15  

Karlsruhe Leitlinien ins Nichts? Warum Leitsysteme für Blinde für Sehende oft kurios erscheinen und sie nicht im Grünstreifen enden

Wer in seiner Sehkraft eingeschränkt ist und nur Konturen oder im schlimmsten Fall gar nichts mehr sieht, der braucht Unterstützung auf dem Weg durch die Stadt. Die taktilen und kontrastreichen Linien sind sogar gesetzlich geregelt und bei Neu- und Umbauten der Stadt Karlsruhe werden diese Vorgaben auch umgesetzt. Für den Sehenden enden manche Leitlinien allerdings im Nichts. Das kann doch nicht richtig sein, oder?

Ein großes Problem für blinde und sehbehinderte Menschen ist das Zurechtfinden im öffentlichen Straßenraum. Viele Bänke stehen in der Innenstadt, noch fahren die Bahnen durch die Fußgängerzone und Straßen müssen überquert werden. Dafür gibt es im Fall der seheingeschränkten Menschen Leitlinien, die helfen, den Weg durch die Stadt und über Straßen zu finden. 

Behindertengerechter Bodenbelag in der Innenstadt
Mit dem Blindenstock über die taktile Leitlinie. Die Rillen sind in den Stein gefräst, das erleichtert die Orientierung. | Bild: Anya Barros

So wie an der Ecke Gottesauer Straße und Kapellenstraße. Hier, am Zebrastreifen gegenüber des Autohauses, findet sich nach der Umgestaltung eine taktile Leitlinie auf dem Boden."Wo soll uns dieser weiße Pfad hinführen?", macht ein ka-Reporter die Redaktion auf diese Neuerung aufmerksam.

Blinde werden ins Beet geleitet

Und in der Tat, die Leitline endet: im Beet! Kann nicht sein, da muss es sich doch um ein Versehen handeln, denn wer will schon, dass blinde Menschen einfach im Grünstreifen stehen? 

Leitlinie Blinde
Der neugestaltete Fußgängerüberweg an der Gottesauer Straße. | Bild: Ingo Rothermund

Solche Leitlinien wie an diesem Fußgängerüberweg sind, laut Stadt Karlsruhe, eine sichere Querungsmöglichkeit, ebenso wie Fußgängerampeln mit Blindentastern. "In Absprache mit dem Beirat für Menschen mit Behinderung berücksichtigen wir die Vorgaben der DIN-Normen", so die Stadt Karlsruhe auf ka-news-Nachfrage und erklärt weiter: "Wer mit einem Blindenstock unterwegs ist, orientiert sich an der von der Fahrbahn abgewandten Seite des Gehweges, der sogenannten Inneren Leitlinie." 

Leitlinie Blinde Fußgängerüberweg
Der neugestaltete Fußgängerüberweg an der Gottesauer Straße. | Bild: Ingo Rothermund

So ertastet der Blinde Hauskanten oder wie im Fall an der Gottesauer Straße den Fußgängerüberweg. Heißt, dass der sehbehinderte Fußgänger irgendwann auf seinem Weg durch die Stadt an einer der (taktilen) Leitlinien kommt und dieser folgen kann.

Knick in der Leitlinie darf sein

Das klärt allerdings immer noch nicht, warum die abgeknickte Leitlinie scheinbar ohne Sinn im Nichts endet. Auch dafür weiß die Stadt, genauer das Tiefbauamt, die Gründe: "Idealerweise verlaufen die Leitsysteme im rechten Winkel, aber auch Knicke bis 45 Grad sind kein Problem!"

Leitlinie Blinde
Der neugestaltete Fußgängerüberweg an der Gottesauer Straße. | Bild: Ingo Rothermund

Laut Stadt ist es bei der barrierefreien Gestaltung eines Fußgängerüberweges jedoch wichtiger, dass die Leitlinie nicht im "Nichts" beginnt und endet, sondern an der ertastbaren Inneren Leitlinie. "Die richtige Richtung über die Fahrbahn erhalten Menschen mit Blindenstock durch die direkt hinter dem Bordstein liegenden Platten. Deren Rippenstruktur liegt genau in Querungsrichtung und kann gut ertastet werden", heißt es vonseiten der Stadt Karlsruhe gegenüber ka-news. 

Leitlinie Blinde
Der neugestaltete Fußgängerüberweg an der Gottesauer Straße. | Bild: Ingo Rothermund

Dadurch, dass sich blinde und seheingeschränkte Menschen also an den Inneren Leitlinien orientieren, sieht laut Antwort der Stadt "das Kuriosum nur für normalsichtige Menschen so aus, als würden die Linien im 'Nichts' enden!" 

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (15)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   Svetogor
    (309 Beiträge)

    04.02.2019 14:27 Uhr
    !
    Mein Kommentar zielte eher auf die Rillen im Boden. Die Gefahr des Umknickens ist doch nicht ausgeschlossen - gerade bei blinden Personen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   NeoTiger
    (638 Beiträge)

    04.02.2019 12:00 Uhr
    Vermutlich ist der Gedanke, dass eine Frau mit Stöckelschuhen darauf achten müsste nicht mit dem Absatz in das Loch eines Kanaldeckels oder ähnliches zu geraten. Aber die Absätze sehen eigentlich noch recht breit genug aus, dass das nicht so die Gefahr ist.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Route66
    (1638 Beiträge)

    04.02.2019 16:02 Uhr
    Jo genau
    Stöckelschuhe sind das nicht auf dem Bild. Das nennt man Pumps. Die anderen haben tatsächlich einen Absatz wie ein Stöckchen und mit dem könnte man ganz sicher in den Rillen hängenbleiben. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich eine Frau dieser Gefahr aussetzen will.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   linkesocke
    (74 Beiträge)

    04.02.2019 09:58 Uhr
    Eingeschränkt
    Da muss man schon selbst ziemlich eingeschränkt sein, um nicht von selbst draufzukommen, warum die Linie "am Beet" endet.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   patrickkk
    (1191 Beiträge)

    04.02.2019 07:47 Uhr
    ...
    "Wer mit einem Blindenstock unterwegs ist, orientiert sich an der von der Fahrbahn abgewandten Seite des Gehweges, der sogenannten Inneren Leitlinie."

    Sollten wir in den Bildungsplan aufnehmen. Ich wusste davon nichts, werde ab jetzt aber darauf achten auf der anderen Seite zu gehen wenn mir jemand mit Stock entgegenläuft!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 (2 Seiten)

Schreiben Sie Ihre Meinung
Fett Kursiv Link Zitat Sie dürfen noch Zeichen schreiben
Informiert bleiben: