Karlsruhe "Ich war kurz davor, mir das Leben zu nehmen": Chiara war jahrelang Opfer von Cybermobbing - bis sie auf Peter Sommerhalter traf

Chiara wurde online beleidigt, bloßgestellt und sogar verprügelt. Sie wurde Opfer von Cybermobbing - so heftig, dass sie sich sogar das Leben nehmen wollte. Erst nach Jahren traute sie sich, beim Karlsruher Verein Bündnis gegen Cybermobbing Hilfe zu suchen.

Es war nach den Sommerferien 2010, Chiara wechselte gerade auf die Realschule, da fing es an. "Meine ältere Schwester hatte früher freizügige Bilder verschickt, dafür wurde sie schon übel fertig gemacht. Als ich dann mit zehn Jahren auf die neue Schule kam, bekam ich die Drohbriefe und wurde zum Ziel der Mobber", erzählt die heute 19-Jährige gegenüber ka-news. Als das passierte und die Mitschüler anfingen, sie zu drangsalieren, da war sie gerade mal zehn Jahre alt. 

Cybermobbing Chiara
Früher war Chiara das Ziel von Mobbern, heute hilft sie, andere Schüler über das Thema aufzuklären. | Bild: privat

Zuerst waren es Briefe unter ihrer Schulbank, später suchten die Mobber den Schutz des Internets. "Ich bekam viele Nachrichten im Netz, ich wäre eine 'Drama Queen' und selbst daran Schuld und ich solle mich nicht so anstellen", beschreibt sie die Mobbing-Attacken. Fünf Jahre lang wurde Chiara von den Tätern verbal und körperlich angegangen. "Das war nicht nur ein Schulhofstreit!"

Erst nach Jahren konnte sie Hilfe suchen

An einem Tag lauerten sie ihr auf, verprügelten Chiara. "Ich kam mit blauen Flecken und einer blutigen Nase heim. Meiner Mutter habe ich gesagt, ich sei gegen einen Laternenmasten gelaufen!" Es war ihr unangenehm, mit der Mutter über das Erlebte zu sprechen, denn auch sie hat ihre Tochter anfangs nicht ernst genommen. "Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass es ernst ist!"

Cybermobbing Chiara
Bild: privat

Zwei Jahre nach Beginn der Mobbing-Attacken lernt Chiara bei einer Veranstaltung an ihrer Schule Peter Sommerhalter kennen. Er ist der Leiter für Prävention beim Bündnis gegen Cybermobbing. "Er hat mich dann beraten, ich habe Gespräche mit ihm geführt und er hat eingeschätzt, wie schwer mein Fall wiegt", erklärt die angehende Einzelhandelskauffrau. "Von 'harmlos' bis "dramatisch' geht die Skala - und mein Fall war dramatisch und er hat sich sofort eingeschaltet!"

Den Tätern ist das Leid der Opfer egal

Gemeinsam sind Peter Sommerhalter und Chiara durch die Klassen gegangen, haben die Schüler zur Rede gestellt. "Es ging keiner darauf ein, es ist alles an ihnen abgeperlt", sagt sie wehmütig. "Egal was wir gemacht haben, am nächsten Tag haben sie da weitergemacht, wo sie aufgehört haben!" 

Wer im Internet gemobbt wird, der wird entweder beleidigt, bloßgestellt, belästigt oder bedroht - im Schutz des World Wide Web oder per Smartphone. So kann der Täter anonym bleiben, das Opfer weiß nicht, woher die Angriffe kommen. Um das Thema in der Öffentlichkeit präsenter zu machen und aufzuzeigen, mit welchen Folgen die Opfer leben müssen, gibt es seit 2011 das Bündnis gegen Cybermobbing in Karlsruhe. 

Cybermobbing Pter Sommerhalter
Peter Sommerhalter ist Leiter der Prävention und Medienberatung beim Bündnis gegen Cybermobbing. | Bild: privat

"Das ist unsere Hauptaufgabe: Prävention, Aufklärung und die Menschen zu sensibilisieren. Wir gehen oft an Schulen und erzählen Dinge, die uns in der täglichen Arbeit begegnen, wir berichten über besonders heftige Fälle, die nicht immer gut ausgegangen sind", erklärt Peter Sommerhalter gegenüber ka-news. So soll Cybermobbing früher erkannt werden - damit auch früher eingegriffen und die Opfer geschützt werden können. 

Statistik zeigt: Jeder fünfte Jugendliche hat bereits gemobbt

Sommerhalter engagiert sich seit dem Gründungsjahr für das Bündnis gegen Cybermobbing und ist dort inzwischen fest angestellt: Seit 2011 unterstützt er Menschen, die wie Chiara mit sozialen Attacken zu kämpfen haben, berät Schulen, Lehrer und Eltern, Mobbing zu erkennen und vorzubeugen.

Cybermobbing ist belegt: Eine überregionale Studie zeigt, dass die Zahlen erschreckend sind: Etwa acht Prozent der 12- bis 19-Jährigen waren bereits selbst Opfer, von jedem fünften Jugendlichen wurden laut Bundesministerium für Familie schon einmal beleidigende Sachen per Handy verbreitet. 34 Prozent der Befragten gaben an, jemanden zu kennen, der Opfer von Cybermobbing wurde.

