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Karlsruhe/Pforzheim Harry Wörz bekommt 41.900 Euro Haftentschädigung

Jahrelang saß er zu Unrecht in Haft, weil er angeblich seine Frau töten wollte. Jetzt bekommt Harry Wörz eine erste Entschädigung. Ermittelt wird dennoch weiter - jetzt gegen einen Polizisten.

Nach seinem endgültigen Freispruch hat das Justizopfer Harry Wörz eine Haftentschädigung erhalten. Der gelernte Installateur saß viereinhalb Jahre unschuldig in Haft, weil er angeblich seine Frau fast erwürgt haben sollte.

Oberstaatsanwalt Jürgen Gremmelmaier von der Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe bestätigte am Mittwoch einen Bericht der „Pforzheimer Zeitung“, wonach Wörz Ende vergangenen Jahres im Haftentschädigungsverfahren einen Vorschuss in Höhe von insgesamt 41 900 Euro erhalten habe. Für seine 1676 Tage im Gefängnis waren dies 25 Euro pro Hafttag.

Wörz macht aber noch materielle Schäden durch die Haft geltend, über die noch entschieden werden muss. Der Fall Harry Wörz war eines der spektakulärsten Justizdramen. Wer der Täter war, ist noch immer unklar. Mehr als 13 Jahre lang dauerte das Justizdrama, bis der 45-Jährige aus Birkenfeld bei Pforzheim Ende 2010 endgültig und rechtskräftig vom Bundesgerichtshof freigesprochen wurde.

Die BGH-Richter hatten damals auch heftige Kritik an den Ermittlungen der Polizei geübt: Denn der damalige Liebhaber der Frau, ein Pforzheimer Polizist, wurde zu spät in Betracht gezogen. Der Mann, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt, schweigt jedoch. Die Polizei in Pforzheim bestätigte Informationen der „Pforzheimer Zeitung“, wonach der seit Januar 2010 vom Dienst suspendiert Beamte freigestellt worden ist, aber weiter sein Gehalt bezieht. "Letztlich gilt die Unschuldsvermutung", begründete dies ein Sprecher.



Seit dem rechtskräftigen Freispruch versuchen Karlsruher Ermittler herauszufinden, ob der Polizist seine damalige Geliebte umbringen wollte, oder ob ein anderer Täter infrage kommt. Die Frau selbst ist seit der Tat ein Pflegefall und kann sich nicht mehr äußern. „Unsere Versuche, nach der wechselvollen Prozessgeschichte Licht ins Dunkel zu bringen, sind noch nicht abgeschlossen“, sagte Rainer Bogs von der Staatsanwaltschaft Karlsruhe. Ob Anklage erhoben wird, ist offen.

Wörz war 1998 wegen versuchten Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren verurteilt worden. Die Revision wurde abgewiesen, damit war das Urteil zunächst rechtskräftig. Die Wende brachte im Jahr 2001 ein Zivilprozess: Die mittlerweile von Wörz geschiedene Frau forderte - vertreten durch ihre Betreuer - Schadenersatz und Schmerzensgeld. Das Zivilgericht stellte schwerwiegende Mängel bei den Ermittlungen fest. Wörz erreichte eine Wiederaufnahme des Verfahrens. 2005 wurde Wörz ein erstes Mal freigesprochen, doch der BGH ordnete eine Neuauflage des Prozesses an. 2009 sprach ihn das Landgericht Mannheim erneut frei - erst Ende 2010 bestätigte der BGH den Freispruch endgültig.

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Kommentare (23)
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  •   fritzi
    (933 Beiträge)

    25.02.2012 21:10 Uhr
    seit Januar 2010 suspendiert bei Gehaltsfortzahlung
    das sind schon 26 Monate, kann die Staatsanwaltschaft auch mal etwas schneller arbeiten. Bei diesem Zeitraum von fast 2,5 Jahren kann man von einer zügigen Bearbeitung kaum noch sprechen.
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  • unbekannt
    (5089 Beiträge)

    19.01.2012 21:15 Uhr
    Die Unschuldsvermutung galt
    für Harry Wörz scheinbar nicht; hätte er sonst 4,5 Jahre sitzen müssen?
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  •   andi79
    (2864 Beiträge)

    19.01.2012 15:54 Uhr
    haftung
    denke auch dass hier eine viel größere Entschädigung gezahlt werden sollte... allerdings denke ich das muß im Einzelfall entschieden werden. Bei fahrlässigen, INSB: aber auch mutwilligen (gut, kann man nicht beweisen... dann aber grob fahrlässigen) Ermittlungsfehlern falls es welche gegeben hat sollten aber die entsprechenden Personen haftbar gemacht werden... dies gilt insb. wenn Kollegen den Beamten geschützt haben sollten....

    ABER die unschuldsvermutung gilt auch für Polizisten.. von daher ist es richtig dass er sein Gehalt vorläufig weiter bekommt... die öffentlichkeit ist hier nur gefordert den Fall im Auge zu behalten, und insb. zu überwachen ob die Staatsanwaltschaft ihre Arbeit richtig tut.... eingestellte verfahren bei Ermittlungen gegen Polizeibeamte wenn keiner mehr dran denkt sind ja bei leibe keine Seltenheit....
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  • unbekannt
    (11392 Beiträge)

    19.01.2012 15:46 Uhr
    Frechheit!
    http://www.youtube.com/watch?v=800qX2scLEA&list=PL1A17499EA53D3A98&index=23&feature=plpp_video

    Der Kerl sollte mindestens den vierfachen Betrag bekommen, ich wäre für den Gegenwert eines Einfamilienhauses/guter Eigentumswohnung in guter Lage.
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  •   citizentm
    (1339 Beiträge)

    19.01.2012 15:35 Uhr
    Polizei
    Wie immer auf dem eigenen Auge blind.
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    19.01.2012 14:35 Uhr
    faktisch sind ihm 13 Jahre seines Lebens versaut worden, die 8,5 Jahre um die eigentliche Haftstrafe drumrum waren bestimmt auch nur schwer zu ertragen.
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  • unbekannt
    (5582 Beiträge)

    19.01.2012 14:38 Uhr
    logo
    aber denke besser als im knast zu sitzen.
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    19.01.2012 14:59 Uhr
    ich wollte nur ausdrücken das es nicht ok ist von 4,5 versauten Jahren zu reden. Gerade was Verdienstausfall, etc. betrifft fing der bestimmt schon vor der Haftstrafe an. Von der psychischen Belastung mal ganz abgesehen.
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  • unbekannt
    (5582 Beiträge)

    19.01.2012 13:35 Uhr
    was
    wäre auf das geld geschissen, wenn er die 4,5 jahre wieder haben könnte! aber wahrscheinlich wird er mittlerweile froh sein, dass es "nur" 4einhalb jahre waren.
    mal gespannt was er am schluss bekommt!?
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  •   bobber
    (2119 Beiträge)

    19.01.2012 12:52 Uhr
    Nicht vergessen,
    Vollpension und freie Heilfürsorge. Möchte nich wissen, was die Zelle pro Tag kostet.
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