Karlsruhe Mahnwache in Karlsruhe: "Es ist pervers, wenn friedlich betende Menschen umgebracht werden!"

Dutzende Menschen sind einen Tag nach dem Attentat von Halle vor der Jüdischen Kultusgemeinde in Karlsruhe zusammengekommen, um der Opfer zu gedenken. Ein Mann hat am Tag zuvor zwei Menschen in der Karlsruher Partnerstadt erschossen und versucht, in eine jüdische Synagoge zu gelangen. Doch an diesem Donnerstag zeigen die Karlsruher Solidarität und die Religionen setzen ein Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus.

Frauen mit Kopftuch, Männer mit Kippa und wieder andere tragen ein Kreuz an ihrer Halskette - die Mahnwache vor der Jüdischen Kultusgemeinde in der Nordstadt bringt die Menschen und die Religionen  am Donnerstagabend zusammen. Sie demonstrieren Schulterschluss, gedenken der Toten und deren Angehörigen des schrecklichen Ereignisses in Halle. 

Klare Haltung gegen solche Anschläge

Oberbürgermeister Frank Mentrup findet schwer Worte, für das, was in Karlsruhes Partnerstadt Halle am gestrigen Mittwoch passiert ist. "Wir wollen die Dinge nicht so hinnehmen und an uns vorbei gehen lassen, das zeigen wir, indem wir heute hier sind", sagt er bei der Mahnwache, hält dabei eine Kerze in der Hand.

Mahnwache Jüdische Gemeinde
Bild: Paul Needham

"Mit Halle geht es mir besonders nah, denn wir sind über Städtepartnerschaft verbunden, es ist eine Stadt, in der wir viele kennen, es gibt eine emotionale Verbundenheit. Wir sind eine städtepartnerschaftliche Familie, die füreinander da ist. Da wird uns klarer, dass das, was in Halle passiert ist, auch hier in Karlsruhe auch hätte passieren können. Was in Halle passiert ist, ist ein Stück Karlsruhe. Wir sind heute Halle!" Und er ergänzt: "Es kann nicht sein, dass es eine Kultur des Antisemitismus und Rassismus gibt, gegen die wir uns nicht klar positionieren."

An seiner Seite stehen nicht nur Vertreter der jüdischen Gemeinde in Karlsruhe, auch die Dekane der christlichen Kirchen sind hier, gedenken der Opfer von Halle. "Es ist immer schrecklich, egal wo auf der Welt ein solcher Terror passiert - und es war ein Schock, ich konnte mir nicht vorstellen, dass wir in Deutschland, mit unserer Geschichte, wieder in so eine Situation kommen", sagt Thomas Schalla, Dekan der Evangelischen Kirche Karlsruhe gegenüber ka-news.de. 

Mahnwache Jüdische Gemeinde
Thomas Schalla, Dekan der Evangelischen Kirche in Karlsruhe. | Bild: Paul Needham

Daher ist es für den Kirchenmann umso wichtiger, Schulter an Schulter zu stehen. "Das ist extrem wichtig! Wir stehen gemeinsam gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Ich denke, dass in so einer Situation jeder gefordert ist, Solidarität zu zeigen bei einer öffentlichen Kundgebung und unserer jüdischen Geschwister und der Opfer zu gedenken!" Man müsse sich gegenseitig beistehen, so Schalla weiter, die Kulturen untereinander pflegen, die alle auf ihre Weise zu unserer Kultur gehören würden. 

"Wir sind eine Familie"

Das sieht auch der Dekan der Katholischen Kirche, Hubert Streckert, so und stimmt seinem Kollegen zu. Auch er ist immer noch fassungslos über die Geschehnisse in Halle. "Ich war in einer Sitzung in Köln, wir haben die dann unterbrochen und einen Moment inne gehalten", sagt er im Gespräch mit ka-news.de im Anschluss an die Mahnwache. "Ich habe dabei eine Nähe zu Halle gespürt und plötzlich kommt zu dieser Partnerschaft eine große Dunkelheit - denn wie es der Oberbürgermeister schon gesagt hat, wir sind eine Familie!"

