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Karlsruhe Kompromiss gefunden: Krippenwagen dürfen wieder in die Bahn - mit großen Einschränkungen

Der Aufschrei war groß, als der Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) Mitte März Krippenwagen aus seinen Fahrzeugen aussperrte. Nun, fast drei Monate später, präsentieren die Verantwortlichen einen Kompromiss. So dürfen Krippenwagen wieder mitfahren - aber nur wenn sie beim Transport eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen.

"Wir haben es uns vielleicht zu leicht gemacht", gibt Alexander Pischon, kaufmännischer Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) am Dienstag bei einem Pressetermin ohne Umschweife zu. Gemeint ist das im März ausgesprochene Verbot für Krippenwagen in den Fahrzeugen der Verkehrsbetriebe.

Sicherheitsbedenken waren der Auslöser für diesen Schritt: In den Fahrzeugen im Nahverkehr gebe es keine geeignete Stellflächen, die Kippsicherheit sei nicht gewährleistet und die Laufwege der Fahrgäste würden versperrt werden. "Ich habe nicht damit gerechnet, auf so eine Diskussion zu stoßen", so Pischon auf dem Informationstermin weiter.

Krippenwagen vor einer Bahn
Rund drei Monate lang durften die Krippenwagen nicht im Karlsruher Nahverkehr transportiere werden. Nun wurde ein Kompromiss gefunden. | Bild: Florian Kaute

Nicht alle Bahn-Modelle sind für Krippenwagen geeignet

Man habe diese Kritik aber ernst genommen und sich in den vergangenen Wochen mit Elternvertretern, Kinderbeauftragten und dem Aufsichtsrat getroffen und über mögliche Lösungswege beraten. "Wir sind Tür für Tür und Fahrzeug für Fahrzeug durchgegangen und haben geschaut, was möglich ist" beschreibt VBK-Betriebsleiter Ralf Messerschmidt das Vorgehen.

Strassenbahn NET 2012
Eine Straßenbahn vom Typ NET2012 (Symbolbild). | Bild: VBK

Das Ergebnis: Im Großteil der Fahrzeuge ist nichts möglich - hier können die bis zu 1,75 Meter langen und 80 Zentimeter breiten Krippenwagen für bis zu acht Kinder bis drei Jahren schlicht nicht untergebracht werden. Nur in den Wagen der neusten Generation, die Bahnen des Typs NET2012, bieten eine ausreichend große Fläche zum Abstellen der großen Wagen - und auch nur in bestimmten Bereichen. Kleinere Krippenwagen, bis zu einer Größe von maximal 1,20 Meter, können hingegen in allen Fahrzeugen transportiert werden.

Aufkleber Krippenwagen
Nur an zwei der fünf Türen dürfen Gruppen mit Krippenwagen in eine Bahn des Typs NET2012 einsteigen. Der Aufkleber soll in den nächsten Tagen an allen entsprechenden Fahrzeugen nachgerüstet werden. | Bild: Florian Kaute

Probebetrieb soll sechs Monate andauern

Und genau das ist jetzt in den Mitnahmeregeln für Krippenwagen klar vorgegeben: Nur in den neuen Niederflurbahnen, werktags zwischen 9 und 15 Uhr und nur in den Bereichen hinter den Türen 3 und 4 - sofern der Platz nicht bereits durch einen Krippenwagen oder einem anderen Gefährt belegt ist. Die Türen werden in den nächsten Tagen noch mit Hinweisaufklebern versehen. Erzieher können am Fahrtag telefonisch im Callcenter (0721/6107-5885) erfragen, wo und wann ein NET-Fahrzeug unterwegs ist. Ein halbes Jahr soll dieser Betrieb nun erprobt werden.

Krippenwagen auf Multifunktionsfläche
Rollator, Fahrrad, Rollstuhl - und nun auch Krippenwagen finden auf der Multifuktionsfläche in den NET2012-Bahnen einen Platz. | Bild: Florian Kaute

Die älteren Niederflurbahnen könnten folgen. Doch um hier einen geeigneten Platz zu schaffen, müsste eine Sitzreihe entfernt werden. "Eine solche bauliche Veränderung können wir aber nicht ohne weiteres vornehmen, sie ist genehmigungspflichtig. Die Achslast könnte sich so weit verändern, dass wir unsere Zulassung für das Fahrzeug verlieren", erklärt Messerschmidt. Ohne Eingriff ragen die Krippenwagen jedoch in den Gang hinein und behindern die Laufwege.

Zu wenig NET-Bahnen und damit zu hoher Planungsaufwand?

Bei den Betroffenen ist die Freude über den Kompromiss eher verhalten: Während sich Jonas Nees, Leiter des Kinderbüros der Stadt Karlsruhe, "zufrieden" mit dem Kompromiss zeigt und von einer "kinderfreundlichen Lösung" spricht, hat Sabine Heiber, Elternvertreterin der Kita SieKids Villa Pusteblume noch Bedenken. Zu groß seien die Einschränkungen, zu wenig NET-Bahnen seien im Netz unterwegs und auch nicht auf allen Linien. Auf den Linien 2, 5 und 6 sind sie beispielsweise nur vereinzelt oder gar nicht unterwegs. Die Erzieher können also nicht mehr "einfach so" einen Ausflug machen.

Krippenwagen in einem NET2012
Geparkt zwischen zwei Haltestangen kann der Krippenwagen nicht mehr unkontrolliert durch die Bahn rollen - und ist daher aber auch nur in den NET-Fahrzeugen erlaubt. | Bild: VBK

Für Steffen Brade, der als Fachberater des Caritasverbands für 48 Einrichtungen im Stadtkreis Karlsruhe zuständig ist, ist die Genehmigung ein erster Schritt: "Das Verbot hat uns ziemlich überrascht", sagt er, "und sorgte für ein Umdenken in den Krippen." Immerhin mindestens einmal im Monat, manchmal auch häufiger, würden die Gruppen einen Ausflug machen. Dabei sind sie auf den Nahverkehr angewiesen, da es keine geeignete Alternative gibt, um weitere Strecken im Stadtgebiet zurückzulegen.

Dankbar sind alle Beteiligten, dass Karlsruhe nicht dem Vorbild von München, Ulm, Freiburg, Nürnberg oder auch Fürth gefolgt ist. Dort seien die Krippenwagen nach Angaben der VBK in den Fahrzeugen verboten. Der Rhein-Neckar-Verkehr habe bei Schulungen demonstriert, was bei Vollbremsungen im schlimmsten Fall passieren kann und zum Ausdruck gebracht, dass eine Mitnahme nur geduldet wird. Als Beispiel für eine ähnliche Behandlung der Krippenwagen benennen die VBK nur Leipzig.

Mehr zum Thema:

Krippenwagen vom KVV ausgeschlossen: Wie ein Kinderwagen Karlsruhe bewegt

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Kommentare (43)
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  •   MACHTEL
    (63 Beiträge)

    06.06.2018 23:59 Uhr
    Bollerwagen
    Bollerwagen oder Kinderwagen alles das gleiche .Alte Menschen muessen denen Platz machen.werden zurueckgedraengt.heute wieder mit meiner 87 jaehrigen blinden Mutter erlebt in dieser egoistischen kinderorientierten Gesellschaft.Reservierte Parkplaetze fuer Autos mit Kinderwagen.Mein Kind ist Koenig orientierte Eltern die Ihre Kinder zu Egoisten erziehen.
    Ich hab die Schnauze voll von Kita Politik die unsere Eltern und Grosseltern so respektlos an den Rand treibt.
    Macht weiter so und zuechtet frustrations intolerante Kinder die alle mal beim Psychiater landen werden
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  •   LJ_Skinny
    (205 Beiträge)

    07.06.2018 16:13 Uhr
    Ohje
    Was haben sie denn genommen? Bei soviel negativer Energie, sollten sich Kinder zulegen...
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  •   bergdoerfler
    (1624 Beiträge)

    06.06.2018 21:01 Uhr
    Demnächst werden dann noch Kleinbusse
    die Krippenkarren ersetzen. Das Anspruchsdenken geht weiter. Ich glaube kaum dass in Afghanistan, Syrien, Iran, Irak, Rumänien Krippenwagen zu finden sind.
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  •   Leergutmafia
    (429 Beiträge)

    07.06.2018 11:17 Uhr
    Zuerst kommen noch
    autonom fahrende Bollerwagen. Nicht, daß sich die Erzieherinnen an den Dingern noch zu Tode ziehen.
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  •   ALFPFIN
    (6513 Beiträge)

    07.06.2018 11:39 Uhr
    Ja und die
    früh digital geschulten Kleinen brauchen dann keine Erzieher*innen mehr, die programmieren ihre Karren dann schon selbst. Ausflüge ins Naturkundemuseum oder so! Da können die Erzieher*innen die lieben Kleinen aber lange dort suchen. grinsen

    Ich würde den Kindern einen Kindergarten aus meiner Zeit. Im Sandkasten ordentlich eingesuhlt, sich gegenseitig auch einmal das Spielzeug nachgeworfen, ein bisschen rumgeplärrt, in die Badewanne gesteckt, ordentlich geplanscht, Kindergärtnerinnen erschöpft, aber doch zufrieden, dass wir müde wurden und geschlafen haben.
    Und, was ist aus uns geworden, soweit ich es heute noch überblicken kann, was Ordentliches. Unserer Entwicklung hat diese Kindheit, in der wir auch noch auf eigenen Füßen herumgerannt sind, nicht geschadet.

