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Karlsruhe Grünen-Politikerin Kotting-Uhl: "Ich finde Windräder wunderschön"

Am Donnerstag, 16. Juli, beginnen die Karlsruher Atomtage. Bis zum 19. Juli geht es hier bei Vorträgen und Diskussionen um die Folgen des Atomausstiegs, die Endlagersuche und atomare Forschung. ka-news sprach im Vorfeld mit der Organisatorin und atompolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl, über die Knackpunkte des Atomausstiegs, radioaktiven Müll und warum Kohlekraftwerke keine Lösung sind.

Frau Kotting-Uhl, am 16. Juli starten die Karlsruher Atomtage mit mehreren Vorträgen und Diskussionen. Was ist das Ziel dieser Veranstaltungen?

Das Ziel ist es, ins Bewusstsein zu rufen, dass ein Atomausstieg, der sich bisher eigentlich nur in einem Abschaltplan für Atomkraftwerke darstellt, nicht alles ist, was uns vom Risiko der Atomkraft befreit. In der Gesellschaft macht sich das Gefühl breit, das Thema haben wir abgeräumt. Aber das ist nicht so! Der Atomausstieg selbst ist noch nicht in trockenen Tüchern und es muss noch einiges mehr getan werden.

Was sind die Knackpunkte?

Es geht unter anderem um die Frage, wie sicher sind die Atomkraftwerke, die bei uns noch laufen? Und es geht um die Sicherheit der grenznahen Atomkraftwerke - beispielsweise das AKW in Fessenheim. Die Sicherheitsstandards sind hier deutlich schlechter als in Deutschland. Außerdem gibt es offene Fragen bezüglich der atomaren Forschung am Institut für Transurane (ITU) und am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die bei Anwendung den Wiedereinstieg bedeuten würden. Und dann natürlich der Atommüll. Einerseits wollen wir die Zwischenlager sobald wie möglich räumen - das nächste befindet sich in Philippsburg. Anderseits müssen wir der Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll die notwendige Zeit geben. Es geht hierbei vor allem um die Sicherheit und die Beteiligung der Bürger.

Auch auf dem Campus Nord des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) lagern etwa 65.000 Fässer Atommüll. Davon sind mindestens 1.692 beschädigt, wie kürzlich herauskam.Wie groß ist Ihre Sorge?

Bei Atommüll kann man nie sorglos sein! Solange der Müll oberirdisch herumliegt, macht er Probleme. Ich hoffe aber, dass er uns deutlich weniger Sorgen macht, wenn er einmal in einer tiefen, geologischen Formation endgelagert ist. Aber auch dann werden wir nicht völlig sorgenfrei sein. Die Nutzung der Atomkraft hinterlässt der Menschheit Sorgen auf Dauer.

Wie realistisch ist es, dass es überhaupt mal ein Endlager gibt? Oder müssen wir uns doch eher mit Zwischenlagern auf Dauer einrichten?

Ich bin sehr gegen eine Zwischenlagerung auf Dauer. In den heutigen Zwischenlagern sowieso, denn die Castoren haben nur eine begrenzte Betriebsgenehmigung. Ich bin auch gegen das Konzept, lieber den Müll in Zwischenlagern zu überwachen und zu kontrollieren, um dann abzuwarten, ob späteren Generationen vielleicht etwas Besseres einfällt. Mein Gefühl der Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen sagt: belaste sie nicht damit! Wir dürfen uns nicht vor unserer Verantwortung drücken.

Sie kritisieren auch die atomare Forschung am KIT. Warum?

Man kann hier klare Grenzen ziehen. Es macht sicher keinen Sinn, wenn wir sagen, wir machen jetzt keine medizinischen Behandlungen mehr. Es wird in diesem Bereich weiter praktiziert und geforscht werden. Hier gibt es Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten, die derzeit einfach nicht ersetzbar sind. Aber Forschungen an neuen Reaktoren, neuen Formen der Erzeugung von Atomkraft oder an Brennstäben müssen aufhören. Zu einem vollständigen Atomausstieg gehört auch, die Forschungen an neuen atomaren Technologien zu beenden. Wir wollen ja nicht mehr einsteigen in die Atomkraft, daher brauchen wir auch keine neuen und besseren Reaktoren.

Aber sichere Atom-Reaktoren sind doch besser als unsichere.

Es gibt die Argumentation: "Wir sind zwar ausgestiegen, aber andere machen weiter. Jetzt müssen wir eben dafür sorgen, dass die Sicherheitsstandards bei den anderen möglichst hoch sind." Damit kann man das natürlich legitimieren, aber damit hält man die Atomkraft am Leben. Unser Bestreben muss es aber sein, zu einem europäischen und weltweiten Atomausstieg beizutragen und nicht zum Gegenteil!

Gegen den geplanten Abriss von Block I im Atomkraftwerk Philippsburg werden derzeit rund 2.800 Einwendungen erörtert. Die Bürger fürchten den schwach- bis mittelradiokativer Müll. Ist der AKW-Rückbau ein Risiko?

Über das dicke Ende der Atomkraft hat man sich lange keine Gedanken gemacht. Das kann man auch nicht vollständig, da es bisher keine Erfahrungswerte gibt. "Trial and Error" funktioniert bei diesem Thema aber nicht. Der Rückbau muss absolut abgesichert sein, jeder Griff muss sitzen - sonst drohen fatale Folgen. Außerdem müssen wir besorgten Bürgern eine bessere Form der Mitsprache und Kontrolle einräumen. Hier muss noch mehr passieren.

Tut die Große Koalition aus Ihrer Sicht genug für die Energiewende?

Überhaupt nicht. Ich sehe bei der bisherigen Politik nicht, wie man 2020 so weit sein will, dass man sagt, in den nächsten zwei Jahren können wir die letzten 8.000 Megawatt Atomstrom abschalten.

In Karlsruhe ist mit dem RDK8 kürzlich ein hochmodernes Kohlekraftwerk in Betrieb gegangen. Sieht so die Zukunft der Energieversorgung in Deutschlands aus?

Nein, natürlich nicht. Das ist jetzt ein neuer Kohlekraftwerkblock, der läuft bis in die 2060er Jahre. 2050 ist aber das Zieljahr des Klimaschutzes. Daher müssen wir bis dahin, wenn wir es ernst meinen, eine Energieversorgung mit Null CO2-Ausstoß haben. Diese Kohlekraftwerke werden zu diesem Zeitpunkt aber noch laufen und pro Kilowatt-Stunde 600 bis 700 Gramm CO2 ausstoßen. Das ist viel zu viel. Hier wird Klimaschutz missachtet. Klimaschutz heißt nicht, Kohlekraftwerke zu bauen, die zwar rund 40 Prozent weniger CO2 ausstoßen als die alten Kraftwerke, dafür aber 30 Jahre länger laufen.

Was ist aus Ihrer Sicht die sinnvollste Art der Energieversorgung in Zukunft?

Erneuerbare Energie als Paket. Sonne ist unerschöpflich und Photovoltaik stört die Menschen am wenigsten. Wind ist heute schon spottbillig und in Kombination mit Biomasse bei Windflaute eine schon fast optimale Stromversorgung. Energieerzeugung ganz ohne Eingriff in die Landschaft und Umwelt wird es dennoch nie geben.

Viele sagen: "Windkraft ist okay, aber bitte nicht vor meiner Haustür." Auch in Malsch haben sich Windkraftgegner aus der Region in einer Initiative zusammengeschlossen.

Es gibt Möglichkeiten mit der Windkraft so umzugehen, dass man die Bürger zumindest zum Teil dafür gewinnen kann. Die Bürger müssen etwa davon haben. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass der Bürger nur Nachteile hat. Denn dann wird er sich dagegen stellen. Ich persönlich finde Windräder wunderschön, aber das sehen eben nicht alle so. Empfinden Bürger Windräder nur als etwas, dass man ihnen ins Blickfeld stellen möchte, muss man mit ihnen ins Gespräch kommen und die Vorteile herausarbeiten. Gemeinden können durch Windräder auch profitieren, da sie damit gutes Geld verdienen können. Solange es Bürger gibt, die den Strom aus Windenergie nicht als Gewinn betrachten, der er ja ist, da dadurch weder das Klima zerstört wird noch Atommüll entsteht, müssen wir schauen, dass es eine andere Form des Gewinns gibt. Wir müssen hier Win-Win-Situationen schaffen.