Mahnwache Jüdische Gemeinde
Hubert Streckert, Dekan der Katholischen Kirche Karlsruhe. | Bild: Paul Needham

Trotz aller Anteilnahme, Hubert Streckert freut sich darüber, dass so viele Menschen aller Glaubensrichtungen heute den Weg zur Mahnwache gefunden haben. "Es ist unser Auftrag, dass wir hier in Karlsruhe alle Religionen zusammenstehen und ein Zeichen setzen, dass Gewalt und Glaube nicht zusammen gehen und auch wenn wir unterschiedliche religiöse Praktiken ausüben, aber letztlich geht es um die Liebe, den Frieden und gegen jegliche Gewalt in dieser Welt einzustehen!" 

Die Angst vor dem Terror

Besonders erschreckend für Streckert ist die Tatsache, dass beispielsweise die jüdische Gemeinde in der Herrenstraße unter Polizeischutz steht während der Gebetstage. "Das ist hochdramatisch!", sagt er gegenüber ka-news.de. Er weiß von einem Vorfall zu berichten, der sich an Weihnachten zugetragen hat. "Der Mesner hat die Polizei gerufen, weil er einen Mann gesehen hat, der sich auffällig verhalten hat. Die Atmosphäre ist also schon gereizt und man kommt schnell in solche Terrorfantasien - leider!"

An der Seite der jüdischen Gemeinde stehen an diesem Donnerstagabend auch Muslime. Einige Frauen nehmen sich nach der Mahnwache in den Arm, sie wirken nachdenklich und erschüttert. "Als gläubiger Mensch hat man eine noch engere Beziehung zu den Menschen, die in Gotteshäusern sind und das ist für mich eine große Perversion, wenn jemand diese Menschen, die friedlich Gott anbeten an ihrem Feiertag, umgebracht werden - ganz gleich, ob es in einer Moschee ist, in einer Kirche oder in einer Synagoge", sagt Rüstü Aslandur, Vorsitzender des Deutschsprachigen Muslimkreis Karlsruhe, im ka-news.de-Interview. 

Mahnwache Jüdische Gemeinde
Bild: Paul Needham

"Es macht mich sehr betroffen, wenn die Menschen friedlich beten und das jemand von Grund auf zerstören möchte", sagt er weiter. Es mache ihn nachdenklich, dass es in Deutschland immer noch Antisemitismus in der Gesellschaft gibt, obwohl "wir schon so lange dagegen ankämpfen", das der "Rechtsextremismus in den letzten Jahren immer weiter zugenommen hat!" 

Mahnwache Jüdische Gemeinde
Bild: Paul Needham

Ein Allheilmittel dagegen gebe es nicht, sagt Aslandur. "Ich glaube, dass es eine Aufgabe über Generationen hinweg ist und das Thema immer wieder angegangen werden muss! Der Hass und die Abneigung - oder das 'der ist anders' - muss fallen gelassen werden und das geht, in dem man gemeinsam Zeit miteinander verbringt, andere Kulturen kennenlernt!" Einheit durch Vielfalt so das Motto von Rüstü Aslandur. 

Überwältigt von der Anteilnahme

Rabbi Mordechai Mendelson von der Chabad-Gemeinde in der Karlsruher Herrenstraße ist glücklich über den Zuspruch bei der Mahnwache. "Ich habe heute Morgen erst gehört, dass es diese Mahnwache gibt - und das freut mich sehr, dass so viele Leute hier sind", sagt der Rabbiner gegenüber ka-news.de . 

Mahnwache Jüdische Gemeinde
Mordechai Mendelson (r.), Rabbi der Chabad-Gemeinde, im Gespräch mit Bürgermeister Albert Käuflein. | Bild: Paul Needham

"Es ist oft so, dass gerade die Christen an unserer Seite stehen, aber das auch muslimische Menschen hier sind, das ist sehr schön. Ich hoffe, dass diese Toleranz, für die Karlsruhe bekannt ist, uns weiterhin begleiten wird - und das nichts mehr passiert, dass es die letzte Veranstaltung dieser Art in Karlsruhe war!" 

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