    Der Luxus war, dass uns Opa im Sommer mit dem Leiterwagen den Gartenweg entlang gezogen hat.
    sozusagen ein Krippenwagen light und da ging es nicht ins Museum, sondern zum Stallhasen füttern. grinsen
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  •   Mili
    (1192 Beiträge)

    06.06.2018 11:44 Uhr
    Lasst es doch gut sein...
    ... betrunkene 15 jährige Mädchen dürfen doch auch Bahnfahren und mal ausrasten. Mal was Anderes. Steht eigentlich irgendwo beschrieben, was alles in so einem Krippenwagen transportiert werden darf ? Da war doch einer, der seine Strohballen auf'n Acker bringen wollte. Das wäre doch mal ne Idee.
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  •   maehdrescher
    (1077 Beiträge)

    06.06.2018 08:50 Uhr
    Man hört schon heraus
    dass den Bollerwagen-Erzieherinnen und -Eltern der Kompromiss nicht genug ist. Schon steht die Forderung im Raum, aus älteren Bahnen Sitze auszubauen.

    D.h.: Damit vielleicht ein paar Mal in der Woche so ein Bollerwagen mitfahren kann, fehlen in den Hauptverkehrszeiten die Sitzplätze für andere (voll zahlende!) Fahrgäste.

    Das wäre eine absolute Frechheit des KVV gegenüber der großen Mehrheit der Fahrgäste, nur um die Interessen einer kleinen lautstarken und fordernd auftretenden Gruppe zu bedienen. So weit darf es nicht kommen. Man darf sich nicht immer mit dem Argument "Kinderfreundlichkeit" erpressen lassen, irgendwann ist auch mal gut. Immer nur "ich will, ich habe Anspruch auf..." geht nicht... es gibt noch andere Menschen auf der Welt. Akzeptiert den Kompromiss, man ist euch schon sehr weit entgegen gekommen.
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  •   Bollerwagen-ErzieherIn
    (1 Beiträge)

    06.06.2018 14:18 Uhr
    Was hören sie?
    Interessanter Kommentar. Wo genau haben sie denn von der Forderung gehört, Sitze aus den älteren Bahnen auszubauen? Konkret? Oder ist diese Interpretation eher Ihrer Phantasie entsprungen?
    Zu Ihrem Argument der Beanspruchung der Plätze von vollzahlenden Fahrgästen in der Hauptverkehrszeit: Ist doch klar definiert, Krippenwagen dürfen nur von 9-15h transportiert werden. Warum? Da dies nicht die Hauptverkehrszeit ist. Falls Sie sich jetzt doch permanent innerhalb diese Zeitfensters in der Bahn befinden, lässt dies für mich folgende Schlussfolgerungen zu: a) Sie sind nicht berufstätiger Transferleistungsempfänger - also mitnichten Vollzahler, b) Sie sind Rentner - ups, schon wieder kein Vollzahler, c) Sie sind Privatier und lassen gerne mal Ihren Continental GT stehen um per Bahn Erledigungen in der Stadt zu machen. C) schließe ich jetzt aber mal aus..
    Im Ernst: Weniger Wutbürgertum und mehr Toleranz gegenüber Kindern wäre bei Ihnen angebracht, wer soll denn morgen Ihre Rente zahlen?
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  •   andip
    (9538 Beiträge)

    06.06.2018 08:40 Uhr
    Nun ja
    Diese ganzen Sicherheitsbedenken von wegen Kippsicherheit und so, hielt ich für vorgeschoben.
    Das die bei den meisten, wenn nicht allen Bahnen, jede Menge Platz wegnehmen, der dann anderen, die mit Rollator oder eigenen Kinderwagen unterwegs sind, fehlen oder aber schlichtweg den Durchgang für alle versperren, ist auch so eine Sache.
    Ausserdem frage ich mich, was man für Ausflüge mit Kindern unter drei Jahren überhaupt machen muss. Denen reicht es, wenn man mit ihnen auf den nächsten Spielplatz geht und dazu muss man nicht mit der Bahn hinfahren, dahin können die Erzieherinnen diese Karren selber hinziehen.
    Ausflüge in den Zoo oder sonst wohin könnten ja auch die Eltern mit ihren Kindern machen.
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  •   maehdrescher
    (1077 Beiträge)

    06.06.2018 08:55 Uhr
    In der letzten Diskussion hier
    haben die Bollerwagen-Eltern darauf bestanden, dass ihre kleinen Einsteins u.a. ins Naturkundemuseum gekarrt werden müssen. Die sind überzeugt, dass ihre Kleinen Schaden nehmen, wenn man ihnen diese Bildungsausflüge vorenthält.

    Wenn ich mir aber anschaue, wie das Niveau in den Schulen und beim Abitur im Lauf der Jahre gesunken ist, dann frage ich mich schon, wie wir damals ganz ohne Krippenwagen und Bildungsausflug als Einjährige ins Naturkundemuseum groß geworden sind und am ende trotzdem mehr rausgekommen ist als heute.
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