Was sollen die Besucher der Karlsruher Atomtage mitnehmen?

Dass das Problem der Atomkraft noch nicht gelöst ist. Noch haben wir die Atomkraft und die damit verbundenen Problem. Der vollständige Atomausstieg wird ohne eine erfolgreiche Energiewende nicht zu haben sein. Es gibt noch viel zu tun, und das können wir auch!

Das Gespräch führte Moritz Damm

Vorträge, Diskussionen und Lesungen: Das ausführliche Programm der Karlsruher Atomtage vom 16. bis 19 Juli im Ziegler-Saal des Restaurant "Akropolis" (Baumeisterstr. 18, 76137 Karlsruhe) finden Sie hier!
 
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  •   Propagandahilfskraft
    (1297 Beiträge)

    16.07.2015 02:16 Uhr
    Und ich finde ...
    ... die Explosionen von Atombomben auch wunderschön anzusehen. Aber das ist trotzdem kein Argument für weitere Atomwaffen und deren Benutzung. Das Argument, dass Windreder schön gefunden werden können, ist kein Argument für Windräder. Warum muss ich bei solchen Argumenten an die wirren Zitate von Claudia Roth denken? Und warum denke ich jetzt gerade an verpflichtende Drogentests vor Interviews?
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  •   Menschenverstand
    (590 Beiträge)

    16.07.2015 00:43 Uhr
    Die meisten hier
    haben ganz offensichtlich zu lange in der Nähe eines Atomkraftwerks gewohnt und dadurch jede Fähigkeit zu logischem Denken verloren...
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  • unbekannt
    (576 Beiträge)

    16.07.2015 08:02 Uhr
    Atomkraftgegner
    bei denen gilt Angst frist Hirn!

    Gaia (Öko) ist die neue Religion und die kommen ohne Angst- und Schuldgefühle nicht aus!
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  •   malerdoerfler
    (5898 Beiträge)

    15.07.2015 22:20 Uhr
    Interviews geben kann die Gute, ......
    ......aber auf mails antworten - das scheint ihr unmöglich zu sein.
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  • unbekannt
    (576 Beiträge)

    15.07.2015 19:45 Uhr
    Windräder
    sind genau so schön wie diese Frau mit dem Doppelnamen!
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  •   Kanzler
    (180 Beiträge)

    16.07.2015 16:57 Uhr
    Schönheit braucht Pflege
    ja und die Schrauben an Windrädern werden öfters nachgezogen als die bei manch anderen passiert grinsen
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  •   Graf_von_Felsenstein
    (186 Beiträge)

    15.07.2015 19:40 Uhr
    Windräder
    Windräder mögen ja ein ästhetisches Stück Technik sein. In der Natur stören sie mich allerdings ob ihrer schieren Größe.

    agvf
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  •   soisches
    (532 Beiträge)

    15.07.2015 19:35 Uhr
    ...
    So Frau Kotting-Uhl:, ich finde Windräder Pott-Hässlich was machen wir jetzt? Schon bemerkt, es geht nicht immer nur um euch Tagträumer
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  •   neo
    (135 Beiträge)

    15.07.2015 18:57 Uhr
    Manche
    finden auch ein Stück Kacke schön
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  •   Paddelpfote
    (243 Beiträge)

    15.07.2015 17:44 Uhr
    Woran die Windkraft scheitern wird.
    Es lohnt sich anzuschauen, dieses Video Physik, Statistik, Wirtschaftlichkeit

    Viele Ideologen werden es aber nicht verstehen, weil Mathematik vorkommt.
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