptschule, lernt Deutsch.

Sein Ziel ist es, sich über die Realschule weiter zu bilden, um dann irgendwann Informatik zu studieren. Er spielt Fußball in der Jugendmannschaft eines Karlsruher Vereins, hat gute Noten und sagt über sich selbst: "Es geht mir hier so viel besser als in Afghanistan und ich muss und möchte noch so viel lernen". In Karlsruhe hat er einen Onkel und auch durch Schule und Verein ist er bereits bestens integriert. Allerdings vermisst A. seine Eltern, die hat er seit seiner Abreise aus Russland nicht mehr gesehen.

Zusammenarbeit funktioniert

"Unser Geld hat nur für einen gereicht, da hat mein Vater mich nach Deutschland geschickt, seither habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Familie. Ich weiß nicht, ob sie noch in Russland sind oder wieder in Afghanistan, ich weiß nicht mal, ob sie noch am Leben sind", berichtet er traurig. Seinem Land später einmal zu helfen und seine Familie wiederzufinden, dass sind derzeit seine größten Lebensziele.

Petra Mols hebt hervor, dass die Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sehr positiv läuft. Ihre Verfahren werden meist zeitnah abgehandelt, sie kommen nicht in die zentrale Landesaufnahmestelle sondern werden in kleinen Gruppen individuell betreut. "Hier funktioniert die Zusammenarbeit aller Stellen, auch mit dem Jugendamt wirklich gut, hier gibt es echte Erfolge und viele positive Erlebnisse."

Mehr zum ÖMZ

Das Ökumenische Migrationszentrum Karlsruhe (ÖMZ) befindet sich in der Stephanienstraße 16. Es ist unter Telefon 0721 9817316 zu erreichen und bietet donnerstags eine Sprechstunde nach telefonischer Vereinbarung. Träger sind der Caritasverband Karlsruhe und das Diakonische Werk, mit finanzieller Unterstützung aus der Kommune. Das ÖMZ kostet beide kirchlichen Träger pro Jahr 100.000 Euro.

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