14  

Karlsruhe Kindesmissbrauch in Karlsruhe: "90 Prozent der Täter sind aus dem Umfeld"

Ein schockierender Fall wird ab Dienstagmorgen vor dem Landgericht Karlsruhe verhandelt: Einem 53-Jährigen und seiner Lebensgefährtin werden schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes vorgeworfen. Handelt es sich hierbei um einen Einzelfall? Wie häufig kommt es in Karlsruhe zu sexueller Gewalt gegenüber Kindern? ka-news hat mit zwei Expertinnen gesprochen.

Es ist ein ungeheuerlicher Vorwurf: Vor dem Landgericht Karlsruhe müssen ein 53-Jähriger und seine Lebensgefährtin wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes und Beihilfe hierzu verantworten.

Dem Paar wird vorgeworfen, zwischen 2011 und 2013 ein zwei- bis vierjähriges Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Dessen mutmaßlichen Peiniger waren keine Unbekannten: So sei die Mitangeklagte nach Angaben der Staatsanwaltschaft die leibliche Tante des Mädchens - dennoch soll sie das Kind nicht vor weiteren Übergriffen geschützt haben. 

Sieben Fälle von sexuellem Missbrauch im Landkreis Karlsruhe

Es sind Prozesse wie diese, die die Frage aufwerfen: Wie häufig kommt es in der Fächerstadt zu sexueller Gewalt gegenüber Kindern? "Im Landkreis Karlsruhe gab es im vergangen Jahr 289 Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls", erklärt eine Sprecherin des Jugendamtes Karlsruhe auf Anfrage von ka-news.

Das Fazit: In insgesamt 97 Fällen hätte man eine Gefährdung des Kindeswohls - in 43 Fällen akut, in 54 latent - feststellen können. In sieben Fällen ging es dabei um sexuelle Gewalt. "Das zeigt, dass der Anteil an Fällen des sexuellen Missbrauchs, die so bei uns bekannt werden, einen geringen Anteil ausmacht", folgert die Jugendamtssprecherin. Viel häufiger komme es zu körperlicher oder psychischer Gewalt.

90 Prozent der Täter kommen aus dem näheren Umfeld

Und dennoch: "Es muss jedoch von einer nicht zu unterschätzenden Dunkelziffer ausgegangen werden", so die Sprecherin weiter. Wie viel Prozent der tatsächlichen Missbrauchsfälle überhaupt gemeldet werden, sei nur schwer einzuschätzen. Der Grund: "Kinder verschweigen solche Übergriffe oft aus Scham, weil sie sich schuldig fühlen, der Täter sie bedroht oder sie denken, dass ihnen sowieso keiner glauben wird", erklärt die Sprecherin. Das ist auch nicht verwunderlich, kommen die Täter nach Einschätzung des Jugendamtes doch aus dem näheren sozialen Umfeld.

Die bestätigt man auch bei der Beratungsstelle "Wildwasser& Frauennotruf": "Studien belegen, dass etwa 90 bis 95 Prozent der Täter im Umfeld des Kindes zu suchen sind", meint eine Mitarbeiterin im Gespräch mit ka-news, "und auch uns wird eher selten von Übergriffen von Fremden berichtet." Oftmals würden die Täter im Vorfeld eine Bindung zu ihrem Opfer herstellen, Zutraulichkeit mit Geschenken oder ähnlichem herstellen. "Wenn es zu einem Übergriff kommt, werden die Kinder dann häufig zur Verschwiegenheit ermahnt", erzählt die Wildwasser-Mitarbeitern. Gleichzeitig sei eine Einschätzung meist schwierig, da das Kind sich nicht eindeutig äußern könne. "Wir beobachten zudem den Trend, dass sich Opfer oder Eltern immer häufiger gegen eine Anzeige entscheiden", schildert sie, "viele Opfer haben das Bedürfnis, dass die Belästigung aufhört, wollen aber aus den unterschiedlichsten Gründen keine Bestrafung des Täters."  