 

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"Wichtig ist, dass wir hinschauen", so Peter Sommerhalter, "damit ist nicht das Spionieren der Eltern gemeint". Sommerhalter erzählt im Gespräch mit ka-news, wie man erkennt, ob das eigene Kind entweder gemobbt wird oder gar der Mobber ist. "Reden Sie mit ihrem Nachwuchs, Sie werden die Veränderungen erkennen - wenn Sie denn Zeit haben und auch reden wollen!"

Online-Mobbing wird schlimmer empfunden als "Offline"

Dabei fängt es laut Sommerhalter schon bei der Erziehung an, denn viele lassen ihre Kinder ohne Einführung oder Anleitung ins Internet. "Die Masse der Kinder nutzt sehr unvorbereitet das Netz", sagt der Experte für Prävention. Das ist gefährlich, denn: Cybermobbing wird oftmals als schlimmer als persönliche Attacken im realen Leben, im "Offline-Modus" empfunden.

Oftmals dient der Online-Raum als Rückzugsort, wo gechattet oder gespielt wird. Wird das Opfer auch hier angegangen, fehlt jegliche Ausweichmöglichkeit: "Dann haben die Betroffenen keinen Schutzraum mehr und sind den Tätern ausgeliefert!" Sommerhalter macht auf das Thema Cybermobbing aktiv seit mehreren Jahren auch überregional aufmerksam.

 

Wenn das eigene Kind dann doch das Ziel geworden ist - Peter Sommerhalter spricht ungern von Opfern - dann sollen Eltern oder Lehrern dem Kind Mut machen. "Eltern sollten ihre Kinder auch ernst nehmen und dann das Verhalten der Täter öffentlich machen. Es kostet Mut, aber es lohnt sich!" Bei Chiara hat es lange gedauert, fünf Jahre, bis sie sich ihrer Mutter anvertrauen konnte. 

Chiara macht Mut

Erst Dank Peter Sommerhalter vom Bündnis gegen Cybermobbing hat Chiara die Kraft aufgebracht. "Ich habe zuerst eine Therapie gemacht, weil ich erst mit mir selbst klarkommen musste", sagt die heute 19-Jährige. "Mir war es peinlich mit ihr darüber zu sprechen, aber sie hat echt durchgegriffen, ist mit mir zu Schule und hat alle zur Rede gestellt, Schüler und Lehrer, denn die hatten mich auch nicht ernst genommen", erzählt die junge Frau gegenüber ka-news. 

Cybermobbing Chiara
Bild: privat

Dass sich erst vor wenigen Tagen eine Elfjährige in Berlin das Leben genommen hat, weil sie in der Schule gemobbt wurde, ist für sie besonders tragisch. Auch Chiara stand selbst an diesem Punkt. "Ich war auch kurz davor, ich weiß wie es ist, wenn es einem so dreckig geht", erzählt sie. Sie wechselte daraufhin die Schule, die Attacken hörten auf. 

"Je früher aufgeklärt wird, desto besser"

Für Peter Sommerhalter ist vor allem erschreckend, wie früh Mobbing schon beginnt: Im Alter von drei Jahren zeigen sich erste Verhaltensmuster, bilden sich Gruppen, starten soziale Ausschlussverfahren. Daher steht Sommerhalter auch bei sehr jungen Menschen als Gesprächspartner zur Verfügung: "Wir sind schon in der Grundschule aktiv. Denn je früher die Prävention greift, desto früher und besser werden die Menschen aktiv gegen Mobbing vorgehen."

Laut Sommerhalter kann jeder zum Opfer werden: "Wir können das leider nicht verhindern aber im Prinzip ist jeder ein mögliches Ziel. Nur wie wir damit umgehen verändert sich mit zunehmendem Alter, dann perlt vieles an uns einfach ab, aber auch das muss man lernen!" 

Chiara hilft heute anderen, sich gegen Mobbing zu wehren

Warum Chiara zum Opfer wurde, kann sie sich bis heute nicht erklären. "Ich habe oft gefragt, was ich getan habe", sagt die 19-Jährige. Auf eine Entschuldigung der Täter wartet sie bis heute, aber die Erlebnisse verfolgen sie glücklicherweise kaum noch.

"Nur wenn ich darüber rede oder ein Interview gebe, denke ich darüber nach. Trotzdem bekomme ich manchmal Nachrichten, warum ich das Thema nicht ruhen lassen kann, aber da stehe ich drüber", so die Auszubildende weiter. "Und ich bin froh darüber, dass ich jetzt anderen helfen und zeigen kann, wie verbreitet das Thema Cybermobbing eigentlich ist!" 

ka-news-Hintergrund

Das "Bündnis gegen Cybermobbing" wurde im Juli 2011 als gemeinnütziger Verein (e.V.) gegründet. Zu den Zielen heißt es auf der entsprechenden Homepage: Das Bündnis vereint Menschen, die persönlich von der Thematik betroffen sind, sei es beruflich oder privat. Das Ziel ist es, gegen Cybermobbing und Gewalt im Netz anzugehen und die Gesellschaft darüber aufzuklären. Cybermobbing ist ein Problem, das weitreichende Folgen hat, aber immer noch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt.

Das Bündnis ist ein Netzwerk aus engagierten Eltern, Pädagogen, Juristen, Medizinern, Forschern und anderen. Unterstützt wird es von Prominenten aus Politik, Sport und Medien aus dem In- und Ausland. Aber auch gesellschaftliche Gruppen und Unternehmen sind Unterstützer und Sponsoren in den letzten Jahren geworden. Ohne diese Hilfe könnte die ehrenamtliche Arbeit nicht geleistet werden.
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