Die Folgen eines sexuellen Missbrauchs können für die Opfer fatal sein: Die Liste umfasst nach Angaben des Jugendamtes unter anderem Depressionen, Bindungsstörungen, Drogenmissbrauch, selbstzerstörerisches Verhalten, Angstzustände, soziale Isolation, Schlaf- und Essstörungen, Haut- und Magenerkrankungen aber auch Prostitution. Der Grat der Ausprägung sei dabei von Fall zu Fall unterschiedlich. 

Hinweiszeichen können auf Missbrauch hindeuten

Gibt es Anzeichen, die auf sexuellen Missbrauch hindeuten? "Mögliche Hinweiszeichen sind natürlich offensichtliche Verletzungen im Genitalbereich, die von einem Kinderarzt beurteilt werden können", erklärt die Sprecherin des Jugendamtes, "häufig sind es aber eher unspezifische Verhaltensauffälligkeiten." Mögliche Alarmzeichen seien: 

  • Auffallende Ängstlichkeit
  • Rückzug in sich selbst
  • Auffällige, plötzliche Verhaltensänderungen
  • Aggressives oder unterwürfiges Verhalten
  • Ess- und Schlafstörungen
  • Offensichtliches Meiden, mit einer bestimmten Person allein zu sein
  • Sexualbetontes Verhalten wie etwa altersunangemessenes sexuelles Spielen
  • Körperliche Auffälligkeiten, zum Beispiel Verletzungen
  • Häufiges Kranksein

Aber Vorsicht: "All diese Symptome können auf einen Missbrauch hindeuten, müssen es aber nicht notwendigerweise", ermahnt die Expertin. So sieht das auch die Wildwasser-Mitarbeiterin: "Auffälliges Verhalten muss nicht zwangsläufig mit sexueller Gewalt einhergehen", betont diese, "einen festen Katalog mit Symptomen, die zweifelsfrei auf Missbrauch hindeuten, gibt es nicht - jeder muss sein Kind hier sehr genau beobachten." So gebe es durchaus auch Fälle, in denen sich das Kind auch gar nichts anmerken lasse. 

Wenn man dennoch einen Verdacht hegt, kann man sich Karlsruhe an die Beratungsstelle Wildwasser, andere Beratungsstellen, das Jugendamt oder die Polizei wenden, so das Jugendamt. Bei einem begründeten Verdacht folgen dann Gespräche mit dem Kind, dessen näheren Umfeld, Ärzten und ein Hausbesuch des Jugendamtes. Dieses greift dann unter Umständen ein: "Bei Bedarf wird das Kind zu seinem Schutz von uns in Obhut genommen und das Familiengericht eingeschaltet", schildert die Jugendamtssprecherin. 

Mehr zum Thema bei ka-news:

U18-Prostitution in Karlsruhe: "Tausche Sex gegen Bleibe"

Vermisste 15-Jährige aus Schleswig-Holstein nahe Rastatt gefunden

Beratungsstelle "AllerleiRauh" der Stadt Karlsruhe (Link führt auf externe Seite)

Beratungsstelle "Wildwasser" (Link führt auf externe Seite)

Seite des Sozialen Dienstes der Stadt Karlsruhe (Link führt auf externe Seite)

Straßenstrich in Karlsruhe: Diakonie hilft Prostituierten aus dem Sex-Gewerbe

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (14)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   MamaSchlumpf
    (1 Beiträge)

    16.10.2014 12:00 Uhr
    Prävention!!
    Natürlich sollte man die Täter angemessen dafür bestrafen, denn was sie den Kindern angetan haben kann man nie wieder gut machen.
    Aber noch wichtiger ist Prävention. Man sollte so gut es geht seine Kinder versuchen vor solchen Leuten zu schützen. Nicht in dem man sie rund um die Uhr "bewacht", sondern mit ihnen übt "Nein." zu sagen und sich zu wehren. Was haltet ihr von Präventionsberatung? An unserer Grundschule haben die Eltern einen Präventionskurs von Sicher-Stark-Team organisiert. Da wurde den Kindern alles mögliche beigebracht und auch wir Eltern wurden geschult. Echt super! Jetzt mache ich mir etwas weniger Sorgen um meine Kleinen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Sandhas
    (1286 Beiträge)

    14.10.2014 23:19 Uhr
    Um es zynsich nach Gutmenschen-Art zu sagen
    logisch sind alles Einzelfaelle, auf jeden Fall "einzelner" als andere Gewalttaten.
    Dennoch ist meine Meinung dazu, Eier ab, dann hoert das auf.
    Dabei ist es mir, im Gegensatz zum Geier, egal ob die saufen oder nicht!!!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   till
    (930 Beiträge)

    14.10.2014 17:09 Uhr
    Kindesmisshandlung, (Schlagende Eltern usw)
    die immer wieder verniedlicht wird bitte nicht vergessen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (2354 Beiträge)

    14.10.2014 17:27 Uhr
    Alkohol und häusliche Gewalt
    Dokumentation des Potsdamer Symposiums
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (2354 Beiträge)

    14.10.2014 17:28 Uhr
    Alkoholproblem
    In fast der Hälfte aller Fälle, in denen Frauen Opfer häuslicher Gewalt werden, hat der Partner ein Alkoholproblem, so eine neue Studie des Bundesamtes für Gesundheit (BAG).

    Diese Beobachtungen betreffen alle sozialen Schichten und Altersklassen. In zwei von drei Fällen der Gewalt an Frauen leben auch Kinder im Haushalt.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (14337 Beiträge)

    14.10.2014 23:38 Uhr
    Du wirst doch nicht sagen wollen,
    dass Männer mit Migrationshintergrund Alkoholiker sind? Oder hast die in Deiner Studie vergessen mitzurechnen?

    Ist zwar schon älter, wird sich vermutlich aber nicht verbessert haben:
    Gewalt gegen Migrantinnen
    40 Prozent der in der in 2004 veröffentlichten Studie "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland" befragten Frauen gaben an, seit dem 16. Lebensjahr mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt geworden zu sein. Eine Zusatzbefragung gibt Hinweise darauf, dass die Quote von Gewalterfahrungen bei Migrantinnen noch höher und die erlittene Gewalt auch öfter mit Verletzungen verbunden ist als bei deutschen Frauen. Besonders häufig erleben Flüchtlingsfrauen Gewalt. Die Ergebnisse der Zusatzbefragung sind aufgrund der kleinen Stichproben nicht repräsentativ, spiegeln aber dennoch Tendenzen der Gewaltbetroffenheit wider.


    Klick hier
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Sandhas
    (1286 Beiträge)

    14.10.2014 23:20 Uhr
    Im Klartext,
    wenn ich mir Einen ansaufe, darf ich dir ungestraft in die Fresse hauen? Oder wie muss man deine Entschuldigung verstehen?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Smartraver
    (7575 Beiträge)

    14.10.2014 20:20 Uhr
    Und bei der anderen Hälfte?
    In über der Hälfte aller anderen Fälle, in denen Männer Opfer häuslicher Gewalt werden, hat die Partnerin ein Alkoholproblem!?

    Quelle: Logisch oder?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (495 Beiträge)

    14.10.2014 09:43 Uhr
    Kleine Kinder Seelen geschändet
    Das ist nie wieder gut zu machen was den Kindern hier angetan wird. Ich bin innerlich so Wütend auf diese Menschen. Was ist nur los mit diesen Menschen ? Für mich gibt es nur eine möglichkeit. Wegsperren für IMMER! Sie haben das Leben des Kinder für IMMER Zerstört. Das wäre angemessen. Alles andere wäre Hohn!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Smartraver
    (7575 Beiträge)

    14.10.2014 06:33 Uhr
    Unfassbar schlimm so etwas.
    Wer sich sexuell an einem Kind vergreift muss weggesperrt werden. Für lange, lange Zeit. Da gibt es keinerlei Verständnis dafür.

    Aber die 90-95% beweisen eigentlich, dass, wie oft geglaubt, wildfremde Kinderschänder nicht an jeder Ecke lauern und damit das Mamataxi nichts bringt. Eher wird das Kind mit dem Mamataxi direkt zum Täter gefahren.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 (2 Seiten)

Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.